Geistergeschichten aus Buxton von Terry Lamsley

Buchvorstellungund Rezension

Geistergeschichten aus Buxton von Terry Lamsley

Originalausgabe erschienen 1993unter dem Titel „Under the Crust“,deutsche Ausgabe erstmals 1999, 171 Seiten.ISBN 3932320107.Übersetzung ins Deutsche von Monika Angerhuber.

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In Kürze:

Buxton ist ein kleiner, beschaulicher Kurort in der englischen Grafschaft Derbyshire, doch der Schein trügt: Die Welt der Geister und Dämonen ist näher, als sich die ahnungslosen Bürger vorstellen können. Immer wieder zerreißt der Schleier, der die Sphären trennt, und dann kommt es zu unverhofften, in der Regel tödlichen Begegnungen ... – In sechs Geschichten greift Autor Lamsley gekonnt die Tradition der klassischen englischen „ghost story“ auf, die er gleichzeitig in die moderne Gegenwart transportiert, wo sie unter seiner kundigen Feder erstaunlich gruselig zu neuem Leben erwacht.

Das meint phantastik-couch.de: Kleiner Ort mit tiefen Wurzeln in bösen Vergangenheiten90

Mystery-Rezension von Michael Drewniok

  • Frank Festa: Vorwort – Terry Lamsley. Eine neue Stimme in einem alten Genre, S. 7-10
  • Die zweifache Heimkehr (Two Returns), S. 11-28, beschreibt die unerfreulichen Erlebnisse eines zur Miete wohnenden Mannes, dessen längst verstorbener Hausherr beschließt, sein altes Heim wieder zu beziehen.
  • Lebendes Wasser (Living Waters), S. 29-58, entspringt den Heilquellen Buxtons, die sich als uraltes vorchristliches Heiligtum entpuppen; die in grauer Vorzeit verehrte Gottheit ist noch sehr lebendig.
  • Spielverderber (Killjoy), S. 59-81, schildert die Geschichte eines jungen Rowdys und angehenden Kleinkriminellen, den ein Geist aus der Zukunft auf den rechten Pfad zurückführen möchte; dies freilich ohne Erfolg, und das hat schreckliche Folgen.
  • Etwas Schlimmeres (Something Worse), S. 82-114, als den tragischen Tod eines Familienangehörigen kann es nicht geben es sei denn, es ist die eigene Schwester, die sich des lästigen kleinen Bruders entledigt. In dieser Welt bleibt dies unentdeckt, doch im Jenseits schmiedet der Gemeuchelte Rachepläne.
  • Ein neues Leben für Tabitha (Tabitha After Live), S. 115-138, beginnt nach ihrem überraschenden Ende. In den Himmel hat sie es nicht geschafft und muss nun in Buxton umherspuken. Die Tage der Langeweile scheinen vorbei, als Tabitha einen freundlichen Ghoul kennenlernt, doch bald muss sie erfahren, dass nichts umsonst ist auf dieser Welt nicht im Leben, und schon gar nicht im Tod.
  • Unter der Kruste (Under the Crust), S. 139-171, der alten Müllkippe vor den Toren von Buxton hat sich vor langer Zeit eine Tragödie ereignet. Ein vom Misserfolg gebeutelter Geschäftsmann stellt fest, dass gärender Müll und versickernde Umweltgifte einen ausgezeichneten Dünger für Gespenster und Mutanten bilden.

Tot, böse, unverwüstlich

Geister waren bis ins frühe 20. Jahrhundert All-Round-Schreckgestalten, die – lange nur zaghaft ‚verstärkt’ durch Vampire oder Werwölfe – den Lebenden ordentlich Zunder gaben, sollten diese ihre Wege kreuzen oder gar für die spukige Jenseits-Existenz verantwortlich sein. Obwohl sie nicht selten recht heftig zur Sache gingen, wenn es darum ging, echtes oder scheinbares Unrecht zu rächen, waren die Geister Vertreter einer Tradition, die Furcht und Schrecken nicht durch das heute beliebte Verspritzen von Blut und Gedärmen erzeugen wollten (und konnten), sondern feinere Methoden bevorzugten.

Das klassische Grauen arbeitet mit den ureigenen Ängsten des Menschen, die unter dem hellen Tageslicht im Verborgenen bleiben, nach Einbruch der Dunkelheit aber gern die Herrschaft übernehmen. Wie sich leicht denken lässt, ist es eine ungleich anspruchsvollere Aufgabe, Leser auf diesem Wege zu erschrecken, als das weiter oben erwähnte Todeskarussell in Bewegung zu setzen. Doch wenn ein Autor sein Handwerk versteht, werden seine Werke von einer Nachhaltigkeit sein, an die das beeindruckte Publikum erinnert, während der Mantel des Vergessens gnädig die Machwerke der Schnetzler bedeckt.

