Der Leichenkönig von Tim Curran

Buchvorstellungund Rezension

Der Leichenkönig von Tim Curran

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „The Corpse King“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 150 Seiten.ISBN 3941258567.Übersetzung ins Deutsche von Ben Sonntag.

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In Kürze:

Auf den Feldern der Toten wird die Ernte eingeholt. Bestellt von Erweckungsfarmern mit schmutzigen Fingern, kalten Herzen und gierigen Gedanken, werden die Felder mit Schaufel und Spaten und Schweiß bearbeitet. Unter einem Leichentuch dünnen Mondlichts werden die Früchte aus der feuchten, schwarzen Erde gepflückt, aus wurmstichigen Särgen und verschimmelten Totenhemden gerissen, wie faulendes Korn aus zerfallenden Hülsen. Die Leichenernte wird auf schlammigen Karren aufgebahrt und zu Markte getragen, um an den Meistbietenden verkauft zu werden, zur Versorgung von Autopsiesälen und Anatomielaboren. Nacht für Nacht graben die Farmer auf ihren Gebeinfeldern und denken, sie seien allein bei ihrer finsteren Ernte. Aber es gibt noch einen anderen, der in Gräbern und Leichenhallen erntet. Einen anderen Schnitter, der seit Jahrtausenden sein Feld bestellt. Das Gesicht bleich wie der Mond und Finger wie Knochen, ist er der Große Herr der Leichenernte und Meister der Friedhofsegge. In der Welt des 19. Jahrhunderts gehen Samuel Clow und Mickey Kierney ihrem Lebensunterhalt im Erweckungsgewerbe nach – nicht ahnend, dass sie bald dem Leichenkönig begegnen werden …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Das Grauen unterminiert schottische Gottesäcker“80

Horror-Rezension von Thomas Nussbaumer

Edinburgh zu Beginn des 19. Jahrhunderts: eine schmutzige und grobe Welt der Krankheiten und der Kriminalität. Die meisten Menschen stehen der Gosse (und überhaupt dem Tod) näher als der Aussicht auf ein achtbares Leben. Gauner, Diebe und Dirnen gehen mit beherztem Selbstverständnis ihrer Arbeit nach, auch wenn alle um die drakonischen Strafen wissen, die Gesetzesbrüchigen oder solchen drohen, die gegen religiöse Grundsätze verstoßen. Schnell landet einer am Galgen und doch scheint es den meisten Menschen unmöglich, dem Teufelskreis aus Armut und Alkoholismus zu entkommen, der wiederum den Nährboden für jedes kriminelle Gewerbe bildet.

Zwei, die das Fürchten lernen

Samuel Clow und Mickey Kierney sind zwei Grabräuber, die aus ihrer Not zwar keine Tugend, aber dennoch so etwas wie eine ´ehrliche´ Profession gemacht haben. Ihr inoffizieller ´Beruf´ ist einer der lukrativsten und gleichzeitig einer der verwerflichsten. Als Verbrecher bewegen sie sich in den untersten Gesellschaftsschichten, in derben Gaststätten, in denen es rustikal und unverkrampft zu- und hergeht und wo Besäufnisse und Schlägereien bis zur Besinnungslosigkeit noch Ehrensache sind. Davon abgesehen bleibt den beiden außer einem beinharten Sarkasmus nicht viel Lebensinhalt. Die Arbeit ist ja auch kein Zuckerschlecken. Als lichtscheues Gesindel schleichen sich die beiden ´Wiedererwecker´ auf die Friedhöfe um die frisch bestatteten Leichen aus ihren Gräbern zu zerren. Die verkaufen sie dann gleich an Chirurgen und Ärzte, bei denen wiederum großer Bedarf an Anschauungsmaterial für ihren Anatomieunterricht herrscht. In guten Nächten beliefern die Grabräuber die Anatomen gleich wagenweise und was sich nicht als ´Frischfleisch´ veräußern lässt, wird vorerst im eigenen Keller ´eingepökelt´ oder ´eingemacht´. Manch eine nicht mehr so frische Leiche hat noch ein gutes Skelett abgegeben, nachdem man das Fleisch von den Knochen gekocht hat. Clows Mutter führt währenddessen eine Pension und meuchelt nicht selten einen ihrer Gäste für ein paar Münzen. Ein reizendes Umfeld, das über kurz oder lang das Auge des Gesetzes auf sich ziehen muss. Aber noch sind Clow und Kierney nicht mit der Obrigkeit in Konflikt geraten. Einem ihrer Kollegen erging es einstweilen weniger gut, der wurde als abschreckendes Beispiel öffentlich gehängt und tot an den Pranger gestellt. Die Angst vor Bestrafung ist aber nicht das einzige, was sich langsam in die verknöcherten Herzen der Leichendiebe einschleicht. Da wäre auch noch die Schauermär vom Leichenkönig, der angeblich auf den nördlichen Grabfeldern sein Unwesen treibt, Tunnels gräbt und Leichen samt Grabsteinen verschlingt. Noch glauben die beiden Frohnaturen nicht recht an die Existenz dieses leichenfressenden Popanzes. Ist dieser Leichenkönig vielleicht nur ein eingebildeter Schrecken, der den gin-geschädigten Gehirnen der Grabräuber-Kommune entstammt? Zuletzt drängen Clow und Kierney die immer größer werdende Konkurrenz im ´Leichen-Business´ und pure Geldnot in den Wirkungskreis des Ungeheuers. Denn auf die nördlichen Grabfelder trauen sich bis jetzt nur wenige der Hartgesottenen …

