Stimme in der Nacht von William Hope Hodgson

Buchvorstellungund Rezension

Stimme in der Nacht von William Hope Hodgson

Originalausgabe erschienen 1970unter dem Titel „The voice in the night“,deutsche Ausgabe erstmals 1970, 222 Seiten.ISBN 3518392093.Übersetzung ins Deutsche von Wulf Teichmann.

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In Kürze:

In seinen Erzählungen verwebt William Hope Hodgson geschickt das romantische Seeabenteuer mit dem Eingriff des Übernatürlichen und Unheimlichen. Neben Edgar Allan Poe erweist er sich als der bedeutendste Autor unheimlicher Seegeschichten.
'Schiff ahoi!' ruft in der Titelerzähllung eine seltsame Stimme in der Nacht. Dahinter verbirgt sich die Geschichte einer ebenso unheimlichen wie tragischen Verwandlung. In 'Die Boote der Glen Carrig’ sind Schiffbrüchige ständigen Gefahren und Ängsten ausgesetzt: Sie begegnen umhertreibenden Geisterschiffen, Kraken, Riesenkrabben und anderen Seeungeheuern und werden auf einer Insel von menschenfressenden Bäumen angegriffen. 'Die Herrenlose', ein umhertreibendes Wrack, entpuppt sich als ein überaus aggressives Wesen, das ahnungslosen Seeleuten, die das Schiff betreten, zu verschlingen sucht.

Das meint Phantastik-Couch.de: „;Die Furcht vor dem, was sich unter der Oberfläche verbirgt“;100

Horror-Rezension von Michael Drewniok

 – Die Boote der ‘Glen Carrig’ („;The Boats of the ‘Glen Carrig'“;, 1907), S. 7-192: Irgendwann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts versinkt das gute Schiff „;Glen Carrig“; mit den meisten Offizieren und Matrosen irgendwo in unbekannten südlichen Gewässern. Zwei einsame Rettungsboote bleiben zurück, die sich in der unendlichen Wasserwüste bald aus den Augen verlieren. Während die Besatzung des einen rasch gerettet wird, sieht sich die des anderen nicht nur den Strapazen auf hoher See, sondern auch aberwitzigen Abenteuern ausgesetzt. Unter dem Kommando des besonnenen Bootsmanns geraten die Seeleute in ein seltsames, ödes Land, in dem Menschen fressende Bäume noch den geringsten Schrecken darstellen, geraten auf der Flucht in einen gewaltigen Sturm, werden in einen von Tangwäldern überwucherten Winkel des Meeres abgetrieben, müssen sich dort gegen Kraken und Riesenkrebse zur Wehr setzen, stranden an den Gestaden einer einsamen Insel, werden von garstigen Dämonen belagert, finden unverhofft Leidensgenossen und entwerfen einen kühnen Plan, der ihnen die ersehnte Rückkehr in die Heimat ermöglichen soll…

 – Die Herrenlose („;The Derelict“;, 1912), S. 193-228: Abseits bekannter Routen stoßen die Männer der „;Bheotpte“; auf das Wrack eines uralten Schiffes. Neugier und mögliche Schätze locken sie an Bord, doch dort lauert nach einer Art Urschleim- Zündung ein grausiges Ungetüm…

 – Stimme in der Nacht („;The Voice in the Night“;, 1907), S. 229-246: Nach dem Untergang ihres Schiffes preist sich das junge Paar glücklich, als ihr Floß eine Insel im Ozean erreicht, doch dort wuchert ein monströser Schimmelpilz, der nicht wählerisch ist bei der Wahl neuer Nährböden…

 – Die Crew der ‘Lancing’ („;The Crew of the ‘Lancing'“;, 1923/64), S. 247-258: Ein Seebeben lässt allerlei Seltsamkeiten vom Grund des Meeres aufsteigen. Das Interesse an Bord eines zufällig am Ort des Geschehens befindlichen Schiffes wandelt sich in blankes Entsetzen, als eine Horde dämonischer Geisterpiraten über sie herfällt.

