The Indian Connection

Indien und Science Fiction? Für die meisten Leser wohl eher eine ungewöhnliche Kombination. Doch aus welchem reichen Fundus sich die spekulative Literatur des Subkontinents bedient, erklärt der indische Literaturprofessor Amardeep Singh in seinem Essay. Und er zeigt uns, dass in einer globalisierten Welt die Exotik oft nur einen Zufall entfernt liegt.

In diesem Themen-Special führen wir außerdem Rezensionen aktueller Science Fiction und Fantasy aus und über Indien zusammen.

Scheinbar den gleichen Ansatz verfolgen Alan Dean Foster mit "Sagramanda" und Ian McDonald mit "River of Gods". Beide arbeiten vor der Blaupause des indischen Subkontinents und seiner komplexen Gesellschaft mit mehreren Protagonisten. Doch während sich Foster sich eher an einem klassischen Thriller-Aufbau orientiert und seine Handlungsstränge in einem gemeinsamen Finale kulminieren lässt, legt McDonald einen größeren Maßstab an. Sogar das indische Feuilleton hat diesem anspruchsvollen Breitwand-Epos Respekt gezollt.

Mit Samit Basu betritt seit längerer Zeit wieder ein indischer Fantasy-Autor den deutschsprachigen Markt. Er schöpft aus der reichen Quelle indischer Mythologie und verquickt sie in seinem Roman "Der letzte Held" mit Versatzstücken aus europäischen Sagenwelten. Zwei weitere Autoren aus Indien, Ashok K. Banker und Rana Dasgupta, stellt uns der indische Literaturprofessor Amardeep Singh in seinem Essay vor.

Science Fiction aus Indien

Eine kurze Vorstellung anhand zweier außergewöhnlicher Autoren

Zu Beginn ist vielleicht ein wenig Geschichte angebracht. Obwohl die meisten Leute möglicherweise nicht gleichzeitig an Indien und Science Fiction denken würden, hat das Genre tatsächlich tiefe Wurzeln in dem Subkontinent. So hat zum Beispiel Sukumar Ray  viele außergewöhnliche Geschichten in den 1910er und 1920er Jahren geschrieben, die sich ganz klar für Science Fiction qualifizieren. Rays Buch „The Diary of Heshoram Hushiar“ steckt voller Monster mit seltsamen Eigenschaften, und er benutzt Sprachspiele, um das Bengalische Idiom auf humorvolle Weise mit westlich orienterten Ideen zur Naturwissenschaft in Einklang zu bringen. Er spielt beispielsweise mit dem Bengali-Wort „chillan“ (schreien) und erfindet ein Monster, dass er „Chillanosaurus“ nennt, welches bekannt für sein schreckliches Geschrei ist und eine Variation des berüchtigen Tyrannosaurus Rex darstellt. Sukumar Rays Neffe, der Filmemacher Satyajit Ray, hat in den 1960ern auch einige Geschichten geschrieben, die in die Kategorie spekulativer Literatur fallen. Viele von ihnen waren für Kinder verfasst, obwohl die brillanten Geschichten um „Professor Shanku“ echte All-Age-Unterhaltung darstellen, so wie etwa „Alice im Wunderland“.

Jetzt zur neuen Generation indischer Science Fiction. Der wohl versierteste zeitgenössische indische SF-Autor dürfte Ashok K. Banker sein. In seiner sechsbändigen Serie „Ramayana“, von denen nur die ersten drei in 2004 und 2005 auf Deutsch erschienen sind, verfremdet er das gleichnamige Hindu-Epos mit Fantasy- und SF-Elementen. Die Tatsache, dass Banker das Ramayana adaptiert hat, ist nicht neu: Die Geschichte wurde ursprünglich nur mündlich überliefert, und zwar in tausenden verschiedenen Versionen, während sie von Generation zu Generation weitergegeben wurde. In verschiedenen Teilen Indiens gab es sogar unterschiedliche Varianten der Geschichte, obwohl die Hauptversion, bekannt als Valmiki-Version, mittlerweile dominiert. Interessanterweise waren in den letzten Jahren texttreue Comic-Adaptionen des Ramayana extrem erfolgreich, auf der Website des Verlages kann man sie kostenlos ausschauen, auch gab es in den 1980ern eine sehr beliebte TV-Serie.

