42 von Thomas Lehr

Buchvorstellungund Rezension

42 von Thomas Lehr

Originalausgabe erschienen 2005, 368 Seiten.ISBN 3-7466-2342-1.

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In Kürze:

Nicht weit von Genf liegen die Anlagen des Kernforschungszentrums CERN. Als an einem sonnigen Augusttag eine Besuchergruppe wieder ans Tageslicht tritt, ist Europa in einen Dornröschenschlaf gefallen. Die Besucher bewegen sich wie in einer „Fotografie der Welt“. Steht die Zeit still? In diesem furiosen Roman schießt alles wie in einem Teilchenbeschleuniger zusammen: eine beklemmende Idee, modernste Zeittheorien, existentielle Deutungen und eine berauschende Sprache.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Strukturen und Strukturiertheit“2

Science-Fiction-Rezension von Klaus-Günther Beck-Ewerhardy

CERN wurde in den letzten Jahren bereits durch Dan Browns „;Illuminati“; ziemlich bekannt und hat diese Bekanntheit sicherlich mehr als verdient, auch wenn die meisten Menschen diese Einrichtung und ihre Bedeutung nicht wirklich kennen oder verstehen. Zum Teil beruht das Konzept dieses Romans genau auf dieser Unkenntnis der breiten Masse.

Eine Besuchergruppe des Teilchenbeschleunigerlabors CERN in der Nähe von Genf sieht sich einige Dinge unter Tage an, bevor sie in „;Elferpäckchen“; wieder mit dem Aufzug ans Tageslicht gebracht werden soll. Doch bevor die letzte Gruppe die Oberfläche wieder erreicht, sehen die anderen, dass sich um sie herum einige Dinge grundlegend gewandelt haben. Die Zurückgebliebenen bewegen sich nicht mehr, die Etagenanzeige des Aufzuges erlischt und einige Vögel hängen regungslos in der Luft wie ein starres Mobile. Und die Uhren zeigen 12:47:42. Und zwar zunächst ohne jede Veränderung. Die in der Lobby des Teilchenbeschleunigergebäudes Versammelten scheinen in eine Welt eingetreten zu sein, die in einem sonnendurchfluteten Dornröschenschlaf gefangen zu sein scheint. Das Licht brennt ständig, die Luft ist irgendwie anders und speziell der Schall funktioniert nur innerhalb klarer „;chronosphärischer“; Bereiche, die der Erzähler und seine Begleiterinnen und Begleiter mit sich herum tragen.

Veränderte Gesetzmäßigkeiten

Und auch sonst scheinen die physikalischen Gesetzmäßigkeiten sich grundlegend verschoben zu haben, so dass die Wissenschaftler und ihre Gäste ganz neue Verhaltensweisen erlernen müssen. Das Verhältnis von Nähe und Entfernung untereinander spielt eine große Rolle, aber auch der Umgang mit den in der Zeit „;Eingefrorenen“; bedarf einer gewissen Finesse, denn das Aufeinandertreffen der „;Chronosphären“; und „;eingefrorener“; Lebewesen ist für Letztere in der Regel eher eine traumatische Erfahrung. Und so werden schnell Regeln zum Umgang mit den „;Eingefrorenen“; aufgestellt, um den möglichen Schaden so gering wie möglich zu halten.

Veränderungen im Umgang

Diese Regeln werden in einem Schriftstück und einer Art Magazin niedergelegt, während die Zeithabenden beginnen, die Grenzen ihrer neuen Welt zu erkunden und die Probleme von Nahrungsaufnahme und -abgabe zu klären haben. Doch mehr und mehr neigen die Menschen dabei dazu, sich innerhalb des gigantischen Wachsfigurenkabinetts, in dem sie nun zu Leben scheinen, von ihren Schicksalsgenossinnen und – genossen zu entfernen und deren Gesellschaft nur noch von Zeit zu Zeit aktiv zu suchen. Denn nach dem ursprünglichen Schock über das Geschehene suchen sie jetzt eine Orientierung für sich selbst in der neuen Welt und das bedeutet für den Erzähler und einige andere vor allen Dingen eine Orientierung in Bezug auf sich selbst. Danach beginnen viele, ihre Situation – und die Reg- und Wehrlosigkeit der „;Eingefrorenen – zu missbrauchen, ohne dass dies zunächst sonderlich thematisiert wird. Der Zerfall des moralischen Empfindens und Handelns geht relativ schleichend vor sich, führt aber schließlich bei der Bewusstwerdung zu depressiven Schüben und bei einigen der Beteiligten zu einer ungewöhnlichen Art des Fanatismus.

