STRANGER THINGS: Ein Nachruf
von Marcel Scharrenbroich
Hinweis:
Die fünfte und letzte Staffel der Serie wurde an Neujahr mit dem finalen Kapitel abgeschlossen. Wer noch nicht in den Genuss kam, sollte sich bewusst sein, dass es hier definitiv zu SPOILERN kommen wird. Ich werde offen - und frei von der Leber weg - MEINE PERSÖNLICHE Meinung zum großen Finale wiedergeben und darüber hinaus darauf eingehen, wie kontrovers es in diversen Berichterstattungen hergehen kann, wenn eigene Weltbilder, Erwartungshaltung und Realität die Wege kreuzen.
Was lange währt…
Die Wartezeit war lang. Sehr lang. Viel, viiiiel zu lang. Wir schrieben das Jahr 2022, als während einer gewissen Pandemie - die Älteren werden sich erinnern - die heiß ersehnte vierte Staffel von NETFLIX‘ Nummer-1-Köder an den Start ging. Mein Hype-Level war einigermaßen niedrig, da will ich ehrlich sein, denn die dritte Staffel (2019) stellte für mich einen Tiefpunkt dar. Einfach aus dem Grund, dass das Popkultur-Konzept hier derart im Fokus stand, dass die fast schon generische Story nebensächlich war. Die große Bedrohung war nur selten spürbar, inhaltliche Fortschritte machten höchstens die Protagonisten, die mittlerweile im problembehafteten Teenager-Alter angekommen waren. Ansonsten schien es, dass den Machern (und mit ziemlicher Sicherheit auch NETFLIX) durchaus bewusst war, welchen 80er-Hype sie mit „Stranger Things“ ausgelöst hatten. Da die Geschichte der dritten Staffel sich hauptsächlich im neuen Einkaufszentrum von Hawkins abspielte, was Kostüm- und Set-Designern noch mehr Möglichkeiten gab, Mode, Musik und Popkultur-Reminiszenzen einzubauen, als in den Seasons zuvor, quollen die Retro-Zutaten gebündelt an allen Ecken und Enden heraus. Selbst die 80er waren nicht SO 80er, wie diese acht Episoden.
Dann rollte aber 2022 über uns herein und brachte uns neben einem Alltag aus PCR-Tests, Impf-Debatten und Horror-Meldungen aus der Ukraine auch freudige Nachrichten. Es gab ein Wiedersehen mit unserem nun deutlich reifer gewordenen Grüppchen aus Hawkins. Die Wartezeit ließ sich zwar mit zwei Romanen und diversen Comics ganz gut überbrücken, aber es war halt nicht dasselbe. Es war schon interessant, mehr über die Hintergründe diverser Charaktere zu lesen, wie beispielsweise Jim Hoppers Zeit als Cop in New York (im Roman „Stranger Things: Finsternis“) oder von den Upside-Down-Erlebnissen von Will Byers während der ersten Staffel (im Comic „Stranger Things - 1. Die andere Seite“), doch die „richtige“ Fortführung der Storyline konnten diese nicht ersetzen. Und was soll ich sagen… Season 4 hatte das Feuer bei mir neu entfacht. Alles daran fühlte sich nicht mehr wie ein Schaulaufen eines populären Jahrzehnts an, sondern nach einer gut durchdachten Storyline. Wobei man „gut durchdacht“ jetzt nicht allzu hoch hängen sollte, denn wir reden hier immer noch über einen actionreichen Fantasy/Mystery-Hybriden, der vor allem eines soll: unterhalten. Jedenfalls hatte man mit Vecna (aka Henry Creel; gespielt von Jamie Campbell Bower) nun einen ultimativen und vor allem greifbaren Bösewicht, dem man schon eine starke Präsenz zuschreiben muss. Auf der Gegenseite kam mit Metalhead Eddie Munson (Joseph Quinn; „A Quiet Place: Tag Eins“, „Gladiator II“, „Warfare“, „The Fantastic Four: First Steps“) ein unglaublich amüsanter Sympathieträger hinzu, dessen Darsteller sich seither vor großen Angeboten kaum noch retten kann. Der neue Fan-Liebling brachte dann in der finalen Folge der Staffel („Chapter Nine: The Piggyback“) das ultimative Opfer, was viele Zuschauer zuerst nicht wahrhaben wollten und wild über eine mögliche Rückkehr spekulieren ließ. Nun, zu der kam es nicht, aber als der Groschen fiel, dass man einen unerwartet gut angenommenen Charakter vielleicht ZU früh über die Klinge springen hat lassen, konnte man ja nachträglich noch auf weitere Medien ausweichen. So geschah es dann auch, und zwar mit den bereits angesprochenen Romanen und Comics rund um das „Stranger Things“-Universum. Mit dem Roman „Stranger Things: Der Flug des Ikarus“ (aus dem PENGUIN Verlag) bekam Eddie Munson eine passende Backstory verpasst. Der Comic „Stranger Things und Dungeons & Dragons - Hellfire Forever“ (PANINI) lässt dann zum zweiten Mal die Welt von Will, Lucas, Dustin und Mike mit der des beliebten Pen-&-Paper-Rollenspiels verschmelzen und erzählt zudem davon, wie Eddie zum Anführer des „Hellfire“-Clubs aufstieg, dem Mike und Dustin an der Highschool beigetreten waren (zu sehen in der ersten Folge der vierten Staffel „Chapter One: The Hellfire Club“).
