Endland von Tim Etchells

Buchvorstellungund Rezension

Endland von Tim Etchells

Originalausgabe erschienen 1999unter dem Titel „Endland Stories“,deutsche Ausgabe erstmals 2008, 240 Seiten.ISBN 3037340436.Übersetzung ins Deutsche von Astrid Sommer.

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In Kürze:

Maria hat wundertätige Kräfte und setzt den verkorksten Typen aus der Siedlung die Köpfe wieder ein, wenn sie sich aus der Verankerung gelöst haben. Von einem Tag auf den anderen wird Lisa von sämtlichen Automatiktüren der Stadt ignoriert sie öffnen sich einfach nicht mehr. Wenn Homers »Ilias« nach Endland (sic) verlegt wird, heißen die Götter Haferbrei und Spachtel, Helena, Apollo 12, Aldi und Blowjob, und der Krieg findet in einer »gesetzlich vorgeschriebenen, jeden Samstag auf sämtlichen Kanälen laufenden« Quizsendung statt. Zwischen Sherwood Forest und Computerspiel, den Vorstadtsiedlungen, Einkaufshöllen und namenlosen Schlachtfeldern unserer Gegenwart sind die prekären Landschaften Endlands angesiedelt. Seine Trümmerfelder sind bevölkert von dilettierenden Zeitreisenden, Nacktputzern, Mördern und Fernsehansagern, von Mutanten, herumvagabundierenden Kindern, alleinerziehenden Müttern und marodierenden Söldnern. Virtuos verschränkt Tim Etchells verschiedenste Genres und Versatzstücke, spielt mit abgenutzten Wendungen aus Slang, Fernsehen und Popkultur, Werbung und Klatschpresse. Eine Schreibweise, die bisweilen geradezu körperlich schmerzt und zwischen irrwitziger Komik, äußerster Brutalität und abgründiger Traurigkeit hin und her schaltet. Eine Schreibweise, die sich nicht lange mit Realismus aufhält.Tim Etchells ist hierzulande vor allem durch seine Arbeit mit Forced Entertainment bekannt, »der derzeit brilliantesten Theatergruppe Großbritanniens« (The Guardian). Mit »Endland« legt er ein Kompendium sardonischer Kurz- und Kürzestgeschichten, Gruselmärchen und Lehrfabeln für das digitale Zeitalter vor. Für den deutschen Leser wurde die Sammlung um elf bislang unveröffentlichte Texte erweitert. »Brillant!« (The Times)

Inhalt:

  • Endland Stories
    • Über Lisa
    • Schande über Shane
    • Wer träumt dass Wahrheit Lüge ist?
    • Eva & Maria
    • Die Chaikin-Zwillinge
    • Frauentauscher
    • James
    • Die Shell-Tankstellen-Geschichte vom Schlamm
    • Kelly
    • Morton & Kermit
    • Die Crash-Family Robinson
    • Wendys Tochter
    • Das Haus der Leere
    • Jonesey
    • Franks Ermordung
    • Carmen von Bizet
    • Deutscher Fokker
    • Das Leben, die Filme und die Kurzarbeit der Natalie Fabelhaft
    • Arsch auf Erden
  • Endland. Zweite Lieferung
    • Es ist trübe und undurchsichtig
    • Absichten wohl ehrenwert
    • Kellergeschichte
    • Ich dachte ich hatte was Unanständiges gerochen
    • Ameise & Heuschrecke
    • Was die Kugel kostet
    • Loses Versprechen
    • Wollte alles genau sehen
    • Grundsätzlich ohne zu lächeln
    • Taxi Driver
    • Sich jetzt nicht rühren
    • Glossar
    • Nachwort

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der Fußabdruck des Menschen ist immer schmutzig“88

Science-Fiction-Rezension von Almut Oetjen

„Endland“ besteht aus zwei Teilen. Die ersten 19 Texte (Endland Stories) sind eine Übersetzung der Erzählungssammlung gleichen Titels von 1999. Elf weitere Texte (Endland. Zweite Lieferung) hat Etchells in den Folgejahren für Magazine oder künstlerische Projekte geschrieben. Der Züricher Verlag Diaphanes hat alle dreißig Texte 2008 von Astrid Sommer übersetzen lassen und als „Endland“ veröffentlicht. Das Buch enthält ein Nachwort und ein Glossar Etchells.

