Zwischen Nacht und Dunkel von Stephen King

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „Full Dark, No Stars“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 528 Seiten.ISBN 3-453-26699-4.Übersetzung ins Deutsche von Wulf Bergner.

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In Kürze:

Stephen King gilt als größter Geschichtenerzähler unserer Zeit. Nun legt er vier große Novellen vor, die alle ein Thema haben: Vergeltung! Ob als Täter oder Opfer, unschuldig oder schuldig, durch Schicksal oder Absicht – wir kommen in Situationen, die uns eine Entscheidung abverlangen: Wie weit muss ich gehen, bis mir Gerechtigkeit widerfährt? Manchmal muss man sehr weit gehen …

„1922“: Ein Vater überredet seinen Sohn auf perfide Weise, gemeinsam mit ihm die Ehefrau/Mutter umzubringen – und der Horror für den Rest des Lebens der beiden nimmt seinen Anfang.

„Big Driver“: Die Schriftstellerin Tess wird nach einer Lesung brutal vergewaltigt. Sie will auf eigene Faust Vergeltung üben …

„Faire Verlängerung“: Der schwer krebskranke Streeter geht einen teuflischen Pakt ein. Seine Genesung und sein Glück scheinen fortan Unglück und Untergang für andere zu sein. Kann er dem Einhalt gebieten? Will er das überhaupt?

„Eine gute Ehe“: Zufällig entdeckt Darcy, dass der Mann, mit dem sie 27 Jahre lang glücklich verheiratet ist, ein Doppelleben als wahres Ungeheuer führt. Bis dass der Tod euch scheidet …ist das der einzige Ausweg?

Vier grandiose, bislang unveröffentlichte Novellen.

Inhalt:

  • 1922
    1922
  • Big Driver
    Big Driver
  • Faire Verlängerung
    Fair Extension
  • Eine gute Ehe
    A Good Marriage

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der König des Horror lässt uns atemlos zurück“91

Horror-Rezension von Verena Wolf

„Die Storys in diesem Band sind hart. Vielleicht ist es Ihnen teilweise schwergefallen, sie zu lesen. Dann seien Sie versichert, dass es mir stellenweise ebenso schwergefallen ist, sie zu schreiben.“ So beginnt Kings lesenswertes Nachwort zu den vier düsteren Novellen, die in „Zwischen Nacht und Dunkel“ auf den Leser lauern. Damit ist die stringente Grundstimmung der vier thematisch sehr unterschiedlichen Novellen festgezurrt. In allen vier Storys taucht man mit jeder Seite vielleicht tiefer als man will in die Abgründe der menschlichen Seele ein. Und das ist – wie King zu Recht schreibt und wie so oft bei ihm – kein sonniger Spaziergang mit Vogelgezwitscher. Die Geschichten hätten gut unter Kings Pseudonym „Richard Bachmann“ herausgegeben werden können, unter dem er früher seine eher psychologisch ausgerichteten Romane bündelte. Den rein übersinnlichen, fantastischen Horror à la „Es“ findet man hier nicht. Vielmehr lotet King das Monster im Menschen aus und gleichzeitig eins seiner Lieblingsthemen: ganz normale Personen und wie sie sich in höchst außergewöhnlichen Situationen verhalten.

„1922“ ist die längste Geschichte des Bandes und von ungeheuer dichter Atmosphäre. Als Leser wird man hineingeworfen in die einsame, karge Farmlandschaft der USA, nur einige Jahre vor dem größten Wirtschaftscrash, der die Vereinigten Staaten – bis dahin – erschüttern sollte. Die Hauptfigur ist der introvertierte Farmer Wilf, der sich verbissen an sein einziges Lebenskonzept klammert: Farmer zu sein. Diesen Traum verteidigt er gegen jede Gefahr, auch gegen seine eigene Ehefrau, als sie es wagt, zumindest zu überlegen, aus der Enge auszubrechen. King erzählt scharf beobachtend, wie Wilf die aus seiner verzerrten Sicht fast logische Entscheidung trifft, seine Frau umzubringen, um so ihr Erbe, ein großes Stück Land, zu sichern. Aber er und sein Komplize, der gemeinsame Sohn, erholen sich nie von der Tat – die in allen horrormäßigen Details mehr als plastisch von King dargestellt wird. Wie Vater und Sohn bezahlen, wird mit die Kehle zuschnürender Konsequenz aus Wilfs Sicht berichtet. Die unmittelbare Nähe zur Handlung und den Figuren, deren Atem man fast auf der Haut zu spüren glaubt, macht diese Novelle aus. Und das Ende ist klassisch King.