Langweilige Handlung und eine überladene Sprache

Diese Zustände Schock, Orientierung, Missbrauch, Depression und Fanatismus geben dem Roman seine Struktur, wobei diese Entwicklung bei der Betrachtung einer lang währenden Krisensituation nicht wirklich ungewöhnlich ist. Die Menschen versuchen hier eine Ordnung in eine für sie neue Welt zu bringen und ihrem Zusammen- und Getrenntsein eine Struktur und eine Regelhaftigkeit zu geben, die sich allerdings erst im Versuch-und-Irrtumsverfahren vor den neuen Realitäten bewähren muss. Insofern erinnern diese Entwicklungen ein wenig an “;Herr der Fliegen"; und ähnliche Romane, wobei hier nicht Kinder, sondern vorwiegend Erwachsene die Reflexionsfiguren sind.

Die Handlung tröpfelt vor sich hin, springt immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her und wird laufend von größtenteils überflüssigen Betrachtungen pseudophilosophischer Banalitäten und Nichtigkeiten unterbrochen. Dabei bedient sich der Autor einer prätentiösen Sprache, deren Aufschlüsslung den Lesefluss noch zusätzlich hemmt, ohne dass Erkenntnisgewinn nach Aufschlüsseln der Sprache und Aufwand in einem adäquaten Verhältnis zueinander stehen. Ich persönlich kann nur aus tiefstem Herzen von der Lektüre dieses Buches abraten.

Ihre Meinung zu »Thomas Lehr: 42«

Eglfinger zu »Thomas Lehr: 42«25.01.2013
Unweit von Genf liegt das Kernfoschungszentrum CERN. Als an einem Sommertag eine Besuchergruppe aus dem Fahrstuhl tritt, ist Europa in einen Dornröschenschlaf gefallen. Die Zeit steht still. Nur für 70 "Chronofizierten" geht das Leben weiter. Kann man in dieser Un-Zeit überleben?
Was sich auf der Rückseite als Hightech-Thriller liest, soll laut Daniel Kehlmann "Eine spannende, hochintelligente Fantasie, geschrieben in einer poetischen Sprache, die ihresgleichen sucht." sein. Ich kann nur hoffen, dass ihresgleichen auf ewig sucht und nicht findet. So einen irrsinnigen Schreibstil habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen und hoffe, dass ich ihm auch nie wieder begegne. Dem Text fehlt es an Inhalt, Tiefgang, Unterhaltung, Humor und Spannung. Es geht einfach nicht voran, wie die Zeit, die stehengeblieben ist. Das einzig spannende ist, ob der nächste Satz länger und inhaltsloser ist als der vorangegangene. In den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hätte man wahrscheinlich gesagt, der Autor muss auf LSD gewesen sein. Auf Seite 152 hab ich es aufgegeben.
Schade, denn als ehemaliger begeisterter Physikstudent, der auf dem zweitem Bildungsweg die technische Hochschulreife gemacht hat und auch schon mal in CERN als Besucher war, hatte ich mich auf einen Hightech-Thriller gefreut. Schade auch, dass das dem Autor hätte gelingen können, da ihm Begriffe aus der Teilchenphysik, wie Quarks und Antiprotonen, durchaus bekannt sind.
Für die Idee alleine würde ich 4 Sterne geben, aber aufgrund seines Schreibstils und der Inhaltslosigkeit des Textes, fällt es mir schwer auch nur einen Stern zu geben. Null Sterne wären hier angebracht und nur aufgrund Ermangelung eines Kamins werde ich es zur Hälfte gelesen wieder zurück ins Regal stellen.
Reinhard zu »Thomas Lehr: 42«08.01.2011
Seit Goethes "Faust II" scheint unter manchen Autoren die Ansicht vorzuherrschen: Literatur ist, wenn der Leser gequält wird. Stefan George gehört hierher, Rilkes "Duineser Elegien" (notabene: viele der kurzen Gedichte von Rilke sind phantastisch!), eine noch lebende österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin - und eben auch der Autor dieses Romans.

Leider gibt es immer wieder einige Rezensenten, die sich davon blenden lassen. Wenn man erfährt, dass "42" in die engere Auswahl für den Deutschen Buchpreis gekommen ist, dann kann man nur den Kopf schütteln. Der Verdacht drängt sich auf, der zuständige Rezensent habe geurteilt nach der Devise: "ich habe es zwar nicht verstanden, aber wenn ich kluger Kopf da nicht durchblicke, dann muss es echt gut sein."

Ganz abgesehen von den Längen und Wiederholungen, den endlos wiedergekäuten schlüpfrigen Stellen und der gewollt gekünstelten Sprache, enthält das Buch auch eine Reihe sachlicher Fehler. Ein Beispiel: an einer Stelle erklärt einer der Protagonisten, der Louvre werde künftig auf einen Monet und einen Picasso verzichten müssen. Na, das dürfte dem Louvre nicht schwer fallen. Der Louvre ist ein Museum für ältere Kunst, bis etwa 1850, und weder ein Monet noch ein Picasso hängen dort.