Season 4 endete also extrem dramatisch und unerwartet gefühlvoll. Nicht nur Eddies Opfer sorgte für feuchte Augen, sondern auch das kurzzeitige Ableben von Max Mayfield, die nach einer Stippvisite ins Jenseits aber von Eleven gerettet werden konnte. Zumindest halbwegs, denn Max verfiel in ein Koma, während der kurze Moment ihres Todes ausreichte, für Vecna die Tore in unsere Welt zu öffnen. Die Realität quittierte das Eintreten mit einem gewaltigen Erdbeben und es wurde ein Spalt durch Hawkins gerissen…
Kontrovers? Ach bitte…
Um den Hype auf die letzte Staffel möglichst lange auszureizen, kam man auf die glorreiche Idee, die Feiertagssaison 2025 ganz in NETFLIX-Rot zu lackieren. Die ersten vier Episoden erschienen in Deutschland am 27. November, drei weitere Kapitel folgten am 26. Dezember, bevor Neujahr ganz im Zeichen von „Chapter Eight: The Rightside Up“ stand. Und war man nicht schnell, erwies sich das Netz (mal wieder!) als regelrechtes Minenfeld in Bezug auf Spoiler. Dazu musste man nicht mal bewusst einen Artikel mit „Stranger Things“-Thematik anklicken, sondern nur halbwegs sehend durch soziale Medien oder Videoplattformen scrollen. Ohne Rücksicht auf Verluste wurde ausposaunt, was auszuposaunen war. Und nicht selten waren es Rants, aufgeplusterte Empörung oder sonstiger Bullshit der selbsternannten Anti-Woke-Bubble, die immer mehr Negativität als lukratives Geschäftsmodell für sich entdeckt hat. Eine mittlerweile gängige Praxis, denn da wo MARVEL oder „Star Wars“ mit ihren Franchises, Filmen oder Serien-Ablegern komplett falsch abgebogen sind (daran dürfte es hoffentlich nur wenige Zweifel geben), lässt man dankbar selten ein gutes Haar an den Machern, Autoren oder sogar Darstellern. Klar, auch mir fällt es bei missratenen Streifen wie „The Marvels“ oder „Thor: Love and Thunder“ extrem schwer, jegliche Objektivität zu behalten und nicht in schlichte Gossensprache zu verfallen, aber was irgendwelche YouTuber unter reißerischen Titeln wie „Marvel Is DESPERATE…“, „Woke Hollywood DESTROYED…“, „James Gunn PANICS…“ oder „Stranger Things Creators Get SLAMMED…“ ohne jeglichen faktenbasierten Kontext in die Welt rotzen, nur um ihren eigenen schmalen Horizont zur Schau zu stellen, ist ein Sinnbild dessen, was in unserer Gesellschaft falschläuft.
