40 Jahre Angst vorm Schwarzen Mann

Mike Myers mit Messer

© Concorde Home Entertainment. „Halloween – Die Nacht des Grauens“

Pünktlich zum vierzigsten Jahrestag kommt Michael Myers zurück nach Haddonfield und in die Kinos. Mit dem Originaltitel, ohne Zusätze. Nein, nicht als die „Babysitter Murders“ wie jener Film um den mordenden Maskenmann, intern „The Shade“ genannt, ursprünglich heißen sollte. „Halloween“ ist angesagt. Wieder wird es für die Bewohner des kleinen Städtchens mehr saures als süßes geben, werden würgende Hände zupacken und das legendäre Schlachtmesser geschwungen. Michael, der sein Gesicht unter der Maske eines schwer zu erkennenden William Shatner verbirgt, entkommt erneut aus der Psychiatrie und begibt sich postwendend in seinen Heimatort, um radikal Wohnraum zu schaffen. Doch seine Schwester Laurie, geborene Myers, adoptierte Strode, hatte vier Jahrzehnte Zeit sich auf seine Rückkehr vorzubereiten, um die tödliche Form der Geschwisterliebe entsprechend zu erwidern.

David Gordon Greens Film ignoriert alle Werke der langlebigen Reihe seit dem Original-„Halloween“ und schreibt so Michael und Laurie Myers Geschichte ohne lästige Umstände fort. „Remake/Remodel“ würden ROXY MUSIC dazu sagen. Die eigene Geschichte zu ignorieren, ist eh ein Kennzeichen der langlebigen Reihe. Die ihren Anfang 1978 nahm.

Halloween – The classic

John Carpenter hatte sich Mitte der Siebziger als ambitionierter und kenntnisreicher Genre-Regisseur bewiesen. Auch wenn „Dark Star“ und „Assault on Precinct 13“ („Anschlag bei Nacht“), Carpenters höchst gelungene „Rio Bravo“-Interpretation, keine Kassenmagneten waren (bei Irvin Kershners spannendem Thriller mit Carpenter-Trademarks „Eyes of Laura Mars“ („Die Augen der Laura Mars“) verfasste er nur das Drehbuch mit. „Someone’s Watching Me!“ („Das unsichtbare Auge“) war eine Fernseharbeit), festigten sie seinen Ruf als begabter Regisseur. Mit „Halloween“ gelang ihm der kommerzielle Durchbruch. Carpenter drehte mit dem extrem kostengünstigen Film (325 000 Dollar) einen der größten Independent-Erfolge aller Zeiten und verschaffte dem Horrorfilm, explizit der Abteilung Slasher, eine Blütezeit. „Halloween“ lieferte die Blaupause für zahlreiche kommende Attraktionen. Jason Voorhees ist dabei Vorsitzender des Michael-Myers-Fanclubs. Die „Freitag der 13.“-Reihe bringt es (derzeit) auf genauso viele Fortsetzungen wie das „Halloween“-Franchise. Auch Freddy „Nightmare“ Krueger und die Mörderpuppe Chucky sind nicht totzukriegen.

Mike Myers

DVD und Blu-ray im Handel erhältlich, © Wild Bunch Germany

Kleiner „Slasher“-Exkurs:

Im Slasher heißt es nicht „Boy meets Girl“, sondern „Boy kills Girls“, womit die Rahmenhandlung bereits erfasst wäre. Wobei der meist messerschwingende Killer in Geschlechterfragen keineswegs festgelegt ist, was seine (selten auch: ihre) Opfer angeht ist er/sie für alle Eventualitäten offen. Als frühester Vertreter gilt George Archainbauds wenig bekannter Film „Thirteen Women“ aus dem Jahr 1932. Aufgrund zahlreicher Kürzungen hätte das, mit Myrna Loy und Irene Dunne sehenswert besetzte Werk eigentlich „Ten Women“ heißen müssen. Knapp drei Jahrzehnte später erlebte das Untergenre mit Alfred Hitchcocks „Psycho“ seinen ersten großen Popularitätsschub. Während der ausgefeilte, wegweisende und noch bedrückendere „Peeping Tom“ Jahre auf seine verdiente Anerkennung warten musste, sich stattdessen als Karrieregrab für seinen Regisseur Michael Powell und den Hauptdarsteller Karlheinz Böhm erwies.