Obwohl sich Ashok K. Bankers Ramayana-Reihe nah an den originalen Sanskrit-Text hält, will seine Interpretation keine wortgetreue Adaption der Geschichte sein. Banker übernimmt vielmehr Ideen aus der Hindu-Tradition, wie etwa die frühen vedischen Ausflüge in die Mathematik, Wissenschaft und Astronomie, und entwickelt sie zu voll ausgebildeten Formen heiligen bzw. magischen Wissens in einem alternativen Universum. Yoga-Atmung und -Übungen sind hier nicht nur physische Abläufe, sondern eine Art von magischem Ritual, durch das Krieger ihre Körperbewegungen beherrschen. Der Held, Rama, ist ein Schüler dieser okkulten Wissenschaft, und sie verleiht ihm nahezu übermenschliche Fähigkeiten als Krieger. Dies sind Variationen des des originalen Ramayana, jedoch nicht unbedingt solche, die strenggläubige Hindus anstößig finden würden. Dafür gibt es Abweichungen, die für Kenner der originalen Valmiki-Version weitaus beunruhigende sein dürften: Ravana wird beispielsweise zum Erzhalunken, anstatt nur einer von vielen Bösewichtern in einer längeren Erzählung zu sein. Banker strebt danach, die Details des Ramayana neu zu erfinden, und sie somit für heutige Leser wiederzubeleben. Ein passender Vergleich wäre C. S. Lewis. Was Ashok K. Banker in seiner brillanten Serie mit dem Ramayana macht, stellt eine Parallele zu dem dar, was C. S. Lewis in „Die Chroniken von Narnia“ aus dem Neuen Testament gemacht hat. Übrigens können Leser, die absolut keine Ahnung von Hindu-Mythologie haben, Bankers Bücher als unterhaltsame Einführung in das Thema sehen (obwohl man im Hinterkopf behalten sollte, dass er sich nicht streng an die Vorlage hält, so wie sie die meisten Hindus verstehen).

Eine völlig andere Richtung schlägt Rana Dasgupta mit „Die geschenkte Nacht“ ein. Das Buch wurde von der Presse hoch gelobt, einige Rezensenten verglichen Dasgupta mit dem berühmt-berüchtigten indischen Romancier Salman Rushdie, dessen erfolgreichste Werke „Mitternachtskinder“ und „Die satanischen Verse“ dem Magischen Realismus zugeordnet werden können. Doch ist Magischer Realismus eine Art spekulativer Literatur? Wenn ja, dann ist die indische SF-Szene größer, als man gedacht haben mag. Rushdies „Mitternachtskinder“ war ein Durchbruch für die indische Literatur, ein Werk, dass die Geschichte einer neuen Nation anhand des Lebens eines einzelnen erzählt, der genau um Mitternacht am ersten Tag der indischen Unabhängigkeit 1947 geboren wurde. Diese Figur, Saleem Sinai, hat die Fähigkeit, mittels einer Art telepathischen Radios in seiner ungewöhnlich großen Nase mit tausend anderen Mitternachtskindern zu kommunizieren. Normalerweise betrachtet man magisch-realistische Autoren wie Rushdie, Gabriel Garcia Marquez und Günter Grass als Postmodernisten und ordnet sie herkömmlicher Belletristik zu. Der Hauptgrund hierfür mag in den Schwerpunkten ihrer Bücher liegen: Alle drei setzen fantastische Elemente ein, um Geschichten mit politischem und historischem Anspruch zu erzählen. Sie interessieren sich nicht für technologische Fragen.