Im Falle von „Stranger Things“ ist natürlich das Outing von Will Byers gemeint. In der vorletzten Episode („Chapter Seven: The Bridge“) „gesteht“ er Familie und Freunden in einem tränenreichen Endlos-Monolog, dass er keine Mädchen mag. Zumindest nicht so, wie es seine Freunde tun. Kein großes Ding, oder? Falsch… zumindest für DIE Spaten-Fraktion, die anhand dieses einen Satzes nicht nur Season 5, sondern gleich die ganze Serie als „woken Trash“ in die Tonne tritt. Auf YouTube und in sozialen Medien sind das - wenig überraschend - die gleichen Ragebait-Enthusiasten, denen im ersten Teaser zum kommenden „Masters of the Universe“-Films beim augenzwinkernden „HE/HIM“-Pronomen-Gag die Glocken im Karton klingeln, oder die urplötzlich bei der vierten Staffel der überspitzt-expliziten Superhelden-Serie „The Boys“ auf die Hater-Seite gewechselt sind, weil ihnen die Vergleiche mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in den Staaten wohl zu sehr wiedergespiegelt wurden. Natürlich wirken viele Inhalte in modernen Produktionen extrem erzwungen, um als Produktion (bzw. dem Studio dahinter) möglichst inklusiv und mit weißer (oder gar bunter?) Weste dazustehen, während konservativere Meinungen deutlich gedämpfter bis gar nicht für eine ausgeglichene Darstellung thematisiert werden. Davon geht die Welt aber nicht unter. Vor allem nicht, weil wir in diesem Kontext immer noch über ein Unterhaltungsmedium und nicht von unanfechtbaren Gesetzen und den damit verbundenen Eingriffen in irgendwelche Persönlichkeitsrechte reden. Ich bin mit Shows wie „Eine schrecklich nette Familie“, „Beavis and Butt-Head“ oder „Sledge Hammer!“ aufgewachsen, die eine zartbesaitete Gesellschaft heutzutage wohl nach wenigen Minuten zum emotionalen „MELTDOWN“ bringen würden, und die Welt hat sich trotzdem weitergedreht. Erziehungsfernsehen, speziell im rein fiktionalen Bereich, will niemand. Aber eine derart aufgeladene Stimmung, nur weil ein Charakter in einer Serie plötzlich schwul ist, kann ich nur mit Kopfschütteln kommentieren. In dieser Richtung sollen zum Thema „Stranger Things“ noch zwei Dinge angemerkt werden.
Erstens: Man muss bedenken, dass Homosexualität im Jahr 1987, in welchem die fünfte Staffel spielt, noch ganz, GANZ anders wahrgenommen wurde. Von allgemeiner Akzeptanz und Toleranz lässt sich da nicht sprechen. In Deutschland war das Jahr geprägt von Diskriminierung und Stigmatisierung, hervorgerufen durch die HIV-Krise. Soziale Ausgrenzung und öffentliche Anfeindungen waren für Schwule an der Tagesordnung, während das Bundesland Bayern 1987 sogar AIDS-Tests für Homosexuelle anordnete. In den USA markierte dieses Jahr einen Wendepunkt, als im Oktober der „Second National March on Washington“ stattfand. Mehr als eine halbe Million Menschen demonstrierten gegen die langsame Reaktion der Regierung auf die HIV-Krise und für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben. Also mitnichten ein unbedeutendes Jahr, weshalb die Unsicherheit/Angst von Will Byers in diesen unaufgeklärten Zeiten durchaus treffend integriert und von seinem Darsteller Noah Schnapp empathisch dargestellt wurde. Ja, die Szene mag etwas zu lang und tränenreich sein, aber das Outing kam ja nicht aus dem Nichts, sondern hat sich bereits in der vierten Staffel („Chapter Eight: Papa“) unmissverständlich aufgebaut… was uns zum nächsten Punkt bringt.
Zweitens: Will Byers ist keineswegs der erste homosexuelle Charakter in „Stranger Things“. Ich kann mich nicht an ein Mimimi aus der empörten Ecke der „Fanbase“ erinnern, als Robin Buckley (gespielt von Uma Thurmans und Ethan Hawkes Tochter Maya Hawke) sich in „Chapter Seven: The Bite“ der dritten Staffel outete. Ganz im Gegenteil, denn es wurde von vielen Seiten die Authentizität gelobt, die Hawke in ihr Schauspiel packte, obwohl ihr Charakter anfangs noch als Love-Interest für Steve Harrington (Joe Keery) geplant war, mit dem Robin in der Mall zusammenarbeitet. Und die Best-Buddy-Formation, die aus dieser unaufgeregten Szene schließlich resultierte, funktioniert bis zum Abschluss hervorragend. Robin stellt auch in Season 5 einen wichtigen Ankerpunkt dar. Gerade für Will, den sie - trotz unausgesprochener Tatsachen - immer wieder emotional unterstützt und indirekt zur Selbstakzeptanz animiert. Für mich sind es genau diese menschlichen Momente, die „Stranger Things“ zu mehr als einer fast-paced Fantasy-Serie machen, da neben dem allgegenwärtigen Nostalgie-Faktor und düsteren Horrorelementen vor allem die Entwicklung der Charaktere im Vordergrund steht. Vom Dasein als Außenseiter, Mobbing, erster Liebe, Ängsten, Verlusten und heiteren Spielabenden mit Freunden bekommen wir alles, was einem auf dem Weg zum Erwachsenwerden so vor die Füße fällt. Und natürlich dürfen wir Eines nicht vergessen… die Musik!
