Good Boy - Trust His Instincts

Film-Besprechung von Michael Drewniok

Indy ist ein Nova Scotia Duck Tolling Retriever und somit Hund einer Rasse, die im US-amerikanischen Neuschottland gezüchtet wurde, um von Jägern abgeschossene Enten aus Teichen und Sümpfen zu fischen. So ist Indy ein robuster, beweglicher Hund, der sein Herrchen Todd unendlich liebt und bereit ist, ihm überall hin zu folgen - ein Grundsatz, den er wohl bald überdenken würde, wäre er dazu in der Lage.

Mit seinem Herrchen stimmt etwas nicht, das weiß Indy: Immer wieder muss Todd husten, und bald spuckt er Blut. Nach einem Krankenhausaufenthalt gibt er seine Wohnung auf. Es zieht ihn aus der Stadt hinaus aufs Land bzw. in den Wald. Dort steht einsam das Haus seines Großvaters, der vor Jahren unter nie geklärten Umständen zu Tode kam. Im Gegensatz zur Schwester Vera, die ihm Vorwürfe macht, weil er als ernsthaft kranker Mann die Stadt verlässt, glaubt Todd nicht an Spuk. Er hat mit seiner Krankheit mehr als genug zu tun; sein Zustand verschlechtert sich rapide.

Indy ist nicht nur deshalb besorgt. Er als Hund vermag mehr und tiefer zu ‚sehen‘ bzw. zu riechen und zu hören als ein Mensch, weshalb ihm auffällt, dass im alten Haus und vor allem im Keller Schatten umgehen, Lichtern flackern und seltsame Geräusche ertönen. Wenn Todd erschöpft auf seinem Bett liegt, geht eine schwarze, feucht-triefende Gestalt um.

Wie es sich für einen guten Hund gehört, beschließt Indy, sein Herrchen zu verteidigen. Was wirklich um ihn und Todd herum vorgeht, versteht er nicht, aber er gibt alles - und tritt dabei gegen eine Macht an, die zwar allgegenwärtig, aber dennoch nicht von dieser Welt ist ...

Der beste Freund des Menschen

Wissenschaftler streiten weiterhin, vor wie vielen Jahrzehntausenden es geschah, doch sind sie sich einig, dass der Hund zum ersten Haustier des Menschen wurde. Als Begleiter auf der Jagd und als Leibwächter war er unentbehrlich. Mensch und Hund entwickelten eine artenübergreifende, quasi symbiotische Verbindung, die bis heute unerschütterlich hält: Wer sich einen Hund anschafft, erhält einen Lebensgefährten, der zu seinem Menschen-‚Rudel‘ hält.

Dabei musste der Hund viel durchmachen. Dem Wolf, von dem er abstammt, sieht er in der Regel kaum mehr ähnlich. Viele Rassen wurden überzüchtet und degenerierten zu nur eingeschränkt lebensfähigen ‚Zierhunde‘, denen die Augen grotesk aus dem verzerrten Schädel quellen, die sabbern und schleimig schnaufen, statt zu atmen. Indy hatte Glück: Er entstand als „Arbeitshund“, meistert jedes Gelände, kann rennen, springen und sich durch erstaunlich schmale Ritzen quetschen - alles Fertigkeiten, die Indy an den Tag (und vor allem die Nacht) legen muss.

Indy kann außerdem Geister sehen. Diese Eigenschaft teilt er mit seinen Artgenossen, aber auch mit anderen (Haus-) Tieren: Während Hunde auf Phantome aus dem Jenseits eher skeptisch reagieren, hegen Katzen große Sympathie selbst gegenüber Entitäten, die menschlichen Hausbewohnern Übles antun wollen. Der angebliche Blick ins Jenseits wird literarisch, aber auch filmisch genutzt, wenn Haustiere deutlich früher merken, dass es spukt, während den Menschen - angeblich Krone der Schöpfung - erst ein Stück aus dem Hintern gebissen werden muss, bis sie begreifen, was um sie herum vorgeht.

