Grimscribe - Sein Leben und Werk von Thomas Ligotti

Buchvorstellungund Rezension

Grimscribe - Sein Leben und Werk von Thomas Ligotti

Originalausgabe erschienen 2011unter dem Titel „Grimscribe. His Lifes and Works“,deutsche Ausgabe erstmals 2015, 320 Seiten.ISBN 386552320X.Übersetzung ins Deutsche von Michael Siefener (10), Malte S. Sembten (2), Joannis Stefanidis (1), Monika Angerhuber u. Felix F. Frey (1).

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In Kürze:

Seit Thomas Ligotti 1981 seine erste Erzählung veröffentlichte, sind die Literaturkritiker verblüfft, mit welcher Konsequenz, aber auch mit welch kunstvoller Rhetorik er seine dunklen Albträume inszeniert.

Inhalt: Einleitung – Das letzte Fest des Harlekin – Die Brille im Geheimfach – Blumen des Abgrunds – Nethescurial – Träumen in Nortown – Die Mystiker von Mülenburg – Im Schatten einer anderen Welt – Die Kokons – Die Abendschule – Der Zauber – Die Bibliothek von Byzanz – Miss Plarr – Der Schatten am Grund der Welt

Das meint Phantastik-Couch.de: „Faszinationen wirklich verstandenen Schreckens“95

Horror-Rezension von Michael Drewniok

13 Geschichten erzählen von einem unendlich fremden Universum, das jene, die einen Blick in die Regionen jenseits der bekannten Realität werfen, gleichermaßen faszinieren wie verstören, locken wie zerstören.

  • Einleitung, S. 9/10

Die Stimme der Verdammten

  • Das letzte Fest des Harlekins (The Last Feast of Harlequin, 1990), S. 13-72: Auf den Spuren eines alten Volksfestes gerät ein Forscher in den Bann einer alten, unheimlichen und aufmerksamen Macht.
  • Die Brille im Geheimfach (The Spectacles in the Drawer, 1987), S. 73-92: Eine Lektion wollte er dem leichtgläubigen Freund erteilen; stattdessen macht er ihn mit dem echten kosmischen Schrecken vertraut.
  • Blumen des Abgrunds (Flowers of the Abyss, 1991), S. 93-108: Das alte Van-Livenn-Haus hat sich in ein Portal verwandelt, das seinen Besuchern – auf eigenes Risiko – Einblick in die wahre Gestalt des Universums gestattet.
  • Nethescurial (Nethescurial, 1991), S. 109-131: Ein altes Manuskript weckt die Erinnerung an ein vergessenes kosmisches Grauen, das sich daraufhin wieder zu rühren beginnt.

Die Stimme des Dämons

  • Träumen in Nortown (The Dreaming in Nortown, 1991), S. 135-168: Die Suche nach der wahren Natur dieser Welt führt in eine gänzlich unmenschliche Region der Wirklichkeit und wird zur Reise ohne Wiederkehr.
  • Die Mystiker von Mülenburg (The Mystics of Muelenburg, 1987), S. 169-182: Der Schrecken, der über das mittelalterliche Mülenburg kam, wird in der Gegenwart erneut geweckt.
  • Im Schatten einer anderen Welt (In the Shadow of Another World, 1991), S. 183-202: Das alte Haus wurde in ein Tor zu anderen Welten verwandelt; nun wird der Mechanismus ohne Wissen um die Folgen wieder in Gang gesetzt.
  • Die Kokons (The Cocoons, 1991), S. 203-219: Die Suche nach Heilung führt den gemütskranken Mann zu einem ‚Arzt', der ihn als Wirt für eine außerirdische Kreatur auserkoren hat.

Die Stimme des Träumers

  • Die Abendschule (The Night School, 1991), S. 223-240: Lehrer Carnieros Erkenntnishorizont hat sich todesbedingt enorm geweitet, was seinen Unterricht riskant für jene macht, die seinen Spuren folgen.
  • Der Zauber (The Glamour, 1991), S. 241-255: Den Nachtschwärmer verschlägt es in ein Kino, dessen Filmzauber sich vor allem vor der Leinwand entfaltet.

