Über Tom Shippeys Der Weg nach Mittelerde

Tom Shippeys detailreiche Aufsatzsammlung zu den Wurzeln von Mittelerde ist endlich auch in deutscher Sprache erhältlich. Wer sich tiefgehender mit Der Herr der Ringe und seiner Entstehungsgeschichte befassen will, kommt daran nicht vorbei.. Im Interview mit Phantastik-Couch.de erzählen Dr. Helmut W. Pesch und Prof. Thomas Honegger von der Bedeutung der Arbeit Shippeys.

Wurzel und Zweig

Der kleine, aber feine schweizerische Verlag Walking Tree Publishers publiziert in der Reihe Cormarë ausschließllich Sekundärtexte zu J.R R. Tolkien und seinem Werk. Im Jahr 2007 die Textsammlung Roots and Branches mit ausgewählten Schriften Tom Shippeys erschienen, die als ideale Ergänzung zu Der Weg nach Mittelerde gilt. Übrigens: Auch Frank Weinreich, der regelmäßig auf Phantastik-Couch.de Essays zum Thema Fantasy veröffentlicht, schreibt für Walking Tree Publishers.

In dem folgenden Interview stellt Marcel R. Bülles Prof. Thomas Honegger, einem der Herausgeber der Cormarë-Reihe, einige Fragen zu Shippey, der Aufsatzsammlung Roots and Branches sowie zum Verlag.

Phantastik-Couch: Herr Professor Honegger, Wie beurteilen sie die Bedeutung der Arbeit Tom Shippeys für die Tolkienforschung?

Prof. Thomas Honegger: Mit Tom Shippey haben wir das seltene Glück, einen Tolkienforscher zu haben, der sich „inside Philology“ befindet. Durch seine Studien- Lehr- und Forschungstätigkeit in Oxford und Leeds (und bis zu seiner Emeritierung in St. Louis) war er wie kaum ein zweiter mit den Texten und Sprachen aus erster Hand vertraut, die Tolkien ein Leben lang beruflich und auch menschlich faszinierten. Hinzu kommt, dass Tom Shippey glücklicherweise die weit verbreiteten Vorurteile seiner akademischen Kollegen gegenüber „nichtkanonischer“ (populärer) Literatur nicht teilt und deshalb wie kaum ein anderer auf Tolkiens Werk eingehen kann. Sein, aus meiner Sicht, grösster Verdienst ist es, dass er durch seine Bücher und Aufsätze dem modernen Menschen die aus den universitären Lehrplänen (leider) verschwundene Disziplin der Philologie – mitsamt der ihr eigenen „Weltanschauung“ – auf packende Weise verständlich macht. Nicht weniger wichtig ist jedoch auch sein Beitrag zur Neueinschätzung Tolkiens als ein Autor der Moderne (siehe sein Autor des Jahrhunderts). Tom Shippey war und ist ein unerschrockener Grenzgänger, der der Tolkienforschung zentrale Impulse verlieh und wesentlich zu ihrer Etablierung als international anerkannte Studienrichtung beigetragen hat.

Phantastik-Couch: Was macht WTP als Verlag und wie kamen sie zur Publikation der Aufsatzsammlung?

Thomas Honegger

Thomas Honegger ist ein „;Spätberufener“; – relativ gesprochen. Während seine Mitschüler „;Der Herr der Ringe“; bereits mit 15 oder 16 Jahren verschlangen, hat er sich erst mit 20 Jahren an Tolkiens opus magnum herangewagt. Ein Jahr später (1986) war er dann allerdings bereits als Gründungsmitglied der Swiss Tolkien Society dabei, wo er bis 1998 im Vorstand tätig war. Nach dem Studium der Anglistik und Germanistik in Zürich arbeitete er als Assistent am Englischen Seminar der Uni Zürich und promovierte über die Tiere in der mittelalterlichen Literatur (1996). Die Habilitation (2001) untersuchte Liebesdialoge im Mittelalter. Daneben hat er mehrere Bände mit (englischsprachigen) Aufsätzen zu Tolkien ediert und ist im Herausgebergremium der Walking Tree Publishers aktiv. Seit April 2001 unterrichtet er an der Friedrich-Schiller Universität in Jena, wo er die Professur für englische Mediävistik innehat, was ihm erlaubt, seine Begeisterung für Tolkien und das Mittelalter mit seinen Studierenden zu teilen.