In „Big Driver“ wird die Krimiautorin Tess vergewaltigt. Tess wird dadurch in den Grundfesten erschüttert und sie findet sich in einer Situation wider, die an das Leben ihrer erfundenen Figuren erinnern. Sie muss sich einem Verbrechen stellen, den Täter finden und dann die nächsten Schritte abwägen. Der große Unterschied ist, sie ist selbst das Opfer. Schock und Schmerz sind beängstigend real. Dazu passend schlägt die Handlung einige Kaninchenhaken, die geradezu notwendig sind, da sie nicht so glatt – und konstruiert – läuft wie viele erfundene Handlungen. Dadurch wird der Unterschied zu den harmlosen Miss-Marple-artigen Krimis von Tess betont und King beweist zugleich elegant, dass er eine Geschichte so real stricken kann, dass man völlig vergisst, dass auch sie nur Fiktion ist.

In „Faire Verlängerung“ geht der todkranke Streeter einen Pakt mit dem Teufel ein. Nur hier wird wirklich eine phantastische bzw. unrealistische (so hoffen wir einmal, vielleicht weiß King es besser?) Ausgangssituation für die Geschichte gewählt. Wirklich teuflisch ist jedoch die Erbarmungslosigkeit, mit der Streeter sein eigenes Glück über das seines besten Freundes stellt. King zeigt dies dem Leser unerbittlich und bis zum Ende. Diese Geschichte fällt auf sehr hohem Niveau aber ein wenig im Vergleich mit den anderen drei Geschichten ab.

Da bleibt „Eine gute Ehe“ eindringlicher hängen. King wählt eine weibliche Protagonistin, die sich geborgen wähnt in ihrem Leben und ihrer Ehe und dann entdecken muss, dass sie den eigenen Ehemann offensichtlich überhaupt nicht kannte. Die täglichen Rituale, die Kleinigkeiten, die eine behagliche Sicherheit suggerieren, sind der Boden, auf dem King dann wie eine Bombe die Erkenntnis fallen lässt, die alles verändert. Die Unschuld ist verloren. Wie die Frau ihrem Mann mit dem jetzigen Wissen gegenüber tritt und was sie tun kann und was nicht, lässt die Buchseiten dahin rasen, ohne dass viel Blut fließen muss.

King beweist in diesen vier Kurzromanen mit intelligenter Sicherheit, dass er der Meister seines Genres ist. Mit einer Leichtigkeit beschwört er das Grauen herauf, dass man denkt, man liest nicht nur, sondern sieht, fühlt, schmeckt und hört. Nie schön, aber grauenvoll gut.

(Verena Wolf, September 2011)