Ein paar Jahre darauf beschäftigten sich italienische Filmemacher mit dem Thema und tobten sich auf der ganz eigenen Spielwiese namens „Giallo“ (nach den gelbfarbigen Einbänden landläufiger Pulp-Hefte) aus. Insbesondere Mario Bava („Im Blutrausch des Satans“, 1971) und Dario Argento („Rosso – Farbe des Todes“, 1975) sorgten für audiovisuelle Höhepunkte*. In den USA war Bob Clarks 1974 entstandener „Black Christmas“ („Jessy – Die Treppe in den Tod“) ein direkter Vorläufer von „Halloween“. Ein Festtag als Titel, eine junge Frau im Mittelpunkt, die zum „Final Girl“ wird, ergänzt um eine Schlusspointe und die wesentliche Frage: „Für wie lange?“ 

Kleiner Exkurs Ende.

Slasher Exkurs

DVD und Blu-ray im Handel erhältlich, © Wild Bunch Germany

Der Tod besitzt das Antlitz eines kleinen Engels. Vorerst

„Halloween“ erfindet das Genre nicht neu, zeigt sich aber als höchst effiziente, exemplarische Großtat. Der Plot wird bis zum Fundament niedergerissen, um darauf eine alptraumhafte Mär vom blutigen Sterben zu erbauen. Wobei, „Halloween“ ist so blutig gar nicht. Carpenter überlässt vieles der Fantasie seiner Zuschauer, und folgt damit Alfred Hitchcock, der beim Abfilmen des legendären Duschmords das Messer zu keiner Sekunde auf Janet Leighs Körper treffen ließ. Teile des Publikums hätten darauf geschworen, das Eindringen des Messers gesehen zu haben. Bereits mit der direkten Fortsetzung wurden die Filme wesentlich expliziter.

Am 31. Oktober 1963 ersticht der siebenjährige Michael Myers seine große Schwester Judith nach einem Date. Dafür wandert er in eine psychiatrische Einrichtung, aus der er fünfzehn Jahre später fliehen kann. Um in seinen Heimatort Haddonfield zurückzukehren und seiner kleinen Schwester Laurie, die zunächst von der Verwandtschaft nichts weiß (so wird dies auch erst in „Halloween II“ thematisiert), den Garaus zu machen. Laurie überlebt die Attacken, unter anderem dank der Unterstützung durch den Psychiater Dr. Sam Loomis. Für den Michael Myers der sprichwörtliche „Schwarze Mann“ ist.

Großes Messer

© Concorde Home Entertainment. „Halloween – Die Nacht des Grauens“

Dass die sittsame Laurie Strode überlebt, dürfte keinen halbwegs wachen Kinogänger überraschen. Dass ihre Sozialkontakte bis zum Abspann merklich dezimiert werden ebenso wenig. Als Faustregel gilt fortan: Je freizügiger, vorwitziger, unchristlicher und sexuell offensiver die Beteiligten unterwegs sind, umso früher müssen sie sich von ihrem lasterhaften Leben verabschieden. Michael Myers und die Mehrzahl seiner Kollegen und Nachfolger sind Racheengel des Wertekonservatismus und stellen so die Antipode zu klassischen Horrorfiguren wie Graf Dracula dar. In Bram Stokers Roman und expliziter noch in den Hammer-Filmen mit Christopher Lee war das Monster ein freizügiger, hedonistischer Geist im Sinne des Marquis de Sade. Während der aufrechte Vampirjäger Van Helsing als Bewahrer viktorianischer Sitten und Gebräuche den amtlich akzeptierten Status Quo bewahrte. Jetzt entwickelt sich die dunkle Bedrohung im Kreise der Familie, deren Verfehlungen es zu bereinigen gilt. Und sei es, dass die Folgen komplette Auslöschung bedeuten. Dr. Loomis ist allerdings kein Freigeist, der Absolution und freie Liebe verheißt, sondern ein Besessener, dessen Fixierung auf Michael Myers etwas Wahnhaftes hat. Es gibt wenig Lichtblicke in John Carpenters Phantasmagorie über prekäre Familienverhältnisse.

