Expedition nach Chronos von Walter Ernsting (Hg.)

Buchvorstellungund Rezension

Expedition nach Chronos von Walter Ernsting (Hg.)

deutsche Ausgabe erstmals 1965, 157 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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In Kürze:

Acht Storys aus den 1950er und 60er Jahren belegen, dass die Science Fiction stets vor allem die Gegenwart widerspiegelte. Die dem „Magazin of Fantasy & Science Fiction“ entnommenen Geschichten sind zeitlos, wo sie einfach spannend unterhalten sollten, und angestaubt, wenn sie mir einer moralischen Botschaft unterfüttert wurden, die ihren Sinn oft eingebüßt hat: für den historisch interessierten SF-Fan.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Acht Reisen durch eine gänzlich analoge Zukunft“60

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

  • A. Bertram Chandler: Flucht in die Ewigkeit (The Man Who Could Not Stop, 1959), S. 7-38: Seine Flucht vor dem Gesetz führt ihn buchstäblich an den Rand der Galaxis, doch auch dort ist sein Weg nicht zu Ende.
  • Kit Reed: Die Macht der Bombe (Judas Bomb, 1961), S. 39-49: Nach der Bombe ist vor der Bombe, weshalb die Überlebenden der Apokalypse trotz politisch und sozial neu gemischter Karten in alte Denkmuster zurückfallen.
  • Gordon R. Dickson: Knopfdrücker (Button, Button, 1960), S. 50-67: Die Nicht-Kenntnis der modernen Technik lässt einen verhinderten Weltraumfahrer mit unerwarteten Ergebnissen zu handgreiflichen Methoden zurückkehren.
  • Walter Tevis: Am anderen Ende der Leitung (The Other End of the Line), S. 68-76: Wer auf unterschiedlichen Zeitebenen mit sich selbst in Kontakt steht, sollte sich an das vorgegebene Drehbuch halten.
  • Bryce Walton: Die letzte Prüfung (Final Exam, 1964), S. 77-91: Der letzte Mann auf Erden sucht verzweifelt eine Gefährtin, doch als er sie endlich findet, bleibt die Frage, ob sie als Eva einer neuen Menschheit taugt.
  • Stephen Barr: Expedition nach Chronos (The Homing Instinct of Joe Vargo, 1959), S. 92-115: Gleich zweimal überlebt Joe Vargo die Reise zum unheimlichen Planeten Chronos, aber letztlich triumphiert die Tücke des Objektes.
  • Edmond Hamilton: Der Profi (The Pro, 1964), S. 116-130: Der Sohn des Science-Fiction-Schriftstellers fliegt zum Mond, was den Vater in Gewissensnöte stürzt.
  • J. T. McIntosh: Die 10. Zeitreise (Tenth Time Round, 1959/64), S. 131-158: Schon neun Mal hat Gene versucht, die schöne Belinda für sich zu gewinnen, und schon wieder droht etwas schiefzugehen.

Die Besten ins Töpfchen …

Seit 1949 existiert das „Magazine of Fantasy & Science Fiction“; es ist damit eines der ältesten noch existierenden Periodika, die sich der „kurzen“ Phantastik verschrieben haben. Da nicht nur aktuelle, sondern auch ältere Erzählungen aufgenommen werden, ist praktisch alles, was in der SF und Fantasy Rang und Namen hat, irgendwann in diesem Magazin präsent gewesen. Hinzu kommen zahlreiche Autoren, die heute nur noch Fachleute und Fans kennen oder die tatsächlich vergessen sind.

Der Fundus eines solchen Magazins stellt naturgemäß eine Fundgrube für gute oder wenigstens unterhaltsame Phantastik dar. Hierzulande griff der Heyne-Verlag auf die Bestände des „MF&SF“ zurück, als er Anfang der 1960er Jahre eine SF- und Fantasy-Reihe ins Leben rief. Zwischen 1963 und 2000 erschienen 101 Bände, die (angeblich) die besten Storys aus genanntem Magazin präsentierten. Angesichts der bemerkenswert hohen Zahl traf diese Behauptung verhältnismäßig oft zu, was diese 101 Bücher für den Phantastik-Leser interessant macht.

Für die frühen Bände wie diese 13. Folge traf Walter Ernsting (1920-2005) die Auswahl. Als „Clark Darlton“ war er selbst ein bekannter SF-Autor und als solcher einer der Gründungsväter der „Perry-Rhodan“-Serie. Ernsting war ein ungemein fleißiger Mann, der nicht nur schrieb, sondern auch übersetzte und deshalb auf in Deutschland weitgehend unerschlossene Quellen zurückgreifen konnte. Natürlich spielten dabei seine persönlichen Vorlieben eine große Rolle. Damit prägte Ernsting mit, welche – ohnehin primär US-amerikanische und englische SF – dem zeitgenössischen deutschen Publikum präsentiert wurde.

Die Aktualitäten der Vergangenheit

„Schreiben Sie doch, dass die SF unorthodoxes Denken begünstigt und so die Menschheit ein wenig auf die Zukunft vorbereitet hat.“

So lässt Edmond Moore Hamilton (1904-1977) in „Der Profi“ sein Alter Ego, einen altgedienten Autoren, für die Presse zusammenfassen, was Science Fiction „ist“ – nämlich keineswegs jene Mischung aus Wissenschaft und Fiktion, die bauernschlaue Verleger und in die Defensive getriebene Leser vorschützten, wenn sie nach Wert und Sinn ihrer Lektüre befragt wurden. Hamilton, der vor allem durch seine Arbeit an der Pulp-SF-Serie „Captain Future“ (1940-1944) bekannt wurde, hatte in den 1960er Jahren entsprechende Ambitionen längst abgelegt – falls er sie überhaupt jemals empfand: „Der Profi“ interessiert weniger durch die Handlung als durch Hamiltons Kommentar zu einer technischen Gegenwart, die im Rahmen des Wettlaufs zum Mond zwischen den USA und der UdSSR die klassische, auf den „outer space“ zentrierte SF eingeholt zu haben schien.

