Revival von Stephen King

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2014unter dem Titel „Revival“,deutsche Ausgabe erstmals 2015, 511 Seiten.ISBN 3-453-26963-2.Übersetzung ins Deutsche von Bernhard Kleinschmidt.

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In Kürze:

Revival erzählt die Geschichte des Jungen Jamie und des Predigers Charles Jacobs, deren Wege sich von den Sechzigern bis heute auf unglückselige Weise immer wieder kreuzen. Sie steuert auf ein beängstigendes, auswegloses Ende zu, wie es selbst Stephen King bislang nicht zu Papier gebracht hat, und ist gleichzeitig Abrechnung mit dem Religionsfanatismus in unserem hoch technisierten Zeitalter und Verbeugung vor den Größen des klassischen Horrors.

Der kleine Jamie spielt vor dem Haus mit seinen Plastiksoldaten, da schiebt sich ein dunkler Schatten über ihn, ein Schatten, den er sein Leben lang nicht loswerden wird. Er blickt auf und sieht Charles Jacobs über sich, den jungen Methodistenprediger, der in der neuenglischen Gemeinde gerade sein Amt antritt. Im Nu gewinnt der charismatische Jacobs die Herzen der gottesfürchtigen Einwohner. Den Kindern haben es vor allem die elektrischen Spielereien angetan, mit denen er Bibelgeschichten veranschaulicht. Das alles endet, als ihn ein entsetzlicher Unfall vom Glauben abfallen lässt und er eine letzte Predigt hält, die in einer rasenden Gottverfluchung gipfelt. Von der Gemeinde verstoßen, tingelt er fortan über die Jahrmärkte, wo er elektrische Experimente vorführt, die zunehmend spektakulärer werden. Und immer schrecklichere Folgen nach sich ziehen. Über die Jahre trifft Jamie, inzwischen drogenabhängiger Musiker, wiederholt auf Jacobs, der ihn jedes Mal tiefer in seine dämonische Welt zieht. Als Jamie sich dessen klar wird, gibt es kein Zurück mehr. Das finale Experiment steht bevor.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Frankenstein lernt nicht dazu“90

Horror-Rezension von Michael Drewniok

1962 treffen sich der sechsjährige Jamie Morton und Reverend Charles Jacobs das erste Mal. Jacobs wird Pfarrer in Harlow, einer Kleinstadt im US-Staat Maine. Die Gemeinde nimmt ihn, seine Gattin und den kleinen Sohn freundlich auf und toleriert Jacobs’ Hobby: Der Reverend ist fasziniert von der Elektrizität und hat sich eine kleine Werkstatt eingerichtet, in der er forscht und bastelt.

Die ländliche Idylle zerbricht, als Ehefrau und Kind grausam umkommen. Jacobs entsagt öffentlich seinem Glauben. Er wird entlassen und verlässt die Stadt. Zuvor hat er Jamies Bruder mit einem selbst entwickelten Gerät die Stimme zurückgegeben, die dieser nach einem Unfall verloren hatte.

Drei Jahrzehnte später laufen Jamie und Jacobs sich wieder über den Weg. Jamie ist von einem gut beschäftigten Musiker zu einem todgeweihten Fixer heruntergekommen, Jacobs führt elektrische Tricks auf einem Jahrmarkt vor. Mit einer Weiterentwicklung seines Gerätes heilt er Jamie von der Drogensucht und rettet diesem das Leben.

