Die Zombies von Thomas Plischke

Buchvorstellungund Rezension

Die Zombies von Thomas Plischke

Originalausgabe erschienen 2010, 400 Seiten.ISBN 3-492-26746-7.

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In Kürze:

Endlich das große Epos um die geheimnisvollsten Geschöpfe der Nacht – die Zombies! Die lebenden Toten gelten als unheimlich, feindselig und dumm. Doch die junge Lily ist davon überzeugt, dass dies nicht die ganze Wahrheit ist. Seit jeher fasziniert sie der Zombie-Mythos, und sie ist geradezu besessen davon, mehr über die Geschöpfe zu erfahren. Als Lily den attraktiven Victor kennenlernt, kommt sie einem erschreckenden Geheimnis auf die Spur: Zombies existieren wirklich, die unheimlichen Geschöpfe sind mitten unter uns – und Lily erfährt am eigenen Leib, was es bedeutet, lebendig und tot zugleich zu sein …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Was isst ein vegetarischer Zombie?“72

Fantasy-Rezension von Tom Orgel

Was isst ein vegetarischer Zombie? – Im englischen Witz „Grains!“ – in Thomas Plischkes Roman allerdings ist die Antwort komplizierter, aber auch interessanter. Die junge Anthropologin Lily schreibt in Oxford an ihrer Doktorarbeit über Zombies. Exakter ausgedrückt über die weltweiten Mythen um lebende Tote. Dass sie sich damit nicht gerade die Begeisterung ihrer Fachschaft und ihres aus Trinidad stammenden Großvaters zuzieht, ist verständlich. Dass das aber noch viel weitergehende Folgen haben würde, konnte die junge Engländerin nicht ahnen, selbst wenn ihr Großvater sie genau davor gewarnt hatte.

So lernt sie im Laufe ihrer Nachforschungen den geheimnisvollen (und anziehenden) Viktor kennen, der ihr unverhohlen den Hof macht. Als sich Lilys bester, wenn auch nicht fester Freund, der deutsche Student Gottlieb dann auch noch überstürzt und ohne Erklärung nach Deutschland absetzt, lässt sie sich auf das Abenteuer Victor ein. In Folge erfährt sie weit mehr, als sie je wissen wollte. So zum Beispiel, was für wirklich seltsame Clubs Londons Unterwelt zu bieten hat, wie es ist, als Vegetarierin einen unbändigen Heißhunger auf Fleisch zu entwickeln oder dass die Untoten schon lange unter uns sind. Ja, Lily wird infiziert und verwandelt sich selbst in eine Untote. Aber das ist erst der Anfang weit erstaunlicherer Eröffnungen, die der jungen Frau bevorstehen.

Auch Gottlieb, der zur Beerdingung seines Vaters nach Deutschland zurückgerufen wurde, hat einige schwerwiegende Erkenntnisse zu verkraften. Wichtigste davon ist, dass es ihm zufällt, das Erbe seines Vaters anzutreten und die Aufgabe weiter zu führen, der sich seine Familie seit Jahrhunderten verschrieben hat. Eine Aufgabe, die dazu führen wird, dass sich seine und Lilys Wege wieder kreuzen werden.

Wer früher stirbt ist länger tot

In Thomas Plischkes Roman sind Zombies ein realer Teil unserer Wirklichkeit. Allerdings nicht, wie in Zombie-Geschichten meist üblich, als alles überrollende Untoten-Apocalypse, in der das übliche Häuflein Überlebender um seine Existenz kämpft. Vielmehr leben sie im Verborgenen an den Rändern der menschlichen Gesellschaft. Sie haben schon immer ihren Teil an den Geschichten aller Völker und Kulturen. Hier liegt die große Stärke des Romans von Plischke: Er ist gut recherchiert und diese Recherche ist stimmig in die Geschichte eingebunden. Seien es Untote der skandinavischen Folklore, Mythen aus Afrika oder der Karibik oder aber Sagen der Nordamerikanischen Eingeborenen – in kurzen, eingestreuten Interviewpassagen aus Lilys Doktorarbeit wird der Themenkreis der wandelnden Toten von mehr als den üblichen Seiten des Grusel- und Horrorkinos beleuchtet. Durch die Berichte von „Augenzeugen“ weltweiter Vorkommnisse bekommt das Buch an einigen Stellen eine Qualität der weltweiten Bedrohungsszenarios, wie es etwa Max Brooks in seinem reportageähnlichen Zombie-Roman „World War Z“ gelungen ist. Ein Ansatz, der umso interessanter ist, als dass er die Ursprünge der wandelnden Toten nicht auf die üblichen Verdächtigen (Virenausbruch, kosmische Strahlung, Umweltgifte oder haitianische Voodoo-rituale) zurück führt, sondern sie viel weiter in die Vergangenheit der Menscheitsgeschichte verlegt. Durch die Jahrhunderte hindurch blitzen immer wieder Vorkomnisse auf, die auf eine mühsam hinter der Fassade der Normalität verborgene Bedrohung hindeuten.

