Golem von Edward Lee

Buchvorstellungund Rezension

Golem von Edward Lee

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „The Golem“,deutsche Ausgabe erstmals 2014, 384 Seiten.ISBN 3865523048.Übersetzung ins Deutsche von Manfred Sanders.

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In Kürze:

Ende des 19. Jahrhunderts sollten magisch belebte Lehm-Menschen („Golems“) die jüdische Gemeinde von Lowensport schützen. Das misslang bzw. gipfelte in einem Massaker. Während die Tragödie in Vergessenheit geriet, blieb das Wissen um die Golems erhalten; sie sollen nun Gangstern helfen, den lokalen Drogenmarkt zu übernehmen … – Verfasseruntypisch, d. h. nicht auf die bloße Reihung ekliger Sex-Szenen beschränkt, erzählt Edward Lee auf zwei Zeitebenen eine Geschichte, die sich in der Gegenwart verzahnt; dies buchstäblich, denn Lees Golems sind Mord-Monster, die für Horror der simplen, aber unterhaltsamen Art sorgen.

Das meint phantastik-couch.de: Asche zu Asche, Staub zu Staub, Lehm zu Golem70

Horror-Rezension von Michael Drewniok

1840 hatte eine Gruppe böhmischer Juden genug von den antisemitischen Unterdrückungen und Verfolgungen, denen sie im österreichisch-ungarischen Kaiserreich ausgesetzt waren. Sie scharten sich um ihren Rabbi Gavriel Loew, der ihnen den Weg ins scheinbar gelobte Land wies – die Vereinigten Staaten von Amerika, wo die Einwanderer im US-Staat Maryland am Ufer des Brewer River die Stadt Lowensport gründeten.

Leider waren die neuen Mitbürger ebenso judenfeindlich wie die alten. Vor allem die Conners terrorisierten und mordeten die Mitglieder der Gemeinde, die schließlich keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich auf einen uralten jüdischen Mythos zu stützen: Ende des 16. Jahrhunderts hatte Rabbi Judah Loew – ein Vorfahre Gavriels – in Prag aus dem Lehm des Flusses Moldau den Golem erschaffen: eine gigantische, menschenähnliche Statue, der auf magische Weise ‚Leben’ eingehaucht wurde. Das Geschöpf schützte die Juden gegen ihre Peiniger, weshalb Gavriel 1880 Moldau-Lehm nach Lowensport bringen ließ, aus denen er zwei Golems schuf – zu spät, denn in einer blutigen Nacht fanden die meisten Juden ihr Ende, doch beinahe zeitgleich starben auch die Conners.

Mehr als 120 Jahre später ziehen Seth Kohn, ein erfolgreicher Game-Autor, und seine Lebensgefährtin Judy Parker nach Lowensport. Dort will der korrupte Cop Captain Rosh den lokalen Rauschgifthandel unter seine Kontrolle bringen. Dabei anfallende Dreckarbeiten – oder Morde – überlässt er dem Redneck-Abschaum D-Man und Nutjob, die aber auch für eine Sekte arbeiten, deren Treiben sogar ihnen Angst einjagt, gebietet das Oberhaupt doch über den einen Golem, der das Massaker von 1880 ‚überlebt’ hat und weiterhin Mordaufträge erfüllt.

Nichts anderes als die Wiederauferstehung Gavriel Loews als Golem ist das Ziel der Sekte. Dafür benötigen sie dessen Schädel, der im Keller des Hauses begraben liegt, dass nun Seth und Judy gehört, die damit ahnungslos ins Visier der Fanatiker rücken …

Aus Lehm geschaffen, auf Mord programmiert

Weil dieser Roman von Edward Lee geschrieben wurde, weiß zumindest der mit dem Verfasser vertraute Leser, dass DIESER Golem mehr als eine Kampfmaschine ist, die Judenfeinde in Angst und Schrecken versetzt. In der Tat werden etwa alle 20, 30 Seiten bestialische Massenmorde begangen, denen groteske Vergewaltigungen vorausgehen (oder folgen): Lee will unbedingt seinem Titel als Meister des perversen Splatter-Horrors wahren, obwohl er sich dieses Mal auf entsprechende Ekel-Szenen nicht wirklich konzentriert, weshalb eher mechanisch geschieht, was sonst in allen Einzelheiten beschrieben wird.

Lee leidet zu seinem Pech unter Anfällen eines schriftstellerischen Ehrgeizes, der ihn dazu treibt, sich nicht nur eine stringente Story einfallen zu lassen, statt diese als Ankerkette für flankierende Sauereien zu konstruieren, sondern seine Geschichte in sorgfältig recherchierte Kulissen einzubetten. Typisch für den ‚normalen’ Lee-Roman sind im Golem daher primär die papierflachen Figurenzeichnungen. Vor allem die Schurken sind so böse und verdorben („white trash gothic“), dass sich der Leser das Lachen kaum verbeißen kann, was so als Reaktion keineswegs gewollt sein dürfte – eine Reaktion, die sich auch angesichts der ‚schauerlichen’ Massaker-Szenen leicht einstellt: Wie soll man ernsthaft oder gar erschrocken zur Kenntnis nehmen, wenn Lee zum x-ten Mal darstellt, wie ein Unglücksrabe vom Golem „entarmt“ wird? (Dieses Verb findet man nicht unbedingt im Wörterbuch: Lesen bildet wirklich!)

