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Michael Drewniok
Verirrt im Wald der Leichen und Geister

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2019

Mit drei Freunden und Lebensgefährtin Mel wollte Ethan Childs, der sich als Englischlehrer in Japan verdingt, den Fujiyama besteigen. Schlechtes Wetter lässt die Gruppe nach einer Alternative suchen. Man landet im nahen Aokigahara Jukai, einem Urwald, der durch seine eindrucksvolle Vegetation zahllose Touristen anlockt. Berühmter bzw. berüchtigter ist Aokigahara allerdings als „Wald der Selbstmörder“. Schon in alter Zeit sollen hier Alte und Kranke zum Sterben zurückgelassen worden sein, deren Geister rachedurstig durch das Geäst spuken. In der Neuzeit wurde der Wald ein Magnet für Verzweifelte, die hier ihrem Leben ein Ende setzen. Mehr als 100 Leichen müssen in manchen Jahren geborgen werden - und mancher Selbstmörder wird nie gefunden, denn das Gelände ist überaus unübersichtlich.

Die aus Israel stammenden Abenteuer-Urlauber Nina und Ben schließen sich der Gruppe an. Geplant wird Verbotenes; man möchte eine Leiche finden sowie eine Camping-Nacht im Geisterforst verbringen. Das Unternehmen lässt sich günstig an; erst findet man die Hinterlassenschaften schon abtransportierter Selbstmörder und stolpert schließlich über eine ‚echte‘ Leiche.

Allerdings hat man die Dichte des Waldes unterschätzt. Niemand achtet wirklich auf den Weg, zumal sich die Gruppe mehr und mehr zerstreitet. Mel stürzt beinahe in eine bodenlose Felsspalte. Nina macht sich an Ethan heran, der immer noch um den durch Mord geendeten Bruder trauert. Hohlkopf John Scott füttert Ben mit Psycho-Pilzen. Kurz darauf hängt dieser an einem Ast. Die Gruppe drängt daraufhin zurück in die Zivilisation, doch schnell steht fest, dass man sich verirrt hat. Das ist übel genug, aber es mehren sich die Hinweise, dass ‚jemand‘ auf die ‚Besucher‘ aufmerksam geworden ist und sie nicht mehr gehen lassen will …

Wie man in den Wald hineinruft …

Geister gibt es nicht. Trotzdem begleiten sie den Menschen durch die gesamte Geschichte. Sie sind ideale Projektionsfiguren, wenn es gilt, faktisch natürliche Phänomene zu ‚begreifen‘ und ins Weltbild einzuordnen, solange das echte Verständnis für die Vorgänge, die ihnen zugrunde liegen, fehlt: ‚Geister‘ sind verantwortlich - nichtmenschliche Entitäten, deren ‚Existenzen‘ unbekannten Regeln unterliegen. Man geht ihnen besser aus dem Weg bzw. vermeidet es, ihr Interesse zu wecken.

Unzählige warnende Beispiele sind überliefert. Sie erzählen von Dummköpfen oder Prahlhänsen, die nicht hören wollten und fühlen mussten. Geister sind nicht für ihre Nachsicht bekannt. Sie strafen sofort und hart. Das macht sie zu idealen Stellvertretern für Zeitgenossen, die den Alltag als Spiegel fixierter Gesetze und überlieferter Regeln betrachten, sich mit dieser Ansicht jedoch nicht durchsetzen = den Mitmenschen ihren Ordnungswillen aufzwingen können. Die Angst vor Geistern kann den gesunden Menschenverstand (so es ihn geben sollte) ausschalten.

Unwissen und Manipulation: Die Quellen jedes Geisterspuks sind längst bekannt, doch auch im 21. Jahrhundert ist die Aufklärung keineswegs allgegenwärtig. Spätestens das Internet hat offengelegt, welches Ausmaß der Glaube an das ‚Übernatürliche‘ besitzt; er scheint sich sogar zu verbreiten, weil entsprechend gepolte Jünger sich nun digital austauschen und in ihren Irrtümern und Spinnereien gegenseitig bestärken können.

… so schallt es heraus

Der „Wald der Selbstmörder“ ist ein gutes bzw. bedenkliches Beispiel für diesen modernen Geisterglauben. Bekanntlich genügt ein Funke, um eine Explosion auszulösen. In diesem Fall scheint ihn ein Schriftsteller geschlagen zu haben: Matsumoto Seichō (1909-1992) schrieb zwei Romane („Nami no tō“, 1957; dt. „Der Wellenturm“ und „Kuroi jukai“, 1960; dt. „Schwarzes Meer aus Bäumen“) in denen er Selbstmorde im Aokigahara-Wald nicht nur schilderte, sondern romantisch verklärte. Damit löste Seichō eine ‚Mode‘ aus, die nunmehr jährlich Selbstmordwillige in dreistelliger Zahl anlockt.