Die Stimme des Kindes

  • Die Bibliothek von Byzanz (The Library of Byzantium, 1988), S. 259-282: Pater Sevich ist im Besitz gänzlich verbotenen Wissens, dessen Hüter auch für unabsichtliche Offenbarungen strenge Strafen verhängen.
  • Miss Plarr (Miss Plarr, 1991), S. 283-297: Die neue Hauslehrerin weiß um die Nischen der Realität, in denen ein ganz eigenes Leben wimmelt, das nicht immer dort bleiben mag, wo es beheimatet ist.

Die Stimme unseres Namens

  • Der Schatten am Grund der Welt (The Shadow at the Bottom of the World, 1990), S. 301-317: Im Zeitstrom klafft plötzlich eine Lücke, was den Bewohnern des betroffenen Landstrichs eine Kette unheimlicher Erlebnisse beschert.
  • Originaltitel und Übersetzerangaben, S. 319

Der kalte Kosmos und sein Sprachrohr

„Grimscribe“ – der grimmige Schreiber: So nennt bzw. personifiziert Thomas Ligotti im Vorwort jene Stimme, jene Wesenheit, die ihm Geschichten erzählt, die zur Grundlage eigener Erzählungen werden. Grimscribe ist stets präsent und gleichzeitig nie fassbar. Er kommentiert eine Welt, die in gewisser Weise deterministisch funktioniert: Alles ist vorbestimmt, doch da der Mensch außerstande ist, die Regeln wirklich zu begreifen, blühen ihm in Kontakt mit der wahren Realität meist unerfreuliche Erkenntnis-Überraschungen. Die Ahnungslosen können sich glücklich schätzen. Sie verharren auf ihrem Niveau nur eingeschränkter Weltsicht und wissen nichts von ihrer Hilflosigkeit. Doch hinter den Kulissen des normalerweise sichtbaren Universums agieren Mächte, denen die Menschen absolut gleichgültig sind. Sie bringen ihnen keine Feindseligkeit entgegen; ihre Opfer sind schlicht bedeutungslos für sie, die auf Existenzebenen existieren, die dem Menschen verborgen bleiben.

Auf diese Weise ist die Fähigkeit, die kalte Fremde da draußen zumindest ansatzweise zu begreifen, eher ein Fluch als ein Talent. Folgerichtig empfinden die Protagonisten der Grimscribe-Geschichten keine Freude, wenn sie der Erkenntnis zumindest näherkommen. Wissen ist hier keine Macht, sondern legt Ohnmacht offen und wirkt in der Regel zerstörerisch.

Ligotti geht in dieser Hinsicht mehr einen Schritt weiter als Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), als dessen Nachfolger ihn nicht wenige Kritiker sehen. In der Tat gibt es Gemeinsamkeiten, aber Ligotti hat schon früh seine eigene Stimme gefunden, die er auch in „Das letzte Fest des Harlekins“ – einer Erzählung, die als Hommage an Lovecraft entstand – nicht nur zur Geltung bringt, sondern Vorlage und Neuschöpfung zu einer genialen Melange verbindet.

Sucher in einer Welt höchstens böser Überraschungen

Lovecraft schuf in seinem „Cthulhu“-Zyklus ein Universum, in dem die Erde durch Überwesen aus Raum und Zeit zumindest zur Kenntnis genommen wird. Manche Schlacht wird auf dem Planeten der Menschen geschlagen, dessen Bewohner sich auf die eine oder andere Seite schlagen. Ligotti geht von einer absoluten Ignoranz aus. Der Kontakt mit den ‚Anderen’ ist stets einseitig. Verderben und Tod sind keine „Strafen“ für „verbotene“ Neugier, sondern Folgen einer Berührung zwischen Bereichen des Universums, die sich nicht berühren sollten. Diese Unvereinbarkeit bedingt die Auflösung der „typischen“ Ligotti-Story: Der Handlungsstrang will sich nicht zu einer Erklärung schürzen. Stattdessen ist das Ende einerseits grausam und andererseits offen: Was den Protagonisten, die sich zu weit ins Fremde vorgewagt haben, faktisch zugestoßen ist, muss sich der Leser selbst ausmalen – eine Herausforderung, der nicht jede/r gewachsen ist oder sich stellen möchte.

