Der fünfte Elefant von Terry Pratchett

Buchvorstellung

Originalausgabe erschienen 1999unter dem Titel „The Fifth Elephant“,deutsche Ausgabe erstmals 2000, 415 Seiten.ISBN 3-442-41658-2.Übersetzung ins Deutsche von Andreas Brandhorst.

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In Kürze:

Im Auftrag des Patriziers reist Sam Mumm von der Stadtwache in das geheimnisvolle Land Überwald. Dort erfährt er, dass den Zwergen die uralte Steinsemmel, das Symbol der Königswürde, gestohlen wurde. Er stellt Ermittlungen an und gerät dabei in die verwickelten Auseinandersetzungen zwischen Zwergen, Werwölfen und Vampiren…

Ihre Meinung zu »Terry Pratchett: Der fünfte Elefant«

Tom Orgel zu »Terry Pratchett: Der fünfte Elefant«15.06.2007
Wieder einmal eine 'Sam Vimes Geschichte' (Freunde der Deutschen Übersetzungen mögen mir an dieser Stelle verzeihen, aber ich werde mich nicht an die deutschen Namensverschandelungen gewöhnen. Samuel Mumm klingt einfach zu sehr nach vertrotteltem Nachtwächter mit Schlafmütze als nach dem zynischen Eastwood-Cop, der Sam Vimes nun mal ist) - und für viele deutsche Fans eine der schwächsten der Serie überhaupt.
Sicherlich: Sie beinhaltet wieder einmal eine schöne, lokale Krise, interessante Charaktere, eine Menge Politik, Diplomatie, einige an Neo-Nazis erinnernde Werwölfe mit Hang zum Körperkult und die üblichen netten Wortspiele und Anspielungen, die bei nahezu jedem anderen Autoren bereits ein geniales buch bedeutet hätten.
Aber irgendwie wirkt der Roman doch schwach - die eingefleischen Fans vermissten die tiefer liegende Geschichte hinter den einzelnen Szenen, der für Pratchett übliche Realwelt-kritische Bezug.
So blieb für die meisten mir bekannten deutschen Leser eher der Eindruck eines etwas behäbigen Scheibenwelt-Romanes mit fehlendem Tiefgang.

Der Fünfte Elephant ist (nach "Weiberregiment", das in seinem Erscheinungsjahr ohne Probleme das Prädikat 'Spoiler-titel des Jahres' verdient hatte) eines der Bücher, das ohne Zweifel am meisten unter der Übersetzung des an anderer Stelle als 'kongenial' bezeichneten Herrn Brandthorst gelitten hat.
Schon für den englischsprachigen Leser dieses Mal verhältnismäßig gut verborgen bleibt die gewohnte "dritte Schicht" des Romanes (nach der ersten, den netten Scherzen und Schenkelklopfern und der zweiten, den intelligenten, feinsinnigen Wortspielen Pratchetts) im Deutschen entgültig auf der Strecke.

Dabei dreht sich doch alles um den "Scone of Stones".
Anhand der unsäglichen deutschen "Steinsemmel" kommt man natürlich nicht darauf. Nur sieht man es in der Übersetzung als eine der grässlichen Namensverfälschungen Brandthorsts an und macht sich ansonsten keine Gedanken darüber...
Tatsächlich ist "Scone of Stones" schon im Englischen eine scheinbar ziemlich schwache Benennung Pratchetts (Zwerge sind zwar nicht gerade für ihre Kreativität bekannt, Pratchett hingegen schon). Einen zwergischen Thron "Scone of Stones" (Gebäckstück aus Stein) zu nennen ist irgendwie so, wie ein Buch einen "gebundenen Stapel Papier".
Trotz allem kann zumindest ein englischsprachiger Leser das Wortspiel finden - und darüber den Zugang zur eigentlichen Geschichte, die Pratchett hier erzählt:

Einige Zeit nach dem ersten Lesen stolperte ich über einen anderen, steinernen Thron der (Realwelt-) Geschichte, den "Lir Fal", den "Stein von Lir".
Dieses interessante Stück Felsen ist eines der vier heiligen Artefakte von Irland, ein Stein, den der rechtmäßige König des alten Irland berühren musste. Wenn er schrie, so die Legende, war er der richtige, wenn nicht, konnte er nie König werden.
Der Lir Fal wurde später nach Schottland transportiert (die Iren sagen: gestohlen) und in einer kleinen Abtei im Dörfchen Scone an der Tayside versteckt.
Und nach dieser wurde er nun "The Stone of Scone" genannt.
Hoppla …

Die Geschichte des "Stone of Scone" ist für Pratchetts eigene Geschichte, den Fünften Elefanten, Dreh- und Angelpunkt:
Der Stone of Scone war für einige Jahrhunderte der Ort, an dem die schottischen Könige gekrönt wurden. Genauer gesagt der Platz, auf dem sie bei der Krönung sitzen mussten. Bis die engländer ihn schließlich 1297 "konfiszierten" und den Felsbrocken in den "Coronation Chair", den Krönungsstuhl in Westminster Abbey integrierten, um auf diese Weise die Oberhoheit jedes Englischen Königs (respektive jeder englischen Königin) über sowohl Irland als auch Schottland zu symbolisieren.
1950 wurde der Stein von dort gestohlen – und kurze Zeit darauf an die Engländer zurückgegeben!
Oder aber durch eine Kopie ersetzt (was die englische Krone natürlich dementiert).
Sowohl irische als auch schottische Fundamentalisten haben sich darauf für den Diebstahl verantwortlich erklärt und behaupten seitdem, dass das gestohlene Original irgendwo in ihrem jeweiligen Heimatland versteckt sei.
Wobei ohnehin das Gerücht kursiert, dass die Engländer 1297 sowieso nicht den echten Stein bekommen hätten, sondern lediglich eine Kopie der findigen Schotten. Während die Iren anführen, dass die Schotten von Anfang an nie den richtigen Lir Fal bekommen hätten. 1996 schließlich gab die Englische Krone den Stein offiziell an Schottland zurück, wo er seitdem in Edinburgh ausgestellt ist.
Also unter Umständen die Kopie der Kopie der Kopie …

Erst mit dieser Information aber erschließt sich die nächste Schicht des "Fünften Elefanten":
Die schottische Unabhängigkeitsbewegung (für einen Engländer natürlich hochbrisant und politisch wichtig). Im "Fünften Elefanten" finden sich jene wieder, die lediglich moderat eine Anerkennung ihres Parlamentes wollen, ebenso wie die radikaleren Traditionalisten, die nach wie vor nach echter Unabhängigkeit für Schottland streben. Eine politische Situation, die England immer und immer wieder erleben musste, ob Indien, Irland (und aktuell noch immer Nordirland) oder die nordamerikanischen Kolonien.
So finden sich in Pratchetts Buch denn auch die Schotten Nordamerikas (beziehungsweise "Big Apples", New Yorks) in Gestalt der Zwerge der "Big Wahooney" Ankh-Morpork, die sich noch immer stolz als echte Zwerge (bzw. Schotten) sehen. Was die Traditionalisten unter den Schotten in Schottland selbst ebenso hartnäckig verneinen wie gewisse Zwerge bei Pratchett …
Und da gibt es die Fett-Minen von Uberwald (herrlich übrigens, wie Pratchett selbst Brandthorsts "Überwald" als falsche Schreibweise brand(t)markt).
Ihre Vergleichbarkeit mit den schottischen Ölfeldern und deren Bedeutung für die moderne Welt (bzw. Ankh-Morpork) ist durchaus augenfällig.

Mit der entsprechenden Hintergrundinformation ist der "Elefant" tatsächlich eines von Pratchetts Glanzstücken, was Sprachwitz, Tiefgang und Bezug zu Realwelt-Ereignissen angeht.
Und nicht zuletzt eine unterhaltsame, temporeiche Geschichte mit dem großartigen Commander Sam Vimes.
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