Selbstverständlich gibt es in diesem Szenario auch eine Gegenmacht, eine Organisation von Jägern, die seit ehedem die unbedarfte Meschheit vor den Untoten schützen, indem sie jene mit Magie und Waffengewalt auszurotten versuchen, wo immer sie auftreten. Das ist trotz jeder Menge altem Geld, hauseigenem CSI-Team und und Einsatzteams in aller Welt nicht immer einfach. Nicht nur, dass es eine bunte Vielfalt von kannibalischen Leichen gibt – von den hirnlosen „Schlurfern“ der frühen Zombiefilme, über mörderische Hochgeschwindigkeits-Untote des modernen Kinos bis hin zu wandelnden Toten, die nur schwer vom distinguierten Vampir der alten Schule zu unterscheiden sind. Nicht genug damit, dass man sich natürlich nicht beißen lassen sollte und bereit sein muss, auch seine angenagten Kollegen und Verwandten zu entsorgen. Nein, es kommen auch immer neue Untote dazu.

Hier liegt auch eines der Probleme der Geschichte: Die Herkunft der Zombies ist recht esoterisch, während der Rest der Geschichte weitgehend auf übernatürliche Elemente verzichtet. Dass der Roman ohne die üblichen Untergangsszenarien des Genres auskommt und sich auf das (emotionale) Innenleben der lebenden wie untoten Figuren konzentriert, ist eine gute Idee gewesen. Warum also der mystische Ausflug? Wirklich notwendig war er für die Geschichte nicht. Mag sein, dass dieser dualistische Aspekt im Stil der Katharer in einer Fortsetzung eine Rolle spielen wird, aber hier trübt er den Geamteindruck. Schlicht, da es ein religiöses Element ist, das aber sonst keinerlei religiöse Entsprechung im restlichen Roman hat. Dadurch wirkt zu sehr wie ein aufgesetztes Element, um dem Roman mehr „Urban Fantasy“ zu verleihen. Weniger (zur Not einfach weniger Information) wäre hier mehr gewesen.

Zweiter Kritikpunkt: Die Parallelgeschichte in Schottland, die neue Protagonisten einführt. Nicht, dass sie schlecht wäre – aber sie kommt spät. Zu spät, um sich noch mit den neuen Figuren zu identifizieren. Dadurch lenkt sie eher von der Hauptgeschichte ab, als sie zu unterstützen. Ben und Alice sind interessant, aber nach mehr als der Häfte des Romans hat man nicht genug Zeit, um sie wirklich zu mögen.

Un-live and let die

Das dritte Problem ist eher ein persönliches, hängt aber mit dem vorigen zusammen. Ich konnte mit kaum einer der Figuren eine Beziehung aufbauen. Lily ist mir nicht sympathisch genug geworden. Ich mag vorlaute, etwas rotzige Charaktäre. Aber die Anthropologin ist mir egal geblieben, ohne dass ich genau sagen könnte, warum. Vielleicht, weil sie sich so einfach von dem etwas schmierigen Untoten hat einwickeln lassen, der mir ebenfalls vollkommen kalt gelassen hat ist (sieht man von einer leichten Abneigung ab).

Bei ihm lag es wohl eher daran, dass er zu sehr dem Klischeebild des altmodischen Gentleman-Vampirs mit zuviel Geld entspricht, um (aus meiner Sicht) interessant zu sein. Zuviel „Interview mit dem Vampir“, zu wenig Zombie.

Gottlieb schließlich war mir zu blass. Weder amüsant, noch mitreißend und auch nicht gerade dazu geeignet, bei mir Mitgefühl zu erzeugen. Dazu hat er etwas zu viel von „wohlhabender Streber, der sich gern selbst leid tut“. Der Junge ist zwar kein Untoter – aber lebendiger ist er auch nicht. Und Ben und Alice kommen schlicht zu spät.

Wie gesagt, der Eindruck ist ein sehr persönlicher, aber mir war am Ende der Geschichte merkwürdig egal, wer lebt und wer stirbt. Abgesehen von Bille, dieser Kreuzung aus NCSI-Abby und Lisbeth Salander aus Stig Larssons Millennium-Trilogie. Die mag ich – und hoffe, in einer Fortsetzung mehr von ihr zu sehen.