Ligottis Erzählungen sind folgerichtig keine trivialunterhaltsamen Happen für das feierabendmüde Hirn. Man muss sich auf den Verfasser und seine Ideen einlassen, sich mit ihnen beschäftigen, zwischen den Zeilen lesen und eigene Schlüsse ziehen. Einleitend durchaus noch sichtbare Fixpunkte lösen sich spätestens im Finale im Irrealen auf. Wer solche Irritierungen nicht schätzt, mag sich stattdessen auf eine Atmosphäre „freuen“, die so meisterhaft wie selten Emotionen wie Entfremdung, Einsamkeit, Ratlosigkeit oder Furcht greifbar zu machen versteht: Dies ist keine aufmunternde Lektüre. Ligotti meint es ernst. Simpel-Horror und Gänsehaut-Grusel fallen aus. Grimscribe geht tiefer – buchstäblich unter die (Hirn-) Haut.

Die eigene Psyche ist Ligotti bei der Schaffung seiner Welten eine wichtige Quelle. Er leidet selbst unter jenen Lebensängsten, mit denen er auch seine Figuren schlägt. Grimscribe ist in gewisser Weise auch der Versuch, für eine nicht einfach pessimistische, sondern grundsätzlich hoffnungs- und freudefreie Weltsicht eine Erklärung zu finden. So drehen sich Ligotti-Plots (beinahe?) manisch um Kontakte = Konfrontationen mit der „anderen“ Welt, wobei sich manches wiederholt. Seine „Erkenntnisse“ gipfelten 2010 in dem fesselnden, seltsamen und traurigen „Sachbuch“ „The Conspiracy Against the Human Race“, das erwartungsgemäß ebenfalls keine gemütserhebende Wirkung ausstrahlt.

Grimscribe als Bestandsaufnahme

Im Laufe einer schriftstellerischen Karriere, die bereits mehrere Jahrzehnte währt, hat Ligotti seine Weltsicht gleichzeitig erweitert und verfeinert. Grimscribe erschien als Sammlung erstmals 1991. Der Autor hat sein Werk seitdem nicht aus den Augen verloren bzw. als abgeschlossen betrachtet. Zwanzig Jahre später nahm er sich Grimscribe anlässlich einer Neuausgabe wieder vor und überarbeitete seine Erzählungen.

Diese Fassung (bisher) letzter Hand liegt der deutschen Übersetzung zugrunde. Wieder einmal präsentiert der Festa-Verlag jenseits des Schnetzelsex-Horrors und der populistischen Haudrauf-Thriller, die das Haus finanziell stützen, ein Juwel. Die Texte wurden hervorragend eingedeutscht, was angesichts eines Autors, der an seinen Worten buchstäblich feilt, keine einfache Aufgabe gewesen sein dürfte.

Auch optisch (und haptisch) stellt Grimscribe einen Leckerbissen dar – simpel layoutet aber schön und sauber gedruckt, fest gebunden sowie mit einem Schutzumschlag versehen, der ein eindrucksvolles Titelbild zeigt. Auf diese Weise reiht sich Grimscribe nahtlos in die Reihe der Meisterwerke ein, die in „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“ bereits erschienen sind – ein Reihentitel übrigens, der längst zu kurz greift, da der hier präsentierte Schrecken weit und spannend über Lovecraft hinausgreift.

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