Der Gesang der Toten von Stephen King

Buchvorstellungund Rezension

Der Gesang der Toten von Stephen King

Originalausgabe erschienen 1985unter dem Titel „Skeleton Crew [Teil 2]“,deutsche Ausgabe erstmals 1986, 288 Seiten.ISBN 3-548-26329-1.Übersetzung ins Deutsche von Martin Bliesse, Alexandra von Reinhardt, Rolf Jurkeit.

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In Kürze:

So unterschiedlich die Geschichten in diesem Band auf den ersten Blick erscheinen – sie alle demonstrieren, wie Stephen King es schafft, mit verborgenen menschlichen Ängsten zu spielen. Ob ein Hochzeitsempfang, ein Studentenwohnheim am letzten Tag vor den Ferien oder ein Ausflug zum Floß in der Mitte eines Badesees: Harmlose, alltägliche Situationen bilden den Auftakt zu Visionen des Schreckens in diesen Meisterwerken der Erzählkunst, die beweisen, daß Kings Kurzgeschichten ebenbürtig neben seinen großen Romanerfolgen stehen.

Inhalt:

  • Mrs. Todds Abkürzung
    Mrs. Todd’s Shortcut
  • Der Hochzeitsempfang
    The Wedding Gig
  • Travel
    The Jaunt
  • Kains Aufbegehren
    Cain Rose Up
  • Das Floß
    The Raft
  • Der Gesang der Toten
    The Reach/Do The Dead Sing?
  • Der Sensenmann
    The Reaper’s Image
  • Nona
    Nona
  • Onkel Ottos Lastwagen
    Uncle Otto’s Truck

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die Liebe, der Wahnsinn & der Tod: 8 weitere Lektionen“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

 – Mrs. Todds Abkürzung („Mrs. Todd’s Shortcut“, 1984): Ihr Hobby ist es, nach der kürzesten Strecke zu suchen; dass manche Abkürzung buchstäblich nicht von dieser Welt und lebensgefährlich ist, nimmt Mrs. Todd dabei in Kauf.

 – Der Hochzeitsempfang („The Wedding Gig“, 1980): Der hässliche Streit zweier Gangster lässt eine ohnehin groteske Hochzeit im Chicago des Jahres 1927 in einer Katastrophe enden.

 – Travel/Der Jaunt („The Jaunt“, 1981): Zwar kann der Mensch durch Raum & Zeit reisen, aber es gilt dabei gewisse Regeln zu beachten, was in dieser Geschichte mit üblen Folgen ignoriert wird.

 – Kains Aufbegehren („Cain Rose Up“, 1986): Eines allzu heißen Sommertages hat der junge Student die Nase voll von der Welt – und ein Gewehr im Schrank.

 – Das Floß („The Raft“, 1982): Pubertäre Wallungen verfliegen abrupt, als vier junge Schwimmer feststellen, dass sie ihren Badesee mit einer seltsamen und sehr hungrigen Kreatur teilen.

 – Der Gesang der Toten/Die Meerenge („The Reach“/„Do the Dead Sing?“, 1981): Als die alte Stella ihren toten Gatten zu sehen beginnt, bricht sie eines eisigen Wintertages zu ihrer letzten Reise auf.

 – Der Sensenmann/Das Bildnis des Sensenmanns („The Reaper’s Image“, 1969): Der alte Spiegel ist verhext, doch was seine neugierigen Betrachter trifft, haust nicht in seinem Inneren.

 – Nona („Nona“, 1978): Seelennot und Hirnstörungen des jungen Mannes setzen ein hübsches aber mörderisches Geschöpf in die Welt.

 – Onkel Ottos Lastwagen („Uncle Otto’s Truck“, 1983): Ein Mord ist nicht wirklich perfekt, wenn dem Opfer die Zeit bleibt, seinen Mörder mit einem Fluch zu belegen.

