A. E. van Vogt - Der Autor mit dem dritten Auge von Uwe Anton

Buchvorstellungund Rezension

A. E. van Vogt - Der Autor mit dem dritten Auge von Uwe Anton

deutsche Ausgabe erstmals 2004, 156 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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In Kürze:

Er gehört zu den einflussreichsten Autoren des Goldenen Zeitalters der SF und hat mit »Slan«, »Welt der Null-A«, »Die Expedition der ›Space Beagle‹« und den Isher-Romanen einige bleibende Meisterwerke des Genres verfasst. Trotzdem befindet sich die kritische Auseinandersetzung mit A. E. van Vogt noch in den Anfängen. Uwe Anton, einer der renommiertesten Übersetzer, Autoren und Kritiker der deutschsprachigen Phantastik, füllt mit dem vorliegenden Werkführer diese Lücke. Darin setzt er sich detailliert und kenntnisreich mit Leben und Werk van Vogts auseinander, liefert Inhaltsangaben und kritische Kommentare und zeigt Zusammenhänge auf. Eine umfangreiche Bibliographie von Anton und Hans-Peter Neumann rundet den Band ab.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Aufstieg & Irrtum“85

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Der Autor mit dem dritten Auge ist ein Führer durch das Opus des Science-Fiction-Autors Alfred Elton van Vogt (1912-2000), der sowohl zu den US-Gründervätern als auch zu den Großen dieses Genres gehört. Fast alle Romane und Kurzgeschichten des fleißigen Schriftstellers sind in Deutschland erschienen und seit den späten 1950er Jahren lange immer wieder aufgelegt worden. Van Vogt ist deshalb als integrales Element auch der hiesigen SF-Szene zu betrachten. Deshalb lohnt der nähere Blick auf sein Werk, das sich zudem durch aufregende Eigenheiten auszeichnet, die van Vogt unter den Klassikern des Genres eine Sonderstellung garantiert.

Uwe Anton startet seine Werkschau unter dem Titel „Umrisse eines Lebens“. Sehr knapp schildert er die Stationen eines langen Lebens und einer ebensolchen Karriere, die etwas anrüchig mit Schmuddel-Dramen für Billigmagazine startete, bevor der Autor 1939 „sein“ Genre fand und sich rasch zu einer Berühmtheit der SF-„Pulps“ entwickelte.

Besonderes Interesse gewinnt van Vogts Vita durch ihren entscheidenden Bruch: In den 1950er Jahren ging der Schriftsteller der „Dianetics“-Irrlehre seines SF-Kollegen L. Ron Hubbard auf den Leim. Zwar sagte er sich los, als dieser seine Irrlehre zur Religion („Scientology“) ausrief, aber der Schaden war angerichtet. Van Vogt hatte den Kontakt zur aktuellen SF verloren. Er sollte ihn nie wieder finden und seinem Ruf durch ein zunehmend mediokeres Werk enormen Schaden zufügen. Der tragische Teufelskreis schloss sich, als van Vogt in den 1990er Jahren der Alzheimer-Krankheit zum Opfer fiel.

Der Weg nach oben

Vom Biografischen geht Anton zum Bibliografischen über. Er beginnt seine Werkschau mit den frühen Kurzgeschichten und Romanen van Vogts. Zwischen 1939 und 1952 trug der Schriftsteller – begünstigt auch durch die kriegsbedingte Abwesenheit vieler Kollegen und Konkurrenten – Bahnbrechendes zum noch jungen Genre bei. In dieser Phase säte van Vogt, was er später (zu) ausgiebig literarisch erntete. Seine Vorliebe für überintelligente Supermenschen, denen ganze Universum als Spielball dienten – wobei die Naturgesetze von Zeit und Raum ausgesprochen großzügig interpretiert bzw. ganz ignoriert wurden -, trug dem Verfasser schon früh viel Kritik ein. Faktisch löste sich van Vogt indes vom Diktat der Science, um der Fiction das absolute Primat einzuräumen.

Das Ergebnis: Fern pseudowissenschaftlicher Biederkeit spielte der Autor mit dem Genre, das er durch seine bizarren, zwar manchmal fehlzündenden, sehr oft aber fabelhaften Einfälle in neue Richtungen brachte: War der frühe van Vogt in Stimmung, lieferte er stimmungsvolle, angenehm diffuse und beunruhigende Zukunftsvisionen.

„Die Jahre des Wandels (1957-1966)“ zeigen van Vogt nach der „Dianetics“-Episode. Anton zeichnet nach, wie der einstige Großmeister der Science Fiction nunmehr hinterherlief. Obwohl er sich ernsthaft bemühte, den Anschluss zu finden, misslang es. Hier zeigt Anton die Grenzen eines Talents, das in den Konventionen des „Golden Age“ der SF verharrte und die modernen Strömungen des sich entwickelnden Genres höchstens imitierte.