Insgesamt ist „Die Zombies“ ein durchaus erfrischend anderer Ansatz zum Thema wandelnde Tote, dessen Schwächen sich in der Fortsetzung sicherlich noch beheben lassen. Trotz der guten Grundidee hat mich der Roman allerdings nicht wirklich überzeugt. Wobei ich wirklich nicht sagen kann, warum.

Letzter Kritikpunkt: Das Cover der Ausgabe. Gut, ich weiß, aus welchen marketingtechnischen Gesichtspunkten eben jenes Gesicht gewählt wurde. Ein blasses, weißes Mädchen, das ein wenig aussieht, wie eine Mischung zwischen Gothic-Vampirette und unbeholfen geschminktem Emo-Teen? Das sorgt für Zielgruppennähe im Verkauf und sagt laut und deutlich: Romantasy mit schicken Untoten. Da greift auch schon mal die Twilight-Leserin daneben- und zu diesem Buch. Aber leider war es exakt dieses Bild, das ich bei Lily immer vor Augen hatte. Die ja doch eigentlich Dank afro-karibischer Vorfahren deutlich exotischer aussieht, als das blässliche Chick auf dem Cover. Vermutlich spielt diese optische Täuschung mit in meine Antipathie gegen die Figur Lily. Ein Teil des Wertungsabzuges geht also sicherlich zu Lasten der Titelgestaltung.

 

Ihre Meinung zu »Thomas Plischke: Die Zombies«

blutreiter zu »Thomas Plischke: Die Zombies«05.04.2010
Bisher ist der in Hamburg lebende Autor mit seinen Werken aus der Serie Die zerrissenen Reiche und einem Krimi/Fantasy Buch mit dem Titel Der kalte Krieger in der Fantasy-Szene zu finden und hat jetzt einen Roman über ein bisher eher unbeachtetes Volk herausgebracht.

Thomas Plischke setzt dabei vor allem auf eine große Vielfalt in seiner Darstellung, sodass er zahlreiche Variationen aus der Thematik um das Wesen der Zombies herausholt und auch sehr unterschiedliche Arten präsentiert.

Die Haupthandlung dreht sich um die junge Studentin Lily, die gerade an ihrer Doktorarbeit in Anthropologie sitzt und sich dabei mit dem Mythos der Untoten befasst. Teile aus dieser Arbeit lässt Thomas Plischke in seinem Roman immer wieder durchblicken und wechselt sehr elegant zwischen diesen Quellen und der eigentlichen Geschichte. Es beginnt aber damit, dass sie über den Tod ihres geliebten Großvaters trauert und plötzlich von einem wildfremden Mann mitten auf dem Friedhof angesprochen wird. Dieser liebreizende und äußerst charmante Mister Cunnigham begegnet ihr auch nur wenig später wieder und auch jetzt in einer eher ungewöhnlichen Situation. Er hat sich in Lilys Uni-Buchhandlung ein Buch über Untote gekauft und ausversehen das von Lily bekommen. Dieser Zufall sorgt dann für ein Date, über das Hannah, Lilys beste Freundin und außerdem Mitbewohnerin, nicht gerade erfreut ist. Das sich der gemeinsame Besuch von Lily und Victor, dann nicht als das typische Rendezvous herausstellt, spürt Lily im wahrsten Sinne des Wortes bald....
Eine weitere sehr wichtige Figur ist Gottlieb, Lilys Geliebter, der sich später als deutlich tiefgründiger Figur herausstellt und ein wenig die Seiten zu wechseln scheint...

Bei diesem Werk von Thomas Plischke handelt es sich ohne Zweifel um einen Roman für die etwas älteren Jugendlichen, da er an manchen Stellen nicht mit den Details knausert und einige Lebewesen nicht mehr allzu viel Sonne sehen werden. Auch die Gelüste von Lily bekommen ein wenig Platz in diesem Roman. Besonders interessant erscheint jedoch die eher als ungewöhnlich zu bezeichnende Sprache, die Thomas Plischke verwendet. Zwischenzeitlich etwas sehr deftig und an die Umgangssprache angelehnt. Besonders aber die Interviews aus den Quellen von Lily entschädigen für mancherlei Schnitzer.

Insgesamt gesehen war dieser Roman jedoch ein wirklich gut zu lesendes Stückchen Literatur, bei dem ich nicht bereut habe, es mir zugelegt zu haben. Ich fühlte mich sehr gut unterhalten und auch trotz einer gewissen negativen Affinität gegenüber Zombies, konnte ich diesen Roman sehr gut lesen. Einige Charaktere fand ich besonders interessant und hoffe darauf, dass sie noch etwas deutlicher auftreten, wenn es vielleicht mal zu einem zweiten Roman kommt.
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