Terry Lamsley hätte vor allem hierzulande auf dem ‚normalen’ Buchmarkt keine Chance. Niemand kennt seinen Namen, keiner der großen Verlage hätte den Aufwand gewagt, dies zu ändern. Darüber hinaus ist Lamsley kein produktiver Autor; nur eine Handvoll verstreuter Geschichten trägt seinen Namen, die in einer Handvoll Kollektionen gesammelt wurden. Lamsley war ein Freizeit Schriftsteller, dem sein anstrengender Beruf er betreut Familien mit psychisch gestörten Kindern viele Jahre wenig Zeit und Kraft für eine literarische Arbeit ließ.

Geister sind erschreckend anpassungsfähig

Das ist ausgesprochen bedauerlich, denn Lamsley ist mehr als ein begabter Autor, der sich zu großen Vorbildern bekennt. Mit der modernen Literatur könne er wenig anfangen, wird er von Frank Festa in dessen Vorwort zum vorliegenden Band zitiert; M. R. James und Robert Aickman werden explizit angesprochen, aber da stellt der Mann aus Buxton – diesen Ort gibt es tatsächlich – sein Licht unter den Scheffel, was fast ein wenig kokett angesichts der Tatsache wirkt, dass Lamsley für sein Werk mit einem „World Fantasy Award“ ausgezeichnet wurde.

Zudem sind Lamsleys Geschichten keineswegs altmodisch, auch wenn es um Geister geht. Die Kulissen mögen noch aus dem vorigen Jahrhundert stammen („Lebendes Wasser“), aber die Stücke sind ausgesprochen modern („Spielverderber“)! Wer kann mit Sicherheit behaupten, dass Geister heutzutage keinen Schrecken mehr verbreiten können? Lamsley tritt rasch den Gegenbeweis an. Seine Geister sind böse und rachsüchtig („Etwas Schlimmeres“), ohne dass es dafür einen zwingenden Grund geben muss: Sie sind es oft einfach („Die zweifache Heimkehr“). Hier tritt die Nähe zu Montague Rhodes James (1862 1936) besonders deutlich zu Tage.

Dies gilt auch für den trockenen, manchmal schwarzen Humor, der in der unheimlichen Literatur keineswegs fehl am Platze ist; Angst und (befreiendes) Lachen liegen nahe beieinander. Unter der Feder (oder Tastatur) eines fähigen Autors wie Lamsley heben sie einander nicht auf, sondern verstärken die Wirkung einer Geschichte sogar. „Ein neues Leben für Tabitha“ ist im vorliegenden Band das wohl beste Beispiel. Lamsleys eigenwillige Interpretation des spukhaften Weiter ‚Lebens’ nach dem Tod weist manchmal schon surreale Züge auf.

Das allgegenwärtige, nur verdrängte Reich der Furcht

Doch da ist mehr als solides Handwerk. Besonders „Unter der Kruste“, die Titelgeschichte dieser Sammlung, erreicht eine Qualität, die definitiv deutlich macht, dass Terry Lamsley nicht der unbedarfte Hobby Schriftsteller ist, der (wieder laut Vorwort) mit einem Freund einst aus einer Bierlaune heraus beschloss, einige Geistergeschichten über seinen Heimatort zu schreiben. „Unter der Kruste“ erzeugt eine Stimmung sich ständig steigernden Grauens; Lamsley gibt keine Erklärungen für das seltsame Geschehen, und der Schluss ist mehr oder weniger offen. Von ihrer Intensität ist diese Story wohl die stärkste des vorliegenden Bandes.

Die deutsche Ausgabe der „Geistergeschichten aus Buxton“ lässt keine Wünsche offen. Gut gelungen ist die Übersetzung; was sicher auch ein Indiz für die Sorgfalt und die Liebe zum Genre ist, die man bei den großen Verlagen heutzutage oft vergebens sucht. Seltsam ist allerdings die Wahl des Titels. Wieso nennt man die im Original recht angemessen „Unter der Kruste“ genannte Sammlung nichtssagend oder sogar lächerlich „Geistergeschichten aus Buxton“?

Das ist nur ein marginaler Einwand gegen einen Band, der Appetit macht auf weitere Geschichten aus der Feder Terry Lamsleys. Leider ist er zumindest hierzulande nicht zu stillen, da die „Geistergeschichten“ nur eine Fußnote des deutschen Buchmarktes blieben. Wer das Glück hat, antiquarisch auf diesen längst vergriffenen Band zu stoßen, darf sich auf sechs starke Storys freuen. Wer sich auf das Internet verlässt, wird feststellen, dass die wenigen Anbieter dieses Bandes gut wissen, was sie besitzen, denn sie lassen es sich außerordentlich teuer bezahlen!

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