Horror vom Mann, der Bescheid wusste

Eine Novelle und drei Kurzgeschichten vom Meister der auf See beheimateten Spukgeschichte – kühn, spannend, voller unerwarteter Wendungen, ein nostalgischer Gruselspaß ohne Reue, der die Leser schließlich süchtig und hungrig nach mehr zurücklässt.

Mit Grund für die immense Kraft dieser Geschichten ist ihre unaufdringliche, aber stets präsente Authentizität. Hier stimmt auf See einfach jedes Detail, was kein Wunder ist: Hodgson kannte sich aus, denn er war er selbst ab 1891 für die britische Handelsmarine mehrere Jahre zur See gefahren. Zur Erfahrung kam das schriftstellerische Talent, und das Ergebnis ist wie gesagt fabelhaft. Das Sturm-Intermezzo in „;Die Boote der ‘Glen Carrig'“; (Kapitel V) fasziniert durch die poetische Sachlichkeit, mit der Hodgson ein Unwetter schildert. Diese kennzeichnet sein gesamtes phantastisches Werk (auch wenn hier und da ein Hang zur Sentimentalität offenkundig wird), macht es zeitlos und lässt es gleichzeitig ein wenig kühl wirken.

Mit den Überlebenden der „;Glen Carrig“; wird der Leser nur allmählich und nie völlig warm. Das scheint aber auch in des Verfassers Absicht zu liegen, denn wieso sonst enthält er uns ihre Namen vor? Sie sind einfach nicht wichtig für eine Geschichte, die schließlich primär „;Bericht ihrer Abenteuer auf fremden Meeren und an fernen Gestaden“; sein soll, wie sich dem Untertitel entnehmen lässt. Über ihr Tun identifizieren sich Hodgsons Seeleute, was durchaus gelingt, wie das Beispiel des Bootsmanns belegt, der auf diese Weise zwar kein Gesicht bekommt, aber trotzdem vor dem geistigen Auge des Lesers Gestalt annimmt.

Die Männer der „;Glen Carrig“; müssen viel ertragen. Bemerkenswert wirkt ihre pragmatische Lebensauffassung: Was zum Überleben erforderlich ist, wird getan – ohne Klagen und Murren, ohne dramatische Nervenzusammenbrüche im Rettungsboot. Der Verzicht auf solche sonst gern in der Verloren-auf-hoher-See- Literatur heraufbeschworenen Momente vordergründiger Spannung erstaunt, aber der erfahrene Leser vermisst sie nicht. Hodgsons Figuren sind Profis; sie fürchten die See und kennen viele ihrer Wunder und Schrecken nicht, aber sie wissen, was in der Krise zu tun ist.

Die Natur kocht ihr besonderes Süppchen

Die Hodgsonsche Sachlichkeit spiegelt sich auch im „;naturwissenschaftlichen“; Horror wider, auf den seine erschrockenen Seefahrer treffen. Ganz offensichtlich faszinierte ihn die unbändige Lebenskraft des Meeres, das er auch als eine Art Ursuppe betrachtete, in der ständig neue, oft zwischen Pflanzen- und Tierwelt schwankende Kreaturen gezeugt werden. Selten hat Hodgson seiner diesbezüglichen Vorstellung so deutlich Ausdruck verliehen wie in „;Die Herrenlose“;, wo er in einem von der eigentlichen Handlung getrennten Prolog in Worte fasst, dass im grundlosen Ozean aus unbelebter Materie Leben entstehen kann, wenn nur die Mischung stimmt. Gespenster und Geister gibt es daher eigentlich nicht in Hodgsons Welt, die deshalb eher der Science Fiction zuzuordnen ist.

