Von Tolkien über Ende zu Rowling

Was kommt nach dem Fantasyboom?

Der Hunger nach guter fantastischer Literatur für Kinder und Jugendliche scheint unstillbar. Seit 1998 der erste Band der siebenteiligen Harry-Potter-Reihe erschienen ist, türmen sich in Buchhandlungen Bestseller-Novitäten ähnlicher Art. Ein kurzer Rückblick zeigt: Das Genre entwickelt sich langsam.

Die Fantasy-Literatur entsteht als Subgenre der Phantastik (zu denen auch die Science-Fiction- oder die Horror-Literatur zählen). Als 1926 in der englischen Universitätsstadt Oxford die Literaten-Freundschaft zwischen den Dozenten John Ronald Reuel Tolkien mit dem sechs Jahre jüngeren Clive Staples Lewis beginnt, setzt daraufhin der bis heute anhaltende Siegeszug der Fantasy ein. „;Der Herr der Ringe“; und „;Die Chroniken von Narnia“; sind das Ergebnis vieler Gespräche der beiden Sprachwissenschaftler in ihrem Lieblingspub „;The Eagle and Child“;, wo sich der Dichter-Club „;Inklings“; (Tintenkleckser) trifft. Seither dominieren Zauberer und Zwerge, beherrscht Märchenhaftes und Magisches den internationalen Kinder- und Jugendbuchmarkt. Was sich in den Schauerromanen spätromantischer Autoren ankündigt, entfaltet in „;neuen“; Mythen, Märchen, Sagen, Heldenepen und Legenden eine unüberschaubare Vielfalt, die Jung und Alt in ihren Bann schlägt.

Der Fantasy-Erfolg im deutschsprachigen Raum steigerte sich in drei Wellen: Tolkien, Ende und Rowling sorgten dafür, dass heute mehr Fantasy gelesen wird als je zuvor. Aber wie lange noch? Rechnen Verleger und Buchhändler mit einem Boom ohne Grenzen? Liebhaber anderer literarischen Genres gehen von einem bereits jetzt übersättigten Fantasy-Markt aus. Mit Erscheinen des letzten Potter-Bandes könnte der Höhepunkt nicht nur der Potter-Mania, sondern der Fantasy-Euphorie insgesamt erreicht werden. Aber was folgt in der Post-Potter-Ära?

Ob die britische Erfolgsautorin über Harrys Eltern schreiben wird? Angeblich sind keine Prequels geplant. In Rowlings Tagebuch steht: „;Ich habe schon ziemlich viel geschafft, und es macht auch großen Spaß, obwohl ich ab und zu innehalte und mir klar mache, dass dies hier DER LETZTE BAND ist. Man sollte meinen, ich hätte mich in den letzten sechzehn Jahren an diesen Gedanken gewöhnt, denn es waren ja von Anfang an sieben Bücher geplant, aber es wird mir doch immer wieder schlagartig bewusst … nach diesem Buch kommt kein Harry mehr.“; Es gibt noch andere Indikatoren dafür, dass 2007/2008 Höhepunkt und zugleich Ende des Fantasy-Booms sein wird. Die meisten der großen Fantasy-Werke neigen sich im nächsten Jahr ihren Vollendungen entgegen oder sind schon abgeschlossen: Christopher Paolinis Drachenreiter-Trilogie „;Eragon“;, Jonathan Strouds „;Bartimäus“;, Angie Sages „;Septimus Heap“;-Trilogie, P.B.Kerrs „;Dschinn“;-Reihe oder Eoin Colfers „;Artemis Fowl“; Tri- , nein Tetralogie. Vielleicht verändert sich Artemis zu einer Serie mit offenem Ende? Colfers böses Potter-Pendant hat jedenfalls Chancen, zu einer „;vierteiligen Trilogie in fünf Bänden“; zu mutieren. Auch deutsche Fantasy-Autoren haben sich den Sequel-Gedanken erfolgreich zu Eigen gemacht. Cornelia Funkes Tintenwelt-Trilogie könnte um viele Folgen fortgesetzt werden, so lange bis nach „;Tintenherz“;, „;Tintenblut“; und anderen schwarzroten Komposita nach dem „;Tintentod“; noch der „;Tintenkiller“; kommt. Nicht zu vergessen die Merle-, Wellenläufer- oder Wolkenvolk-Trilogien von Kai Meyer, einem Autor, der so schnell arbeitet, dass er die Themen rasch wechseln kann. Die Übersättigung ist spürbar und ein Ende mit Rowlings letztem Potter-Wort vorhersagbar. Wodurch die dann langsam abebbende Fantasy-Flut ersetzt werden könnte, ist Spekulation.

