Die Ruhe nach dem Tod von Tobias Bachmann

Buchvorstellungund Rezension

Die Ruhe nach dem Tod von Tobias Bachmann

Originalausgabe erschienen 2003, 257 Seiten.ISBN 3931164497.

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In Kürze:

"Und warum – in Gottes Namen – bin ich am Leben?” Als letzter lebender Mensch stellt man sich diese Frage nur allzu oft: Morgens, nach dem Aufstehen, wenn man aus dem Fenster sieht, und der gewohnte Lärm der Stadt nicht an die Ohren dringt; Mittags, wenn die Strahlen der warmen Herbstsonne auf die Leichenberge der Straßen scheinen; Abends, bei der dritten Flasche Rotwein, die man trinkt, damit der Gestank der Verwesung nicht mehr so intensiv wirkt; Und Nachts, beim verstörenden Versuch, als einziger Überlebender einer unbekannten Katastrophe, Schlaf zu finden.

Dem Wahnsinn nahe, versucht Ben Carter sein Leben nach dem Tod neu zu ordnen. Als er Beweise dafür findet, dass eine obskure Geheimgesellschaft die Vernichtung der Menschheit akribisch genau geplant zu haben scheint, macht er sich auf die Suche nach den geistigen Führern dieser Mördertruppe, die sich aus politischen und wirtschaftlichen Führungskräften der gesamten Welt zusammensetzt, und entdeckt dabei das Geheimnis seines eigenen Todes, der in Kürze bevorsteht, und doch bereits geschehen ist.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Zum Heulen“23

Science-Fiction-Rezension von Jochen König

Eigentlich schien es nach der kläglichen Kurzgeschichten-Sammlung „Kaleidoskop der Seele“ nicht zwingend notwendig, noch einmal ein Buch von Tobias Bachmann kritisch zu begutachten, aber die teils euphorischen Rezensionen Elmar Hubers machen neugierig, ob die trostlose „Kaleidoskop“-Retrospektive nicht nur einen bedauerlichen Ausrutscher in Bachmanns Bibliographie darstellte. Sozusagen ein in die Hose gegangenes Gesellenstück.

Das Positive zuerst: „Die Ruhe nach dem Tod“ ist tatsächlich besser als der Erzählungsband. Damit hat es sich aber auch schon, denn ein guter Roman ist das Buch noch lange nicht.

Der Polizist Ben Carter erwacht eines Morgens und stellt fest, dass er augenscheinlich der letzte lebende Mensch auf Erden ist. Verwesende Leichen pflastern die Straßen, sämtliche Tiere sind verschwunden, es herrscht tödliche Ruhe im Vereinigten Königreich. Carter arrangiert sich erstaunlich schnell mit der außergewöhnlichen Situation, klaut zusammen, was er braucht; hört Jazz, flucht über das verderbliche Fernsehprogramm vergangener Tage, hat ein wenig Sex mit seiner toten Ex und macht einen Ausflug nach London. Dort wird ihm ziemlich schnell klar, dass es mit der titelgebenden Ruhe wenig auf sich hat. Er trifft nämlich weitere Überlebende, findet heraus, dass für das Ende der bekannten Welt möglicherweise die mächtige, im Untergrund wirkende Mephisto-Organisation verantwortlich ist, dass aber auch eine Gegenbewegung existiert, die sich dem geheimnisvollen „Salomon“ angeschlossen hat.

Und was zuerst wie ein eindeutiges Endzeitszenario erscheint, entpuppt sich als wilde Reise durch verschiedene Zeiten, Dimensionen und Zwischenreiche. Am Ende schaut noch Nyarlathothep vorbei, eine der fiesesten Gottheiten aus dem Cthulhu-Universum des H.P. Lovecraft, ohne die Tobias Bachmann offenbar nicht auskommt.

Heidewitzka Herr Kapitän, hier geht es rund und die nächste Fahrt rückwärts kostet nur die Hälfte. Klingt spannend, wild und ungemütlich? Keine Bange, nichts davon trifft zu.

Zwar gelingen Bachmann ein paar stimmungsvolle Szenen, vor allem die wenigen Seiten um den Menschen ausstopfenden und zu fleischigen Spielpuppen verarbeitenden Tom Taylor haben Potenzial, das Bachmann aber allein aufgrund seiner beschränkten – und teilweise gar nicht vorhandenen – sprachlichen Kompetenz nahezu ungenutzt verpuffen lässt. Selbst wenn man die Rechtschreibfehler außen vor lässt – mein Liebling ist die „wage Vermutung“ – bleibt ein wüstes stilistisches Konglomerat übrig, das sich zwischen schludriger Alltagssprache und verquaster Altertümelei hilflos im selbst erschaffenen inhaltlichen Gestrüpp verirrt. Dazu gehört auch der häufige Missbrauch aller Formen von „welcher“ und „dieser“ als wenig elegante Relativpronomen.

