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Tolkiens Völker und kein Ende: Sägt die Fantasy an dem Ast, auf dem sie sitzt?

Warum sind es immer und immer wieder Tolkiens Völker, die die Auflagen bestimmen? Kann die deutschsprachige Fantasy nicht mehr? Gräbt sie gar ihr eigenes Grab? Wir wollten wissen, wohin der Zug fährt. Die Entscheidung, wichtige Akteure der Fantasy-Szene nach ihrer Meinung zu fragen, fiel also schnell. Kai Meyer, Friedhelm Schneidewind und Volker Busch – ein Autor, ein Kritiker, ein Lektor, die zum Teil durchaus kontrovers Stellung beziehen. Wir haben sie gebeten, auf der Phantastik-Couch Platz zu nehmen und sind gespannt auf die Diskussion, die dieses Stimmungsbild hoffentlich anregen wird.

Kai Meyer, Autor:

Man könnte es sich zu einfach machen und das Ganze schlichtweg zur Mode erklären: Nur weil ein paar Jahre lang alle Welt Schlaghosen trägt, und man das später albern findet, lässt das niemanden am grundsätzlichen Wert langer Beinbekleidung zweifeln. Irgendwann erklären die Schneider den Schlag für passé, und trotzdem ist es nicht zum Siegeszug der kurzen Hosen gekommen.

Grundsätzlich sehe ich aber ein anderes Problem. Die Autoren, die derzeit in Deutschland erfolgreich Fantasy schreiben, entstammen mehr oder minder einer einzigen Generation, sie sind zwischen Mitte Dreißig und Mitte Vierzig. Die Genre-Einflüsse, mit denen wir aufgewachsen sind, waren weitaus vielfältiger, als das, was in vielen neuen Büchern verarbeitet wird. Natürlich schrieben damals, Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, auch Tolkien-Epigonen wie Terry Brooks – aber es gab daneben Michael Moorcocks Multiversum, die Renaissance von Mervyn Peakes „Gormenghast“, die hobbitfreien Bände der Hobbit-Presse und das Revival der klassischen Sword & Sorcery.

Schauen wir nun mal in die USA und England, so sehen wir, dass es genau diese Einflüsse sind, die dort derzeit die moderne Fantasy spannend machen: Leute wie China Mieville, John C. Wright, Cathrynne Valente, selbst ein Pulitzer-Preisträger wie Michael Chabon – sie alle bedienen sich der Farbpalette dieser Ahnengalerie. Natürlich darf man fragen: Verkauft sich ein Autor wie Mieville oder Wright so gut wie ein Terry Brooks oder – ganz schlimm – R.A. Salvatore und Terry Goodkind? Nein, nicht mal im Ansatz. Aber im englischsprachigen Raum finanzieren die großen Verlage mit tolkienesker Massenproduktion die innovativeren Werke. Bei uns findet das nur in geringem Maße statt: Für ein Dutzend Ork-Romane bietet ein Verlag vielleicht ein, zwei Experimente an wie Christoph Marzi oder eines der ambitionierteren Werke der eingeführten Völker-Autoren (Markus Heitz´ „Mächte des Feuers“ kommt einem da in den Sinn). Beide Beispiele haben trotzdem Erfolg, auch ohne Zwerge, Elben und Orks. Trotzdem sucht man in den Buchhandlungen weitgehend erfolglos nach ähnlich risikofreudigen Titeln.

Nun wäre es stur und falsch, die Schuld allein den Verlagen zu geben. Die Wahrheit ist: Die Verlage können wenig dafür. Ich weiß in etwa, was an unverlangten Einsendungen in den Redaktionen landet: Das allermeiste ist zu schlecht, um veröffentlicht zu werden, und das, was halbwegs geht – meist nach intensivem Lektorat -, ist der dreihundertfünfzigste Tolkien-Abklatsch.