Ihnen folgen jene Voyeure, die sich gern gruseln, ohne sich durch die der Schauerlichkeit eines Ortes zugrundeliegende Vorgeschichte beeindruckt oder gar betroffen zu fühlen. Daher ist es kein perverser Einfall des Verfassers, wenn unsere ‚Helden‘ in den Forst vorstoßen, um sich durch eine bisher unentdeckte Leiche ‚unterhalten‘ zu lassen. Zumindest Autor Bates sorgt dafür, dass solche Gelüste bestraft werden. Da er einen Horrorroman schreibt, fällt die Sühne genretypisch aus: Schrecken, Folter, Schändung, Mord. Auf einen Lerneffekt setzt diese Sparte des Grauens offenkundig nicht.

Oder sollen die wenigen Überlebenden durch nackten Terror schlauer werden? So funktioniert es natürlich nicht, weshalb der ‚schockierende‘ Epilog, den Bates der eigentlichen Handlung folgen lässt, weder überraschend kommt noch überraschen kann. Dieses Stilmittel ist längst zum Klischee geronnen. Eine Moral von der Geschicht‘ gibt es nicht, auch wenn der Autor diesen Eindruck gern vermitteln würde.

Mythen-Mix mit schauerlicher Wurzel

„Suicide Forest“ bietet Horror mit erstaunlich langer Zündschnur. Bis es zur blutig-gewalttätigen Explosion kommt, bereitet Bates das finale Schlachtfeld sorgfältig vor. Er weiß, dass Schrecken nicht durch plumpe „Buh“-Effekte, d. h. das urplötzliche Erscheinen hässlicher Gestalten und brutaler Taten erzwungen werden kann, sondern durch die stimmungsvolle Ankündigung späterer Schauerlichkeiten geweckt werden sollte. Bates nimmt sich viel Zeit, den Aokigahara-Forst als außergewöhnlichen Ort zu schildern. Ihm gelingt die Beschwörung eines Ortes, der sich als idealer Spiegel für jene Schrecken erweist, die seine Besucher mitbringen.

Hinzu kommt die gelungene Darstellung einer Gruppe, die glaubwürdig wirkt, aber nie die Sympathie der Leser wecken kann. Richtungslose Twentysomethings, die sich durch das Leben und die Welt treiben lassen, nutzen Aokigahara als Stimulans und Ablenkung, weil sie abgestumpft und ratlos mit ihren Problemen weniger beschäftigt, als von ihnen beherrscht sind. Bates bemüht sich, dies als Folge nie bewältigter persönlicher Tragödien zu erklären, kann hier aber nicht punkten, weil diese so abgegriffen wird.

Zudem ignoriert Bates die aufwändig konstruierte Gruppendynamik, als er das Geheimnis von Aokigahara lüftet. Es soll an dieser Stelle gewahrt bleiben, ist aber - ein bekanntes Problem des Genres - nicht annähernd so spannend wie seine Inszenierung und wurde außerdem schon oft verwendet. Somit ist es wie so oft der Weg, der interessanter als das Ziel ist. Bates gelingt es, den fatalen ‚Zauber‘ des Aokigahara-Forstes zu beschreiben. Dass dem eine ‚Erklärung‘ folgen muss, ist eine Pflicht, der sich der Autor weder entziehen kann noch will. Der daraufhin erfolgende Übergang zu einem Survive-and-Revenge-Garn kann faktisch nur enttäuschen, wenn man die Vorgeschichte als Maßstab setzt. Die Freunde eines offensichtlicheren Horrors mögen dagegen aufatmen: Endlich geht es zur Sache!

Fazit:

Lange jenseits ausgelaugten „Buh!“-Grusels erzählt Autor Bates im ersten Teil einer Serie, die an den „beängstigendsten Orten der Welt“ spielt, von Durchschnitts-Zeitgenossen, die nie gelöste Konflikte ausgerechnet dorthin tragen, wo sich jährlich mehr als 100 Menschen umbringen: kein Blut-und-Eingeweide-raus-Horror, sondern (gelungener) psychologischer Nervenkitzel, bis es im Finale doch (enttäuschend) handgreiflich zugeht.

Suicide Forest (Die beängstigendsten Orte der Welt)

Suicide Forest (Die beängstigendsten Orte der Welt)

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