Und mal wieder bleibt kein Auge trocken, wenn sich Carter „kurzweilig“ verläuft (gemeint ist wohl „kurzzeitig“), ununterbrochener Regen mit Pausen fällt, oder eine „Astralperson“ mit „fiktiven Substanzen versorgt“ wird. Gar lieblich wird es, wenn Carter und sein Wonneproppen von heimtückischer Geliebten „zueinander finden“. Fast jede Seite lenkt den aufmerksamen Leser mit irgendeiner vermurksten Wendung, einem unstimmigen Symbolismus ab. Weitere Beispiele gefällig? „Er wurde wie ein Hase durch Raum und Zeit gehetzt [welcher Hase wird das nicht?] und alles war so …unfassbar.“ Ähnlich komplex sind sämtliche Erläuterungen, die Bachmanns ko(s)misches Zeit- und Raumparadoxon behandeln. Er nimmt es nicht einmal als solches wahr. Wie wild wird zwischen den Dimensionen und Zeiten hin- und her gependelt, man kann sich selbst „Guten Tag“ sagen, aber alles bleibt locker und flockig, denn irgendwann wird das Buch zu seinem Ende finden, egal wie oft Zeit und Raum bereits kollabiert sind. Da passt es „wie die berühmte Faust auf’s Auge“, dass Bachmann auch grammatikalisch durch Tempora springt, als gäbe es kein Morgen mehr; eben noch im Präteritum, holpert’s für ein paar Zeilen in die Gegenwart, wen interessieren solche Kleinigkeiten wie Zeitenfolgen schon? Uns fällt es jedenfalls wie „Schuppen aus dem Goldfischglas“, dass der Autor den Unterschied zwischen Komik und platter Albernheit nicht kennt, Spannung dank der umständlichen Beschreibungen partout nicht aufkommen will, und es bestenfalls abenteuerlich wird, wenn er in Erklärungsnot gerät. So heißt es an bedeutungsvoller Stelle: „Nüchtern betrachtet, eine ganz normale Horrorerzählung wie sie wohl Mary Shelley, die berühmte Autorin von Frankenstein hätte verfassen mögen. Dennoch war sie realistischer und glaubhafter formuliert als alles, was Carter bisher Derartiges gelesen hatte.“ Nicht nur vermessen, dass Bachmann sich literarisch mit Mary Shelley in einer Reihe sieht, auch ist der vorangegangene „realistische und glaubhafte“ Text nicht mehr als eine Notiz aus des Zombies Poesiealbum.

Dass das Eingangsszenario eine schlichte Kopie von Richard C. Mathesons „I Am Legend“ ist – geschenkt, es gibt schlechtere Vorbilder, die man beleihen kann. Dass Bachmann dies mit einer kaum zu unterbietenden gedanklichen Inkontinenz betreibt, wiegt schon schwerer. Wieso gibt es nach Wochen, in denen sich Carter alleine wähnt, überall noch Elektrizität? Warum sind alle Tiere vom Erdboden verschwunden, obwohl es Mephisto schlichtweg nur darum geht, die Menschheit auszurotten? Wohlgemerkt, um sie davor zu bewahren dummes Zeug anzustellen! Wer jetzt denkt, „Die Ruhe nach dem Tod“ sei eine Satire, der irrt.

Überhaupt „Mephisto“ (Erklärung: alle Superschurken brauchen ein cooles Pseudonym!) – muss Bachmann auch noch den gebeutelten Johann Wolfgang von Goethe belästigen? Reicht es nicht, dass der arme Howard Phillips Lovecraft schon mit unglaublichen Umdrehungszahlen in seinem Grab rotiert? Selbst bei einer Kleinigkeit wie Namensgebung steht Bachmann lieber knietief im Klischee, als den eigenen Erfindungsgeist spielen zu lassen.

Bleibt die Frage: wer ist dieser Tobias Bachmann, der die an anderer Stelle hervorragend besprochenen Bücher verfasst? Ein Klon, ein begabter Namensvetter aus der Dimension schräg gegenüber? Der vorliegende Sprachpanscher, der Kurzgeschichten und Romane gnadenlos nieder metzelt, kann es beim besten Willen nicht sein.

Aber DIESEM Tobias Bachmann gebührt noch ein Zitat zum Schluss, welches den Zustand des Rezensenten während des Lesens trefflich beschreibt: „Statt Erbrochenem kamen Tränen.“

Wenigstens hier trifft der Autor einmal voll ins Schwarze: es gibt Literatur, die einfach nur zum Heulen ist.

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