In den nächsten Jahren verfolgt Jamie die Aktivitäten seines Freundes aus der Ferne. Jacobs betätigt sich nun als Wunderheiler und beeindruckt durch entsprechende Erfolge. Jamie stellt allerdings gewisse Nebenwirkungen der „Behandlung“ fest. Ihn plagen schreckliche Visionen von einer parallelen, fremden, schrecklichen Welt, deren bösartige Bewohner hinter der Pforte lauern, die Jacobs mit seinen Versuchen zu öffnen droht. Die meisten der scheinbar Glücklichen, die von ihren Leiden geheilt wurden, nehmen ein grausiges Ende. Als die Liste immer länger wird, wendet sich Jamie 2011 erneut an Jacobs. Dieser hat sich zurückgezogen, um an seinem finalen und größten Experiment zu arbeiten. Jacobs will mit Hilfe der „geheimen Elektrizität“ die letzte Grenze durchbrechen, was Jamie – der nicht nur ahnt, was damit gemeint ist – unbedingt verhindern will …

Altmeister im frischen Aufwind

In den letzten Jahren konnte oder musste der regelmäßige Stephen-King-Leser einige Turbulenzen überstehen. Energischer als sonst wehrte sich der Schriftsteller gegen das ihm ohnehin primär von verkaufswütigen Verlagen aufgezwungene Prädikat des „Horror-Königs“ und schrieb scheinbar gegen dieses Image an. Sogar ein Krimi mit Thriller-Elementen (Mr. Mercedes) entstand und belegte, dass King vor allem eines ist: ein begnadeter Geschichtenerzähler, wobei seine Geschichten in der Regel problemlos ohne Geister und Monster auskommen und trotzdem spannend sind.

Natürlich hat King den (alltäglichen) Horror nicht aufgegeben. Gerade auf „seinem“ Feld schwächelte er allerdings; 2013 enttäuschte er mit dem schwächlichen Dr. Sleep, der als „Fortsetzung“ des genialen Shining gleich doppelt scheiterte. Auch Joyland, ein unentschlossenes Schlingern zwischen „Coming-of-Age“- und Gespenstergeschichte, war höchstens eine Fingerübung. Man begann sich zu fragen, ob der ‚späte’ King das Grauen noch heraufbeschwören könnte. Revival gibt die Antwort: Er kann es!

Allerdings geht King heute anders vor als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren; glücklicherweise, muss man sagen, denn auch die Horror-Welt hat sich weitergedreht. Stephen King zehrt heute stark vom Ruhm vergangener Zeiten, als er das Genre nicht nur dominierte, sondern auch prägte. Inzwischen haben andere, oft jüngere Autoren zu ihm aufgeschlossen oder ihn hinter sich gelassen. Zwischen ihnen kann sich King freilich immer noch behaupten, wie „Revival„ belegt.

Gott unter Strom

Dabei scheint King gegen elementare Regeln zu verstoßen: Erst im großen Finale bricht sich blanker, unverstellter Horror seine Bahn in eine Handlung, die bisher den Schrecken nur andeutete. Darüber hinaus ist Revival die (fiktive) Lebensgeschichte des Durchschnittsamerikaners Jamie Morton, der in gewisser Weise ein Alter Ego des Verfassers darstellt; in Kings Romanen des 21. Jahrhunderts fehlt selten eine Figur, die nicht an Alkohol- oder Drogensucht erkrankt und mit den Folgen zu kämpfen hat – ein realer Horror, den King nach einem beinahe tödlichen Unfall erfahren musste und der ihn sehr offensichtlich weiterhin stark beschäftigt.

Revival ist auch ein sarkastischer Blick auf jene quasi spektakuläre oder besser: hysterische “Frömmigkeit„, die im “bible belt„ der USA weiterhin vorherrscht. Lautstarke Prediger treten dort vor Gläubige, die den christlichen Glauben primär als Prüfung oder gar Strafe zu bevorzugen scheinen. Sie wollen die Bibel wortgetreu ausgelegt wissen und sind gern bereit, einem Prediger, der ihnen nach dem Mund redet, mit Gefolgschaft und Geldspenden zu dienen. King hat die Auswüchse eines solchen reaktionären, fanatischen, intoleranten Kirmes-Glaubens – richtig erfolgreiche Seelenfänger verfügen heute über eigene TV-Sendungen oder gar Sender – seit jeher angeprangert.