Soundtrack of a Lifetime
Damit ist nicht etwa der atmosphärische Synthie-Soundtrack (von Kyle Dixon und Michael Stein, die 2017 für die Titelmusik mit dem Primetime Emmy Award ausgezeichnet wurden) gemeint, der sofort bei jedem Intro eine ganz eigene Stimmung transportiert, sondern die getroffene Song-Auswahl innerhalb der Serie. Wie es sich für eine Serie, die in den 80ern spielt, gehört, sind natürlich zahlreiche Hochkaräter dieses Jahrzehnts vertreten. Meine persönlichen Musik-Highlights verrate ich später, denn beginnen wir erstmal mit dem vielleicht populärsten Vertreter, welcher eindrucksvoll gezeigt hat, welchen Impact eine Serie auf die heutigen Charts haben kann. Die Rede ist natürlich von „Running Up That Hill“ von Kate Bush. 1985, als der Song auf dem fünften Studioalbum der Britin erschien, kletterte die Single bis auf Platz 3 der UK-Charts und immerhin auf Rang 30 der US-Billboard Hot 100. Ein großer Erfolg, aber dennoch kein Nummer-1-Hit. Den erreichte Bush erst 2022, als der Song als wichtiges Motiv in der vierten „Stranger Things“-Staffel ein ungeahntes Comeback feierte. Nummer 1 in gleich acht Ländern! Natürlich funktionieren die Charts heute anders als in der guten alten Zeit, wo nur die physischen Verkäufe zählten. Dennoch ein beachtlicher Erfolg, wenn man die heutige Schnelllebigkeit bedenkt. Nie war es einfacher, eigene Musik zu veröffentlichen/verbreiten. Und nie flutete eine größere Masse an Songs den Markt, wo dank Streaming-Portalen nicht nur ein Überangebot herrscht, sondern gleichzeitig auch vergessene Klassiker und sogenannte One-Hit-Wonder einen zweiten Frühling erleben können, sobald sie aus irgendwelchen Gründen viral gehen. „Running Up That Hill [A Deal with God]“, wie der Song in Gänze heißt, ist ein Paradebeispiel dafür und war in der finalen Staffel erneut ein wichtiger Bestandteil.
Dank Eddie Munson, dem Metalhead aus der vierten Staffel, kam zur selben Zeit auch Metallicas „Master of Puppets“ - ebenfalls im Jahr 1985 komponiert, aber erst 1986 Teil des gleichnamigen Albums - zu neuem Ruhm. Die Band zeigte sich im Zuge der Season-Veröffentlichung begeistert, dass ihr Metal-Klassiker, welcher passenderweise davon handelt, dass Drogen einem die Kontrolle nehmen und selbst das Handeln übernehmen, so auch noch mal ein neues Publikum gewinnen konnte. Ebenso wie „Running Up That Hill“ konnte „Master of Puppets“ in einigen Ländern wieder die Charts entern.
Fast vergessen schien hingegen schon „The NeverEnding Story“, der Titelsong aus Wolfgang Petersens Fantasy-Abenteuer „Die unendliche Geschichte“. Performt vom ehemaligen Kajagoogoo-Frontmann Limahl und komponiert und geschrieben von Giorgio Moroder und Keith Forsey. Im Jahr zuvor, 1983, schusterte das Duo bereits erfolgreich den Song „Flashdance... What a Feeling“ für Irene Cara zusammen. Heraus kamen weltweite Top-Platzierungen sowie Academy Award und Golden Globe für den besten Original-Song. Forsey war vor seiner Produzenten-Karriere unter anderem Schlagzeiger in Udo Lindenbergs Panik Orchester, während Moroder, bekannt für seine markanten Synthie-Sounds, als Pionier der Dance Music - besonders die damals populäre Italo Disco - gilt. Scores und Songs für Kinohits wie „Midnight Express“, „Scarface“ oder „Top Gun“ gehören ebenso zu seinem Œuvre wie Chart-Erfolge für Donna Summer („I Feel Love“), Blondie („Call Me“), David Bowie („Cat People [Putting Out Fire]“), die WM-Hymne „Un'estate italiana“ von Edoardo Bennato & Gianna Nannini und Freddie Mercurys „Love Kills“. In der letzten Folge der dritten Staffel von „Stranger Things“ („Chapter Eight: The Battle of Starcourt“) singt allerdings nicht Limahl den cheesy 80’s-Hit, sondern Dustin (Gaten Matarazzo) im Duett mit seiner Freundin Suzie (Gabriella Pizzolo). Trotzdem sorgte diese Gesangseinlage dafür, dass 2019 nicht nur das Interesse am Limahl-Song in ungeahnte Höhen schoss, sondern auch der Film „Die unendliche Geschichte“ wieder an Beliebtheit bei einer neuen Zielgruppe gewann.
