Der Schläfer in der Wüste von Tom Holland

Buchvorstellungund Rezension

Der Schläfer in der Wüste von Tom Holland

Originalausgabe erschienen 1998unter dem Titel „The Sleeper in the Sands“,deutsche Ausgabe erstmals 1999, 446 Seiten.ISBN 3-548-25549-3.Übersetzung ins Deutsche von Wolfdietrich Mueller.

»Der Schläfer in der Wüste« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

In Kürze:

Ägypten 1922, im Tal der Könige: Howard Carter entdeckt das Grab des Tutenchamun, versiegelt und mit einem grauenhaften Fluch belegt. Welches tödliche Geheimnis birgt dieses Grab? Hängt es mit jenem düsteren Geheimkult zusammen, von dem Carter aus einem uralten arabischen Manuskript erfahren hat und der bis in die Zeit des »Ketzerkönigs« Echnaton zurückreicht?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Grauen aus dem Himmel statt Tod durch Schimmel“85

Mystery-Rezension von Michael Drewniok

Im November des Jahres 1922 glückt dem britischen Archäologen Howard Carter im ägyptischen Tal der Könige eine Jahrhundert-Entdeckung: Er findet das Grab des Pharaos Tutenchamun, und es birst vor Schätzen einer seit Äonen versunkenen Kultur. Doch in die Freude mischt sich Sorge. Carter hat sich lange mit der Geschichte des Tutenchamun und seiner seltsamen Familie beschäftigt. Viele Fragen blieben offen. Wieso zeigen Bildnisse Tutenchamuns Vater Echnaton als grotesk verformte Kreatur mit Elefantenmensch-Schädel, Trommelwanst und spindeldürren Gliedmaßen?

In die Geschichte ging Echnaton als „Ketzerkönig“ ein, der mit der Religion seiner Vorfahren brach und einen neuen Sonnenkult ins Leben rief. Dazu könnte er gute Gründe gehabt haben, wie Carter inzwischen weiß. Vor Jahren spielte man ihm ein uraltes Manuskript zu. Harun al-Vachel, Berater und Kriegsherr des wahnsinnigen Kalifen Al-Hakim, der mehr als zweieinhalb Jahrtausende nach den Pharaonen über Ägypten herrschte, berichtete darin von seinem Feldzug gegen die von Geistern und Ghulen bevölkerte Stadt Lilatt-eh und seine verhängnisvolle Ehe mit der Sklavin Leilat, hinter der sich eine vampirische, unsterbliche Dämonin verbarg. Sie kam vor Urzeiten als Göttin Isis mit den „Göttern“ Osiris und Seth von den Sternen auf diese Erde.

Die drei außerirdischen, mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten Wesen vermischten sich mit den Menschen und begründeten die altägyptische Hochkultur. Freilich zahlten diese Nachfahren der Götter einen hohen Preis: Weil sich Mensch und Alien nur bedingt kreuzen lassen, verwandelten sie sich in Zerrbilder ihrer Ahnen und schließlich in lebendige Leichname, die nach dem Blut ihrer Untertanen gierten und daher in schwer gesicherten Pharaonen-„Gräbern“ eingesperrt werden mussten, wo sie zu Staub zerfielen.

Doch den Pharao-Vampir Tutenchamun haben die Hohen Priester zu sorgsam verborgen. Er wurde nie gefunden und „schlief“ – bis Howard Carter, der zu spät über „abergläubische Legenden“ nachdenkt, sich daran machte, die mehr als 3000 hungrigen Jahren ungeöffnete Grabkammer aufzubrechen …

Vampir-Alien statt profaner Schimmel

„Der Tod wird auf raschen Schwingen zu jenem kommen, der das Grab des Pharaos anrührt.“

So lautet die Inschrift auf einem Siegel, das Howard Carter angeblich 1922 in der Gruft des Tutenchamun fand. Er und seine Gefährten ignorierten diese Warnung, und in der Folgezeit starben die meisten einen schrecklichen Tod. Eine tolle Geschichte, die allerdings einen kapitalen Schönheitsfehler aufweist: Sie ist von A bis Z erfunden. Nichtsdestotrotz wird sie auch heute noch fleißig erzählt, denn sie klingt gar zu schön, weshalb sich die meisten Zuhörer gar nicht die Frage stellen, was denn von einem Fluch zu halten ist, der ausgerechnet den Hauptschuldigen verschont: Carter lebte bei bester Gesundheit bis 1939. Der „Fluch“ bestand aus einer Kette willkürlich miteinander in Relation gebrachter Zufälle sowie aus alten aber weiterhin virulenten Schimmelsporen, die in besagter Grabkammer lauerten.