Bei genauer Betrachtung lässt sich King einfach Zeit. Vielleicht ist dies aus der Mode gekommen. Auch der Horror darf oder muss heute multimedial seine Konsumenten förmlich überrennen, statt sich allmählich aufzubauen. King hat es nicht nötig, diesem Trend hinterher zu hecheln. Er lässt den Schrecken ganz allmählich wachsen. Zuvor stellt er uns diejenigen Figuren, die ihn verursachen, vor allem aber jene, die unter ihm leiden, ausführlich vor. Jamie Morton mag kein sympathischer Zeitgenosse sein, doch wir nehmen Anteil an seinem Schicksal. Auch Reverend Jacobs ist kein eindimensionaler Bösewicht. King erläutert schlüssig, wieso er sich zu einem modernen Frankenstein entwickelt. Wir können ihn verstehen. Mit der ihm üblichen Kunstfertigkeit zwingt King uns, seine Leser, zu einer Entscheidung: Ist Jacobs überhaupt “böse", oder gehört er wie Jamie oder die lange Liste angeblich wundersam geheilter Leidender zu denen, die Opfer eines Universums sind, das den Menschengeist schlicht überfordert?

Die erschreckend fremde Welt, in der wir leben

Bevor King zu erzählen beginnt, zählt er jene Autoren auf, denen er Revival widmet. Einige dienen seit jeher seiner Inspiration, doch andere lassen sich explizit als Quellen dieses Romans nennen:

Mary Wollstonecraft Shelley (1797-1851) ist nicht nur aber vor allem als Autorin des Grusel-Klassikers Frankenstein (1818) in die (phantastische) Literaturgeschichte eingegangen. Ihr (sowie den 1931 und 1934 entstandenen Filmen „Frankenstein“ und „Bride of Frankenstein“) verdanken wir die Figur des nicht nur wissensdurstigen, sondern besessenen Naturwissenschaftlers, der sich von Gott abwendet, die von diesem mit Bedacht gesetzten Grenzen ignoriert und durch seine Forschungen das Böse weckt. Ebenso prägend wurde der spektakuläre Einsatz von Elektrizität, die aus Blitzschlägen gewonnen wird: Die unbändige Kraft, die Mensch und Tier erschlägt und Häuser in Flammen setzt, kann nicht wirklich zielgerichtet eingesetzt werden, sondern sorgt für unheimliche Nebenwirkungen.

King verschmilzt diese Kraft, die buchstäblich Tote zu einem – freilich gefährlichen – ‚Leben’ erwecken kann, mit einer Kosmologie, die Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) nicht erfand aber zu einem „logischen“, dabei erschreckenden Weltbild entwickelte. Die Schöpfung des Alls ließ demnach nicht nur Sonnen und Planeten, sondern auch wirkmächtige Geistwesen entstehen, für die den Kosmos ihr ureigenes Spiel- oder Schlachtfeld darstellt. Diese „Großen Alten“ und ihre ebenso bösartigen Abkömmlinge betrachten die Erde und ihre Bewohner als Diener oder Opfer – falls sie die Menschen überhaupt zur Kenntnis nehmen, die ihnen herzlich gleichgültig sind.

Robert Bloch (1917-1994) gehörte zum „Lovecraft-Zirkel“. Seine Mitglieder griffen Lovecrafts Konzept auf und ergänzten es durch eigene Werke. Bloch erfand 1935 das ebenso mächtige wie gefährliche Zauberbuch „De Vermis Mysteriis“ und seinen Verfasser, den Alchimisten und Magier Ludwig Prinn, den sein Wissen um die wahre Natur des Kosmos’ teuer zu stehen kam.