Als wiederkehrendes Motiv wurde überraschenderweise ein Song gewählt, der für die Zeit, in der die Serie spielt, eigentlich viel zu modern ist. „When It’s Cold I’d Like to Die“ des New Yorkers Moby trifft aber dennoch den richtigen Ton. Erschienen 1995 - auf dem dritten Album „Everything Is Wrong“ -, war die melancholische Ballade zuerst als reines Instrumental-Stück geplant. Der experimentierfreudige Musiker, der seine musikalische Laufbahn mit Punkrock begann, nach DJ-Jobs Anfang der 90er aber mit „Go (Woodtick Mix)“, für den er sich am Soundtrack der Serie „Twin Peaks“ bediente („Laura Palmer‘s Theme“, komponiert von Angelo Badalamenti), und spätestens mit dem Club-Kracher „Feeling So Real“ zum leuchtenden Stern am Rave-Himmel aufstieg, ging mit „Everything Is Wrong“ stilistisch All-in. Wurden Mobys ersten beiden Alben noch beim Indie-Label Instinct veröffentlicht, hatte er nun mit Mute Records (UK) und Elektra Records (USA) dicke Fische an der Angel, die seine Musik auch international vertrieben. Moby, der bürgerlich Richard Melville Hall heißt, ging selbst nicht davon aus, dass man ihm erlauben würde, ein weiteres Album aufzunehmen, und so mixte er wild diverse Musikstile, was für ein einzelnes Album schon außergewöhnlich ist. Er wollte halt alles gebündelt versammeln, was er schon immer produzieren wollte. Beim letzten Titel des Longplayers, „When It’s Cold I’d Like to Die“, machte sich Mobys A&R-Ansprechpartner (Artist and Repertoire) ernsthaft Sorgen, dass der Künstler mental in einem tiefen Loch sei. Tatsächlich hatte er nämlich gerade eine Trennung hinter sich und schrieb den Song in seinem unterkühlten Studio. Nachdem Moby versicherte, dass er nicht beabsichtigen würde, sich etwas anzutun, kam man zum gemeinsamen Entschluss, dass dem Track noch das nötige Etwas fehlte: Gesang. Hierfür tat sich Moby dann erneut mit Mimi Goese zusammen, der Sängerin der Ambient-Band Hugo Largo, mit der er bereits den Song „Into The Blue“ aufnahm. Und ihre Zeilen treffen emotional voll ins Schwarze. Gepaart mit Mobys tranceartiger Synthie-Untermalung, blieb „When It’s Cold I’d Like to Die“ dennoch lange Zeit lediglich ein Geheimtipp, denn in Clubs hätte die Nummer - so schön sie auch ist - jegliches Tempo herausgenommen. Erste große Beachtung bekam der Song, als er in der zweiten Episode der sechsten Staffel von „Die Sopranos“ („Join the Club“) gespielt wurde. Und dann kam die erste Season von „Stranger Things“. In der Episode „Chapter Eight: The Upside Down“ versuchen Hopper und Joyce, Will nach seiner Rettung von der anderen Seite wiederzubeleben. Ein höchst emotionaler Moment, der in der vierten Staffel aber noch getoppt wird. Als im Season -Finale „Chapter Nine: The Piggyback“ Eddie in Dustins Armen und Max in den Armen von Lucas sterben, muss man schon aus Stein sein, um spätestens dann, wenn die ersten Töne von „When It’s Cold I’d Like to Die“ erklingen, nicht ein Tränchen zu verdrücken. In der finalen Staffel taucht der Song mehrfach auf, da man sich nun wohl endgültig sicher war, den perfekten Tearjerker für traurige Momente zu haben. Wenig überraschend also, dass „When It’s Cold I’d Like to Die“ mittlerweile deutlich populärer ist. Überraschend hingegen, dass die Verwendung in „Stranger Things“ aber eine solche Zugkraft hatte, dass der Song mittlerweile der am meisten gestreamte Track von Moby geworden ist.
