Tidal Grave - Ihr hättet es nicht wecken dürfen.

Erschienen: September 2015

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Michael Drewniok
Erst tief unter Wasser, dann flink (und hungrig) an Land

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2019

Sunset Island gehört zu jenen Inseln vor der US-Küste, die ursprünglich nur von beinharten Fischern bewohnt wurden. Man blieb unter sich - und beutete die Fanggründe so gründlich aus, dass Fische und Muscheln sich heute rarmachen. Als Retter in der Not erschienen Touristen vom Festland, die man allerdings eher erträgt (sowie ebenfalls ausbeutet) und keineswegs liebt, denn die „Bartschnösel“ und ihr Anhang ignorieren die einheimischen Regeln und legen ein hohes Anspruchsdenken an den Tag.

Ray Weller hasst sie sogar, denn er musste nicht nur die geliebte Fischerei aufgeben, sondern steuert seither die Fähre, die in der Sommersaison die Touristen auf die Insel bringt. Nur viel Alkohol dämpft Wellers Frustration, die dank der neuesten ‚Attraktion‘ von Sunset Island weiter angestiegen ist: Eine Ölfirma lässt probebohren. Die Plattform zieht die „Bartschnösel“ magisch an, zumal die Küste, vor der dies geschieht, zu einer Insel gehört, auf der vor Jahrzehnten das Militär geheime und gefährliche Experimente durchgeführt hatte. Natürlich zieht es die lästigen Besucher genau dorthin, wo eigentlich nichts mehr zu sehen, die Strömung aber gefährlich ist.

Aktuell ist ein gewaltiger Hurrikan angekündigt, der über Sunset Island herfallen wird. Die Arbeit auf der Bohrplattform wird fortgesetzt, denn Zeit ist Geld, weshalb auch ein seltsamer Zwischenfall nur für einen kurzen Stopp sorgt: Man hat auf dem Meeresgrund anscheinend eine Ölblase angebohrt, deren Inhalt sich freilich rot ins Wasser ergießt. Eine Vor-Ort-Untersuchung findet die Ursache - und den Tod, denn man hat mit dem Bohrer eine gigantische Kreatur gepiekt, die hier eine Art Winterschlaf hielt. Nun ist sie wach, sauer und hungrig. Zunächst fällt sie über die Bohrstation her, dann steuert sie gemeinsam mit dem Sturm Sunset Island an. Die Kommunikation mit dem Festland bricht ab, man ist auf sich gestellt, als das durchaus landtaugliche Ungetüm Bürger und Touristen gleichermaßen ausrottet …

Der „Weiße Hai“ 2.0 (oder schon 3.0?)

Der Lauf der Zeit sorgt für ein gnädige Vergessen, das Geschichtenerzählern die Möglichkeit gibt, alte Garne leicht abgestaubt einem Publikum zu präsentieren, das den oder gar die ‚Vorläufer‘ nicht kennt. Dummerweise gibt es immer ein paar buchstäblich alte Spielverderber, die es besser wissen und kein Problem damit haben, kritisch auf die ‚Adaption‘ altehrwürdiger Handlungen hinzuweisen.

Dieser Rezensent gehört zu denen, die sowohl den von Peter Benchley 1974 veröffentlichten Roman „Der Weiße Hai“ als auch den schon im Folgejahr von Stephen Spielfilm inszenierten Film gleichen Titels sowie den daraus resultierenden Hype erlebt haben. Schon vorher gab es Storys, in denen fiese Kreaturen entsetzte Normalbürger jagten, aber noch nie konnte dieser Plot so auf den Punkt gebracht werden: Noch heute zehren Bücher und Filme vom „Weißen Hai“.