Liebe & andere Katastrophen

„Liebst du?“, werden die Protagonisten in den Geschichten „Der Gesang der Toten“ und „Nona“ gefragt. Die Antwort lautet „Ja“, aber Liebe ist ein gefährliches Gefühl, das nicht nur an ungewöhnlichen Orten existieren, sondern auch zerstören kann. Selbst wenn der Grundton versöhnlich ist, bleibt die Liebe riskant: In „Die Abkürzung“ benötigt sie Jahre des ängstlichen Abwartens, während das Objekt der Begierde durch exotisch gefährliche Regionen des Raum-Zeit-Kontinuums reist.

Die alte Stella wird von freundlichen Geistern weniger heimgesucht als begrüßt. Dennoch lässt sie Stephen King nicht friedlich im Bett sterben. Stella ist nicht nur eine Greisin an der Schwelle des Todes, sondern ein Element ihrer Heimat: Liebe beschränkt sich nicht auf Personen. Sie kann auch einem Ort wie der nur scheinbar kargen Insel gelten, die Stella Zeit ihres Lebens keineswegs grundlos nie verlassen hat.

Was den meisten Autoren zur sentimentalen Beschwörung von ewiger Liebe über den Tod hinaus geronnen wäre, kommt bei King angenehm schmalzarm und über weite Strecken beinahe dokumentarisch daher. Sein Erfolg bei einem breiten Publikum resultiert zu einem Gutteil aus seinem Talent, Emotionen nicht auszuwalzen, bis sie zur eigenen Parodie ausdünnen, sondern sie nachvollziehbar auszudrücken und es damit gut sein zu lassen.

Der Horror der realen Welt

In die dunklen Ecken des Menschenhirns, das auf reale Gespenster nicht angewiesen ist, weil es Nachtmahre und Phantome ausbrütet, mit denen diese kaum mithalten könnten, führt uns „Nona“. In „Kains Aufbegehren“ geht es nicht um (enttäuschte) Liebe, doch der Protagonist verdeutlicht Kings Konzept vom Wahn, der ohne Schaum vor dem Mund, sondern furchtbar banal bzw. alltäglich daherkommt. Niemand ahnt, wie es im Kopf des jungen Studenten aussieht, weshalb er seinen Amoklauf problemlos vorbereiten und durchführen kann.

„Nona“ ist ein ´personifiziertes´ Hirngespinst. Der Geist eines auf seine Weise ebenfalls gescheiterten und frustrierten Mann zerfällt in zwei scheinbar unabhängig voneinander funktionierte Wesenheiten. Tatsächlich ist Nona die Projektion einer unterdrückten Wut, die auf diese Weise die anerzogenen Barrieren überwinden und sich Bahn brechen kann.

Einen Schritt weiter geht King in „Onkel Ottos Lastwagen“. Plagt wirklich der Geist eines ermordeten Freundes den alten Otto, oder ist es das schlechte Gewissen, das ihn an den Tatort bannt, wo er die Rache, die das Gesetz nicht bringen kann, so sehr erwartet, dass er sie schließlich Gestalt annehmen lässt? Diese Frage bleibt offen; der Leser muss oder kann sie sich nach Belieben beantworten.

Die Welt ist ein seltsamer Ort

Andere Storys legt King weniger mehrschichtig an, sondern stellt – allerdings mit dem für ihn typischen Geschick, das in diesen frühen Geschichten besonders ausgeprägt ist – ´realen´ Horror in den Vordergrund. Unter seiner Feder wirkt dieser beängstigend, zumal es immer völlig alltägliche Menschen sind, denen er begegnet: King ist ein Meister in der Darstellung solcher Zeitgenossen, was selbst früher und vielfach von anderen Autoren beschworene Schreckensszenarien vergessen lässt.

Großartig in ihrer sowohl unmittelbaren als auch nachklingenden Wirkung sind Storys wie „Das Floß“ oder „Onkel Ottos Lastwagen“. Was Furcht ausmacht, stellt King in einfachen oder besser: klaren Worten dar. Das Grauen kann sehr handfest sein, so lautet die daraus zu ziehende Lehre, was uns zum „psychologischen“ Horror zurückführt.

Überraschungen sind dabei nicht nur möglich, sondern an der Tagesordnung. „Der Sensenmann“ mag in einem Spiegel hausen, aber seine Opfer finden ihr Ende in der realen Welt. Wie dies ablaufen könnte, verschweigt uns King. Er muss es auch nicht erläutern und darf es sogar nicht, weil seine Geschichte so sehr viel stärker wirkt. Deshalb bleibt auch „Mrs. Todds Abkürzung“ ein Geheimnis.