Zu den Realitäten der Gegenwart, mit denen sich die zeitgenössischen Autoren auseinandersetzten, gehörte „die Bombe“. Sie symbolisierte das Wettrüsten zwischen den Supermächten USA und UdSSR, die ihre Arsenale mit so vielen Atom- und Wasserstoffbomben füllten, dass sie diesen Planeten gleich mehrfach in Stücke zu reißen vermochten. Der „Kalte Krieg“ konnte jederzeit in einen heißen und wohl endgültigen Dritten Weltkrieg ausarten. Über die Folgen machten sich viele Schriftsteller Gedanken. Kit Reed (*1932) gehört zu denen, die davon ausgehen, dass die Überlebenden nicht wirklich aus den Fehlern ihrer Vorfahren lernen werden. Aus heutiger Sicht kann „Die Macht der Bombe“ nicht mehr beeindrucken, da Reed sich allzu sehr auf Klischees stützt, die dem Musical und dem darauf basierenden Film „West Side Story“ (1957 bzw. 1961) entnommen sein könnten: „Halbstarke“ = Jugendliche bilden Banden, die sich gegen die etablierte Ordnung stellen, ohne eine echte Alternative darstellen zu können.

Noch staubiger kommt „Die letzte Prüfung“ daher. Was Bryce Walton (1918-1988) einst tragisch und als Meinung meinte, wirkt heute nur sentimental bzw. pathetisch. Schlimmeres fabriziert ausgerechnet Gordon R. Dickson (1923-2001), der später SF schrieb, die zu den Klassikern des Genres zählt. In jüngeren Jahren arbeitete er vor allem für seinen Lebensunterhalt. „Knopfdrücker“ ist eine auf den (schlaffen) Final-Gag zugespitzte und auch sonst mit flauen, auf Vorurteilen basierenden Witzchen gespickte Story, die einfach peinlich geworden ist.

Der Ruf der Ferne

Arthur Bertram Chandler (1912-1984) vermag das ebenfalls reichlich beschworene Pathos besser in seine Geschichte zu integrieren: Das All wird bei ihm zur neuen „frontier“, die dem (US-) Pionieren der Zukunft ermöglicht, sich alter Mannestugenden zu entsinnen, um zur Eroberung auch dieses Neulandes zu schreiten. Diese Parallele liegt nahe, denn Chandlers ‚Zukunft’ unterscheidet sich kaum bzw. nur in der Technik von der Gegenwart und dürfte bereits 1959 antiquiert gewirkt haben. Die Station auf dem letzten Planeten am Rande der Galaxis ist nichts anderes als die letzte Wild-West-Stadt vor der großen, von Indianern durchstreiften Wüste. Auch Chandler zielt auf einen Schlusstwist, den zumindest der heutige Leser zu früh ahnt, während die Handlung auf dem Weg dorthin zu lang ausgedehnt wird.

Walter Tevis (1928-1984) war berühmt für gelungene, oft sarkastische Überraschungseffekte. „Am anderen Ende der Leitung“ gehört nicht zu seinen Meisterwerken, funktioniert aber weiterhin, weil Tevis das Geschehen zügig vorantreibt und sowie kurz wie bündig abschließt: Timing ist ungemein wichtig, wenn es lustig zugehen soll. Gerade noch über die Ziellinie retten kann sich deshalb J. T. McIntosh (d. i. James Murdoch MacGregor, 1925-2008), weil er einer recht simplen Zeitreise-Story eine interessante Variable einzufügen weiß. Die daraus resultierenden Probleme sind erwartungsgemäß wesentlich interessanter als die ansonsten dröge Liebesgeschichte.

Zwar mündet auch Expedition nach Chronos in einem Knalleffekt. Dieser erfüllt jedoch seinen Zweck, und vorher gibt es altmodisches aber spannendes Abenteuer auf einem ‚fremden’ Planeten, der nur als Bühne für entsprechende Aktivitäten erschaffen wurde. Stephen Barr (1904-1989) setzt ausschließlich schon damals bewährte Spannungselemente ein, die ihre Wirkung keineswegs eingebüßt haben. Hinzu kommt die hinreißend nostalgische Darstellung einer zukünftigen „Supertechnik“, die Raumschiffe als ins ebenso Gigantische wie Groteske vergrößerte U-Boote präsentiert. Sollte es so etwas wie eine „analoge SF“ geben, hat Barr sie kongenial geschildert. Raumschiffer stehen quasi am Steuerrad ihrer Sternenkreuzer, die sie nicht mit Computerhilfe, sondern nach Karten, mit Vorhalt und viel Gefühl für durch Sonnen, Gaswolken usw. verursachte „Strömungen“ und „Untiefen“ ans Ziel bringen.

Nostalgie adelt nicht jedes Zeugnis der Vergangenheit. Expedition nach Chronos interessiert vor allem die Historiker unter den SF-Freunden. Dass diese Geschichten nicht als Klassiker gelten, kann nicht überraschen. Grundsätzlich sind sie größtenteils zu Recht in Vergessenheit geraten.

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