Die Welt im Auge des Hundes

Man muss Ben Leonberg dafür loben, dass ihm in einem Genre, das sämtliche Orte, Figuren und vor allem Gespenster und Monster miteinander kombiniert hat, etwas Neues gelang: „Good Boy“ erzählt die Geschichte durchweg aus der Sicht des Hundes! Damit ist keineswegs gemeint, dass sich Leonberg darauf beschränkte, den Hund durch die Kamera zu ersetzen und diesen dadurch aus dem direkten Geschehen zu streichen.

Die Kamera bleibt auf Indys Kopfhöhe, weshalb wir die Gesichter der wenigen menschlichen Darsteller gar nicht oder nur schattenhaft sehen: Das Gesicht ist für den Hund nicht so wichtig wie für den Menschen. Indys Sinne reichen weiter, weshalb er auch in der Finsternis erkennt, wie sein Herrchen gelaunt ist.

Selbst wenn sie ihm folgt, bleibt die Kamera neben Indys Schulter. Blickt dieser also in ein (scheinbar) leeres Zimmer, stehen wir Zuschauer praktisch an seiner Seite, und seine Pelznase ragt in unser Blickfeld. Nur selten ersetzt die Kamera Indy völlig. Dann verändern sich Bild und Ton. Ersteres wird unschärfer, flauer in den Umrissen und farbärmer, letzterer nimmt an Intensität zu: Wir nehmen die Welt jetzt so wahr, wie sie sich Indy über seine Sinne und sein Hirn erschließt.

Was geht hier vor?

Leonberg gelingt das Kunststück, Indy über die gesamte Filmdistanz Hund bleiben zu lassen. Es gibt keine offenkundig andressierten Geistesblitze, denn Indy denkt nur wenig. Er registriert und handelt, und darin liegt seine Stärke. Der Spuk jagt ihm keine Angst ein, weil er grässlich aussieht; so etwas registriert er nicht. Indy fürchtet sich erst, als er attackiert wird. Er lernt und stellt sich auf diese Weise auf die ihm rätselhafte Gesamtsituation ein.

Wir menschlichen Zuschauer wissen dagegen schon früh, was sich in dem alten Haus abspielt. Natürlich sorgt Leonberg für Ablenkungen und Schrecken - vordergründig, denn tatsächlich enthalten auch diese Passagen handlungsrelevante Informationen. An dieser Stelle sollen die Karten nicht aufgedeckt werden, damit potenzielle Zuschauer einen spoilerfreien Blick auf das Geschehen werfen können. Nur ein ‚Spoilerchen‘ sei gestattet: Todds und Indys Erlebnisse spiegeln sich in den Schicksalen des Großvaters - den Todd nur auf im Haus gefundenen Videobändern ‚trifft‘ - und dessen Hundes Bandit, bis im Finale dieser Teufelskreis aufgebrochen wird.

Todd weiß, wie es um ihn steht. Er will nicht, dass Indy mit ihm in den Strudel gerät, weist ihn ab, kettet ihn sogar vor dem Haus an. Indy versteht nicht, wieso ihm so geschieht. Er will einfach nur helfen und setzt dabei sein Leben aufs Spiel: Seine Liebe ist bedingungslos, was Todd wiederum in seiner Situation mehr Halt gibt als die Menschen in seiner Umgebung, die er als aufdringlich empfindet und meidet. So geschieht, was geschehen muss, und Indy entschließt loszulassen, wo es keine Rettung geben kann.

