Zum Tode von Ray Bradbury: Ein Mensch ging, sein Wort bleibt

Ein Visionär und Altmeister ist am 5. Juni 2012 mit 91 Jahren verstorben. 70 Jahre lang hat Ray Bradbury geschrieben. Er ist durch phantasievolle, schillernde Figuren und Geschichten bekannt geworden. Seine Werke aus den Fünfzigern sind Klassiker der kritischen Science-Fiction.

Ray Bradbury war ein Vielschreiber, in Interviews gab er an, seine eigenen Lieblingsmomente wären meist, wenn er morgens mit neuen Einfällen an die Schreibmaschine eilte. Der Vater von vier Töchtern produzierte Hunderte von Kurzgeschichten, viele Essays, Bühnenstücke und über zwei Dutzend Romane, die ihrerseits Künstler und Schriftsteller beeinflussten und inspirierten. Etliche Auszeichnungen und Ehrungen hat der Amerikaner dafür erhalten, seit dem Jahr 2002 hat er seinen eigenen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame, wohl nicht zuletzt, weil viele seiner Werke es auf die Leinwand geschafft haben.

Unsterblich wurde Bradbury durch seine finstere Zukunftsvision „Fahrenheit 451“ aus dem Jahr 1953, eine Dystopie über eine Gesellschaft, in der es als Verbrechen gilt, Bücher zu lesen oder gar zu besitzen. Der Titel spielt auf die Temperatur an, bei der Papier sich angeblich selbst entzündet. In Wirklichkeit ist das erst bei 451° Celsius der Fall, aber der Titel ist sicherlich auch so ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Große Erfolge und heutige Klassiker sind Bradburys Werke „Die Mars-Chroniken“ – bestehend aus Kurzgeschichten, die sich zu einem Roman über eine gescheiterte Mars-Kolonisierung zusammen setzen und drei Jahre vor Fahrenheit 451 veröffentlicht wurden – sowie die Erzählsammlung „Der illustrierte Mann“ von 1951.

1920 in Illinois geboren, las Bradbury viel – Comics, aber auch die Bücher von Edgar Allan Poe, Jules Verne, H.G. Wells und Edgar Rice Burroughs. Seine Familie zog später nach Los Angeles, dort schaffte es seine erste Kurzgeschichte „Hollerbochen`s Dilemma“ 1938 in eine Fanzeitschrift, sein erstes Honorar für eine Kurzgeschichte (13.75 Dollar) verdiente er dann mit 22 Jahren. Bis Bradbury aus abgelehnten Kurzgeschichten auf Anraten eines Verlegers  von „Doubleday“, der auch gleich den Namen der Sammlung vorschlug, die „Mars-Chroniken“ zusammenfügte, würden noch einmal einige Jahre ins Land gehen. Es dauerte also auch bei Ray Bradbury durchaus, bis aus dem ambitionierten Schreiberling der skeptische, erfolgreiche Meister wurde, als der er heute zu Recht bekannt ist. Das vergisst man bei einer Rückschau auf das Leben einer der Großen schnell.

Auch wenn die erste Assoziation bei Bradbury meist „Fahrenheit 451“ ist und er damit schnell als Schriftsteller in die Schublade „SF“ geschoben wird: das greift zu kurz. In Fahrenheit 451 geht es vielmehr um das damals wie heute aktuelle Thema „Zensur“ als nur um eine reine Zukunftsvision, in den Mars-Chroniken um das Zusammentreffen verschiedener Kulturen. Dieses Muster zieht sich auch durch seine Kurzgeschichten, die sozialkritisch die Gesellschaft hinterfragen und statt um Maschinen und ferne schöne Techniken vor allem um Belange aus Fleisch und Blut kreisen. Ray Bradbury thematisierte menschliches Verhalten. Darum ging es ihm, der Mensch spielt in seinen Werken die wahre Hauptrolle. Das macht ihn und seine Geschichten erst unsterblich und zeitlos.

Natürlich kommen ständig neue Bücher heraus, die einem Zeit und Atem nehmen. Aber als Ehrung und Verbeugung Ray Bradbury gegenüber als Autoren – aber auch als Mensch – sollte man diese ruhig einmal zur Seite schieben und statt dessen seine Zeilen wieder einmal zur Hand nehmen! Einige seiner Kurzgeschichten sind im Netz sogar im Original zu lesen, auch bringt sein Freund und Biograph Sam Welle am 10. Juli – dies war schon länger geplant – eine Anthologie mit Kurzgeschichten bekannter Autoren heraus, inspiriert durch Ray Bradbury. Keine schlechte Gelegenheit so seinen Hut zu ziehen, oder?

(Verena Wolf, Juli 2012)