An- und reingehört

World War Z: Operation Zombie – ungekürzte Lesung

„Die längste und schrecklichste Nachrichtensendung der Welt – Ein wahres Mammut-Hör-Kunstwerk!“ (Silke Wronkowski im August 2013)

Vermutlich seinem berühmten Vater Mel Brooks ist geschuldet, dass die Erstveröffentlichung seines Werkes in Deutschland den irritierenden Titel Operation Zombie: Wer länger lebt, ist später tot trägt. Man könnte auf den ersten Blick meinen, eine humoristische, seichte Untoten-Geschichte vor sich zu haben – „Shaun of the Dead“ lässt grüßen. Das Buch musste anscheinend erst zu einem Leinwandblockbuster mit Brad Pitt in zentraler Rolle werden, damit der Originaltitel World War Z auch hierzulande Verbreitung fand.

Der erste Blick auf die Rückseite des CD-Cover wirkt kurz abschreckend: 842 Minuten Laufzeit …Moment mal, das sind ja – das kann doch nicht, oder doch? Doch es sind ganze 14 Stunden, die man vor sich hat. Das klingt gewaltig und man mag geneigt sein es für „später“, für „wenn ich mal ganz viel Ruhe habe“ zurück ins Regal zu stellen. Glauben Sie mir: Diese 14 Stunden, dieser eine Tag Ihres Lebens, wird wie im Fluge vergehen.

Die Geschichte ist nicht neu: Die Toten erheben sich, augenscheinlich infiziert von einer Art Virus, der ihre leblosen Körper zwar weiter dem Verfall aussetzt, aber einen animalischen Instinkt im Gehirn auslöst, der sie zu Menschen fressenden Ungeheuern macht. Langsam schlurfen sie über die Erde, ein kehliges Stöhnen ist der einzige Laut, den sie abzugeben vermögen, ausgestoßen bei der Aussicht auf „Beute“ lockt dieser nur weitere ihrer Art an. Wird man gebissen und „überlebt“, ist man infiziert und verwandelt sich ebenfalls über kurz oder lang in einen Zombie. Nimmt man dies als Gegeben hin, kann die einzig logische Schlussfolgerung nur sein, dass die Weltbevölkerung extrem dezimiert wird und ein schier aussichtloser Kampf gegen diese Invasion beginnt.

Max Brooks wählt eine ausgesprochen schlaue Perspektive, zäumt er doch das sprichwörtliche Pferd von hinten auf. Ist-Zustand: Die „Z-Seuche“ ist ausgebrochen, wir befinden uns in einer nicht allzu fernen Zukunft knapp ein Jahrzehnt nach „der großen Panik“ und dem weltweiten „Z-Krieg“, der endlich das Blatt gewendet hat. Die Menschheit hat Milliardenverluste zu beklagen, der Himmel hat sich verdunkelt und die Winter sind lang und hart, haben doch alle Nationen unwissend zu Beginn mit allen chemischen und atomaren Waffen versucht, der Lage Herr zu werden. Ein Reporter erhält die Möglichkeit, um die Welt zu reisen und mit Überlebenden allerorts zu sprechen. Es soll für die Geschichtsbücher eine Chronik der Ereignisse entstehen, sollen die Schicksale der Einzelnen für die Nachwelt festgehalten werden.

Das Werte- und Statussystem ist heute ein völlig anderes, so wird bei den Interviews kein Unterschied gemacht zwischen einem ehemals chinesischem Menschenschmuggler, der einen Eindruck davon vermittelt wie sich die Seuche, die anfangs für eine „afrikanische Tollwut“ gehalten wurde, so rasant hat ausbreiten können; oder einer mittelständischen amerikanischen Hausfrau, die in ihrer heilen Welt eine Berührung mit dieser kuriosen Krankheit für schier unmöglich hielt, bis zu jener Nacht, da sie – Mutterinstinkt sei dank – einem Zombie mit bloßen Händen den Kopf abriss, um ihre Tochter zu retten und heute als die Erfinderin einer neuen Siedlungsform in luftigen Höhen mit einziehbaren Leitern und Hängebrücken gilt. Da berichtet ein Rollstuhlfahrer von den Anfängen der „Wiederorganisation“ eines annähernd normalen Lebens, von Einquartierungen Flüchtiger, von nächtlichen Patrouillen durch verlassene Straßenzüge. Ein Astronaut kommt zu Wort, der nach über fünf Jahren auf einer Raumstation nur noch bewegungsunfähig seinem Tod entgegensiecht, nachdem er – quasi vergessen und im All festsitzend – es sich zur Aufgabe gemacht hatte die weltweite Kommunikation der Satelliten aufrecht zu erhalten. Und immer wieder sind es einstige Politker, Entscheider, Militärs, die von verschiedenen Kriegsschauplätzen berichten, dem Schrecken, der sich selbst unter den Soldaten ausbreitete im Angesicht eines Feindes, der jeglicher Kriegsindustrie und -strategie widerstand und den unfassbaren Befehlen der Heeresspitzen, die sie zu befolgen hatten.

Dass das Motiv des Zombies hier eigentlich stark in den Hintergrund rückt und nur als austauschbare Bedrohung dient, die keinen Unterschied zwischen Rassen, Klassenstand oder religiöser Gesinnung macht, lässt Max Brooks’ Horrorszenario unglaublich glaubhaft und realistisch wirken. Die ungekürzte Hörbuchfassung steht da an Spannung und Faszination der Lektüre in Nichts nach. Michael Pan spricht den interviewenden Berichterstatter, der Fragen einstreut und kurze persönliche Eindrücke liefert. Sein Sohn David Nathan verleiht hingegen allen Interviewten fulminant eine eigene Stimme. Egal ob männlich oder weiblich, rotzig oder distinguiert, unbeschwert oder resigniert: Jeder Figur gibt Nathan eine ganz eigene Stimmfarbe, teils sogar einen eigenen Dialekt und erweckt das spröde Protokoll des Grauens mit realistischem „Leben“. Ein wahres Mammut-Hör-Kunstwerk!

Der Erzählform der kurzen Abschnitte, der inhaltlich wie örtlich so unterschiedlichen Interviews, ist dann auch zu verdanken, dass man die 14 Stunden Audiounterhaltung trotz greifbaren Horros ausgeprochen kurzweilig empfindet und problemlos über einen längeren Zeitraum mit Pausen hören kann (ca. 20 Minuten dauert einer der längeren Abschnitte). Ist man dann am Ende angelangt, erscheint der zuvor so deplaziert wirkende deutsche Titel Wer länger lebt, ist später tot eigentlich eher sarkastisch: Wer den „Z-Krieg“ überlebt hat, sitzt nun in einer zerstörten, fremden Welt (und wäre vielleicht doch lieber eher gestorben).

Max Brooks
World War Z: Operation Zombie
Ungekürzte Lesung
Gelesen von David Nathan, Michael Pan
2 MP3-CDs, Laufzeit: ca. 842 Minuten
ISBN: 978-3-8371-2039-4

Originaltitel: Word War Z. An Oral History Of The Zombie war