Der Anfang von Endland

Die erste Geschichte, „Über Lisa“, geht zurück auf einen Romanentwurf Etchells’ aus der Mitte der 1980er Jahre. Lisa ist unglücklich und arbeitet in einer Oben-Ohne-Frittenbude, deren Besitzer Harry Stannington mit ihr ausgehen will. Als sie nach anfänglichem Zögern endlich zusagt, gehen sie ins Kino und beginnen eine Affäre. Lisas Schwester wird ermordet, Lisa gibt sich die Schuld. Die Affäre endet, Harry feuert Lisa. Der Mörder heißt Mike Foreman, jeder weiß es, aber es gibt keine Beweise. Lisa tötet ihn.

Eine einfache, eine konventionelle Geschichte, möchte man annehmen. Aber was soll einfach sein an einer Geschichte, deren Protagonistin erst in einer Frittenbude oben ohne arbeitet, dann in einem physikalischen Forschungsinstitut? An einer Stelle erwähnt Etchells Filme, deren Handlung nichts anderes ist als eine fadenscheinige Rechtfertigung für die Aneinanderreihung von Sentimentalitäten. „Über Lisa“ ist sentimental erzählt, besteht aber lediglich aus dem Substrat einer Geschichte. Die einzelnen Szenen könnten auch textliche Entsprechungen zu Bildern eines Comic Strips sein. In einer Szene trägt Lisa eine Woche lang Kleidung ihrer toten Schwester, um ihren Weg zu rekonstruieren, kommt ins Fernsehen, wo sie aber keine Bedeutung als Lisa hat, sondern nur als Schwester einer Toten. In einer anderen Szene träumt sie davon, mit einem Song in portugiesischer Sprache den Eurovisionswettbewerb zu gewinnen und mit Harry zu schlafen, wobei dieser Sätze absondert, die so ähnlich und im gleichen Zusammenhang in dem Film „Ein Fisch namens Wanda“ gesagt werden. Nachdem die Götter Wetten auf Lisas weitere Entwicklung abgeschlossen haben, bricht Lisas Leben auseinander, bis sie sich am Ende SCHWEIGEN nennt und gleichsam verschwindet. „Über Lisa“ kann als Blaupause für die meisten anderen Geschichten in „Endland“ gesehen werden.

Phantasialand

Das Endland der Stories wird immer „Endland (sic!)“ geschrieben, weshalb es als England gedacht wird. Diese Lesart unterstützen nicht nur die vielen englischen Städte, die genannt werden – oft Doncaster in South Yorkshire. Endland entsteht in den Geschichten so, wie seine Menschen es wahrnehmen: bruchstückartig. Sie versuchen, sich ein Stück Leben aus der Welt herauszuschneiden. Das gelingt zwar immer, ist aber nicht unbedingt das Stück, welches man haben wollte. Der vollständige Titel der Originalfassung ist: „Endland Stories: Or Bad Lives“. Die Welt der Geschichten ist angereichert mit Elementen der Phantastik, des Märchens. Man denkt, es sei England, aber je genauer man hinsieht, desto mehr bekommt man den Eindruck, es sei irgendein beliebiger Teil der westlichen Welt, die Bausteine des Thatcherismus, des Neoliberalismus, des Bosnienkrieges und des nach Samuel P. Huntington benannten Kampfs der Kulturen enthält.

Endland befindet sich im Krieg, vielleicht im Bürgerkrieg der Regionen, die während Jahre währender Bevorzugung durch die Regierungschefin, die in Endland ein König ist, einen Aufschwung erlebte, für den die benachteiligten Regionen bezahlen mussten. Es kann auch ein anderer Krieg sein. Der von Christen und Atheisten gegen Muslime, wie mehrfach beschrieben. Oder der in einer Parallelwelt, in der Luftschiffe Bomben auf London und Plymouth abwerfen.

Am unteren Ende der Gesellschaft

Die Menschen in Endland verfügen über keinen Einfluss und keine Macht, abgesehen davon, dass sie anderen Menschen ins Leben pfuschen können. Kaum jemand hat einen Job, die Filmstars in den Stories „Das Haus der Leere“ und „Das Leben, die Filme und die Kurzarbeit der Natalie Fabelhaft“ haben auch nichts zu sagen. Sie sind, wie die meisten anderen Figuren, Puppen auf einer kaputten Bühne. Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft treten nicht in Erscheinung. Was geschieht mit diesen Menschen, den Arbeitslosen, den Dealern? In der Geschichte „Schande über Shane“ findet sich Shane, der Dealer aus Derby, plötzlich in einer Situation wieder, in der er keinen Geburtstag mehr hat, weil die Zeitrechnung auf das Dezimalsystem umgestellt wurde. Irgendwo in Endland treffen Menschen Entscheidungen, die Auswirkungen auf andere haben, die der Entscheider nicht einmal zur Kenntnis nimmt.
Die Welt, in der sich die Menschen in Endland bewegen, ist bestimmt durch Chaos, Hinterhältigkeit, Bösartigkeit, rücksichtslose Vorteilsnahme, das Nebeneinander von Mittelalter und Hochtechnologie, von postapokalyptischer Anarchie und faschistischer Herrschaft in einer vom Bürgerkrieg zerfressenen Monarchie.