Singuläre Übergangstitel wie Ahmet Zappas „;Die fabelhaften Monsterakten der furchtlosen Minerva McFearless“; werden für eine weiche Landung der Fantasy-Hausse sorgen. Wichtig für die Branche ist, dass Kinder und Jugendliche wieder dem Lesefieber verfallen und bereit sind, für Bücher den Wecker im Morgengrauen zu stellen oder gegen elterliche Bedenkenträger nächtelang zu feiern. Eine Renaissance des historischen Romans, ein Eco für Kinder, könnte kommen mit Hilke Rosenbooms „;Das falsche Herz des Meeres“; , Floortje Zwigtmans fantastisch-historisches„;Wolfsrudel“; oder Klaus Kordons „;Fünf Finger hat die Hand“;  als Vorboten. Die Piraten stehen heuer hoch im Kurs, vielleicht ein Anzeichen für eine bevorstehende Abenteuerliteratur-Welle. Welches Genre nach der Fantasy auch immer für hohe Marktanteile des Kinder- und Jugendbuches sorgen soll, Voraussetzung ist der Leit-Titel einer Autorin oder eines Autors, der Leser und Medien nachhaltig zu begeistern vermag.

Vielleicht bricht ein Science-Fiction-Thriller-Fieber aus mit Suzanne Weyns „;Bar Code Tattoo“; . Wegweisend hierfür könnte Sergej Lukianenkos jüngst mit dem Corine-Preis ausgezeichnetes „;Schlangenschwert“; sein. Im Mittelpunkt dieses Science-Fiction-Abenteuers steht der 13-jährige Ich-Erzähler Tikki: Der Kampf um das Nutzungsrecht für die Lebenserhaltungssysteme ist hart auf dem radioaktiv verstrahlten Planeten Karijer. Der Kauf des befristeten Lebensrechts unter der schützenden Kuppel ist teuer und muss stets erneuert werden. Wenn das gelingt, wird man hundert Jahre alt. Außerhalb der Kuppel senkt die hohe Radioaktivität die Lebenserwartung und Lebensqualität stark. Karijer ist arm, aber mit Sozialdiensten ausgestattet, die nicht schlechter organisiert sind als auf der Erde, auf Avalon oder auf dem luxuriösen Neu-Kuweit:

„;Es war der Tag, an dem sich meine Eltern für den Tod entschieden. Das Sterberecht wird ihnen durch die Verfassung garantiert.“; So beginnt der großartige Roman des 1968 in Kasachstan geborenen und vor seiner Karriere als freier Schriftsteller einige Zeit als Psychiater tätigen Sergej Lukianenko. Nach dem Freitod seiner Eltern blickt Tikki in den orangefarbenen Himmel über dem Planeten Karijer, wünscht sich Pilot zu werden, wofür er zunächst als Modul in Raumschiffen arbeiten müsste, um genug Geld für die Elite-Ausbildung zu verdienen und deshalb riskiert er es, als willenloses Bündel mit einem Gehirn wie ein vergrößerter Prozessor online angeschlossen an das Navigationssystem eines Raumschiffs ein fremdbestimmtes Leben zu fristen, um den Traum der Flucht von seinem unwirtlichen Planeten zu verwirklichen. Hier klingt das zentrale Motiv an: Der Wille des Einzelnen gegenüber der Verführung durch die Masse, also die Anerkennung der Entscheidungsfreiheit eines Individuums. Deshalb ist dies Sci-Fi der feinsten Art nicht nur mit Zeitachsen, galaktischen Pässen, Glückslosen für die Imperiumslotterie, psychotropen Waffen oder narkotisierten Planeten … „;Wenn es für die Eroberung des Kosmos notwendig gewesen wäre, den Menschen das Gehirn zu amputieren und in Flaschen zu füllen, hätten wir genau das gemacht. Die menschliche Moral ist wundersam dehnbar“;, sagt ein Arzt zu Tikki, der dank der Fürsorge seiner Eltern einen Kreativ-Gigabit Neuroshunt und ein besonderes Gefühl für Gut und Böse hat. Diese Fähigkeit wird mehrfach auf die Probe gestellt. Mit feinen Beobachtungen zwischenmenschlicher Kommunikation, wenn beispielsweise gezeigt wird, „;dass es sich beim Erspüren der Stimmung eines Gesprächspartners um eine kompensatorische Verteidigungsfähigkeit der kindlichen Psyche“; handelt, die sich mit zunehmendem Alter bei fast allen verliert, brilliert Lukianenko. Tikki braucht diese Fähigkeit, als er ein Schlangenschwert als Lebewesen, nicht als seelenlose Plasmapeitsche behandelt, die sich ihn als Herren auserwählt, wodurch Tikki zur Schlüsselfigur bei der Rettung des Imperiums wird. Ernst, tiefsinnig und einfallsreich nimmt der Roman die Leser mit auf eine unvergessliche Reise. Schade, dass dies keine Heptalogie wird!

Nicola Bardola ist freischaffender Schriftsteller, Redakteur und Lektor. Er lebt in der Schweiz und beschäftigt sich unter anderem mit Jugendliteratur. Seine Website: www.bardola.de

Dieser Artikel erscheint mit freundlicher Unterstützung von www.buch-pr.de