Tom Holland, erzählerisches Multitalent aus London, nutzt den imaginären Fluch auf die bestmögliche Weise: Er spinnt ein fabelhaftes Garn daraus, in das er kundig eine ganze Reihe weiterer Rätsel einknüpft, die sich quasi automatisch ergeben, wenn man eine Kultur zu enträtseln versucht, die schon vor dreieinhalb Jahrtausenden untergegangen ist.

Die simple Wahrheit hinter dem Mysterium ist in einem Roman glücklicherweise irrelevant. Daher ist es nicht nur statthaft, sondern auch klug ausgedacht, Echnatons groteske Bildnisse nicht als Produkte einer bizarren und recht kurzlebigen Kunstmode zu betrachten, sondern sie für bare Münze zu nehmen und ihre Ähnlichkeit mit jenen ungelenken Phantom-Zeichnungen zu nutzen, die nach den wirrköpfigen Aussagen ebensolcher „Zeugen“ außerirdische Besucher bei ihrem unguten Tun auf der Erde zeigen.

Grusel-Historien-Drama auf drei Zeitebenen

Wie es sich für eine zünftige X-Akte ziemt, arbeitet Holland vor allem mit Andeutungen. Interessant ist dabei seine Entscheidung, den beiden zentralen Zeitebenen – Ägypten um 1350 v. Chr. bzw. 1922 – eine dritte hinzuzufügen. Ägypten wurde um 1000 n. Chr. von muslimischen Arabern regiert, die selbst über einen überaus reichen Legendenschatz verfügten, aus dem sich Holland großzügig bedient; vor allem sind da die berühmten „Geschichten aus 1001 Nacht“ zu nennen.

Interessant ist auch die für einen Unterhaltungsroman recht komplexe Struktur. Holland erzählt seine Geschichte quasi rückwärts. Er beginnt im frühen 20. Jahrhundert und lässt dann immer ältere Zeugen sprechen. Das funktioniert ganz ausgezeichnet, weil Holland gleichzeitig den sprachlichen Duktus der jeweiligen Epoche imitiert. (An dieser Stelle ein Lob an den Übersetzer, der dies ins Deutsche retten konnte.) Das Treiben der gestrandeten Außerirdischen und ihrer Nachfahren lernen wir dadurch aus zweiter Hand, d. h. gefiltert durch den Wissensstand, die Irrtümer und die Vorurteile früherer Jahrhunderte kennen.

Geschickt entzieht sich Holland auf diese Weise der Verpflichtung, das Grauen beim Namen zu nennen und es dadurch zu entzaubern. Anders ausgedrückt: Das Wort „Außerirdische“ fällt in Der Schläfer in der Wüste an keiner Stelle. Der Verfasser liefert nur gewisse Assoziationen, die sich seine Leser selbst zusammensetzen müssen.

Blick aus dem Augenwinkel

Bemerkenswert ist das hochspannende und elegante Finale, das Holland durch einen Kunstgriff möglich macht. Da haben wir zum einen die Enthüllungen, die uns zuteilwerden, nachdem die Geschichte endlich bis in die Echnaton-Ära vor- bzw. zurückgestoßen ist. Nur mit diesem Vorwissen gewinnt das nun wieder im 20. Jahrhundert spielende letzte Kapitel seine Dynamik.

Wer oder was nun als berüchtigter Pharonen-Fluch dem Grab des Tutenchamum entschlüpft, wird von Holland ebenfalls mit keiner Silbe verraten. Alles geschieht praktisch außerhalb unseres Sichtfeldes. Aber wenn wir die der Graböffnung vorangegangenen 400 Seiten aufgepasst haben, wissen wir doch, was da im Verborgenen geschieht – und gründlich gelesen haben wir, dafür hat Tom Holland gesorgt!

Ihre Meinung zu »Tom Holland: Der Schläfer in der Wüste«

Ihr Kommentar zu Der Schläfer in der Wüste

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.