Prof. Thomas Honegger: Walking Tree Publishers wurden 1997 gegründet, um dem damals sehr zarten Pflänzchen der Tolkienforschung eine englischsprachige Publikationsplattform zu bieten. Da die allermeisten Verlage in Kontinentaleuropa für wissenschaftliche Veröffentlichungen nicht unerhebliche Zuschüsse verlangen (der Autor muss also für die Veröffentlichung seiner Arbeit auch bei angesehenen Häusern bezahlen), sahen wir die Notwendigkeit eines nicht-kommerziellen Verlags, der Studien aus der Tolkienforschung unentgeltlich publiziert. Aus den bescheidenen Anfängen wuchs ein im Grundsatz immer noch nicht-kommerzieller, aber ansonsten immer professioneller auftretender Verlag mit internationalen Kontakten, der oftmals das Glück hatte, aufstrebenden Autoren (z.B. Patrick Curry) in seinen thematischen Sammelbänden eine erste Veröffentlichungsmöglichkeit zu bieten.

Phantastik-Couch: Was enthält sie, was über Road to Middle-earth hinausgeht?

Prof. Thomas Honegger: Für mich persönlich war Tom Shippey schon immer ein ‘Wunschautor', den ich als Serienherausgeber gerne bei WTP gesehen hätte. Den konkreten Anlass für die Arbeit an dem Shippey-Sammelband war die Absicht, seine oftmals nur schwer zugänglichen Aufsätze leicht greifbar zu haben. Auf der 2005 Konferenz in Birmingham unterbreitete WTP deshalb Tom Shippey den Plan, einen solchen Band zu gestalten – eine Idee, die er enthusiastisch aufgriff und sich mit grossem Elan an die Auswahl, Bearbeitung und Überarbeitung der Aufsätze und Vorträge machte. Zwar wird der Leser des Sammelbandes viele der Themen von der Road to Middle-earth her kennen, doch bietet ein Aufsatz mehr Raum zur fokussierten und detaillierten Ausarbeitung eines ausgewählten Aspekts. Viele der Aufsätze sind nach Road entstanden und stellen somit Tom Shippeys Weiter- und Fortentwicklung seiner Gedanken dar. Und sieht man vom Inhalt einmal ab – die Aufsätze von Tom Shippey zeichnen sich durch eine strukturelle und rhetorische Brillianz aus, die auch ein mehrmaliges Lesen (als Korrekturleser des Bandes weiss ich, wovon ich spreche) zu einem intellektuellen Vergnügen werden lassen.

Phantastik-Couch: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Honegger!

Anmerkungen zu Tom Shippeys Der Weg nach Mittelerde

Tom Shippeys detailreiche Aufsatzsammlung zu den Wurzeln von Mittelerde ist endlich auch in deutscher Sprache erhältlich. Übersetzt von Dr. Helmut W. Pesch, veröffentlicht der Klett-Cotta-Verlag in seiner Hobbit Presse jetzt dieses wichtige Standardwerk. Wer sich tiefgehender mit Der Herr der Ringe und seiner Entstehungsgeschichte befassen will, kommt daran nicht vorbei. Für eingefleischte Fans ist es eine Fundgrube luzider Erkenntnisee.

Für Phantastik-Couch.de hat Marcel R. Bülles, Vorsitzender der Deutschen Tolkien Gesellschaft, Dr. Helmut W. Pesch nach den Herausforderungen befragt, die die Übersetzung mit sich brachte.

Phantastik-Couch: Herr Dr. Pesch, bitte erläutern sie für den interessierten Tolkienfan, warum er sich dieses Buch ins Regal stellten sollte – vor allem in Anbetracht der Tatsache, daß die erste Ausgabe bereits vor über fünfundzwanzig Jahren erschienen ist.

Dr. Helmut W. Pesch

Geboren am 30.8.1952 in Mönchengladbach und aufgewachsen in Kevelaer am Niederrhein. Abitur, Zivildienst, dann Studium der Anglistik, Kunstgeschichte und klass. Archäologie in Köln und Glasgow. 1981 Promotion zum Dr. phil. mit der ersten deutschsprachigen Studie über Fantasy-Literatur: Fantasy: Theorie und Geschichte einer literarischen Gattung. Vor allem in diesem Genre bekannt als Illustrator (DRAGON), Kartenzeichner (MYTHOR, Karten zu den Romanen von David Eddings u. a.), Übersetzer (E. R. Eddison: Der Wurm Ouroboros; J.R.R. Tolkien: Die Kinder Húrins) und Autor.

