Ein Gesicht in der Menge von Stephen King

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2012unter dem Titel „A face in the crowd“,deutsche Ausgabe erstmals 2013, 64 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Thomas Gunkel.

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In Kürze:

Gesichter. Nach dem Tod seiner Frau ist Dean Evers nach Florida gezogen. Gut geht es ihm nicht, er nimmt Tabletten und trinkt zu viel. Eines Abends, als er mal wieder einsam Baseball schaut, sieht er im Publikum seinen alten Zahnarzt. Der Mann ist seit Jahren tot. Eine Halluzination? Dean gießt sich vorsichtshalber nach. Weitere Bekannte tauchen auf dem Bildschirm auf: alles Menschen, denen Dean irgendwann im Leben übel mitgespielt hat. Auch seine tote Frau ist dabei, die ihm gleich noch per Handy erklärt, was für eine Hölle ihre Ehe war. Und dann sieht Dean das Gesicht, das er am wenigsten sehen möchte und das ihn zu einem verzweifelten Schritt treibt.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der King kreißt & gebiert ein Büchlein“50

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Da er mit seiner Firma erfolgreich war, kann sich Dean Evers im Alter komfortabel im US-Sonnenstaat Florida einrichten. Den Ruhestand wollte er eigentlich gemeinsam mit Gattin Ellie verbringen, doch diese erlag überraschend einem Schlaganfall. Nun ist Evers allein und einsam. Der Sohn ist ihm entfremdet, die meisten Freunde sind tot. Deshalb trinkt Evers viel und schaut fern, wobei er gern die Spiele der hiesigen Baseball-Mannschaft „Devil Rays“ verfolgt.

Im Stadion ist nie besonders viel los, weshalb Evers eines Abends einen der Zuschauer erkennt, als die Kamera müßig  ins Publikum schwenkt: Dr. Young war vor vielen Jahren sein Zahnarzt. Evers hatte ihn längst vergessen und eigentlich für tot gehalten. Auf seinen ehemaligen Geschäftspartner Leonard Wheeler trifft dies ganz sicher zu, denn Evers hat an der Beerdigung teilgenommen. Trotzdem sitzt auch Wheeler im Stadion.

So geht es in den nächsten Tagen weiter mit einer Galerie längst verstorbener Freunde und Bekannter. Sie alle eint, dass Evers sie zu Lebzeiten schlecht behandelt oder betrogen hat. Schließlich entdeckt er auch Ellie, die ihn sogar über das Handy anruft und ihm heftige Vorwürfe macht.

Evers tritt die Flucht nach vorn an. Als das nächste bekannte Gesicht in der Menge erscheint, macht er sich auf den Weg zum Stadion. Das Spiel läuft noch, als er dort mit dem festen Willen eintrifft, das Phantom persönlich dingfest zu machen …

Kassensturz der Seele

Wie man sich denken kann, ist dies keine gute Idee. Darum geht es ohnehin nicht, denn zu diesem Zeitpunkt hat Dean Evers unterbewusst längst erkannt sowie akzeptiert, dass er gerade dabei ist, die Zeche für ein Leben zu bezahlen, das er zum großen Teil auf Kosten anderer geführt hat.

Solche Geschichten von Erkenntnis und Reue zwischen Leben und Tod gibt es viele. Diese gehört zu den elegischen ihrer Art: Obwohl auch eine übel zugerichtete Wasserleiche Evers aus dem Fernseher zuwinkt, bleibt das Grauen außen vor. Falls der Story überhaupt ein echter Schrecken innewohnt, so liegt er in der Unausweichlichkeit einer Entwicklung, die der Leser früher erkennt als Pechvogel Evers. Das erstaunt kaum, denn wer so ausgiebig US-fernsieht wie Titelfigur Evers, müsste vertraut sein mit der Holzhammer-Moral, die hier durchexerziert wird. Der Nicht-Nordamerikaner schaudert möglicherweise stärker ob eines Fegefeuers, das sich als ewiges Baseball-Spiel präsentiert: Kann eine Strafe schlimmer sein?

