Interview mit Ju Honisch

Juliane Juliane „Ju“ Honisch wurde am 22. Februar 1956 in Berlin geboren und ist in München aufgewachsen. Dort studierte sie Anglistik und Geschichte. Seit ihrer Jugend singt sie in Chören und spielt Gitarre in verschiedenen Bands. Durch einen beruflichen Irlandaufenthalt kam sie zur Folkmusik. Seit Anfang der 1990er macht sie als Sängerin und Songwriterin erfolgreich Filkmusik, eine Art Folkmusik mit Fantasy-Texten.

Nebenbei schrieb sie Kurzgeschichten und Gedichte. 2008 konnte sie ihren ersten Roman „Das Obsidianherz“ veröffentlichen, den sie bereits acht Jahre zuvor begonnen hatte. Sie schrieb ihn auf Englisch und übersetzte ihn anschließend ins Deutsche. 2009 erhielt sie dafür den Deutschen Phantastik Preis in der Kategorie „Bestes deutschsprachiges Romandebüt“. Das nun zusammen mit ihren anderen früheren Werken – „Schwingen aus Stein“, „Jenseits des Karussells“, „Salzträume“ – bei Droemer/Knaur als e-book erhältlich ist.

Bei Droemer/Knaur ist nun, im Mai 2018, u.a. „Blutfelsen“ erschienen, der zweite Band der „Die Geheimnisse der Klingenwelt“ Reihe (2017, Band 1 Seelenspalter).

Phantastik-Couch: Hallo Frau Honisch, Wie kommt man auf den Gedanken, Bücher zu schreiben und dann noch Fantasy – sprich, was hat Sie verleitet, den sicherlich mühsamen Weg zur gefeierten Autorin einzuschlagen?

SeelenspalterJu Honisch: Ich rolle die Frage mal von hinten auf: Autoren und Autorinnen werden selten gefeiert. Gefeiert wird das Rare und Seltene, und wir Phantastik-Schriftsteller und -innen sind Legion. Man schafft es ja selbst kaum, mehr als nur einen winzigen Bruchteil der Neuveröffentlichungen zu lesen.

Damit kommen wir zum ersten Teil der Frage. Als Kind erfindet man Geschichten (später genauso). Sobald ich schreiben konnte, habe ich sie aufgeschrieben. Das waren zunächst eigene Folgen meiner Lieblingsserien, dann Abenteuerbücher à la Enid Blyton – Also warum Fantasy? Liebesgeschichten mit ein bisschen Sex verkaufen sich besser, Krimis haben einen besseren Ruf, und die sogenannte „hohe Literatur“ kommt zumeist besser mit weniger Ideen aus und hat mehr Chancen, beim durchschnittlichen Bildungsbürger – gelesen oder als häusliche Zierde im Regal – zu landen.

Man muss also Fantasy/SF schon sehr lieben, um trotzdem bei der Stange zu bleiben. Das Book Biz ist für uns Phantasten ein schwieriges Umfeld geworden, denn auch hier regeln Angebot und Nachfrage das Geschäft, und das Angebot ist riesig. Kurz: Man muss ein wenig wie Sisyphos sein und seinen blöden Stein immer aufs Neu den Berg hochrollen, um dann trotzdem nicht etwas wirklich Lukratives zu schreiben, z.B. einen als Krimi angelegten Karriereratgeber mit Diätrezepten und Sex und ein bisschen Nachkriegsgeschichte. Das wäre was, da würden sich die Verlage drauf stürzen und alle ihre Werbegelder dafür verblasen. Und vermutlich – das wird mir immer klarer – hilft es auch, ein hoffnungsloser Romantiker zu sein, dem eine Welt allein nicht reicht.

Ich habe Phantastik immer geliebt, von Kindheit an. Auch ein Literaturstudium hat dem keinen Abbruch getan. Ebenso liebe ich die Szene mit ihren Fans, Geeks, Nerds und Cons. Die Welt ist bunter durch sie – auch wenn wir meistens schwarz tragen.

Phantastik-Couch: Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie vornehmlich bei einem der so genannten Kleinverlage – Feder & Schwert – publiziert. Gemeinhin soll man als Autor bei diesen engagierten Verlagen größere Einflussmöglichkeiten auf das zu erscheinende Buch haben; dem gegenüber steht ein geringeres Werbebudget und deutlich geringere Reichweite im Buchhandel. Wie sehen Sie das, wie war es bei Ihnen?

Ju Honisch: Natürlich wäre ich auch gerne bei einem großen Verlag angekommen, damals. Man stellt sich das am Anfang immer so einfach vor. In den Medien wird das ja so dargestellt: Man schreibt lässig ein Buch, der erste Verleger schreit Hurra, und danach ist man dann reich. So hätte ich das auch gern gehabt.

