Where or When von Steven Utley

Buchvorstellungund Rezension

Where or When von Steven Utley

Originalausgabe erschienen 2005unter dem Titel „Where or When“,, 320 Seiten.ISBN 1904619614.

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In Kürze:

„Zeitreisen“ ist eine Königsdisziplin der Science Fiction Literatur. Kaum ein Wort lässt einen Science Fiction Fan so aufhorchen. Im Sammelband „;Where and When“; liegen jetzt alle 14 Zeitreisen-Kurzgeschichten von Steven Utley gebündelt vor.

Das meint phantastik-couch.de: „Einmal Vergangenheit Hin- und Rückfahrkarte bitte“60

Science-Fiction-Rezension von Verena Wolf

Die älteste Zeitreisen-Geschichte ist bereits 1966 veröffentlicht wurden, die zwei neuesten schrieb Utley 1995 extra für das Buch. Trotzdem sind die Geschichten in sich schlüssig wie Puzzleteile ein- und derselben Zeitreisenwelt.

Die Gegenwart der Zeitreisenden, die in unserer nahen Zukunft liegt, ist kein Zuckerschlecken. Die Erde steht vor dem wirtschaftlichen und ökologischen Kollaps. Eine Flucht vom Ganzen ist reizvoll und einige Menschen haben praktischerweise die Fähigkeit entwickelt in die Vergangenheit reisen zu können. Sie brauchen dazu keine Maschinen oder technischen Hilfsmittel. Über manche kommt es wie ein epileptischer Anfall. Unerwartet taucht ihr Bewusstsein in die Vergangenheit ab und sie teilen wie Träumer passiv die Erlebnisse und Gedanken eines Menschen dieser Zeit. Andere Zeitreisenende können aktiv steuern, wohin und in welche Zeit sie mental reisen wollen. Sie kidnappen in der Vergangenheit das Bewusstsein eines ahnungslosen Gastgebers, unterdrücken es und nutzen seinen Körper bis sie wieder abreisen. Und schließlich gibt es eine Elite von Zeitreisenden, die es nicht nur schaffen, physisch in die Vergangenheit zu reisen und sich dort frei wie Sonntagsausflügler zu bewegen, sondern als Fremdenführer Touristen, die alleine zu keinen Zeitreisen fähig sind, mitzunehmen.

Top Potenzial für spannende, einzigartige Geschichten, die noch lange im Kopf kreisen. Was macht Utley daraus?

Fesselnde historische Atmosphäre

Ein absolutes Plus sind die Stimmungsbeschreibungen von Utley. Man versinkt in den Geschichten. Wie der Zeitreisende landet der Leser plötzlich und intensiv im amerikanischen Bürgerkrieg („;Living it“; / „;Where or When“;) oder sieht betroffen das zerbombte Berlin im zweiten Weltkrieg („;The Here And Now“;). Man riecht beim Lesen die stinkenden Londoner Straßen zu Zeiten Jack the Rippers („;the Maw“;) und segelt mit den letzten Flugsauriern über den Urwald einer verdammt jungen Erde („;Getting Away“;).

Am beeindruckendsten ist die Atmosphäre in der längsten und vielschichtigsten Kurzgeschichte „;The glowing Cloud“; eingefangen. Einige Zeitreisende treffen 1902 auf Martinique ein, wissend, dass in Kürze der Vulkan Mt. Pelée ausbricht und 30.000 Menschen sterben. Man glaubt beim Lesen die Asche des Vulkans in der Luft zu schmecken, fühlt die alles erstickende Hitze in den Straßen und spürt bedrückend echt die klaustophobische Grundstimmung der Menschen, die ahnen, dass sie ihre Stadt nicht mehr lebendig verlassen werden.

Dass Utley seine Figuren nur in historische Erlebnisse plumpsen lässt, die bekannt und berühmt berüchtigt sind, kann man verzeihen. Weltkriege, Naturkatastrophen, fatale Teenagerliebe in den Sechzigern und das verruchte New Orleans verkaufen sich auch immer wieder gut an Kinokassen, warum also nicht?

Stichwort Zeitreisen: Thema verfehlt

Beschreiben kann Utley, aber er verlässt sich blind darauf, dass seine Stories allein dadurch tragen. Das Thema Zeitreisen ist leider nur ein nettes Aushängeschild. Das nehme ich übel!

Utley zeigt Parallelen zwischen den verschiedenen Zeitebenen, stimmt. Die Kälte des Zeitreisenden gleicht der des deutschen Offiziers („;The Here and Now“;), die blinde Telepathin, die durch die Straßen zieht, ist unterschwellig aggressiv wie die Dinosaurier in ihren Zeitreisen  („;Predators“;). Aber mit dem Grundthema Zeitreisen selbst setzt sich Utley überhaupt nicht auseinander.

Wo ist das Bewusstsein desjenigen, der vom Zeitreisenden gekapert wird? Wie erklären sich die „;Gastgeber“; ihre Aussetzer, wenn sie wieder verlassen worden sind? Warum sind nur Reisen in die Vergangenheit möglich? Wie ändert sich die Zukunft durch die Reisen und was machen die Historiker, die hier gern und viel zeitreisen mit den Erkenntnissen verdammt noch mal? Tja …Utley beschreibt lieber gekonnt das Kleid einer Hure. Auch schön, hilft aber nicht weiter. Probleme wie das Großvaterparadoxon oder der Schmetterlingseffekt werden komplett ignoriert.

In „;Glowing Cloud“; wird Zeitmanipulation als Idee der Regierung zwar einmal erwähnt – und nie wieder thematisiert. In „;Staying in Storyville“; will – aha! – ein Zeittourist in der Vergangenheit bleiben. Seine Zeitreiseführerin reagiert darauf wie ein verstimmter Tui-Reiseunternehmer, der aus Schadenersatzgründen keinen Touri ohne Visum zurücklässt: Sie zwingt ihn zur Rückkehr, Ende der Geschichte. Schade, wieder nichts passiert. Da steckt in jeder Doppelfolge Startrek mehr zum Thema Zeitreisen!

Fazit: gut geschriebene Geschichten mit viel Atmosphäre und historischem Flair, aber aus Zeitreisenfansicht:  Viel Schall und (Kriegs)Rauch um fast nichts.

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