„When It’s Cold I’d Like to Die“ gehört auch zu meinen ganz persönlichen Favoriten. Nicht nur, weil er als einziger Song, der nicht in die „Stranger Things“-Timeline zu passen scheint, sowieso schon eine Sonderstellung hat, sondern weil er auf eine herzzerreißende Art einfach wunderschön ist. Gleich danach folgt in meiner Top-Liste „Atmosphere“ von Joy Division, ebenfalls in der ersten Staffel zu hören. Dass David Bowies Hymne „Heroes“ sich ganz wunderbar für filmische Gänsehaut-Untermalung eignet, hat bereits die Coming-of-Age-Verfilmung des Romans „Vielleicht lieber morgen“ (OT: „The Perks of Being a Wallflower“) bewiesen, dessen befreiendes Finale eine unglaubliche Wucht besitzt. Perfekt auch für den Abspann der allerletzten „Stranger Things“-Episode, wo uns alle Charaktere noch mal in genial gezeichneten Comic-Bildern in einem Roleplay-Players-Manual gezeigt werden. Ein letztes Highlight-Schaulaufen, bevor der dicke Ordner mit der epischen Quest geschlossen wird.
Sind wir glücklich?
Ich für meinen Teil bin es, denn in meinen Augen wurde die knapp zehnjährige Reise namens „Stranger Things“ ziemlich rund abgeschlossen. Der in der Episode „Chapter Eight: The Rightside Up“ unerwartet frühe Showdown, in dem Vecna in seiner wandelnden Behausung endgültig besiegt wird, war optisch aufwendig inszeniert. Mehr als nur ordentlich. Generell wirkte die Staffel wie eine einzige Mission, obwohl der Reise zur finalen Konfrontation immer wieder neue Steine in den Weg gelegt werden. Hier wäre auch mein größter Kritikpunkt, den ich zum Inhaltlichen hätte: Egal, welches Problem auf unsere Protagonisten zukommt, sie finden in Handumdrehen eine Lösung dafür. Nicht selten auf wissenschaftlichen Leveln, die ich Teenagern aus den 80ern (mit Verlaub) nicht zwingend zutrauen würde. Das Bildungssystem mag damals noch ein Anderes gewesen sein, gewiss, aber fundiertes Wissen über theoretischer Physik, physikalischen Auswirkungen von Elektromagnetismus und dazu noch technisch-handwerkliche Fähigkeiten auf Meister-Niveau? Come on… Jeder Handgriff scheint zu sitzen, jede noch so wild in den Raum geworfene Theorie geht auf obendrauf scheint kein Hilfsmittel zu abstrus, um es für den gewünschten Zweck zu transformieren. Während ich schon beim Zusammenbauen eines IKEA-Schrankes einen mittelschweren Nervenzusammenbuch erleide, weil mir nach dem Abzählen und Ausbreiten sämtlicher Einzelteile auffällt, dass ich zuvor vergaß, den Akkuschrauber aufzuladen, zaubern Dustin, Steve und Jonathan hier Klamotten aus der Tasche, dass Stephen Hawking die Luft aus den Reifen pfeift. Das nennt man dann wohl TV-Logik… aber ehrlich gesagt würde es auch etwas zäh werden, wenn gewisse Apparaturen in Echtzeit aus dem Boden gestampft werden müssten. Dann wären die Kids wohl im Rentenalter angelangt, bevor wir Vecna zum letzten Tanz gebeten hätten.
