Intrusion von Will Elliott

Buchvorstellungund Rezension

Intrusion von Will Elliott

Originalausgabe erschienen 2011unter dem Titel „Nightfall“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 320 Seiten.ISBN 3-492-26848-X.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

Für alle Fans des Blockbusters »Inception« ist dieser Roman das perfekte Kinoerlebnis im Kopf: Aden erwacht unbekleidet in einem fremden Haus. Er erinnert sich nicht, wie er hierhergekommen ist, er weiß nur, dass er sich umbringen wollte. Doch dieses Haus ist ein Ort wie kein anderer – es ist die Welt Nightfall, die von bizarren Gestalten bevölkert ist und in der die Realität keine Bedeutung mehr hat. Bald sieht Aden Dinge und hört Namen, die ihm bekannt vorkommen. Ist dies die Wirklichkeit oder eine künstlich erschaffene Welt? Welche Rolle nimmt er selbst in dem gefährlichen Spiel verschiedener Realitäten ein? Und wie oft muss er sterben, um aus diesem Albtraum zu erwachen?

Das meint Phantastik-Couch: „Befremdender Horror der absurden Art“66

Horror-Rezension von Verena Wolf

Der Australier Will Elliott gewann 2006 mit seinem Debüt „Hölle“ den hochdotierten ABC-Fiction-Award, wurde vom Nobody zum gefeierten Jungautor, den wir damals zum Interview trafen. Jetzt, sechs Jahre später, liegt mit „Intrusion“ sein zweiter Roman vor. Natürlich stellt sich die Frage: Kann er die Messlatte, die er selbst gesetzt hat, wieder erreichen?

Der Klappentext führt in die Irre

Verständlicherweise hilft es dem potenziellen Leser, durch den Klappentext eine Ahnung zu bekommen, in welche Richtung der Text marschiert. Allerdings hat man sich hier verstiegen. Der Vergleich mit dem Hollywooderfolg „Inception“ hinkt sehr und ist unfair, dem Film und auch dem vorliegenden Roman gegenüber. Ob man absichtlich den Originaltitel „Nightfall“ in den dem Blockbuster zumindest für das deutsche Ohr ähnlich klingenden Buchtitel „Intrusion“ geändert hat, ist reine Spekulation.

Fest steht jedoch, es kommt in dem gesamten Buch nicht primär darauf an, ob es die Wirklichkeit oder eine künstlich geschaffene Welt ist, oder besser: es kommt den Helden überhaupt nicht darauf an. Das irritiert den Leser, der ihm durch die absurde Welt folgt, in der Brutalität und Sinnlosigkeit des Handelns zwar allgegenwärtig sind und regelrecht zelebriert werden, die Sinnfrage aber nicht gestellt wird. Schnell versteht der Leser, dass Aden in einer seltsamen Traumwelt gefangen ist, das kann ihm gar nicht entgehen. Aber statt der Sache auf den Grund zu gehen oder zumindest Angst zu empfinden bleibt Aden völlig gefasst. Er weiß, er hat sich umgebracht, in seiner eigenen Welt und jetzt ist er hier. So. Aber es treibt den Protagonisten gespenstischerweise überhaupt nicht der Wille oder auch nur der Gedanke um, wie er aus dieser Welt entkommen kann. Vielmehr wandelt er seelenruhig durch die krankhaft anmutende Szenerie von Nightfall, lernt Leute und Gestalten kennen, die ihm und dem Leser wie auf einer Bühne vorgestellt werden. Das entfremdet Aden und den Leser, der sich ein wenig allein gelassen fühlt und dem Held am liebsten Anweisungen zubrüllen würde, bevor er sich – allerdings weit widerwilliger als Aden – ergibt und alles geschehen lässt.

Statisten und Handelnde – in sich gefangen

In der Welt „Nightfall“ gibt es riesige, seifenblasenartige Kugeln, die von den Einwohnern „Träume“ genannt werden, über den Himmel schweben und in denen immer dieselbe Szene zu sehen ist: ein in den Fluten ertrinkender alter Mann. Gleichzeitig werden Figürchen und Bilder verehrt, die eindeutig Adens Großvater porträtieren. Dementsprechend werden Aden und dem Leser relativ schnell klar, dass die Welt den Gedanken seines nahezu debilen Großvater entsprungen sein könnte und dann ein Eigenleben begann.

Das ist eine faszinierende Idee. Was das Buch aber schwer zugänglich macht, ist, dass die Figuren in der Welt absichtlich schematisch, klischeehaft und oberflächlich erschaffen worden sind. Sie sollen ja, ganz wie der Großvater sie in seinem ersten Wurf von Nightfall erfand, schlicht „der Bösewicht“, „der hinterlistige Priester“ oder „die Muse“ sein. Die Welt, die in Intrusion gezeigt wird, ist also eine schemativ entworfene Bühne, die so sein muss, da ihr Schöpfer sie so erdacht hat. Aber, und daran krankt das Buch – so ist sie auch für den Leser nicht interessant, wird nicht vielschichtig oder einnehmend. Die Charaktere sind marionettenhaft, treten auf und wieder ab. Besonders die langatmig, zugegeben gekonnt absurden Gespräche zwischen dem selbstverliebten Herzog Julius und seinem Gefolge zerren an den Nerven. Sie sind voller Wiederholungen und unerträglich breit dargestellt und lassen die Seiten schwer wie Blei werden. Langweilig! Auch ist die Idee, die die Form des Weltendes annimmt, nicht neu. Schon Michael Endes durch Fantasie und Vorstellungskraft erst entstandene Welt „Phantasien“ wurde durch das Nichts, das ganze Landstriche verschlang, bedroht, als der Schöpfer seine Erfindung im Stich ließ – auch wenn die Form des Im-Stich-Lassens eine andere ist. Auch in „Intrusion“ wird die Welt immer kleiner, verschwindet mit dem Geist des Schöpfers, aber das berührt den Leser höcht distanziert – da tut er es Aden gleich.

Die Stärke des Buches ist die sperrige Statik

Allerdings schon künstlerisch in Intrusion ist – wenn man sich darauf einlassen kann – die kafkaeske Absurdität der Situation und Welt. Die Brutalität der Hyänen-Menschen-Familie der Gorrs stößt ab, gleichzeitig sind sie freundlich und aufrichtig. Diese Brüche sind überall. Das Mechanische, Willenlose der Welt überzeugt, auch wenn es nicht gefällt. Allerdings erreicht der Horror und der Schrecken nie die alptraumhaft beklemmende Intensität von „Hölle“, eben gerade weil keine Identifizierung zugelassen wird. Zum Schluss fängt sich allerdings das Buch und überraschenderweise ist das Ende gelungen und setzt einen guten Schlusspunkt. Mit der letzten Seite hat „Intrusion“ und Will Elliott bei mir viel gewonnen.

Fazit: Eindeutig hat Will Elliott mit seinem zweiten Werk gezeigt, dass er ein Autor ist, der sich ungern in Schubladen stecken lässt. Allerdings ist „Intrusion“ kein Reißer, sondern widerspenstiger Horror, der viele (Hölle-)Leser auf der Strecke verlieren wird.

(Verena Wolf, Januar 2012)

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