Sein besonderes Interesse gilt dem Werk J.R.R. Tolkiens, zu dem er eine umfangreiche Sammlung besitzt. Zu diesem Autor hat er eine kritische Anthologie, J.R.R. Tolkien: Der Mythenschöpfer (1984) und einen Band mit eigenen Aufsätzen und Vorträgen, Das Licht von Mittelerde (1994), herausgegeben. Weitere Werke: Das große Mittelerde-Lexikon (2002) von Robert Foster; Elbisch – Grammatik, Schrift und Wörterbuch der Elben-Sprache (2003).

Nach einigen Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität zu Köln (im Bereich Englische Sprache und deren Didaktik) ist er seit 1984 zunächst Redakteur für SF und Fantasy, dann Lektor für Belletristik in der Verlagsgruppe Lübbe und hat dort Bücher von Autoren wie Ken Follett, David Baldacci, David Eddings, Diana L. Paxson, Andreas Eschbach, Wolfgang Hohlbein und Johannes K. Soyener betreut.

Dr. Helmut W. Pesch: Ich habe über 200 Bücher über Tolkien und Fantasy im Regal stehen, diverse Ausgaben und Bildbände nicht mitgerechnet, aber wenn es wirklich ein Buch gibt, das essenziell ist, dann ist es der „alte“ Shippey. Einige von seinen Argumenten sind den deutschen Lesern vielleicht schon aus „J.R.R. Tolkien: Autor des Jahrhunderts“ bekannt, aber das ist ein Thesenbuch. „Der Weg nach Mittelerde“ ist eine umfassende Studie, vielleicht DIE grundlegende Studie zu Tolkien überhaupt. Als ich sie seinerzeit das erste Mal las, war es für mich ein Augenöffner. Hier schrieb jemand, der wirklich eine Idee davon hatte, wie Tolkien „getickt“ hatte. Shippey war natürlich in einer privilegierten Position: Professor in Leeds, auf einen Lehrstuhl, den Tolkien selbst innegehabt hat, bevor er nach Oxford ging, ein Fachkollege der jüngeren Generation, der dieselben Texte studiert hatte wie der Meister selbst. Es ist so viel in Tolkien hineininterpretiert worden Shippey zumindest kann sagen: Ich weiß, was er wirklich gelesen hat und woher seine Bilder kommen. Gerade bei der Interpretation der kleineren, allegorischen Werke – und sie sind allegorisch, wie niemand sonst so deutlich herausgestellt hat – in Verbindung mit dem „Herrn der Ringe“ zeigt er Hintergründe auf, die sonst keiner kennt. Und was Shippey zeigt, ist das Lebensgefühl von Tolkien als Vertreter einer akademischen Disziplin, die damals im Niedergang war, und der sich nicht anders zu helfen wusste, als in die Fiktion auszuweichen, um das zu sagen, was er nicht lehren konnte. Und der trotzdem am Ende nahezu verzweifelte.

Das Buch ist erstmals 1982 nach dem Erscheinen des Silmarillion, aber vor den gesamten Manuskripteditionen (The History of Middle-earth etc.) veröffentlicht worden. Shippey sagt selbst im Vorwort, er habe Glück gehabt, dass sich seine Deutungen im Wesentlichen bestätigt hätten, aber das zeigt auch die Qualität des Buches. Die ergänzenden Kapitel der zweiten und dritten Ausgabe (auf der der deutsche Text beruht) sind genau das: Ergänzungen, nicht mehr und nicht weniger. Das gilt auch für den Anhang zur Verfilmung.

Phantastik-Couch: Für welchen Leser ist dieses Buch interessant?

Dr. Helmut W. Pesch: Nach wie vor gilt: Wer ein Gefühl dafür bekommen will, was Tolkien wirklich gedacht hat, sollte dieses Buch lesen, und wer sich ernsthaft mit Tolkien beschäftigen will, kommt an Shippey nicht vorbei. Es ist Basislektüre für jedes Seminar zum Thema. Die englische Ausgabe ist in der Tat etwas für Anglisten, denn wer kann heute noch Alt- und Mittelenglisch lesen, von Altnordisch (oder auch Latein und Griechisch) ganz zu schweigen? Zwar wird das Meiste übersetzt, aber ein Mitdenken in der Begrifflichkeit der Sprache ist schon erforderlich, und da reicht das Schulenglisch nicht aus.