Seine Spannung bezieht „Halloween“ vor allem aus der fokussierten, atmosphärischen Erzählweise, in der Nutzung von Räumen und Räumlichkeiten. Zunächst taucht Michael nur als phantomhafte Bedrohung im Freien auf, hinter einer Hecke, auf offener Straße oder im Garten zwischen wehenden Bettlaken. Je näher er seinen Opfern kommt, umso beengter werden die Verhältnisse. So wird das eigene Heim zur tödlichen Falle und das mögliche Fluchtfahrzeug zum ausweglosen Alptraum eines Klaustrophobikers. Die beiden direkten Fortsetzungen unter John Carpenters Beteiligung werden dieser Vorgabe folgen. Insbesondere menschenleere Krankenhausflure werden später zum eindrücklichen Hort des Grauens.

Einen wesentlichen Beitrag zur Nachhaltigkeit des „Halloween“-Franchises hatte auch John Carpenters höchst einprägsame Filmmusik. Die hämmernden Töne besitzen geradezu ikonographischen Charakter. Was mit der Titelmelodie zu „Assault On Precinct 13“ beginnt, setzt der Komponist Carpenter konsequent fort: Das Erschaffen einer eigenen Klangwelt fürs jeweilige Sujet. Hoher Wiedererkennungswert, selbst für Menschen, die die Filme nicht gesehen haben.

Halloween

DVD und Blu-ray im Handel erhältlich, © Wild Bunch Germany

In der Notaufnahme ist der Killer los

Der 1981 entstandene „Halloween II“ schließt bruchlos an die Vorgänge des ersten Teils an. Laurie Strode landet schwerverletzt im Krankenhaus und der scheinbar unverwundbare Michael Myers besucht sie dort, ein paar Umwege und aus dem Weg geräumte Hindernisse später.

Zum Finale trifft das aus dem Vorgänger bekannte Trio wieder aufeinander. Dr. Loomis entfacht ein flammendes Inferno, in dem er und Michael gemeinschaftlich verglühen. Laurie Strode bleibt allein zurück.

„Halloween II“ von Rick Rosenthal grobmotorisch, aber durchaus stilvoll, packend und blutiger als zuvor inszeniert, hätte eigentlich Michael Myers Abgesang sein sollen. Danach schwebte Carpenter eine Art Anthologie-Reihe zu Halloween vor, deren Initialisierung mit „Halloween III“ beginnen sollte. Das aber, mangels Erfolges an Kino- und Videothekenkasse, gleich deren Ende darstellte. Statt eigenständiger Stories unter dem Banner „Der große Kürbis kommt“, kehren Michael Myers und Dr. Loomis sechs Jahre später in „Halloween IV“ zurück.

Das Zeitalter der Hexe beginnt und endet schnell

Zunächst darf sich Tom Atkins, der bereits in „The Fog“ für John Carpenter aktiv war, als Dr. Dan Challis einem neuen Hexenzeitalter entgegenstellen. „Halloween III – Season Of The Witch“ ist eine obskure Mischung aus Dystopie und magischem Verschwörungskokolores. Mordende Androiden treffen auf Stonehenge-Mythen und der Großindustrielle Conal Cochran möchte ein neues Zeitalter der Hexerei einläuten, indem er mit magischen Steinsplittern präparierte Halloween-Masken unters meist jugendliche Volk bringt. Läuft ein bestimmter Werbejingle (der Song geht nach der Sichtung von „Halloween III“ garantiert nicht mehr aus dem Ohr) verwandeln sich die Köpfe der Maskenträger in Mus und gruseliges Getier. Dr. Challis und seine liebliche Zufallsbekanntschaft Ellie Grimbridge, deren Vater von einem Androiden gemeuchelt wurde, möchten das mörderische Treiben beenden.