Aber F&S waren die einzigen, die sich tatsächlich angeschaut haben, was da ins Haus getrudelt kam. Die Kleinverlage sind inzwischen die weitaus besseren Verlage, was den Umgang mit neuer Literatur und neuen Autoren angeht. Bei den großen entscheiden zunehmend die Marketingabteilungen, und die lieben Altbewährtes zu dem man schon Statistiken hat.

Was die Tantiemen angeht, so nähern sich die Summen, wenn man nicht gerade Erfolgsautor ist, sondern in der Midlist herumdümpelt, zusehends einander an, und dabei werden die von den Kleinverlagen nicht höher.

Ich war sehr froh, bei F&S unterzukommen. Die Zusammenarbeit war gut. Ich bin froh, dass es Kleinverlage gibt, sonst gäbe es eventuell nur Bücher von den immer gleichen fünf Autoren. Ein Hoch auf die Kleinverlage!

Phantastik-Couch: Nun fiel mir bei Durchsicht Ihrer Veröffentlichungen auf, dass Sie sich ganz eindeutig nicht unbedingt als Fan des kurzen Textes outen. Ihre Romane umfassen immer mehrere hundert Seiten, haben eher Ziegelsteinformat, als dass sie als handliche Taschenbücher mit an den Strand genommen werden. More value for your money – gab es da nicht Widerstände bei den Verlagshäusern?

Ju Honisch: Ich schreibe Kurzgeschichten. Die sind kurz. Demnächst kommt eine ganze Sammlung davon raus „Machtschattenspiele“ (Edition Roter Drache).

Ansonsten werde ich beim Schreiben oft von meiner Welt gefangengenommen und möchte alles so plausibel wie möglich machen. Vielleicht brauchen die Leser ja nicht wirklich jede Information, aber Tatsache ist, dass es selbst bei der Länge meiner Bücher bisweilen noch Kritik gibt, dass die Welt nicht genau genug beschrieben ist oder man gern mehr über diese oder jene Person gewusst hatte.

Ich selbst lese gerne lange Bücher. In kurzen fehlt mir eben oft das, was neben der nackten Primärhandlung noch an Interaktion läuft, an Denken, an Fühlen.

Rein geschäftlich wäre es mir natürlich lieber, ich könnte knappe 300-Seiten Bücher schreiben. Vielleicht Mehrteiler mit „cliff hanger“. Ich versuche es immer wieder. Vielleicht gelingt es mir beim nächsten. – Das sage ich auch jedes Mal.

Phantastik-Couch: Von Feder & Schwert ging es dann letztes Jahr zu Droemer / Knaur. Wie kam es zu dem Wechsel, was erhoffen Sie sich vom Grossverlag und wie klappt die Zusammenarbeit?

Ju Honisch: Von F&S ging es über einen Ausflug bei Heyne (Die Quellen der Malicorn) zu Droemer Knaur. Das ist aber schon ein paar Jahre her. Vom Vertragsabschluss zum fertigen Werk dauert es ja immer ein Weilchen.

F&S ist dann an den Uhrwerk-Verlag verkauft worden und existiert nur noch als Marke. Meine dort verlegten Bücher waren zu dem Zeitpunkt so gut wie vergriffen. Also war es ein guter Zeitpunkt, auch die zu Droemer Knaur zu schaffen, wo sie als E-Books erhältlich sind. Ich hoffe ja immer auf eine späte Blütezeit meiner ersten Romane und auf eine neue Printversion. Wie jeder der schreibenden Zunft glaube ich ja, dass es noch viel mehr potentielle Leser gibt, die die Bücher unbedingt noch entdecken sollten. Immerhin haben zwei von den vieren ja Preise bekommen.

Phantastik-Couch: Inwieweit haben Sie hier auf Gimmicks wie Karten oder die Umschlaggestaltung Einfluss?

Ju Honisch: Die Karte kam als Entwurf von mir, denn in einer erfundenen Welt kann ich nicht ohne Karte schreiben. Ich muss bildlich vor mir sehen, wer an welchem Ort ist und wieviel Distanz/Zeit berechnet werden muss. Der Entwurf ging dann beim zweiten Band an einen Grafiker, der eine aufgehübschte Version davon fertigte. Der erste Band „Seelenspalter“ hat leider keine Karte. Wer eine will, kann sie bei mir anfordern.

BlutfelsenAuf das Covermotiv habe ich nur bedingt Einfluss. Ich bekomme einen Entwurf, an dem ich dann noch ein bisschen rummäkeln darf. An „Seelenspalter“ hatte ich da wenig zu mäkeln. Bei „Blutfelsen“ habe ich sehr heftig darum gerungen, dass die Bibliothekarin nicht im Haremskostüm rumspringt. Das Cover zu „Die Quellen der Malicorn“ – das Buch mit den rassistischen Einhörnern – war offensichtlich ein Griff in die Ablage: Was haben wir denn so mit Einhörnern? Immerhin konnte ich den Titel mit dem 60ger Jahre Mädel im wehenden Abendkleid vor einem steigenden Einhorn verhindern.