Der Meinung des Rezensenten der Phantastik-Couch schließe ich mich voll und ganz an.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Sonja zu »Thomas Lehr: 42«20.05.2010
Ich habe mich ebenfalls durch das Buch gequält. Wenige gute Szenen haben mich nicht für die prätentiöse und selbstverliebte Sprache, die Längen und Wiederholungen entschädigt. Die Figuren bleiben ohne Kontur. Die Idee zum Buch finde ich allerdings super!
Das Ende interpretiere ich so: Die Fotos des zerstörten DELPHI aus dem Hut zeigen den toten Ich-Erzähler sowie Boris und seine Frau. Auch sie sind in der 42. Sekunde gestorben, aber damals schon geklont worden. Entsetzt muss der Ich-Erzähler feststellen, dass er eigentlich tot ist und nur sein Klon lebt.
zitat zu »Thomas Lehr: 42«26.10.2008
Die Wissenschaftler in dem Häuflein der siebzig - bald nur noch sechzig - basteln derweil an Versuchen zur Rückkehr in die "normale" Welt. Nach fünf Jahren haben sie endlich - durch "Trial and Error" - eine zumindest belastbare Theorie entwickelt, die einen Praxistest rechtfertigt: wenn genug Teilnehmer noch einmal in die Tiefen des CERNs steigen und sich einem Experiment unterwerfen, könnte das in einer Rücktransformation resultieren. Tatsächlich gelingt das Experiment, doch der Protagonist muss zu seinem fatalistischen Entsetzen erkennen, dass ein Rückkehr in die Vergangenheit nicht möglich ist. Wie der "Fliegende Holländer" wird er ewig durch eine erstarrte und ihm fremde Welt reisen müssen, ohne Erlösung. Die Erkenntnis der zeitlosen Zeit hat ihn auf ewig von der Menschheit getrennt. In diesem Zusammenhang ist wichtig zu wissen, dass "42" im Japanischen dasselbe wie Tod bedeutet. Der Autor erwähnt diese Tatsache an einer Stelle explizit und verweist damit auf das Grundthema des Buches. So lässt sich der Roman durchaus als eine Allegorie auf den Tod auffassen, der die Zeit auf ewig anhält.
ina zu »Thomas Lehr: 42«28.05.2008
... und eine antwort habe ich immer noch nicht.
war ich wohl nicht die zielgruppe, wenn ich den inhalt des werkes, gerade den plot, wohl einfach nicht verstehe - und mir auch keiner sagen möchte, wie es nun endet.
oder weiß das hier kaum einer?

wer hat der dame den hut aufgesetzt, warum, was für fotos?
Leo zu »Thomas Lehr: 42«13.05.2008
Diese Meinung wird nur abgegeben, weil der Kommentar des Herrn KG BE so ärgerlich ist. Ich fand 42 sehr interessant, die Sprache wohltuend, die Gedankengebilde des Autors diskussionsanregend, obwohl ich der kenntnislosen Masse angehöre, für die dieses Buch angeblich geschrieben wurde. Wenn Fantasy nur einfach geschrieben und schnell zu lesen sein darf, lasse ich wieder die Finger davon. 85% von mir. PS.: Sind die Bücher, die Sie mit 40% bewerten 20 mal besser?
asdf zu »Thomas Lehr: 42«05.03.2008
oder nur selber keine ahnung, wie die auflösung zu verstehen ist? tut mir leid, ich möchte niemanden angreifen, aber wenn irgendjemand ansätze dazu hat, würden sie mich auch interessieren

ich möchte nicht anzweifeln, dass es durchaus teilweise kompliziert ist, dem autor zu folgen. aber gerade diese philosphischen ausschweifungen und sprünge in der lektüre bilden doch ihren reiz.
ich würde das buch jedenfalls empfehlen. allerdings nicht an leute, die auf einen schnellen, strukturierten handlungsaufbau aus sind...
aber das ist geschmackssache.
K.-G.Beck-Ewe zu »Thomas Lehr: 42«27.01.2008
Die Auflösung, so man sie so nennen möchte, war in meiner Erinnerung so banal, das ich mich nur geärgert habe, dieses Buch bis zum Ende gelesen zu haben. Auch das meine ich ernst. Ich habe seit dem Schreiben dieser Besprechung das Buch weitestgehend verdrängt.
ina zu »Thomas Lehr: 42«26.01.2008
nein, dies meine ich im ernst

ich VERSTEHE die auflösung nicht, habe beim lesen dennoch den faden beigeschmack, dass sie schlecht ist

aber bitte, was ist nun geschehen?
was hat es mit diesen verflixten fotos auf sich?
K.-G.Beck-Ewe zu »Thomas Lehr: 42«07.09.2007
ina, genau das war mein Problem. Im Endeffekt laufen die Menschen heir verschiedene posttraumatische Zustände durch, während sie versuchen, mit ihrer neuen Situation zurecht zu kommen und das ist irgendwie das Thema hier. Aber das gab es wesentlich zugänglicher und amüsanter auch von Ballard.

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