Der Götterhimmel

Die einzige in den Stories wahrnehmbare Ausnahme im Segment der Mächtigen ist der Götterhimmel. Die Götter haben seltsame Namen: Tesco, Blowjob, Herpes und Apollo 12, um nur vier zu nennen. Sie befinden sich in einer den Menschen ähnlichen Situation. Sie zeigen sich in ihrer ganzen Absurdität, wenn sie darüber diskutieren, ob sie überhaupt noch als Götter in Erscheinung treten sollen, weil eh niemand mehr an sie glaubt. Während einige sagen, dass sie weitermachen sollten, weil sie wichtig seien, sagen andere, weil niemand mehr an sie glaubt, können sie doch eigentlich machen, was sie wollen. Was haben sie denn vorher gemacht, möchte man fragen. Sie benutzen Menschen für ihr Vergnügen, rauben sie aus, nachdem sie Sex mit ihnen hatten, machen sie zu den Opfern ihrer himmlischen Intrigen und Zockereien. Nicht ganz die monotheistische Lösung, eher die der Antike.

Endland befindet sich am Ende

Banden streifen durchs Land, richten Schaden an, so es noch welchen anzurichten gibt, treffen damit aber immer die, die wie sie selbst am Ende sind. Das können im Zweifelsfall auch Götter sein, wie in „Wer träumt dass Wahrheit Lüge ist?“ und „Arsch auf Erden“. Wenn der Autor Figuren vorstellt, demontiert er sie zugleich. Sie sind immer das, was übrig geblieben ist, wenn es denn einmal mehr gegeben haben sollte, was sie ausmachte. Das Fragmentarische der Welt Etchells’ erlaubt hier keine begründeten Aussagen. Die Vertreter der Mächtigen haben ein klares Verhältnis zu Endland. Die Polizei kommt höchstens, wenn es nichts mehr zu tun gibt, am Ende von etwas. Der Einsatz des Militärs im Inneren bringt keine Ordnung, sondern den Tod.

Endland ist eine kompakte und flache Welt, in der die Figuren zur Disposition stehen, wie ihr Autor im Nachwort schreibt. Wie der Hauptfigur in „Schande über Shane“ geht es fast allen Figuren in dem Erzählungsband. Shane wird uns knapp als Dieb, Frauenhasser und geistiger Pygmäe vorgestellt. Dennoch haben wir am Ende Mitleid mit ihm, weil er in seiner Situation unabänderlich festsitzt, nicht mehr altert und noch stärker von der Welt isoliert ist als zu Beginn. Aber oft wartet auf die Figuren ein gewaltsamer Tod. Was für sie die bessere Lösung ist, ein schneller Tod, ein langsamer, der sich Leben nennt, das ist zwar in manchen Erzählungen Thema, wird jedoch nicht entschieden.

Etchells fräst sich durch Kataloge konventioneller Erzählanforderungen. In „Die Chaikin-Zwillinge“ schreibt er den Namen der Hauptfigur jedes Mal, wenn er genannt wird, anders. Er verwendet Mittel der Parabel, der Anekdote, des Cartoons, der Künstlerbiographie und des Märchens. Gelegentlich arbeitet er mit Drehbuchtechniken, gibt Kameraanweisungen, erzeugt sprunghafte Schnitte, schreibt, er spule nun vor, oder er wolle den Schauplatz wechseln.

In seiner Erzählwelt existieren verschiedene Zeitformen nebeneinander, die Standardzeit, das Dezimalsystem der Stunden, Tage und Monate, und die beschleunigte Zeit in der Stadt Rapid City, die dreimal so schnell vergeht wie die Standardzeit.

Beim Lesen erfassen wir nicht Endland in seiner Gesamtheit oder im Zusammenhang, sondern wir bewegen uns durch eine Ruinenlandschaft, verharren kurz (5 Zeilen) an der einen Stelle, oder länger (bis zu 26 Seiten) an anderen Orten. Nicht jeder Aufenthalt ist gleichermaßen interessant, es gibt einige Redundanzen, aber die meiste Zeit lohnt sich ein Besuch in der erzählerischen Welt Tim Etchells.

(Almut Oetjen, November 2011)

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