Phantastik-Couch: Sie bevorzugen weibliche Erzähler – ist das für Sie als Frau einfacher zu schreiben, gab es nicht auch hier Überlegungen, dem zum Glück früheren Trend zu männlichen Heroen zu folgen?

Ju Honisch: Nun ja. Was soll ich dazu sagen? „Weil ich ein Mädchen bin … Weil ich ein Mädchen bin …“. Da ich ja die Helden kapitelweise wechsle, kommen schon auch Männer zu Wort, aus deren Sicht dann auch erzählt wird. Bis jetzt hat es mich noch nicht getrieben, ein Buch zu schreiben, in dem nur ein einziger männlicher Protagonist zu Wort kommt. Vielleicht sollte ich mal darüber nachdenken. Aber alle Ideen, die noch im Ideenordner dümpeln, sind wieder eher weiblich besetzt. Immerhin, ein Ideenentwurf enthält einen zwölfjährigen Jungen als Held, doch das ist kein Kinderbuch, und ich weiß nicht, ob ich es je schreiben werde.

Manchmal bin ich, wenn ich Frauen-Charakterisierungen von männlichen Autoren lese, nicht sonderlich glücklich. Vielleicht habe ich ein wenig Bedenken, dass das umgekehrt auch so sein könnte.

Phantastik-Couch: Mittlerweile ist der zweite Roman aus der Klingenwelt – mit anderen Handelnden als im ersten Titel und einer anderen, früheren Zeitepoche – erschienen.

Gab / gibt es hier eine dezidierte Ausarbeitung der Welt, ihrer Völker und Geschichte, oder wird das im Verlauf des Schaffensprozess´ von Ihnen peu a peu entwickelt?

Ju Honisch: Teils, teils. Ich habe eine grundsätzliche Idee zur Welt und male eine grobe Karte. Ich lege den Tech-level fest, die Politik und die Vorgeschichte, der Welt. Die Karte wird während der Handlung feiner. Und Flora und Fauna entstehen eher nebenher. Ich bin nicht so gut im dezidiert planen, denn ich bekomme die besten Ideen, während ich schreibe und nicht vorher.

Phantastik-Couch: Werden Sie in die Klingenwelt zurückkehren? Sind und wenn ja, wie viele weitere Bände angedacht?

Die Quellen der MalicornJu Honisch: Schwieriges Thema, denn das entscheide ich nicht selbst. Von mir angedacht wären noch mehrere Bände. Einen habe ich auch schon angefangen zu schreiben. Der Verlag sieht das etwas anders. Man kann es vermutlich so sehen: Sollten sich die ersten beiden Bände wie geschnitten Brot verkaufen, dann gibt es in Predorenn noch einige Abenteuer. Falls nicht, dann nicht.

Im Moment schreibe ich an etwas anderem, aber dazu kann ich noch nichts sagen, außer dass es Urban Fantasy ist.

Phantastik-Couch: An welche Lesegruppe wenden Sie sich mit den Klingenwelt-Romanen besonders – wen haben Sie hier angepeilt?

Ju Honisch: Ich schreibe primär für erwachsene Leser und „young adults“. Ich würde mich freuen, wenn zu den treuen Lesern aus dem Fandombereich noch mehr aus der Mugglewelt hinzukommen würden.

Die Klingenwelt-Romane sollten allen jenen gefallen, die sich in ein Buch und eine Welt vertiefen können, die weder Angst vor ein bisschen Blut und Kampflärm haben, noch unbedingt Elfen, Zwerge oder Einhörner brauchen, um sich in eine spätmittelalterlich angelegte Welt zu vertiefen. Die mit eher sparsam angewandter Magie zurechtkommen und nicht auf den Prophezeiten/Auserwählten warten, der dann mit Zauberfingerschnipsen alles richtet. Man schreibt ja immer das, was man in der Art selbst auch gerne liest. Ich muss an dieser Stelle ja nicht erwähnen, welche bekannte(n) Buch-Reihe(n) ich mit Begeisterung gelesen habe. Die Leute, die die alle auch mochten, die hätte ich alle gerne als Leser.

Phantastik-Couch: Vielen Dank, dass Sie uns Rede und Antwort gestanden haben. Wir wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute!

Ju Honisch: Vielen Dank! Habe mich gefreut. Wer redet nicht gerne über seine Bücher?

Das Interview führte Carsten Kuhr für Phantastik-Couch.de