Nicht alles kann perfekt sein

Zwei Storys dieser (Teil-) Sammlung fallen aus dem Rahmen. „Der Hochzeitsempfang“ zeigt den Geschichtenerzähler Stephen King, der auf den Faktor Phantastik keineswegs angewiesen ist. Als Bestseller-Autor, der sich oder seinen Kritikern längst nichts mehr beweisen muss, ist King mutiger geworden und legt seinen Lesern ohne Scheu Erzählungen vor, die den alten Spruch belegen, dass zuerst und vor allem der Mensch des Menschen Wolf ist.

Die an sich witzige Geschichte von der dicken Braut des Gangsterbosses, der ebenso gefährlich wie leicht reizbar ist, wird zur Tragödie mit groteskem Epilog. Schon vorher trübt King die Atmosphäre einer Geschichte aus der „guten, alten Zeit“ ein, indem er quasi nebenbei auf zeitgenössische Hässlichkeiten in Gestalt eines ausgeprägten und aufgrund seiner Selbstverständlichkeit noch erschreckenderen Rassismus hinweist.

„Travel“ ist weniger eine Kurzgeschichte als eine Novelle. Sie ist nur bedingt gelungen, was auf eine unglückliche Zweiteilung der Handlung zurückgeht, deren Stränge nicht wirklich zueinander finden. Das in der Zukunft spielende Geschehen wird durch einen gegen Ende des 20. Jahrhunderts spielenden Rückblick ergänzt, der die Erfindung des Materietransmitters – denn genau dies ist die Jaunt-Maschine – nacherzählt. Originell ist das nicht und heute deutlich angestaubt; eine Story, die so in den SF-Magazinen der 1950er und 60er Jahre erschienen sein könnte. Nur Kings Stil lädt zum Weiterlesen ein.

Der zweite Handlungsstrang leidet unter einem Ende, das sich viel zu früh ankündigt und anschließend zu lange auf sich warten lässt. Selbstverständlich wird sich wiederholen, was in der Vergangenheit schiefging und vertuscht wurde. Immerhin trifft es eine überaus unsympathische Figur, die ihr Schicksal freiwillig herausgefordert hat. King erspart uns hämisches Frohlocken, denn „Travel“ ist in diesem Teil der Handlung ironisch angelegt: Die Familie auf dem Weg ist eine Parodie auf die US-Bilderbuch-Familie, wie sie über Jahrzehnte vor allem im Fernsehen propagiert wurde. Bei King ist der Vater ein eingebildeter Besserwisser, die Mutter eine dumme Gans, und die Kinder sind disziplinarme Nervensägen.

Aus eins mach drei

In einer Bibliografie der originalen Stephen-King-Werke wird man den Titel „Der Gesang der Toten“ vergeblich suchen: In Deutschland wurde die voluminöse Story-Sammlung „Skeleton Crew“ nicht in toto veröffentlicht, sondern in drei Taschenbuch-Bände aufgeteilt. Auf diese Weise konnte man mehr Geld aus dem Titel schlagen. Außerdem mag die Furcht mitgespielt haben, der deutsche Leser könnte vor dem Erwerb eines allzu seitenstarken Buches zurückschrecken, das ´nur´ Storys bot.

In den 1990er Jahren war Stephen King auch in Deutschland nicht nur ein erfolgreicher Autor, sondern eine eingeführte Marke. Unter seinem Namen ließen sich vermutlich auch Gedichte vermarkten. 1996 wurden die immer wieder aufgelegten und gründlich ausgewerteten Story-Bände deshalb auch hierzulande endlich zusammengelegt.

Die in Deutschland ursprünglich dreigeteilte Sammlung erschien 1996 als Sammelband unter dem Titel „Blut“ im Wilhelm Heyne Verlag; diverse Übersetzungen wurden von Joachim Körber überarbeitet oder neu angefertigt. Später kehrte man zur Dreiteilung zurück, die bis heute beibehalten wird.

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