Ihre Meinung zu »Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel«

mammamia zu »Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel«23.03.2013
Ich kann nur sagen, das es schon einige zeit her ist, dieses buch gelesen zu haben. aber noch heute kann ich mich errinern, diese dicke buch in einer nacht ( und halben tag) verschlungen zu haben.
Also, das muss erst einmal einer schaffen.
Sehr interessant und absolut psychogisch geschrieben. Spannend, spannend, und nicht "spaziergang mit vogelgezwitscher".
Ist nicht mein lieblingsautor, und lese z. bsp. keine science fiction von ihm.
Nach dem motto: ist es zu hart, bist du zu schwach.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
benfi zu »Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel«12.07.2012
Novellen des Horror-Autors Stephen King sind schon immer ganz besondere Schmankerl gewesen; man erinnere sich nur an 'Stand by me - Das Geheimnis eines Sommers' (Romantitel: Die Leiche) oder 'Die Verurteilten' (Pin Up) - allesamt große Kinoerfolge. Aber auch die Romanvarianten waren eine tolle Lesekost! Nun hat King vier neue Novellen auf den Markt geworfen, welche sich alle mit dem Thema Vergeltung und den Anhängseln Rache und Heimzahlung beschäftigen. Den Anfang macht '1922' eine bedrückende Geschichte aus einer längst vergangenen Zeit, die sehr authentisch dargestellt wird und daher den Leser ziemlich beeindruckt und fesselt. 'Big Driver' befasst sich mit dem harten Thema der 'Vergewaltigung'. Ich finde es wirklich schwer, sich als Mann da in die Lage eines weiblichen Opfers zu versetzen, doch was Stephen King hier zu Papier gebracht hat, ist wirklich ziemlich einfühlsam und fesselnd geschrieben. Ich denke, es ist sehr nah an der tragisch-traurigen Realität! Die kürzeste Novelle des Buches findet sich in 'Faire Verlängerung'wieder; eine typische und dramatische Kurzgeschichte, welche von einer langfristigen Vergeltung erzählt. Eine einfache Handlung, aber anregend von Stephen King erzählt. Den Abschluß bildet 'Eine gute Ehe';welche ein schriftstellerisches Sahnehäubchen darstellt. Tatsächlich kann man die Gedankengänge von Darcy nachvollziehen. Ich finde, dass King sich hier selber wirklich lange Gedanken gemacht hat und die ergiebigsten zu Papier brachte. Und auch das Ende der Handlung ist sehr rund und gelungen!
Diese Novellensammlung verbreitet neben einer Menge Lesespaß wirklich eine Menge an Denkanstöße zu den erwähnten Themen. Das macht dieses Buch von Stephen King noch wertvoller, da es nicht einfach eine Lektüre für zwischendurch ist. Sein Schreibstil ist besser als zuvor und selbst in der kürzesten Erzählung packt er mit wenigen Sätzen eine gehaltvolle Geschichte. Es ist nicht der Horror, den der Autor in der Regel zu Papier bringt - es ist der Horror des Alltags, denn er hier wunderbar emotional eingefangen hat. Wirklich toll! 90°
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
MickyWinter zu »Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel«15.04.2012
King hat mit der Novellen-Sammlung "Frühling, Sommer, Herbst & Tod" einen nachhaltigen Klassiker geschaffen und "Zwischen Nacht und Dunkel" sollte daran anknüpfen. So war aus verschiedenen Pressemitteilungen zu entnehmen. Daß ihm das nicht nur nicht gelang, sondern daß er hier sogar seine schlechtesten Kurzgeschichten vorlegen würde, war jedoch kaum absehnar. Die erste Story des Bandes - 1922 - verströmt zumindest noch ein gewisses Steinbeck-Flair und ist die anspruchsvollste der ganzen Sammlung. Es folgt eine unterdurchschnittliche Selbstjustiz-Geschichte, eine völlig uninspirierte Teufelspakt-Story, die völlig belanglos und unausgegoren nur als Scherz angesehen werden kann und eine zumindest halbwegs solide umgesetze Schlußstory, die aber keineswegs in die Tiefe vordringt, wie die Idee an sich suggeriert.

Fazit: King kann gegenwärtig nicht mehr mit den Besten des Genres konkurrieren. Weder sind die Geschichten "Hart", wie er sie selbst nennt, noch sind sie originell. Ganz im Gegenteil sind sie erschütternd schwach, wie man es von diesem außergwöhnlichen Autor nicht kennt.
Sylversurver zu »Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel«12.09.2011
Hm, nach den guten bis sehr guten Kritiken dieser Novellensammlung habe ich mich durchgerungen diese zu kaufen. Als früherer King-Fan habe ich von ihm nix mehr gekauft oder gelesen, seitdem er mit The Green Mile seinen Fans das Geld aus den Taschen zog (erst die Veröffentlichung jedes Kapitel einzeln und dann noch einmal als komplettes Buch. Und noch einmal in Desperation und Regulator, wo fast die gleiche Geschichte aus einer anderen Perspektive beschrieben wird) Davon einmal abgesehen wiederholt sich King zu oft. Die Protagonisten in seinen späteren Büchern sind austauschbar. Die Sujets ebenfalls.
King ist ohne zweifel ein guter Handwerker und seine Beschreibungen des amerikanischen Alltags (in welcher Zeit auch immer) immer vorstellbar und packend.
Aber diese beiden Punkte reichen nicht. Ich möchte (wenigstens zum Teil) neue Ideen und neue Figuren. Nicht irgendwelche Schablonen die neu zusammengemixt wurden.
Die vier Geschichten sind unterhaltend, hallen aber nicht nicht nach. Die zwanzig Euro hätte ich mir sparen können und mir das Buch mal in unserer Bibliothek ausleihen können.
Der Meister ist müde (genauso wie Dean Koontz) und sollte seine Rente geniessen.
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Frank zu »Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel«19.04.2011
Stephen King beweist einmal mehr das er schreiben kann. Und das eben nicht nur über (wie zB "Die Arena) über 1000+ Seiten - sondern auch Novellen bzw Kurzgeschichten.
In dieser Sammlung geht es in allen 4 Geschichten um "normale" Menschen bzw wie diese sich in Extremsituationen verhalten.
Alle 4 sind gelungen, die erste und letzte Geschichte haben mich persönlich am meisten gepackt.
Teilweise sind die Geschichten frei von phantastischen Elementen (Big Driver/ Eine gute Ehe) - allerdings mindert das ihre Qualität nicht im geringsten
Ein ganz starker Auftritt des "alten Mannes" der Horrorliteratur.
Wer es nach "Die Arena" noch nicht zu hoffen wagte, kann sich nun entspannt zurücklehnen.
Der "Meister" ist zurück.
95%
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Buboter zu »Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel«05.02.2011
Eine Handlungsbeschreibung zu Kurzgeschichten ist schwierig, da man immer Gefahr läuft zu viel zu verraten. Aber ich versuche es trotzdem:

1922: „Ein Farmer gesteht dem Leser den Mord an seiner Frau und berichtet, wie er für dieses Verbrechen büßen musste.“ Ein klassischer King! Klassischer kann, für meine Begriffe, eine Geschichte von diesem Autor nicht sein und erinnert stark an „alte Zeiten“. Die Story packt einen und lässt den Leser über fast 200 Seiten nicht mehr los. 100° hierfür

Big Driver:“Eine Frau rächt sich an ihrem Vergewaltiger“ Für mich die schlechteste Geschichte dieser Sammlung, aber immer noch von einer Qualität, die man woanders vergebens sucht. Durch die, für kingsche Verhältnisse, ungewöhnlich genaue Gewaltdarstellung ist das Ganze stellenweise auch ziemlich schwer zu verdauen. Abzüge „berechne“ ich hier für das Ende , welches mir deutlich zu rund vergekommen ist. 85°

Faire Verlängerung:“Ein todkranker Mann geht einen Pakt ein: Er darf noch länger leben, dafür muss er eine Person, die er kennt ins Unglück stürzen“. Diese Geschichte hatte für mich das Potenzial zu meiner Lieblingstory des Buches zu werden. Leider war sie zu kurz und ließ mich am Ende mit einem „und jetzt?“-Gefühl zurück. Schade, daher „nur“ 90°

Eine gute Ehe: „Eine Frau entdeckt nach 27 Ehejahren das dunkle Geheimnis ihres Mannes“.Da gibt’s nicht viel dazu zu sagen. Hat mir gut gefallen, hat mich gut unterhalten, aber nicht vom total vom Hocker gehauen. Reicht aber noch für 85°

Wenn man die Meinungen zu Kurzgeschichten-Sammlungen liest, wird man fast immer darauf stoßen, dass diese Sammlungen Qualitätsschwankungen unterliegen. Schwankung bedeutet für mich, Ausschläge in die bessere und die schlechtere Richtung. Dies ist hier nicht der Fall. In dieser Sammlung von Stephen King muss sich der Leser zwischen „hervorragend“, „sehr gut“ und „gut“ entscheiden. Erstmals habe ich einen Kurzgeschichten-Band in der Hand gehabt, bei dem mir alle Geschichten gefallen haben. Natürlich einige mehr, einige weniger, aber es war keine dabei, die mich gelangweilt hätte. Mischwertung aus allen Gradzahlen: 90°
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Alexi1000 zu »Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel«25.01.2011
Sehr merkwürdig, das sich diese Geschichtensammlung sowohl auf der KC als auch auf der PC eingepflegt findet.

Eine ausführliche Rezi hab ich auf der KC geschrieben, weil man aus dem Bücherregal zumindest dort landet...

für diejenigen unter Euch die über die Autorenseite der PC kommen, sei nochmal eine kurze Zusammenfassung gegeben.

Für mich ist dies eine der besten storysammlungen, die Stephen King je geschrieben hat; er verleiht den Charakteren Tiefe, wie es ausser Ihm wenige können, die Storys sind hart, wirklich hart (unbedingt Kings eigenes Nachwort mitlesen!); öfter bleibt der Leser schockiert zurück um am Ende irgendwie versöhnt aus dem ganzen wieder herauszukommen...

hin und wieder gibt es halt doch Gerechtigkeit.

Vergebe wirklich sehr gute 90°, und könnte gut damit leben, wenn Stephen King seine letzten beiden, wirklich Klasse - Werke als krönenden Abschluss einer langen Autorenlaufbahn stehen lässt...

andere könne nicht aufhören, selbst wenn Sie Ihren Zenit überschritten haben; bitte lieber Stephen...lass es nicht dazu kommen.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Klaus Beck-Ewerhardy zu »Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel«18.12.2010
Nach langer Zeit hat sich Stephen King mal wieder verstärkt der Novelle zugewandt, von denen es in diesem Buch drei gibt – und eine Kurzgeschichte.