Bittere & schreckliche Wahrheiten

Revival ist dem Titel („Wiedergeburt“) zum Trotz eine Geschichte mit denkbar hoffnungslosem Finale. Zwar überlebt die Hauptfigur nicht nur die üblichen Schicksalsschläge, die das Leben für uns Menschen bereithält, sondern auch eine beinahe tödliche Drogensucht sowie jenes Finale, in dem Ex-Reverend Jacobs die ultimative Grenze überschreitet und herausfindet, dass es tatsächlich ein Leben nach dem Tod gibt. Diese Entdeckung ist jedoch die Quelle blanken, hoffnungslosen Horrors, weil sie jeglichem Trost, den die Religionen dieser Welt für die Zeit jenseits des Lebens versprechen, eine schroffe Abfuhr erteilt.

Damit erklärt sich, wieso King dem diesseitigen Leben so viel Raum gibt: Es ist trotz vieler Fährnisse der denkbar erfreulichste Teil einer Existenz, die auf ihrer nächsten Stufe die sprichwörtliche Hölle darstellt – und dies ungeachtet der Mühe, die sich ein frommer Zeitgenosse auf Erden gegeben hat, um Vorsorge für ein behagliches Jenseits auf Wolke Nr. 7 zu treffen.

King arbeitet heimtückisch geschickt auf diesen finalen Schrecken hin. Nicht jede Abschweifung lässt nachträglich diesen Kurs erkennen, doch King ist ein Autor, der es versteht, selbst alltägliche Banalitäten so in Worte zu fassen, dass man sich gern auf Abwegen begleitet: Er führt seine Leser nicht grundlos seit mehreren Jahrzehnten so erfolgreich an den Nasen herum. Revival wird auf diese Weise auch zur Wiedergeburt des Horror-Autors King, der wieder einmal unter Beweis stellt, dass er zwar unter schwachen Phasen leiden, sich aber noch immer aufrappeln und zu großer Form zurückfinden kann!

Ihre Meinung zu »Stephen King: Revival«

geronimox zu »Stephen King: Revival«13.12.2015
Ein King-Roman mit wenig Grusel und so gut wie keinem Grauen.

Auch wenn Couchkritiker Drewniok überschwenglich begrüsst, dass Stephen King in dieser Geschichte schriftstellerische Pfade abseits des Horrorromans beschreitet – ich wollte ja gerade guten Gänsehaut-Horror lesen und wurde deshalb ziemlich enttäuscht.

Dabei hatte das Heyne-Buchcover, auf dem ein mit Blitzen umrahmtes Christenkreuz unter dem Buchtitel »Revival« (Wiederkehr!) zu sehen ist, in mir eine Vorfreude auf eine »Frankensteins Monster trifft auf Himmel oder Hölle« Geschichte à la King geweckt.

Stattdessen beschreibt King in über 500 Seiten ein Sittengemälde Amerikas von den 60ger Jahren bis Heute anhand der Lebensgeschichte eines Kleinstadtjungen und eines für Amerika so typischen Wanderpredigers.

Nur auf den letzten vierzig Seiten des Buches gibt es leichten Stephen-King-Grusel, so als ob sich der Autor am Schluss gedacht hat: »Mensch, ich bin doch eigentlich die Horror-Ikone, jetzt muss ich aber doch noch ein paar Grusel-Schokostreusel drüberstreuen.

Leider ist mir als Horrorfan die finale Jenseitsepisode zu vorhersagbar und auch in den Gruselelementen (Rieseninsekten – echt jetzt?) schon aus vielen anderen Romanen zu bekannt.

Mein Fazit: Kein echter Horrorroman, sondern die Coming-Out Geschichte eines Kleinstadtjungen im Nachkriegs-Amerika. Als solche schön erzählt, als King-Horror ohne großen Unterhaltungswert. Und ein inoffizieller Wunsch an den Heyne-Verlag: Bitte tauscht das irreführende Buchcover gegen ein Bild eines idyllischen Weizenfeldes im Sommer aus. Meinetwegen auch mit einem einzelnen Blitz am Horizont.

6/10

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