An Grusel und Schrecken wird freilich trotzdem nicht gespart. Schleim und Zufall entspringen niemals freundliche Mitbewohner dieser Erde. Schimmelig-giftige, parasitenhafte, eklige, böse oder unendlich fremdartige Seltsamkeiten, die normalerweise tief unter dem Meeresspiegel verborgen bleiben und nur zufällig an die Oberfläche geraten: Geschöpfe der düsteren Tiefe sind es, auf die Hodgsons unglückliche Protagonisten treffen. Der Kontakt verläuft niemals friedlich, die Begegnungen nehmen ein schlimmes Ende. Meist bringt nicht einmal der Tod Erlösung, da sich die außer Kontrolle geratene Natur ihre Opfer buchstäblich einverleibt und zu neuen, makaber mutierten Lebensformen zusammensetzt – auch hier setzt „;Die Verlorene“; zusammen mit „;Stimme in der Nacht“; Maßstäbe frühen „;genetischen“; Science Horrors!

„;Die Crew der ‘Lancing'“; lässt uns alte Bekannte wieder treffen: die „;Geisterpiraten“; aus der gleichnamigen Novelle von 1909, die auch in „;Die Boote der ‘Glen Carrig'“; ihren Auftritt haben. Immer wieder lassen sich solche und andere Gemeinsamkeiten in Hodgsons unheimlichen Seegeschichten finden. Offenbar kann man sie als lockeren Zyklus lesen, der in derselben Spukwelt spielt. Unwillkürlich muss man dabei an H. P. Lovecraft (1890-1937) denken, der Hodgsons Werk nicht nur kannte, sondern die Methode später quasi adaptierte, als er das böse Universum des Cthulhu ins Leben rief. Interessant sind auch die Ähnlichkeiten zwischen den Geisterpiraten und den froschgesichtigen Halbmenschen von Innsmouth, die es auch immer wieder in die Tiefsee zieht.

(Einige Wörter noch zur Geschichte „;Die Crew der ‘Lancing'“;: Sie kann nicht als Original- Werk Hodgsons gelten. In seinem Nachlass fand sich die Geschichte „;Demons of the Sea“;, die 1923 posthum erschien. Vierzig Jahre später fand sie August Derleth (1909-1971), der Gründer des legendären „;Arkham House“;-Verlages und verdienstvoller Herausgeber längst in Vergessenheit geratener Gruselklassiker, aber oft fälschlich überzeugt vom eigenen schriftstellerischen Talent, nicht „;gut“; genug für eine von ihm geplante Neuveröffentlichung, was ihn trieb, sie zu bearbeiten, zu ergänzen und zu „;verbessern“;, bis sie praktisch zu der seinen geworden war. So erging es auch der „;Lancing“;-Story.)

Ein herber Verlust für die Phantastik

Was William Hope Hodgson wirklich plante, werden wir leider nie erfahren. Gerade zehn Jahre währte seine Schriftsteller-Laufbahn, die 1914 durch den I. Weltkrieg unterbrochen wurde, die der eigentlich für den Fronteinsatz schon recht alte, aber dem Ehrenkodex seiner Epoche verpflichtete Hodgson vier Jahre und hoch dekoriert überstand, bis ihn noch im April des letzten Kriegsjahres unweit des belgischen Ypern eine deutsche Granate traf.

Deutschland blieb bis 1970 in Sachen Hodgson Diaspora. Drei Sammelbände mit den wichtigsten Erzählungen des Autors brachte dann der Suhrkamp-Verlag heraus. Sie bestechen durch ihre sorgfältige Übersetzung. Vor allem in „;Die Boote der ‘Glen Carrig'“; trifft Wulf Teichmann genau den Tonfall eines Berichtes, die angeblich im Jahre 1757 niedergeschrieben wurde. Wunderbar altmodisch, geschraubt und flüssig zugleich liest sich dieser Text, der zudem für eine Stimmung sorgt, die das nostalgische Grauen perfekt zur Geltung bringt. Nautische Sachkenntnis kommt hinzu, denn in den Booten der „;Glen Carrig“; kann das Überleben durchaus davon abhängen, ob ein rettendes Tau aus zwei oder drei Hanffasern gedreht wurde! Da ist es erforderlich dem Leser zu vermitteln, wieso dies so ist. Es gelingt, was diese Sammlung endgültig in den Olymp der klassischen Phantastik eingehen lässt.

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