Man braucht vermutlich einen Abschluss der Erich von Däniken-Universität für Nautik im Bermuda Dreieck, um die Handlung von „Halloween III“ zu entschlüsseln. Doch das macht gar nichts. Denn der Film überzeugt als biestige Mediensatire und hat zahlreiche stimmungsvolle Sequenzen zu bieten. Regisseur Tommy Lee Wallace weiß ebenfalls Räume und die Verlorenheit der Menschen darin zu inszenieren. Zudem werden ein paar deftig-derbe Splattereinlagen spendiert, die „Halloween III“ hierzulande zahlreiche Zensurschnitte einbrachten. Erst dreißig Jahre nach seinem Erscheinen kam der Film vom Index und erhielt 2014 eine Freigabe „Ab 16“ für die ungekürzte Version.

Michael Myers taucht zwar nur in zwei Ausschnitten im laufenden TV-Programm auf, doch das gefühllose, phlegmatische Bewegungsmuster und das oft unvermittelte Auftauchen der Androiden in den dunklen Anzügen, erinnert in seiner Bedrohlichkeit vehement an den Maskenmann. Verkannt und gern auch verlacht, floppte der dritte Teil trotz seiner wohl vorhandenen Attraktionen an der Kinokasse. John Carpenter ließ die Anthologie-Idee fallen und kehrte dem „Halloween“-Franchise für lange Zeit den Rücken zu.

Halloween

© Universal Pictures

Michael Myers metzelt munter mannigfach

So wollte er mit der Ausgrabung Michael Myers im Jahr 1988 nichts zu schaffen haben. Lediglich als Komponist konnte er sich nicht zurückziehen, da die Soundtrack-Rechte an seiner Musik nicht bei ihm selbst lagen. „Halloween 4: The Return of Michael Myers“ („Halloween IV – Michael Myers kehrt zurück“) ist eigentlich ein verkapptes Remake des Originals. Laurie Strode wird kurzerhand für tot erklärt (Autounfall), ihre kleine Tochter Jamie gerät statt ihrer in Michaels Visier. Der eigentlich im zweiten Teil Verbrannte entkommt wie gewohnt, während eines Transports, aus seiner psychiatrischen Gefangenschaft. Ihm auf den Fersen ist erneut der ebenfalls erstaunlich feuerfeste Dr. Loomis. Sein Gesicht hat ein wenig gelitten, davon zeugt eine ordentliche Latex-Narbe. Donald Pleasence gibt erneut eine Glanzvorstellung zwischen Besorgnis und Besessenheit.

Während Leichen seinen Weg pflastern, begibt sich Michael Myers wieder nach Haddonfield. Dr. Loomis kann ihn nicht aufhalten und ist vorerst der bekannte Mahner in einer Wüste der Ungläubigen. Bis sich die Teenagerreihen zu lichten beginnen und Myers seinem Ziel Jamie immer näherkommt.

„Halloween IV“ ist handwerklich solide Slasher-Hausmannskost mit einer kleinen, gemeinen Schlusspointe. Die für Teil Fünf aber kaum eine Rolle spielen wird. Michael Myers mordet, der Doktor versucht es zu verhindern und wir schauen linde gespannt zu. Ein wenig Thrill, ein wenig Action, ein Hauch nackter Haut, dümmliches Verhalten und blutiges Sterben – nichts Neues unterm Kürbismond.

Dem auch „Halloween 5: The Revenge of Michael Myers“ („Halloween V – Die Rache des Michael Myers“) wenig hinzusetzen kann und will. Seinem direkten Vorgänger ist der finstere Aufguss zwar nahezu ebenbürtig, doch wirklich Neues fällt ihm zum Schluss erst ein. Und das Neue ist nicht gut. Denn aus heiterem Himmel wird Michael Myers, die dunkle Personifikation des mythischen Geistes von Samhain, zur Marionette einer Art Sekte. Dargestellt durch einen sinisteren, schwarz gekleideten Sendboten, der Michael auf radikale Art vor dem Gefängnis bewahren möchte.