Und damit sind wir beim Kern des Problems: Die jungen Hobbyautoren, die sich heute an der Fantasy versuchen – ich spreche jetzt von Teenagern und Twens -, modellieren ihre Geschichten nach dem, was sie auf den Fantasy-Tischen stapelweise vorgesetzt bekommen. Und das sind vielfach genau jene Bücher, die im weitesten Sinne Tolkien recyceln. Woher also sollen abweichende Konzepte kommen, wenn niemand mehr Moorcock kennt? Oder Peake? („;Von außerhalb des Genres“, könnte man erwidern – ganz recht. Aber auch danach wird man vergeblich Ausschau halten.)

Gewiss könnte an dieser Stelle argumentiert werden, der Massengeschmack entspräche eben Tolkien & Co., und keinem Leser kann man eine originellere Art von Fantasy in den Rachen stopfen, wenn er sie nicht haben will. Woran wir sehen, dass wir es mit einem für das Genre verhängnisvollen Kreislauf zu tun haben: Ein paar Jahre lang werfen deutsche Verlage und Autoren Völker-Fantasy auf den Markt, und schon ist das alles, was auch die Nachwuchsautoren schreiben. Und ich sage das vollkommen vorwurfsfrei, weil es im Grunde keinen Schuldigen an diesem Dilemma gibt. Verlage müssen Geld verdienen, Autoren ihre Bücher veröffentlichen. Und niemand behauptet, dass es keinen Spaß machen kann, über Orks und Zwerge zu schreiben. Allerdings frage ich mich: Wie wird – basierend auf aktuellen Vorbildern – die deutsche Fantasy in zehn, zwanzig Jahren aussehen?

In den Siebzigern und frühen Achtzigern konnten wir uns unsere Einflüsse noch aussuchen. Der heutige Nachwuchs hat diese Wahl derzeit kaum noch (und, schlimmer, will ihn vielleicht gar nicht mehr). Die Klassiker werden nur noch sporadisch aufgelegt, alternative moderne Fantasy hat meist schwache Verkaufszahlen. Auf die Musik übertragen hieße das: Es gäbe nur noch ein einziges Best-of-Beethoven auf dem Markt , außerdem drei, vier Jazz-CDs – und Berge von deutschem Hip-Hop. Dürften wir uns dann wundern, wenn es keine modernen Orchesterkompositionen mehr gäbe? Keinen brauchbaren deutschen Jazz?

Für die Fantasy wiederum bedeutet dies: Je mehr Tolkien-Nachzügler auf den Verkaufstischen liegen, desto enger wird der Fokus des Nachwuchses und dessen Bestreben, genau das gleiche zu schreiben. Das schadet der deutschen Fantasy nicht heute, auch noch nicht morgen, aber es wird die nächste Autorengeneration vor ein Problem stellen. Den Verlagen mag es egal sein, weil viele dort noch immer an einen Boom glauben, der irgendwann wieder vorbei sein wird. Warum sich um die nächste Generation eines Genres kümmern, das doch vor Potter und Paolini noch gar nicht existiert hat? Warum nach Traditionen forschen, wenn es doch augenscheinlich nicht um verschiedene Stimmen und Stile geht, sondern nur um das nächste Trade Paperback, das die 100.000 knackt?

Die Gleichschaltung eines Genres geht immer auf Kosten eigenwilliger Blickwinkel, unverwechselbarer Perspektiven. Den – nennen wir sie einmal – Gründervätern der Völker-Fantasy kann man das nicht einmal vorwerfen: Ein Bernhard Hennen hat großen Wiedererkennungswert, weil man spürt, dass der Autor den hochstilisierten Romantizismus seiner Geschichten und Figuren lebt und atmet. Das ist eine eigene Sprache, eine eigene Sichtweise, eine individuelle Schreibe. Aber dann antwortet VGS darauf mit niveaulosem Unfug wie „Das Reich der Elben“ – und nicht jeder Leser bemerkt den Unterschied, das beweisen leider die Stapel in den Bahnhofsbuchhandlungen.

