Engelssturz von Timothy Zahn

Buchvorstellungund Rezension

Engelssturz von Timothy Zahn

Originalausgabe erschienen 2001unter dem Titel „Angelmass“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 700 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Martin Gilbert.

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In Kürze:

Stellen Sie sich vor, alle Politiker der Welt wären selbstlos, vernunftorientiert und unfähig zu lügen. Unmöglich? Nicht in Empyrea, einer menschlichen Kolonie in den Weiten des Alls. Doch hinter den vorbildlichen Staatsmännern verbirgt sich ein gefährliches Geheimnis, und das feindliche Imperium der Pax ist entschlossen, dieses zu ergründen und Empyrea notfalls unschädlich zu machen.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die Engel, geläuterte Menschen und der Angriff der Neider“68

Science-Fiction-Rezension von Carsten Kuhr

Stellen Sie sich vor, dass es etwas geben würde, das die Menschen dazu verleitet, friedlich und ehrlich zu handeln. Ein Etwas, nennen wir es Engel, das aus Verbrechern, Politikern (ich weiß, der Unterschied ist allenfalls marginal) und Wirtschaftsbossen plötzlich verantwortungsbewusste Mitglieder der Gesellschaft machen würde, die zum Wohle aller handeln würden. Timothy Zahn hat diese Idee aufgegriffen und in einen faszinierenden Roman umgesetzt.

Aus einem schwarzen Loch in der Nähe der ehemaligen menschlichen Kolonien, die sich zum Empyreanischen Reich zusammengeschlossen haben, werden subatomare Teilchen ausgestoßen, die seit rund 20 Jahren als kleine Engelanhänger den wichtigsten Amtsträgern der Planeten verliehen werden. Neben den Schürfschiffen, die auf Engelfang gehen, hat sich auch auf den Planeten ein ganzer Forschungszweig rund um die Engel gebildet. Eine der Theorien der Forscher ist die Hypothese, dass es sich bei diesen um Gestalt gewordene Elemente des kosmisch Guten handeln würde.

Das sehen aber beileibe nicht alle Menschen so. In räumlicher Nähe liegt das Pax Imperium, ein Sternenreich, das, von einer merkantilen Schattenregierung geführt, sich ganz dem Profit verschrieben hat. Nur zu gerne würde man sich, notfalls auch gewaltsam, das Empyreanische Gebiet einverleiben. Als Rechtfertigung unterstellt man, dass die Engel eine raffinierte Invasion von Aliens seien, die die Bewohner der Planeten unterjochen sollen.

So wird eine Mission gestartet, in der nicht nur das mächtigste Kriegsschiff des Pax Reiches involviert ist, sondern mit Kosta ein Wissenschaftler als Spion in das Engel-Institut auf Seraph eingeschleust wird. Schon auf dem Weg zum Institut lernt unser etwas gehemmter Spion wider Willen die 16-jährige Chandris kennen, die als Diebin und Betrügerin versucht über die Runden zu kommen. Als ihre Hochstapelei auffliegt und man sie vom Raumschiff eskortiert, verhilft ihr Kosta unfreiwillig zur Flucht. Später stoßen die beiden an Bord eines der Schiffe, die die Engel „ernten“, wieder aufeinander. Dritter im Fokus ist der Hohe Senator Forsythe, der sich insgeheim gegen die Beeinflussung der Menschen auf seinem Planeten durch die Engel stellt. In seinem Auftrag soll Kosta weitere Daten sammeln und dem Rätsel um die subatomaren Teichen auf die Spur kommen …

Interessante Ideen und Gestalten, aber auch logische Brüche

Timothy Zahn ist dem Leser insbesondere durch seine Star-Wars-Trilogie bekannt geworden. Bei uns kennt man ihn zudem als Autor spannungsgelandener Space Operas, wie etwa der Blackcollar-Trilogie. Vorliegender Roman bedient sich zwar der Elemente einer Space Opera, setzt dann aber doch andere, frische Akzente und Schwerpunkte. Nicht etwa die gewaltsame Auseinandersetzung verfeindeter Raumflotten oder aggressive Alien-Invasionen werden thematisiert, sondern das Rätsel um die beeinflussenden Ausstöße aus dem Schwarzen Loch stehen im Zentrum des Interesses.

Der Gedanke, was wäre, wenn es wirklich etwas geben würde, das das Beste im Menschen oder zumindest das, was gemeinhin dafür gehalten wird, unterstützen, Habgier, Neid und Unredlichkeit unterdrücken würde, ist schon verlockend. Ein Leben in Friede, Freude und Wohlstand, ein wahres Elysium zeichnet sich ab – oder vielleicht doch nicht? Das Spiel mit dem „was wäre wenn“ und dessen Zweifel birgt nicht nur Denkansätze zuhauf, sondern auch faszinierende Ideen.

Daneben gelingt es dem Autor, seine Leser auch durch seine markanten Charaktere an die Seiten zu fesseln. Das sind unterschiedliche Menschen mit ganz eigenen Wünschen, Antrieben und Träumen. Sie agieren in ihrer jeweils beschriebenen Persönlichkeit überzeugend, entwickeln sich fort und bieten dem Leser Ecken und Kanten, die sie interessant machen.

Kosta etwa ist fasziniert von den Erkenntnissen, auf die er stößt, fürchtet aber gleichzeitig permanent entdeckt zu werden. Oder der Senator, der einsam und allein gegen die Übermacht der Engels-Gläubigen Kollegen antritt. Chandris schließlich ist aufbrausend, emotional überbrodelnd und durchtrieben – dabei aber auch allein und verlassen. Fast wichtiger noch sind Nebenfiguren, wie etwa das Geschwisterpaar, das Chandris auf ihrem Raumschiff aufnimmt, oder der taube, geistig etwas zurückgebliebene Ronyon, der von Forsythe protegiert wird. Sie hinterfüttern nicht nur die Handlung, sondern tragen auch zur überzeugenden Ausgestaltung der Protagonisten bei.

Natürlich gibt es Schwächen in der Handlung – etwa Chandris´ Fähigkeit, sich innerhalb von Tagen selbst das Fliegen eines Raumschiffen beizubringen, die stereotype Darstellung der gierigen Adjustoren, der geheimen Herrscher der Pax oder der Engel-Gläubigkeit vieler der Forscher. In diesen Szenen stockt der Fluß der Handlung immer wieder ein wenig, nimmt die innere Überzeugungskraft des Romans, auch durch das zu häufige Bemühen des Zufalls durch den Verfasser, ab. Insgesamt aber hält der Roman interessante Ideen für den Leser bereit, die abseits von Kanonendonner zu faszinieren wissen.

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