Jamie ist wieder mit von der Partie, ihre kleine, überraschende Aktion am Ende von Teil vier blieb folgenlos. Die junge Darstellerin Danielle Harris tritt erfolgreich in Jamie Lee Curtis Stapfen als Scream Queen und wird dem Genre über Jahre hinweg erhalten bleiben. Ein Wiedersehen mit ihr – als Tochter des Sheriffs – wird es in den Rob Zombie-Versionen der Michael Myers-Saga geben.

Ant-Man & The Mask

Erst einmal wird Jamie in „Halloween – The Curse of Michael Myers“ („Halloween VI – Der Fluch des Michael Myers“) Mutter. Ihr Kinderglück währt jedoch nicht lange, da ist das Stehaufmännchen Michael vor. Das Baby landet auf Umwegen bei Tommy Doyle, dem mittlerweile erwachsenen Schützling der Babysitterin Laurie Strode, der im ersten Film schon einmal mit Michael Myers zu tun bekam. Was seiner Psyche nicht gerade zuträglich war. Jetzt schlägt seine große Stunde. Gemeinsam mit Dr. Loomis stellt er sich Michael und der ominösen Gemeinschaft, die sich im fünften Part ankündigte. Richtig Sinn ergibt das nicht und wird auch keine Bedeutung für Halloween mehr haben.

Sehenswert ist „Halloween VI – Der Fluch des Michael Myers“ in erster Linie wegen des wehmütigen Abschieds von Donald Pleasence, der während der Dreharbeiten verstarb (er hätte ein denkwürdigeres Ende verdient) und Paul „Ant-Man“ Rudd in einer frühen Hauptrolle als Tommy Doyle. Wegen seines jungenhaften Charmes vermutet man sich gelegentlich in einer Komödie. Bis die recht blutigen Morde für klare Verhältnisse sorgen. Insgesamt ein sehr schwacher Abschluss der ersten Dekade.

Mike Myers 2018

© Universal Pictures

H2O ist flüssig, aber kein Wasser

Drei Jahre später, zum zwanzigsten Jahrestag des Originals, macht „Freitag der 13.“-Veteran Steve Miner seine Sache mit „Halloween H20: Twenty Years Later“ („Halloween H20“) wesentlich besser. Das fängt damit an, dass Jamie Lee Curtis wieder zum Ensemble gehört. Das Ableben ihrer Figur wird als nichtig erklärt und sie darf sich wieder mit Macht ihrem Bruder in den Weg stellen. Vor allem, um ihren Sohn, dargestellt von Josh Hartnett, zu schützen. Miner inszeniert den Film straff, hat ein Händchen fürs Erzeugen klaustrophobischen Horrors und seine Teenager haben alle „Scream“ geschaut. Bonuspunkte gibt es für die Beteiligung von LL Cool J und Adam Arkin. „Halloween H20“ ist zwar nicht innovativ, aber kurzweilig, blutig und stilbewusst. Leider nur ein kurzzeitiges Aufflackern.

Big Brother is killing you

Michael mag zwar seinen Kopf, aber nicht seine schlechte Laune verloren haben. In „Halloween – Resurrection“ treibt es ihn zurück in sein Elternhaus, in dem eine Art Big Brother im Geisterhaus inszeniert wird. Doch zuvor wird Jamie Lee Curtis in einem aufgebauschten Cameo verheizt. Laurie Strode verbschiedet sich vom Dach der Klinik, in die sie anscheinend nach den Ereignissen von „Halloween H20“ verfrachtet wurde, und nimmt im Sinkflug den folgenden Film mit.

Nach LL Cool J wurde mit Busta Rhymes der nächste Rapper verpflichtet, und er treibt den Film mit Penetranz und lausigen Sprüchen Richtung Mediensatire. Das „Blair Witch Project“ hat seine Spuren hinterlassen und so wimmelt es von Wackelbildern aus der Kopf-Kamerasicht der Protagonisten, ergänzt um Aufnahmen der stationären Überwachungskameras. Oft ist es arg dunkel und gelegentlich versagt die Technik, das Bild flackert oder fällt ganz aus. Das Gewese und Schicksal der unambitionierten Charaktere fällt in die Kategorie herzliches Desinteresse. Michael macht sein Ding, manchmal sieht man’s, manchmal nicht. Irgendwer überlebt und fällt dem Vergessen anheim. Insofern ist der Film ein treffender Kommentar zur schier unüberschaubaren Flut voyeuristischer TV-Events. Der „Halloween“-Reboot tut gut daran, die gesamte Entwicklung seit dem Ursprung zu ignorieren. Vorher schnappt sich aber Rob Zombie Michael Myers und interpretiert seine Geschichte auf eigene Weise.