Ansonsten gilt auch bei der Lektüre literarischer Werke wie „Der Herr der Ringe“: Man sieht nur, was man weiß. Selbst der „normale“ Leser, der mit Literaturwissenschaft nichts am Hut hat, wird nach der Lektüre von Shippey Tolkien mit anderen Augen lesen. Mein Lieblingsbeispiel ist das mit der Straße: Es gibt im Herrn der Ringe das Lied, das beginnt „Die Straße gleitet fort und fort ...“, welches Bilbo und später Frodo singt, und Shippey sagt: Es mag absurd klingen, aber ich weiß, welche Straße gemeint ist. Es gibt nämlich nur zwei Römerstraßen in der Umgebung von Oxford, und zu der einen hatte Tolkien eine besondere Beziehung. Gerade das Englische an Tolkiens Welt, die Parallelen zum Auenland und zum Kleinen Königreich, kann nur ein Engländer richtig herausarbeiten.

Auch die Ausführungen zur Verfilmung, mit der das Buch schließt, sind lesenswert: Die meisten Fans lieben die Filme (ich auch), und Shippey versucht zu zeigen, was Jackson dabei gut gemacht hat, auch wenn er es anders gemacht hat als Tolkien. Darüber lässt sich auch herrlich streiten.

Phantastik-Couch: Welche Probleme ergaben sich bei der Übersetzung? Auf welche Materialien und deutsche Ausgaben haben sie sich bezogen?

Dr. Helmut W. Pesch: Als mich seinerzeit Hannes Riffel, Herausgeber der „Hobbit Presse“ bei Klett Cotta, fragte, ob ich Interesse hätte, The Road to Middle-earth zu übersetzen, fühlte ich mich natürlich geehrt. Es war eines jener Angebote, die man nicht ausschlagen kann. Ich hatte darüber hinaus eine immense Hochachtung vor Shippeys Werk: das erste vernünftige Buch über Tolkien, das es je gegeben hatte. Ich hatte das Gefühl, viel von dem, was ich mir als Student, Übersetzer und Tolkien-Experte an Fähigkeiten angeeignet hatte, lief geradezu darauf hinaus, genau dieses Buch zu übersetzen. Dennoch war ich gegen Ende, anderthalb Jahre später (mit dem ungeplanten Zwischenspiel der Kinder Húrins), ziemlich am Limit meines Könnens.

Es war nicht mal so sehr das Alt- und Mittelenglisch; das war zu meinem eigenen Erstaunen noch ziemlich präsent, und ich konnte es ja alles von Experten gegenchecken lassen (was diese auch großzügig getan haben). Das Problem waren die deutschen Ausgaben. Schon beim ersten Zitat, das ich überprüfte (aus den „Briefen“), stellte ich fest, dass die Übersetzung schlichtweg falsch war. Jeder weiß, dass es vom Hobbit und vom „Herrn der Ringe“ jeweils zwei Übersetzungen gibt. Keine davon ist wirklich gut. Keine davon war brauchbar. Um ein Beispiel zu nehmen: Als die Reiter von Rohan vor Minas Tirith erscheinen, hört man den Schall von „horns wildly blowing“. Shippey lässt sich über das Element der „Wildheit“ aus – nur, das Wort „wild“ kommt weder bei Krege noch bei Carroux vor! Also habe ich mich durchgewurstelt, alles miteinander verglichen, alle – zum großen Teil nicht belegten (!) – Zitate gefunden und irgendwann eine deutsche Version synthetisiert. Es gibt jetzt im Anhang eine Konkordanz, in der für alle Zitate aus dem „Herrn der Ringe“ Seitenzahlen von sechs verschiedenen Ausgaben aufgeführt sind. Alles doppelt überprüft, drei Seiten nur mit Zahlen.

Hinzu kam, dass es manchmal unerlässlich war, zwischen dem englischen und dem deutschen Wortlaut zu lavieren, weil es doch viel um die Herkunft bestimmter Worte ging, und ich hatte am Ende kein Gespür mehr dafür, was ich dem Leser an „Restenglisch“ zumuten konnte und was nicht. Ich hatte auch von Anfang an viel zu viel Respekt vor dem Originaltext, was einem erfahrenen Übersetzer eigentlich nicht passieren dürfte. Hier hat mir Rainer Nagel dankenswerterweise den Kopf gewaschen: Nach seinem detaillierten Kommentar („Dieser Satz sieht so aus, als wäre er gerne ein englischer geblieben“) habe ich meine „Endfassung“ noch mal überarbeitet und noch mal und selbst in den Druckfahnen noch Änderungen vorgenommen, wenn mir ein Satz nicht aussagekräftig genug erschien. Ich hoffe, es ist jetzt gut genug. Besser kann ich’s nicht.
Aber es war geil …

Phantastik-Couch: Danke für dieses Interview, Herr Dr. Pesch!