Zu tief in der Sackgasse

Zudem erfand und kultivierte van Vogt einen literarischen Bastard: die „fix-up-novel“, den aus älteren Kurzgeschichten ‚montierten’ Roman, eine zeitsparende aber die Inspiration zusätzlich lähmende Schöpfung. Nunmehr investierte van Vogt viel Zeit in das Problem, eigentlich singuläre Stories zu einer halbwegs stimmigen Gesamtgeschichte zu verschmelzen.

Traurig wird es in den Kapiteln „Das späte Kurzgeschichtenwerk (1963-1986)“ und „Die späten Romane (1969-1987)“. Dass van Vogt neben SF-Dinosauriern wie Isaac Asimov, Arthur C. Clarke oder Robert A. Heinlein, denen er einst ebenbürtig war, ebenfalls regelmäßig neue Werke auf den Markt brachte, blieb vergleichsweise unbemerkt. Grundlos geschah dies nicht, denn van Vogts Spätwerk schwankt zwischen müden Aufgüssen alter, längst überkommener Erfolgsrezepte und völligen Desastern, in denen sich wohl auch sein geistiger Verfall abzeichnete.

Anton schließt die Werkschau mit einem Blick auf „Weitere Schriften“ (= Sachbücher und ausgewählte Artikel) ab, bevor er zum zweiten Hauptteil überleitet: der „Bibliographie der Werke A. E. van Vogts“. Die ist vorbildlich, listet jede Kurzgeschichte, jede fix-up-novel, jeden ‚richtigen’ Roman als Originalausgabe und deutsche Übersetzung auf – eine Sisyphusarbeit angesichts der Angewohnheit deutscher Verlage, SF ohne Gewissensbisse zu kürzen und mit neuen Titeln zu versehen, sodass eine Identifizierung nicht selten zur Glückssache wird. Mit Uwe Antons und Hans-Peter Neumanns Bibliografie dürfte der van Vogt-Fan von nun an auf der sicheren Seite sein – dies auch im Wissen um die traurige Tatsache, dass dieser Autor auf dem deutschen Buchmarkt längst nicht mehr präsent ist und eine Renaissance sich nicht abzeichnet.

Die Neugier wächst

Selbstverständlich weist Der Autor mit dem dritten Auge auch das finale Merkmal eines ordentlichen Sachbuchs auf: einen Index, der stets viel Arbeit macht, die sich weniger pflichtbewusste Autoren gern sparen, der jedoch unverzichtbar ist, möchte man mit dem Werk tatsächlich arbeiten.

Uwe Anton ist definitiv ein positiver sekundärliterarischer Beitrag zur Phantastik geglückt. Die Werkschau beschränkt sich nicht auf ausführliche Inhaltsangaben, sondern interpretiert bzw. analysiert den einzelnen Roman oder die einzelne Kurzgeschichte. Der Verfasser weist dabei zu Recht immer wieder auf die Wechselwirkung zwischen Leben und Werk hin. Das schafft Klarheit in vielen Punkten, weckt aber gleichzeitig Begehrlichkeiten. Die Biografie van Vogts kommt einem plötzlich zu knapp vor.

Drei Seiten „Umrisse eines Lebens“ sind einfach zu wenig, das wird letztlich deutlich. Es bleiben Fragen unbeantwortet: Wie kam van Vogts Flirt mit „Dianetics“ zustande? Auf welche Weise rechtfertigte er das Prinzip der fix-up-novel? Warum kam er damit durch, wieso folgten Verlage und Leser dem durchsichtigen Recycling? Wie kam van Vogt mit dem Misserfolg der späteren Jahre zurecht? Lässt sich die Alzheimer-Krankheit im Werk datieren?

Damit kein Missverständnis entsteht: Solche und viele andere Aspekte spricht Anton durchaus an. Man würde sie halt gern vertieft sehen. Auf der anderen Seite muss man wohl pragmatisch urteilen: Das Erscheinen eines 160-seitigen Werkführers über einen SF-Schriftsteller, der heute vom deutschen Buchmarkt verschwunden ist, dürfte so etwas wie ein kleines Wunder sein. Mit hochwertiger Sekundärliteratur werden die Fans des Phantastischen hierzulande nicht verwöhnt. Daher ist glaubhaft, was im Impressum geschrieben steht:

„SF PERSONALITY ist Teil des Shayol-Projektes, das ohne Gewinnorientierung SF-Texte und Texte über SF veröffentlicht.“

Dies verhindert aufwändige (Vor-Ort-) Recherchen und gibt finanziell einen sicherlich eng gesteckten Rahmen vor, in dem sich Der Autor mit dem dritten Auge formal schlicht aber inhaltlich (sowie buchhandwerklich) hochwertig präsentiert.

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