Im Gegensatz dazu passt Dasguptas „Die geschenkte Nacht“ zur Science Fiction, weil sich das Buch des gegenwärtigen globalisierten Kultur-Mischmaschs annimmt und ihn aus einem SF-Blickwinkel betrachtet; anders als Rushdie setzt Dasgupta einen Schwerpunkt auf den Einfluss, den Wissenschaft und Technologie  auf unser Leben haben. Einige der Themen aus den Geschichten von „Die geschenkte Nacht“ mögen SF-Lesern bekannt vorkommen, Klontechnologie, Künstliche Intelligenz, Gedächtnis-Löschung und -Wiederherstellung, doch Dasgupta bringt diese Problemkreise mit einer erstaunlichen Fähigkeit zur Überschreitung geographischer und kultureller Grenzen zusammen. Die Geschichten aus „Die geschenkte Nacht“ spielen auf der ganzen Welt, in England, den USA, Japan, Indien, Nigeria und Deutschland, um nur einige zu nennen. Der Ansatz des Buches ist der folgende: Eine Gruppe von Reisenden sitzt nachts auf einem Flughafen fest, und um die Zeit totzuschlagen, beginnen sie, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Ganz in der Tradition von Büchern mündlicher Überlieferungen wie „Erzählungen aus 1001 Nacht“, haben Dasguptas Geschichten eine faszinierende Ähnlichkeit mit Märchen. So bewegt sich „Der Schneider“, eine Geschichte über einen armen Schneider, der die Fähigkeit besitzt, Kleidung von erhabener Qualität zu fertigen, am nächsten an einem echten Märchen, obwohl sogar die moderneren oder futuristischen Fabeln aus „Die geschenkte Nacht“ an die Gebrüder Grimm erinnern.

Die beste und vielleicht unvergesslichste Geschichte „Der Schlaf des Milliardärs“ verdient an dieser Stelle eine kurze Zusammenfassung:

Ein indischer Wirtschaftskapitän hat Schlafstörungen. Obwohl ihm an sich nichts fehlt – er besitzt eine große Outsourcing-Firma mit hunderten Angestellten und ist mit einem Bollywood-Filmsternchen verheiratet -, kann er nachts nicht schlafen, und aufgrund seiner Schlaflosigkeit ist er unfruchtbar. Doch weil er und seine Frau unbedingt ein Kind wollen, wenden sie sich an einen Wissenschaftler, der mithilfe moderner Genetik für Nachwuchs sorgen soll. Zwar bekommen die beiden Zwillinge, aber der Plan ist auf schreckliche Weise misslungen. Während das Mädchen normal erscheint, ist der Junge von fürchterlicher Missgestalt. Der Milliardär beauftragt einen seiner Lakaien damit, den Sohn wegzugeben, das Mädchen ziehen sie auf. Doch während es aufwächst, wird deutlich, dass sie übernatürliche Fähigkeiten besitzt: Wo sie auch hingeht, bringt sie eine Art Ultra-Fruchtbarkeit in die Welt. So wachsen über Nacht Bäume aus Samen, die der Wind lediglich an ihrem Elternhaus vorbei getragen hat. Als die Regierung davon erfährt, wird ihr Vater gezwungen, das Mädchen zu zügeln.

Doch ich will nicht zuviel verraten. Es soll genügen, wenn ich sage, dass Dasgupta mit seiner Geschichte einen sehr interessanten Weg beschreitet, sie ist ein Märchen, ja, aber eines für das Zeitalter von Outsourcing, Hormontherapie und Klonen. Wen kann es da wundern, dass die Filmrechte an „Der Schlaf des Milliardärs“ von einer großen Produktionsfirma gekauft wurden, die demnächst mit der Verfilmung beginnen?

Amardeep Singh ist Assistant Professor für Englisch an der Universität von Lehigh, Pennsylvania/USA. In seinem Blog diskutiert er Fragen zur Literatur und Indien.

Übersetzung: Frank Dudley