Der Halloween-Zombie

John Carpenter kann Rob Zombie nicht leiden. Oder, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen, er hält Zombie für „ein Stück Scheiße“ (Metal-Hammer.de,27.09.2016) und seine „Halloween“-Interpretation für eine despektierliche Marginalisierung des Michael Myers-Mythos.

„Ich finde, er hat Michael Myers das Mysteriöse genommen, weil er zu viel über seinen Hintergrund erklären wollte. Er sollte immer viel mehr eine Naturgewalt sein, fast schon übernatürlich, das ist verloren gegangen.“ (Metal-Hammer.de, 27.09.2016)

Ist nachvollziehbar, doch eigentlich geht Rob Zombie das Unternehmen „Halloween“ mit dem richtigen Anspruch an. Warum sollte er eine bloße Neuauflage inszenieren, wenn er für eigene Akzente sorgen kann? Guter Ansatz, nicht ganz so gut umgesetzt. Rob Zombies „Halloween“ ist die White Trash-Variante des ursprünglichen Stoffs. Sein Michael Myers ist ein unsympathisches Bürschchen, das dauernd eine misslaunige Schnute zieht, erst einen Schulkameraden umbringt, der ihn gemobbt hat, dann seinen Stiefvater (Willam Forsythe gibt mal wieder den Charles Bukowski für Arme) und schlussendlich seine große Schwester und deren Lover. Dafür wandert er in die Psychiatrie, wo ihm Dr. Loomis in der Gestalt von Malcolm McDowell begegnet. Die Beziehung zwischen dem Arzt und seinem Patienten bekommt eine Tiefe, die im Original bloße Behauptung war.

Nach der langen Einführung in Michael Myers’ Lehr- und geschlossene Abteilungsjahre nimmt das bekannte Geschehen seinen Lauf. Derber, lauter, blutiger. Scout Taylor-Compton als Laurie Strode ist keine Konkurrenz für Jamie Lee Curtis. Malcolm McDowell beim Overacting zuzusehen ist wie üblich höchst vergnüglich. Gilt auch für Brad Dourif in der Rolle des Sheriffs Brackett. Wie erwähnt, gibt sich Danielle Harris erneut die Ehre und zeigt, dass sie erwachsen geworden ist. In beiden Teilen wird ihrem Charakter übler mitgespielt als zu Jamie Lloyd-Zeiten. Natürlich lässt es sich Zombie nicht nehmen, seine Gattin Sheri Moon ins Geschehen zu integrieren. Sie verzweifelt als Mama Myers.

Home, sour Myers-Home

Dream A Bloody Dream Of Me

In „Halloween II“, dem gelungeneren Sequel, taucht Sheri Moon Zombie nur noch in Traumsequenzen auf, die eine intensive Verbindung zwischen Michael und seiner Schwester Laurie widerspiegeln. David Lynch kauft ein Pfund Hackfleisch und grüßt von ferne.

Wie üblich trifft die alte Sequel-Weisheit zu, dass bei einer Fortsetzung alles höher, weiter, schneller sein muss. Diesmal auch besser. „Halloween II“ ist intensiver, atmosphärischer als sein Vorgänger, der grimme Schnitter Michael Myers fordert hohen Blutzoll und in einem Nebenstrang wird Dr. Loomis zum umstrittenen und skrupellosen Medienstar. Bevor er letztmalig – und etwas unvermittelt – nach Haddonfield zurückkehrt.