Der nächste Schritt innerhalb der tolkienesken deutschen Fantasy muss jemand sein, der das Thema von innen heraus aufmischt – so wie es ein Michael Moorcock mit der Sword & Sorcery getan hat oder M. John Harrison mit der Space Opera. Für die Fans dieser Richtung konsumierbar, aber mit neuer, eigener Perspektive, die zugleich den Bogen schlägt zu den übrigen Traditionen und, vor allem, Innovationen des Genres. Kein verbohrter Revolutionär, kein postmoderner Heilsbringer: Nur jemand, der die Spielart bitter ernst nimmt und trotzdem etwas Neues und ebenso Nahrhaftes daraus destilliert.

Die aktuelle Völker-Fantasy ähnelt einem anderen soliden deutschen Qualitätsprodukt: Sie ist eine gut ausgebaute Autobahn, auf der man bequem für lange Zeit dahin rauschen kann. Aber allmählich wird es Zeit, ein paar Abfahrten anzulegen als Angebot für jene, die dann doch einmal etwas anderes wollen als Leitplanken und Lärmschutzwände. Und, nicht zu vergessen, ein paar dieser praktischen Hinweisschilder – Wegweiser zu den Sehenswürdigkeiten rechts und links der Strecke.

Kai Meyer ist der Autor zahlreicher Fantasy- und Phantastikromane. Zuletzt erschien von ihm die Wolkenvolk-Trilogie. Für seinen Roman „;Frostfeuer“ wurde er 2005 mit dem „;CORINE“ für das „;Beste Kinder- und Jugendbuch“ ausgezeichnet.

 

Friedhelm Schneidewind, Kritiker:

Wie gut, dass diese Frage ganz einfach mit NEIN beantwortet werden kann. Da es DIE FANTASY als agierendes Subjekt so wenig gibt wie DIE NATUR oder ähnliche Kategorien theoretisierenden Denkens kann sie sich nicht selber beschädigen …

Aber ernsthaft: Könnten diejenigen, die Fantasy schreiben, dem Genre schaden? Dem Genre sicher nicht, aber vielleicht seinem Ansehen in der Öffentlichkeit, der allgemeinen Wahrnehmung?

Unabhängig davon, welcher Definition von Fantasy man anhängt und seit wann man von Fantasy redet: Das Qualitätsspektrum war immer schon genauso weit wie bei jeder anderen Art der Literatur. Es gab von Anfang an „Juwelen“ und Meisterwerke, lange vor Tolkien, und es gab schon immer schwache literarische Ergüsse und das, was man landläufig gerne als „Trivialliteratur“ oder gar als Schund bezeichnet. Daran hat sich seit den Zeiten von „Melmoth der Wanderer“ (1820) und „Varney the Vampire“ (1847) nichts geändert. Und schon immer haben sich die Schreibenden an Motiven anderer und an allerhand Mythen orientiert und diese manchmal sogar regelrecht geplündert; man denke beispielsweise an Byron, Shelley und Poe, später Lovecraft, Burroughs („Tarzan“) und Howard („Conan“) und (in den letzten Jahrzehnten) Tolkien, Leiber, Poul Anderson, Lloyd Alexander („Taran“), Delaney, Le Guin, Zelazny, Pratchett und Rowling. Und natürlich wurden und werden mythische und literarische Motive auch besonders in Massenprodukten „verwurstelt“, beispielsweise bei „John Sinclair“.

Dies alles hat der Fantasy nicht geschadet. Ihr Ruf war und ist in bestimmten „hochliterarischen“ Kreisen sowieso nicht der beste, daran haben auch „Der Herr der Ringe“ und die Harry-Potter-Romane nur wenig geändert. Wieso also sollte es ihr jetzt schaden, wenn sich wieder einmal viele an einen ihrer großen Erfolge anhängen? Auch das war doch schon immer so: Shelleys Frankenstein und Lovecrafts Cthulhu-Mythos, Tarzan und Conan und viele andere fanden zahlreiche Nachahmer, und nicht selten entstanden daraus hervorragende Werke. Dass nun durch die Verfilmung von „Der Herr der Ringe“ besonders die darin vorkommenden Völker zum Thema neuer Texte werden, ist aus Marketing-Sicht verständlich, und manchmal entstehen dabei ja sogar gute Bücher. Warum und wem soll das schaden?