Durch solche ins Alberne umschlagenden Splattereien konterkariert Lee eine zwar nicht gerade originelle, aber gut ausgedachte und ereignisreich umgesetzte Story, die sogar auf zwei zeitlichen Ebenen präsentiert wird: Die Gegenwart wechselt sich mit Rückblenden in jenen verhängnisvollen Sommer des Jahres 1880 ab, als altes jüdisches Wissen weniger reaktiviert als pervertiert wurde.

Das Böse in jedem Menschen

Dass die Golems von Lowensport nur lose mit dem mystischen Geschöpf zu tun haben, das angeblich 1580 in Prag entstand, stellt Lee rasch klar. Er ist das Kind einer zynischen Gegenwart, die traditionellen Werten skeptisch gegenübersteht. Zwar wagt sich US-Autor Lee in politisch korrekte Untiefen, deren Grund aber weniger tückisch ist als in Europa oder gar in Deutschland. Also ‚darf’ er kriminelle und schwarzmagische Juden als Bösewichte einsetzen. Vorsichtshalber nimmt Lee etwaigen Kritikern den Wind aus den Segeln, indem er die Juden von Lowensport ausdrücklich nicht als Kabbalisten, sondern als Anhänger einer häretischen Sekte darstellt, die vom ‚offiziellen’ Judentum verfolgt wird.

Eine gewisse Ironie liegt darin, dass die Juden von Lowensport einerseits unter dem zeitgenössischen Antisemitismus leiden, während sie andererseits grundböse Absichten hegen. Das hat sich in der Gegenwart geändert, weiterhin schwelende Vorurteile für diese Geschichte ohne Belang sind und deshalb unerwähnt bleiben; allzu aufwändig oder gar hintergründig wollte Lee nicht werden.

Seine Golem-Variante ist leidlich schlüssig mit dem Mythos verknüpft, der Autor hat nachweislich recherchiert, und Lowensport ist mehr als ein Ort, dessen Bewohnern Lee seine üblichen Knochenkrach-Ferkeleien überstülpt. Dass er wie schon gesagt trotzdem auf einschlägige Szenen nicht verzichtet, dürfte vor allem eine Bringschuld an das typische Lee-Publikum begleichen. (Nichtsdestotrotz gilt Golem hier als eher schwaches = zahn- und spermaarmes Werk des Meisters.)

Pech zieht Pech nach sich

Einigen Aufwand investiert Lee in seine gegenwärtigen Protagonisten Seth Kohn und Judy Parker. Ersterer ist Jude, was jedoch keinerlei Relevanz für das Geschehen hat und folglich irrelevant ist. Stattdessen sind Seth und Judy ‚clean’ gewordene Suchtkranke, die in Lowensport den Neuanfang versuchen. Der durch den Tod der geliebten Gattin zum Säufer gewordene Game-Hexer und die crackabhängige Ex-Dozentin – die alles studiert hat, was in Lowensport aufzudecken ist – bleiben unter Lees Schreiberhand reine Klischee-Gestalten. Als D-Man und Nutjob Jane erneut abhängig machen, um sie unter ihre Knute zu zwingen, spielt auch dies für die Story nur scheinbar eine wichtige Rolle.

Folgerichtig reagiert man als Leser gleichgültig auf das Unglück, das Seth und Jane trifft, nachdem sie ‚zufällig’ ausgerechnet in das Spukhaus der Stadt einziehen und auf diese Weise einer lokalen Bande aus Gaunern und Magiern in die Quere kommen – eine ‚Logik', über man lieber nicht nachdenken sollte. Interessanter, weil genrerelevanter ist das Grusel-Brimborium, mit dem Lee den Golem-Mythos ‚modernisiert'. Köchelnde Hundeköpfe, skelettierte Leichen, die mit Moldau-Lehm ‚verkleidet’ werden, die schon erwähnten „Entarmungen“, diverse Friedhofs- bzw. Leichenschändungen (was bei Lee zu einem Exempel von Ursache und Wirkung wird): Hier gibt es Horror mit der groben Kelle, der öfter als sonst bei Lee im Rahmen des tatsächlich Schauerlichen bleibt, was milde stimmt, wenn der Verfasser doch die Ekel-Schraube überdreht oder einen Plump-Epilog anklebt, der eine Fortsetzung androht.

Golem ist Lese-Futter bzw. ein ‚Brot-&-Butter-Splatter', der nach dem Horror-Mainstream, d.h. einem Leser-Pool schielt, den Lee, der eben nicht nur der „König des Hardcore-Horrors“ ist = zur Freude seines Zeig’s-ihnen!-Publikums permanent Spießer vor die Köpfe stößt, sondern sein Geld als hauptberuflicher Unterhaltungsschriftsteller verdient und deshalb bestrebt ist, seine Leserschaft möglichst kopfstark zu gestalten.

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