Einen weiteren Kritikpunkt, den ich nennen möchte, bezieht sich nicht auf den Inhalt der Staffel/Serie, sondern auf die Art und Weise, wie Streaming-Projekte heutzutage gedreht werden. Wie bereits angesprochen, sollten Produktionen eine möglichst breite Masse ansprechen. Dagegen spricht nichts, denn aus wirtschaftlicher Sicht selbstverständlich vollkommen nachvollziehbar. Was ich hingegen nicht nachvollziehen kann, ist, dass Filme und Serien für ein (Teil-)Publikum gedreht werden, die sich höchstens halbherzig für den Stoff zu interessieren scheinen. Und darunter leiden wiederum diejenigen, die neuen Staffeln entgegenfiebern, um sich vollständig auf deren Inhalt einzulassen. Wir reden hier von einer zwar physisch anwesenden Zielgruppe, die beim „Schauen“ aber nicht die Finger vom heißgeliebten Smartphone lassen kann. Quasi einen „Hörbuch-Zuschauer“, für den die Handlung immer wieder verbal wiederholt werden muss, da sich seine Augen nicht auf dem TV-Bildschirm befinden. Man redet hier vom sogenannten „Second Screen Viewing“. Den Streamingdiensten mag es egal sein, Hauptsache die Show läuft und zählt als abgerufen. Der aufmerksame Zuschauer fühlt sich hingegen leicht verarscht und für dumm verkauft. Wenn mir zwei Charaktere während eines Gesprächs erklären, wo und warum sie dort sind, zuvor aber MIT einem triftigen Grund bewusst an genau diesen Ort gegangen sind, komme ich mir vor, wie beim „betreuten Schauen“. Das lässt Akteure unnötig dumm erscheinen, frisst viel zu viel Zeit und sorgt dafür, dass ich mich selbst bei komplexeren Stoffen nicht mehr angesprochen bzw. herausgefordert fühle. Stelle ich nun beispielsweise eine anspruchsvolle Serie wie „Dark“, wo einen jeder Gang zum Kühlschrank/Lokus komplett aus der Story pfeffern kann, die fünfte Staffel von „Stranger Things“ gegenüber, ist es in etwa so, als tritt man mich geistig von der Uni zurück in den Kindergarten. Eine absolut dämliche Entwicklung, die sich immer auffälliger in den Vordergrund spielt. Wäre es nicht die langersehnte Final-Staffel einer meiner Lieblingsserien gewesen, hätte ich entnervt abgeschaltet. ALSO LASST DEN SCHEISS!!!
Ich sprach gerade bereits den überraschend frühen Showdown an, denn nach Vecnas Ableben hatten wir in der letzten Episode noch rund vierzig Minuten Restzeit auf der Uhr. Und die hat man für meinen Geschmack optimal genutzt, um jeden liebgewonnenen Charakter gebührend zu verabschieden bzw. in die für ihn vorbestimmte Zukunft zu entlassen. Keine Selbstverständlichkeit, aber den Duffer-Brüdern schien es ein Bedürfnis zu sein, die Werdegänge der Protagonistin in zukünftigen Szenarios immerhin anzudeuten. Ein bittersüßer Abschied, der noch ein bis zwei Hintertürchen offenlässt. Da wäre zum einen die Theorie, dass Eleven sich nicht geopfert hat, sondern ihre Freunde (und Feinde!) bewusst auf eine falsche Fährte lockte, um diese in Sicherheit zu wissen bzw. nicht weiterhin zur Zielscheibe des Militärs zu machen. Da das selbstgewählte Exil nur Mikes Wunsch-Theorie ist, an die er sich hoffnungsvoll klammert, scheint das Schicksal der restlichen Gang ebenfalls nur theoretisch auf dem Papier zu existieren. Das zweite Hintertürchen deutet an, dass das Ende einen neuen Anfang markiert. Eine Art Staffelübergabe, bei der gezeigt wird, wie die nächste Generation in die Fußstapfen von Mike, Will, Dustin, Max und Lucas tritt. Und zwar in Form von Holly Wheeler (Nell Fisher), der kleinen Schwester von Mike und Nancy, die in der fünften Staffel eine wichtige Rolle spielt. Ein guter Aufbau über die komplette Season, die uns nach und nach noch mehr Kids aus ihrem Umfeld näherbringt. Dass übernatürliche Erlebnisse eng zusammenschweißen können, haben unsere etablierten Charaktere über die Jahre bewiesen, weshalb es nur nachvollziehbar ist, dass der Keller der Wheelers nun weiterhin für ausgiebige Dungeons-&Dragons-Kampagnen genutzt wird. Ob dies symbolisch für den Abschied von der Kindheit und für eine Art natürlichen Kreislauf steht, oder doch den möglichen Beginn eines neuen Abenteuers in Aussicht stellt, bleibt abzuwarten…
Was bleibt?