Wie ein Hund zum Darsteller wird

In unserer verdrehten Welt erregen die Schicksale unter Zwang gesetzter Menschen höchstens pflichtschuldige Aufmerksamkeit. Im Vergleich dazu geht es einem Hund wie Indy besser: Die Schar derer, die wissen will, ob Indy für die Dreharbeiten nicht ‚zwangsdressiert‘ wurde, man ihm ausreichende Pausen gönnte oder er sich nicht fürchten musste in jenen Szenen, die in düsteren Kellerräumen oder an ähnlich ungastlichen Orten spielen, ist eindrucksvoll kopfstark! Entsprechende Anmerkungen füllen die Kommentarspalten unzähliger Websites, die sich mit „Good Boy“ beschäftigen.

Um jedem (unverdienten) Shitstorm aus dem Weg zu gehen, blendete Leonberg neben die ablaufenden Endtitel eine Filmsequenz ein, in der sich ein offenkundig tiefenentspannter Indy während einer Autofahrt den Wind durch ein offenes Seitenfenster um die Nase blasen lässt. Zudem tritt nach dem Hauptfilm der Regisseur vor die Kamera und gibt eine Erklärung ab. Demnach ‚wusste‘ Indy nie, dass er die Hauptrolle in einem Film spielte. Man führte ihn in die vorbereiteten Kulissen - wie günstig, dass Familie Leonberg ohnehin in ‚Großvaters‘ Haus wohnte! - und ließ ihn dort herumschnüffeln. Dabei lief die Kamera, und anschließend filterte Leonberg heraus, welche Bewegungen und Reaktionen sich für die erdachte Handlung eigneten. Erwartungsgemäß war die tägliche Ausbeute gering, aber Leonberg nahm sich Zeit: drei Jahre, um genau zu sein!

Auf diese Weise ging Indy so natürlich in seiner ‚Rolle‘ auf, wie es das Drehbuch vorsah. Niemand gab ihm aus dem Off Anweisungen - und das merkt man! Zudem ist Indy fotogen: Retriever seiner Rasse sind wohlproportionierte Hunde mit einem hübschen, ausdrucksstarken ‚Gesicht‘. Indy mag nicht über eine ausgeprägte Mimik verfügen, aber seine Körpersprache ist ausdrucksstark! (Wo es gar zu spukig und turbulent zuging, kam eine Indy-Puppe zum Einsatz.)

An der Leine geführt, aber nicht gezogen

Die wenigen Menschen unterwerfen sich in ihren Rollen nicht dem tierischen Star, sondern verhalten sich so, wie ein Hund sie sehen würde/könnte. So etwas erfordert durchaus schauspielerische Präsenz. Obwohl wir Todd kaum jemals wirklich sehen, nehmen wir doch Anteil an seinem Leid. Stellvertretend vermitteln Schwester Vera, eine namenlos bleibende, aber diagnosedeutliche Ärztin und ein besorgter Nachbar das Bild wohlmeinender, jedoch wie Indy letztlich überforderter Mitmenschen.

Filmisch hat Leonberg sich sicht- (s. o.) und hörbar Gedanken darüber gemacht, wie ein Hund diese Welt erlebt. Zu ausgefeilten Soundeffekten kommt ein die Stimmung unterstreichender Soundtrack. In der Summe versöhnt der gelungene Perspektivensprung mit dem grundsätzlich simplen, unnötig verkomplizierten Plot. Auf ein wenig Horror-‚Action‘ und -Effekte mochte Leonberg wohl nicht verzichten.

Klug lässt der Regisseur nur wenig mehr als 70 Minuten verstreichen, bevor er zum Ende kommt. Auf diese Weise vermeidet er, die Grenzen des gewählten Formats zu strapazieren. Die Geschichte findet ihren Schluss, und sie endet gleichermaßen traurig wie hoffnungsvoll.

Fazit

Eine Spukgeschichte aus der Sicht eines Hundes? Es funktioniert, weil man einen geeigneten Hauptdarsteller ‚castete‘, aber auch, weil viel Gedankenarbeit in die Art der Darstellung investiert wurde.

Wertung: 7,5

Bilder: © 2025 Universal Studios. All Rights Reserved.

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