Süffige ´weird history´

In seinem Vorwort gibt uns Curran einen kurzen Ausblick auf die Geschichte, die uns erwartet und ihre historischen Umstände: Die Städte Schottlands und Englands werden lebhaft als ein Sumpf aus Armut, Schmutz und Seuchen beschrieben. Elend wohin man sieht und die Toten liegen oftmals sogar mitten in der Gosse, was wiederum niemand zu kümmern scheint. Die moderne Medizin steht noch in den Kinderschuhen, daher rührt das schier unstillbare Bedürfnis der Ärzte und Anatomen nach frischen Leichen, die den Medizinern Aufschluss über die Funktionsweise des menschlichen Körper geben sollen. Die Toten sind ab nun nicht mehr Angelegenheit der Kirche, die bis anhin für das Seelenheil der Versorbenen besorgt war, sondern sie rücken immer stärker in den Fokus der Medizin. Die wenigen Verbrecher (besonders Mörder), die man offiziell den Anatomen zuspricht, reichen bei weitem nicht aus, um deren Bedarf zu stillen. Leichen sind gefragt und dafür bezahlen die Mediziner gut, denn es ist nach wie vor ein Tabu, an Leichen herumzuschnipseln. Und deren Beschaffung natürlich illegal. Clow und Kierney gehören zu den Verzweifelten, die ein Geschäft mit dem Tod betreiben, mit dem Risiko, irgendwann erwischt zu werden. Grabräuber waren geächtet und standen auf gleicher Stufe wie Mörder, verrät uns der Autor, der sein Thema gut recherchiert hat. Gerade die vielen Details zur ´Leichenbergung´ machen die Geschichte sehr einprägsam. Ein großes Plus der Story sind aber auch die beiden Protagonisten, Clow und Kierney, die einem beinahe ans Herz wachsen. Ihre markigen Dialoge sind wirklich erwähnenswert, sowie generell Currans lustvoll inszenierte Schauplätze.