Wer sich auskennt, weiß, dass es neben der qualitätsvollen Fantasy schon immer viel mehr nicht so gute Bücher gab und gibt. Und er oder sie wählt den eigenen Lesestoff nicht in erster Linie nach (häufig nichtssagenden, irreführenden oder blöden) Werbesprüchen aus. Wer dies doch tut und aus Enttäuschung keine Fantasy mehr lesen will, könnte diese genauso bei den vielen anderen miesen Fantasybüchern erleben, die nicht mit Tolkien oder einer Erzählung über dessen Völker werben.

Lasst die Leute schreiben, was sie wollen, und die Verlage verlegen, was ihnen sinnvoll erscheint. Mal abgesehen davon, dass vieles Geschmackssache und deshalb ein weites Spelktrum wünschenswert ist: Qualität wird sich wie in der Vergangenheit durchsetzen. Solange gute Bücher und Geschichten geschrieben und gute Filme gedreht werden, ist mir um die Fantasy nicht bange!

Friedhelm Schneidewind ist freier Autor, Journalist, Verleger, Musiker und Dozent, letzteres vor allem für Mediengestaltung und Öffentlichkeitsarbeit. 2008 veröffentlicht „der deutsche Tolkien-Experte“ (Radio Europa 2002), „Mythologie und phantastische Literatur“ und „Drachen – Das Schmökerlexikon“, 2005 mit drei anderen Autoren „Eine Grammatik der Ethik. Die Aktualität der moralischen Dimension in J. R. R. Tolkiens literarischem Werk“ und zuvor u. a. „Das große Tolkien-Lexikon“ (2001), „Das ABC rund um Harry Potter“ (2000), „Das Lexikon von Himmel und Hölle“ (2000), „Das Lexikon rund ums Blut“ (1999), Liederhefte, Storybände und das vampireske Schauspiel „Carmilla“ (1994).

Website: www.friedhelm-schneidewind.de

 

Volker Busch, Lektor:

Die Fantasy ist ihrer Nische entkommen und wird künftig mit Selbstverständlichkeit eine herausragende Rolle im Buchmarkt spielen. Ja, es wird weiter Nachfragen und Angebote zu den traditionellen Lesarten (nach Zwergen & Co) geben, aber auch die Suche nach dem Neuen und Subversiven, wie es in den Jugendkulturen eine große Rolle spielt. Es wird weiter low & high in der Fantasy geben, dem Einfallsreichtum der Autoren und Verlage sind keine Grenzen gesetzt. LYX leistet mit dem Roman „;Zwerg und Überzwerg“ von Christian von Aster zu dieser Debatte in Kürze einen substanziellen Beitrag!

Generell meine ich, dass sich das Heraustreten aus dem Fantasy-Ghetto nicht nur bei den Autoren, Lesern und Verlagen beobachten lässt: Auch die Figuren und Motive selbst beginnen zu wandern und sich auszutauschen, es entstehen neue Genre-Mixturen, neue Spielarten der Fantastik breiten sich aus und werden populär. Es wachsen also immer neue Äste, und von Sägen kann keine Rede sein! Der Fantasy-Boom ist ein Effekt des sich ausdehnenden Sinn-Vakuums. Wir brauchen die Fantasy als Schule der Phantasie. Sie kann die Welt da und dort etwas schöner machen, dem Alltag Poesie einflössen. In der Fantasy dürfen noch Wunder geschehen!

Volker Busch ist seit 2006 Cheflektor des VGS-Fantasy-Imprints „;Lyx“. Davor betreute er in gleicher Funktion bei Blanvalet die Fantasy-Titel.