Der Versuch, Michael Myers eine deutlichere und „menschlichere“ Biographie zu geben hat allerdings kapitalen Schiffbruch erlitten. Denn um im zweiten Teil zurückkehren zu können, muss Myers wieder mythisches Format annehmen. Immerhin hält er die Klappe und parliert nicht wie ein trunkener Seemann im Hafenbordell. Was in dem Umfeld, durch das er sich pflügt, durchaus hätte passieren können.

Für den Heimkinomarkt entstand ein Directors Cut, dessen nihilistischer Schluss der größte Unterschied zur Kinoversion ist. Passt, und ist insgesamt im „Halloween“-Kanon eine der erfreulicheren Erscheinungen. Auch wenn Herr Carpenter damit nicht einverstanden ist.

Halloween

© Universal Pictures

Halloween – Der Reboot als Perpetuum Mobile

Gegenwart. Vierzig Jahre später. Laurie Strode hat sich und eine Zeitlang ihre Tochter auf Michael Myers Rückkehr vorbereitet. Und sich damit ins gesellschaftliche Aus bugsiert. Nicht wenigen Mitmenschen gilt sie als psychisch äußerst labil und manch einer hält sie für eine Art Spiegel in den der Schwarze Mann Michael hineinschaut. Natürlich wird sie recht behalten, und das Finale wird zu einer Demonstration geballter Frauenpower, wenn die vereinte Kernfamilie Strode Michael Myers zum blutigen Happening lädt.

Zuvor metzelt sich Michael erneut durch Haddonfield und bekommt an unerwarteter Stelle unerwartete (und nicht sehr glaubhafte) Hilfeleistung, für die er sich nicht besonders dankbar erweist.

Regisseur David Gordon Green spielt „jährlich grüßt das Mördertier“ und wiederholt Carpenters Original einfach. Ergänzt um Lauries dysfunktionale Familiensituation und einen Showdown, in dem Laurie Strode, plus Nachkommenschaft, keinen Dr. Loomis braucht, der zu Hilfe eilt.

Es gibt eine Handvoll stimmungsvoller Sequenzen und Bilder, gelungene Anspielungen und Umkehrschlüsse auf die 1978er-Version und ein bisschen darüber hinaus. So bekommen die Masken aus „Halloween III“ einen Endcredit. Der Film ist technisch versiert und gelackt, durchaus spannend, mit den üblichen Logiklöchern und ein paar geschwätzigen Einlagen. „Halloween“ geht über weite Strecken für Zwölfjährige durch, hält später aber ein paar fiese Splattereinlagen parat. Der Cast spielt solide auf, Jamie Lee Curtis in ihrer Paraderolle zu sehen ist eh immer ein Quell der Freude.

Der von John Carpenter selbst erneut aufgepimpte Soundtrack überzeugt auch in diesmal und das Album zum Film ist eine satte Empfehlung wert.

So besitzt das Werk ein paar Bonuspunkte, die darüber hinwegtrösten, dass wir uns in einer Slasher-Tretmühle befinden, die augenscheinlich wenig Raum für Neuerungen zulässt. 

Revolver

© Concorde Home Entertainment. „Halloween – Die Nacht des Grauens“

„By the way, the same procedure as last year?“ – „Same procedure as every year!“

Doch ich bin mir sicher, zum Fünfzigsten sehen wir und Michael Myers uns spätestens wieder. Ein bisschen Feuer hält den Schwarzen Mann schließlich nicht auf. Das war schon 1981 so, warum sollte sich 2018 etwas daran ändern? Live. Die. Repeat.

Kleine Ergänzung: Laut Kino.de spielte „Halloween“ bereits am ersten Wochenende 77 Milionen Dollar in den USA ein und ist damit nach „It“ („Es“) der am zweiterfolgreichsten gestartete Horrorfilm aller Zeiten. Ich schätze, wir werden Michael Myers und Haddonfield weit vorm nächsten Jubiläum wieder begegnen.

Bis dahin den wahren Horror nicht vergessen. Ein halbminütiger Jingle, der Alpträume verursacht:

„Eight more days 'til Halloween,
Halloween, Halloween.
Eight more days 'til Halloween,
Silver Shamrock“

Ein Special von Jochen König für Phantastik-Couch.de