Im Interview verrät uns Curran, dass ´der Leichenkönig´ ursprünglich als Kurzgeschichte geplant war und dann zu einer Novelle ausgebaut wurde, da die Recherchen eben immer mehr Material für diese Story lieferten. Er bezeichnet seinen Kurzroman als ´weird history´, als recherchierte Fakten, die mit einer guten Prise Phantastik aufgewertet werden. Ein Konzept, das wahrscheinlich nicht ganz neu ist, das aber in Currans Fall durchaus überzeugt. Die Story kann aber nicht ganz verbergen, dass es ihr manchmal ein wenig an Tiefe fehlt. Das Büchlein liest sich dennoch sehr flüssig und als Entschädigung für eine ausgefeilte Story sind da die gelungenen Beschreibungen der Friedhöfe zu nennen, der Gaststätten oder des Leichenkellers, dessen Gestank einem fast körperhaft in die Nase sticht. Das Grauen wird bei Curran gerne mit nicht zu knapp beigemessenen Adjektiven heraufbeschworen, so wie das auch die meisten seiner Kollegen und Kolleginnen tun. Ein Thema, das die Horrorzunft wahrscheinlich auch in Zukunft beschäftigen wird: wie viele Adjektive braucht es für detailreiche Schilderungen und wie viele kann man weglassen und trotzdem nichts von der Stimmung ruinieren? In Currans Stimme schwingt darüber hinaus ein barocker Zynismus mit, der den „Leichenkönig“ als bitterböse Satire kennzeichnet. Mit ´history´ hat das Ganze freilich nicht viel zu tun, aber unterhaltsam ist es allemal.

(Thomas Nussbaumer, Januar 2012)

Ihre Meinung zu »Tim Curran: Der Leichenkönig«

Alexi1000 zu »Tim Curran: Der Leichenkönig«08.01.2012
Der etwas hohen Couch - Wertung kann ich mich nicht so recht anschließen...

Die Erwartungen an Tim Curran sind hoch bei mir!

Herr Festa hat mit seinem Verlag den noch recht unbekannten Autoren "ausgegraben"...und ein klein wenig Hype eilt Ihm auch voraus...soll er trotz aller Härten, die seinen Geschichten scheints innewohnen, doch auch Geschichten epischen Ausmasses schreiben.

Für die Novelle "DER LEICHENKÖNIG", die allerdings im Atlantis - Verlag erschien, waren meine Erwartungen also hoch, evtl. ZU hoch....

wir haben es mit den Frühzeitlichen "Leichenfledderern" und tatsächlich angeblich existierenden Burke & Hare und Konsorten zu tun...die Ihrem Morbiden "Geschäft" nachgehen, und jede Nacht frische und nicht so frische Leichen ausgraben, um damit Ihr Geld zu machen...

tja, was soll man da viel schreiben...sicher, die düstere Zeitepoche wird schön plastisch von Curran beschrieben, insofern beweist er mit dem Ausschmücken von Handlungsplätzen schon mal gutes Gespür...

allerdings entging mir, wo das ganz "gruselig" und wohlige Gänsehaut verbreiten soll???

im Gegeteil, das einzige was mir mit dem Tod assoziiert wurde, war die (Tod)Langeweile...:-#

ich gestehe gegen Schluss sogar "Quergelesen" zu haben, was ich eigentlich partout nir mache...also das gab mächtig Abzug zum Schluss...

ironischerweise zeigt eine andere Kurzgeschichte von Curran in der aktuellen Kannibalen - Anthologie aus dem Hause Festa, was wir in Zukunft (wahrscheinlich) von Curran erwarten dürfen...oder evtl. hat Herr Festa das etwas feinere Gespür für die wirklich guten Geschichten...8)

DER LEICHENKÖNIG zumindest gab mir (fast) nichts...

verhaltene 69°

(mit Hoffnung auf kommendes von Curran)

Good Luck, Tim!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Konrad Wolfram zu »Tim Curran: Der Leichenkönig«06.01.2012
"Der Leichenkönig" dürfte am Ende des Jahres 2011 einer der Lichtblicke der phantastischen Literatur sein. Tim Curran gelingt es perfekt eine gewisse düstere Zeitepoche lebendig werden zu lassen und diese dann durch weitere phantastische Fagetten anzureichern. Man lebt mit den Figuren des Roman einfach mit, wird von einem Übermaß an Charakterzeichnung verschont, die z.B. gerade in Romanen von Stephen King zur Langeweile anregen kann. Dafür drückt Curran auf Tempo in der Handlung und reißt den Leser förmlich mit. Da legt man nur recht ungern das Büchlein aus den Händen. Fazit: Eine perfekte Umsetzung, mitreißend und mit Gänsehaut-Garantie die mit lockeren 95° von mir belohnt werden kann. Das wegt Wunsch nach mehr von diesem Autor.
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