Da ist es hilfreich, dass einem dieser Dean Evers herzlich gleichgültig ist. Offenbar verdient er, was ihm geschieht. Begriffsstutzig ist er ebenfalls, denn gleich mehrfach müssen ihm Gesichter in der Menge erscheinen, bis er wenigstens zu ahnen beginnt, was gerade vorgeht. Solche Schicksale hat Autor King schon oft geschildert, und das außerdem besser. „Ein Gesicht in der Menge“ wird nicht in den Kanon seiner guten Geschichten eingehen. Herausreden könnte er sich höchstens mit dem Verweis auf den Mitverfasser: Hat Stewart O’Nan ausgeführt, was King als flüchtige Idee durch das Hirn schoss?

Das Papierbuch: ein Auslaufmodell?

Die Handlung ist simpel, und man fragt sich, wieso es zweier kapitaler Schriftsteller bedurfte, um sie zu Papier zu bringen. Die Antwort ist simpel: Das Gesicht in der Menge war ursprünglich ein Gimmick, mit dessen Unterstützung der eBook-Markt gepusht werden sollte. Stephen King und Stewart O’Nan haben bekannte Namen, weshalb es doppelte Aufmerksamkeit erregt, wenn sie als Duo auftreten. In den USA dürfte zusätzlich hilfreich sein, dass beide bereits 2004 ein Sachbuch zum Thema Baseball („Faithful“) veröffentlicht haben.

Das Gesicht in der Menge ist eine Kurzgeschichte, die als eBook veröffentlicht wurde. Dies konnte der Leser für eine recht bescheidene Summe erwerben – und mehr war die Story auch nicht wert. Der auf Papier beharrende Leser musste sich nicht grämen: Stephen King würde Das Gesicht in der Menge garantiert in seine nächste Story-Kollektion aufnehmen.

Aber jetzt war ein Titel präsent und kursierte im kopfstark besiedelten Universum der King-Leserschaft. So etwas lässt findige Geschäftemacher niemals ruhen. In diesem Fall wurde einfach ein Buch zum Titel produziert. Die „Begründung“ lautet selbstverständlich, dass auch der altmodisch mit Papier raschelnde Bücherfreund mit dem „neuen King“ versorgt werden soll.

Aus der Tube gedrückt

Das Ergebnis ist in der deutschen Übersetzung ein „Buch“ mit 64 großzügig bedruckten Seiten, von denen trotzdem einige leer bleiben. 8 Euro sind für dieses kümmerliche Bändchen zu entrichten, das durch einen festen Pappeinband künstlich zum „richtigen“ Buch aufgeblasen werden soll. Nicht der Preis allein ist der Auslöser, der des Lesers Blutdruck in die Höhe treibt: Die Herstellung eines Buches fordert für Papier, Einband, Satz und Druck seinen Preis. Für die genannte Summe bekommt man nichtsdestotrotz normalerweise Lesestoff, dessen Seitenzahl dreistellig ist.

Literatur sollte nicht nach Umfang oder Buchgewicht bewertet werden, mahnt der Kritiker. Dem ist auch in der Unterhaltungsliteratur zuzustimmen, wenn das Werk nur wenige Leser finden und deshalb in kleiner Auflagenzahl produziert wird: Es ist dann für eine kleine Schar von Interessenten immerhin greifbar. Auf Das Gesicht in der Menge dürfte diese Begründung kaum zutreffen: Die Geschichte bietet Allerwelt-Unterhaltung, und die Auflage ist beträchtlich.

Einen „Sinn“ erfüllt die deutsche Ausgabe höchstens als Verlegenheitsgeschenk, das der Arbeitskollege – von dem man dunkel weiß, dass er gern liest – zwischen den Stängeln des Blumenstraußes findet, den man ihm zum Geburtstag verehrt. Er mag sich freuen. Toben wird dagegen der deutsche eBook-Käufer, denn ihm knöpft der Verlag ohne Scham ebenfalls 8 Euro ab! Damit genug der Klagen, sonst könnte dieser Text länger als das besprochene „Buch“ werden …

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