Alle diese Geschichten haben laut der Außenklappe mit „Schuld, Sühne, Rache, Gerechtigkeit“ zu tun und dann fragt sich natürlich auch, wie man Gerechtigkeit definiert. Der Ich-Erzähler von "1922", der längsten Erzählung in diesem Band, die Anleihen an Poe und frühe Werke Kings selbst nimmt etwa, hat eine Definition zu bieten, die die meisten Leserinnen und Leser sicherlich eher nicht nachvollziehen können wollen - hoffe ich zumindest. Denn seine Idee einer funktionierenden Ehe ist nicht nur heutzutage nicht mehr zeitgemäß, sondern war es auch 1922 nur eingeschränkt – obwohl man auch heute von manchen Männern noch zu ihm passende Äußerungen hören kann.

In "Big Driver" ist dies dann etwas ganz anderes, als eine Krimiautorin selbst zu einem Opfer eines Kriminellen wird und nun dazu kommt, den moralischen Kompass ihrer Hauptfiguren genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn sie muss nicht nur an ihre eigene Person denken, wenn sie das Verbrechen anzeigt, sondern auch an reale ehemalige und zukünftige neue Op-fer, die dieser Kriminelle fordern könnte. Und so muss eine Art „Miss-Marple“-Autorin für Strickkreisteilnehmerinnen auf einmal die Welt eines Charles Bronson erkunden

Eine "Faire Verlängerung" erhofft sich der krebskranke Erzähler der Kurzgeschichte dieser Sammlung und sein moralischer Kompass erscheint in dieser an "The Box" und "Absolute Friends" orientierten Geschichte auf einem etwas anderen Planeten eingerichtet zu sein. Zumindest ist dies dringend zu hoffen, besonders, da er sich anscheinend wirklich als vollkommen im Recht sieht.

In "Eine gute Ehe" schließlich wird die Frage des Abwägens verschiedener Rechts- und Moralgüter zur Zerreißprobe für die Hauptprotagonistin. Denn sie muss nach 27 scheinbar harmonischen und glücklichen Ehejahren, in denen sie alles zum Beziehungserhalt richtig gemacht hat – genau wie ihr Mann – feststellen, dass sie ihren Ehepartner in keinster Weise kennt.

Verstörende Geschichten meisterlich vorgetragen, die einen immer wieder die eigenen Vorstellungen hinterfragen lassen - besonders bei "Big Driver" und "Eine gute Ehe", bei denen man sich nicht einfach vor den Emotionen der Hauptfiguren zurückziehen kann. Stephen King hat wieder sehr genau auf die dunkle Seite der Seele – und das durchaus berechtigte Eigenin-teresse mancher Menschen in Extremsituationen – geguckt und diese schonungslos wiederge-geben.

Sehr gute Sammlung heftiger Geschichten - und auch das Cover der deutschen Ausgabe macht einem den Kauf der Hardcoverausgabe durchaus schmackhaft.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
spacecowboy zu »Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel«07.12.2010
Die vorliegende Storysammlung ist weder Fisch noch Fleisch. Die Knackigkeit seiner Kurzgeschichten fehlt; für detailreiche psychologische Analysen und der sich daraus entwickelnden Story sind die Geschichten zu kurz. Mir scheint, dass die "Novelle" nicht mehr so sehr sein Metier ist. Zumindest die frühere Novellensammlung "Frühling, Sommer, Herbst und Tod" war gut gelungen. Entweder kurz und knackig, wie in seinen Kurzgeschichten aus den 70er und 80er oder eben der ausufernde Roman, wie "Wahn" oder "Die Arena" zählen zu seinen Spezialitäten. Der großangelegte Plot scheint ihm in letzter Zeit mehr zu gelingen. Hier kann er seine psychologische Schiene, das Wechselspiel von Realität und Rückblende, von Normalität und Wahn zur Geltung bringen.

Zumindest findet man in diesen Storys ansatzweise die typischen King´schen Stilmittel wieder. So werden z.B. aufgeworfene Fragen und entstehende Gedanken irgendwann zu einer Handlung zusammengeführt. In "Big Driver" bedient sich dabei das Vergewaltigungsopfer ihrer inneren Stimmen; ein wesentliches Merkmal der Protagonisten von King. Auch Querverweise fehlen nicht. In "Faire Verlängerung" wünschen sich die Freunde "Lange Tage und angenehme Nächte" - vielleicht ein Hinweis auf einen neuen Turm-Roman, vielleicht aber auch nur Wunschdenken von mir. Ich gebe dem neuen Buch von King sehr, sehr subjektive (was auch sonst) 83°.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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