Lavinia von Ursula K. Le Guin

Buchvorstellungund Rezension

Lavinia von Ursula K. Le Guin

Originalausgabe erschienen 2009, 288 Seiten.ISBN 0156033682.

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Das meint Phantastik-Couch.de: „Eine Frau aus der Aeneis bekommt eine Stimme“90

Fantasy-Rezension von Almut Oetjen

König Latinus, Herrscher im vor-römischen Latium, wird prophezeit, dass seine Tochter, Prinzessin Lavinia, mit einem Fremden vermählt werden muss. Lavinia hat eine enge Bindung an ihren Vater, muss jedoch auf die Liebe ihrer Mutter Amata verzichten. Amata hat ihrer Tochter nie verziehen, dass sie eine Epidemie überlebt hat, der ihre beiden Söhne zum Opfer gefallen sind. Amata will ihren Neffen Turnus mit Lavinia verheiraten, der so zum Ersatz für die verlorenen Söhne werden soll. Als Aeneas und die Trojaner an der Küste Latiums eintreffen, hat niemand bis auf Amata Zweifel, wer der vom Orakel angekündigte Bräutigam ist.

Eine neue Perspektive auf die „römische Ilias“

Vergil erzählt in seiner „Aeneis“ eine römische Version der beiden wichtigsten epischen Werke der klassischen Antike. Sie beginnt mit einer „Odyssee“, der Suche überlebender Trojaner nach einer neuen Heimat. Sie endet mit einem Gegenstück der „Ilias“, in dem Lavinia als Kriegsgrund eine römische Version der homerischen Helena ist und eine unbedeutende Nebenfigur, die keinen Satz spricht. In Ursula Le Guins Roman wird sie zur Hauptfigur einer „Ilias“ aus weiblicher Sicht. Zuallererst ist dieser Roman kein Heldenepos. Die Autorin situiert ihre Handlung in einer primitiven Agrargesellschaft, die durch den Wechsel der Jahreszeiten bestimmt ist. Als in Latium der Krieg ausbricht, treffen nicht Heroen aufeinander. Vielmehr erleidet die friedliebende Gemeinschaft durch das Grauen einen tiefen Schock.

„Lavinia“ ist kein historischer Roman, in dem eine Frau sich durchboxt oder in dem eine Figur aus einem anderen Werk – Beispiele sind Valerie Martins „Im Haus des Dr. Jekyll“; Jean Rhys’ „Sargassomeer“; Geraldine Brooks’ „Auf freiem Feld“ – die Bilanz des Referenzwerks nachträglich verändert.

Le Guin platziert die Götter aus dem antiken Epos am Rand ihrer Erzählung und untersucht stattdessen die Motive und Folgen menschlichen Handelns. Lavinia empfindet keine Liebe, als sie Aeneas versprochen wird, den sie zum Zeitpunkt des Orakels noch gar nicht kennt. Sie sieht in dieser Ehe die Erfüllung ihres Schicksals und eine Möglichkeit, sich Turnus, dem Herrscher der Rutuler, zu entziehen, dem sie zutiefst misstraut. Bei Vergil ist der Amata bestimmende Einfluss die wütende Göttin Juno, bei Le Guin wird sie zwar auch genannt, aber wichtiger ist eine psychologische Begründung für Amatas Bestehen auf Turnus als Schwiegersohn.

Eine Frau auf der Suche nach einem Autor

Lavinia ist sich ihrer Fiktionalität bewusst und sieht ihre eigene Geschichte als Ergänzung, vielleicht auch Vollendung, der Arbeit ihres Schöpfers Vergil.

„I’m not sure of the nature of my existence, and wonder to find myself writing. (...) As far as I know, it was my poet who gave me any reality at all.“

Lavinia trifft in Albunea, einem Hain des römischen Naturgottes Faunus, sogar auf einen geisterhaften Vergil, der für sie unbekannt ist und nur als „Poet“ angesprochen wird. Mit dem im Sterben liegenden Schriftsteller aus einer fernen Zukunft führt sie Gespräche über sein Epos, auch darüber, dass er so viel darin ausgelassen habe – manches sei gar fehlerhaft.

Die Begegnung zwischen dem Autor eines bekannten literarischen Werks und einer seiner Randfiguren nutzt Le Guin geschickt, um über die Aeneis und das Schreiben allgemein zu reflektieren, zu meditieren.

„Perhaps I did not do you justice …it’s all wrong. I will tell them to burn it.“

Manche Leser mögen die Welt Ursula Le Guins artifiziell finden, weil Lavinia sich ihrer Eigenschaft als literarische Kunstfigur bewusst ist. Aber wer metafiktionale Literatur mag, wird sich hieran nicht nur nicht stören, sondern die intelligente Herangehensweise Le Guins schätzen. In Momenten verlässt sich die Autorin vielleicht zu sehr auf Wiederholungen, besonders in den Dialogen, und die Erzählung gerät bisweilen etwas metaphernlastig. Aber Le Guin kann hervorragend Geschichten erzählen. Man kann Lavinia auch lesen, ohne den Vergil zu kennen.

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