Ein lachendes und ein weinendes Auge, wie es bei solchen langjährigen Projekten meistens ist. Nicht selten geht man enttäuscht von dannen, siehe „Lost“ oder „Game of Thrones“, aber es gibt halt auch Fälle, bei denen man mit dem Gegebenen d’accord geht. Mit den beiden genannten Beispielen habe ich schon bei ihrer Erstausstrahlung Frieden geschlossen, blicke also nicht mit Groll darauf zurück. Vielleicht fällt es mir deshalb leichter, die positiven Seiten zu sehen. Immerhin endeten wir nicht mitten in der Szene mit einem schwarzen Bildschirm, wie es „Die Sopranos“ taten. Trotzdem kein leichter Abschied, immerhin haben wir die Kids aufwachsen sehen. Schwachstellen gibt es hier und da gewiss, denn die Duffer-Brüder mussten schließlich ständig liefern. Und das unter enormen Zeitdruck, da die Darsteller immer älter/reifer wurden und man das 80’s-Setting schon entschwinden sah. Kickt die Pubertät mal richtig rein, kannst du dem Zuschauer nur schwer vermitteln, dass in Serien-Zeit nur ein Jahr vergangen ist, während NETFLIX und die Macher bei der aufwendigen Produktion einer Staffel Blut und Wasser schwitzten. Immerhin muss man bedenken, dass eine solch effektlastige Serie selbst nach den eigentlichen Dreharbeiten noch ordentlich Zeit benötigt, bis sie an den Start gehen kann. Tatsächlich habe ich in den letzten Jahren haufenweise Kino-Produktionen gesehen, die qualitativ deutlich minderwertiger waren als „Stranger Things“. Selbst wenn mir auf Grund des Overkills die 80er manchmal an den Ohren rauskamen, muss man das Production-Design sehr loben. Von der flockigen Dauerwelle, über die musikalischen Breitseiten bis hin zur quietschbunten Mode-Entgleisung war alles vorhanden, was man als Kind der 80er entweder geliebt oder erfolgreich verdrängt hat. Über die Entwicklung von Will Byers‘ Haarpracht von Staffel zu Staffel möchte ich hier keine Worte verlieren… die bekommt irgendwann mal ein eigenes Special spendiert.
Es bleiben also eine Menge gute Erinnerungen an „Stranger Things“ zurück. Und die Gewissheit, dass ich die Serie garantiert erneut anschauen werde. Außerdem bleiben die Comics und Romane, welche mit Sicherheit die Marke am Laufen halten werden… auch wenn ich ein Comic-Crossover wie „Teenage Mutant Ninja Turtles X Stranger Things“ (kein Witz!) nicht wirklich nachvollziehen kann. Was aber garantiert nicht bleibt, ist der Beigeschmack, den Ragebait-Krawallos der ganzen Serie unterstellen wollen, weil ein (nicht unwichtiges!!!) Detail in der Entwicklung eines Hauptcharakters ihr (milde ausgedrückt) konservatives Weltbild ins Wanken bringt: Get a Life, don’t PANIC and SHUT the F**K UP!
Was kommt?
Das wird die Zeit zeigen. Bei NETFLIX wäre man ja schön blöd, wenn man dieses Zugpferd nun auf den Gnadenhof bringt. So ist für 2026 bereits eine Animationsserie mit dem Titel „Stranger Things: Tales From ‘85“ angekündigt, die inhaltlich zwischen der zweiten und dritten Staffel spielt. Dass die Animationen aus dem Rechner stammen, stimmt mich jetzt nicht zwingend freudig. 2D-Animationen, die klassisch handgezeichnet sind, würden wohl deutlich besser zum 80er-Setting passen, aber da wird wohl der Zeitaufwand entscheidend gewesen sein.
Bereits im Dezember 2023 feierte das Bühnenstück „Stranger Things: The First Shadow“ Premiere. Geschrieben von Kate Trefry, die auch als Autorin und ausführende Co-Produzentin an der Serie beteiligt war. Zeitlich spielt das Stück vor der TV-Handlung und befasst sich mit der Hintergrundgeschichte von Henry Creel, bevor dieser zu Vecna wurde.
Darüber hinaus gibt es Planungen für mindestens eine weitere Live-Action-Serie, die mit neuem Cast in einer neuen Timeline spielen soll. So soll ein erweitertes „Stranger Things“-Universum aufgebaut werden, wie man es wohl am ehesten vom „Marvel Cinematic Universe“ kennt. Ob dies gelingt, steht freilich noch in den Sternen. So lange die Fans mitgehen und neuen Charakteren und Storys offen gegenüberstehen, könnte das durchaus Potenzial haben. Bleibt nur zu hoffen, dass man nicht ZU schnell ZU viel will und letztendlich die Qualität - inhaltlich und produktionstechnisch - unter einem selbstauferlegten Druck, möglichst schnell abliefern zu müssen, zu leiden hat. Denn DAS hätte „Stranger Things“, was mit gutem Storytelling und Retro-Charme 2016 quasi aus dem Nichts kam und blitzartig zum Publikumsliebling avancierte, wirklich nicht verdient.


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