Mit „Tidal Grave“ reiht sich Henry Goodhue in die lange Reihe derer ein, die sich entsprechend ‚inspirieren‘ lassen. Genretypisch soll dies dadurch bemäntelt bzw. ausgeglichen werden, dass besagte Kreatur ordentlich aufgeblasen wird: Größer = gefährlicher, oder wie man in den USA ausdrücken würde: „Size Does Matter“; ein Slogan, der u. a. für den US-„Godzilla“-Film von 1998 zum Einsatz kam. Sollte das nicht funktionieren, setzt Goodhue nach und plündert auch Genre-Heuler wie „Deep Blue Sea“ (1999) und vor allem „Bait - Haie im Supermarkt“ (2012): Wenn das Primär-Monster nicht tobt, schleichen ebenso hungrige Haifische durch die überfluteten Straßen von Sunset Island und dringen in Wohnhäuser, Kneipen und Kirchen ein.

Das kommt davon, du dummer, gieriger Mensch!

Die Handlung ist denkbar einfach gestrickt: Mensch weckt Monster, das einer (hier durch Sturm und Kommunikationsausfall) auf sich gestellten Gruppe nachjagt. Flurschaden, Opferzahl und Geschrei sind groß, bis sich ein Held wider Willen endlich gegen das Untier (und jede Wahrscheinlichkeit) durchsetzen und es durch einen Trick ausschalten kann.

Solchen Geschehen wird gern ein wenig Relevanz beigemischt. Der Held ist wie schon erwähnt gar keiner, sondern ein vom Schicksal gebeutelter Außenseiter, der erst über den eigenen Schatten springen muss, um in seine Rolle zu schlüpfen. Retten muss er eine sehr gemischte Gruppe, die in der Mehrzahl weder willens noch fähig ist, seinen Anordnungen Folge zu leisten. Großmäuler, Feiglinge und Dummköpfe dienen als Monsterfutter, bis das Feld ausgedünnt ist und einige mutige Männer, Frauen und - das ist wichtig! - Kinder zurückbleiben.

Das Ganze spielt sich dort ab, wo Flucht unmöglich ist. Die wiederholte Konfrontation mit dem Schrecken und das finale Duell prägen die Handlung, bis alte Konflikte und Traumata wort- und tränenreich aufgearbeitet sind und die Überlebenden sich auf das Wesen konzentrieren. Goodhue greift glücklicherweise nicht gar zu tief in den Schmalztopf, wenn er es ‚menscheln‘ lässt - er kann das ohnehin nicht und reiht Klischee an Klischee. Dazu gehört ausdrücklich die ‚Geburt‘ des Ungeheuers, das friedlich in der Tiefsee geschlafen hat, bis ölgierige Menschen es weckten.

Die Fetzen fliegen

Besagtes Ungeheuer ist ein Kaijū - ein Monster, das jenseits der bekannten Evolution entstand und sich durch gewaltige Größe und relative Unverwundbarkeit auszeichnet. Bekanntester Vertreter ist der schon genannte Godzilla, doch in den letzten Jahren treten Kaijūs zumindest in Filmstudios weltweit verstärkt auf. Die moderne Tricktechnik befähigt sie zu ansehnlichen Zerstörungsorgien. Der Buchautor hat es in dieser Hinsicht weniger leicht, kann dies aber durch die detailreiche Schilderung zerreißender, zerdrückter oder ähnlich in Blutbrei verwandelter Menschenkörper ausgleichen. Das Mainstream-Kino muss mit dem Blick auf die drohende Zensur vorsichtig sein, während auf Papier problemloser gekillt werden darf.

Ebenfalls genreüblich ist die Beliebigkeit eines Monsters, das faktisch eher ein Symbol für Zerstörung und Tod bleibt. Was über Sunset Island kommt, ist besonders fad: Der Gigant zermalmt und frisst. Es gibt keinen Plan und keine Logik, was Goodhue nicht immer durch Handlungstempo verbergen kann. Der Effekt steht im Vordergrund; Zwischentöne gibt es nicht.

Was bisher kein Lektürevergnügen verheißt, gewinnt durch die Erkenntnis eines Verfassers, der genau weiß, dass er reines Lesefutter produziert. „Tidal Grave“ ist in der deutschen Übersetzung 180 Seiten kurz. Die Beschränkung auf eine Seitenzahl, die der Story angemessen ist, wird in der Populärkultur leider viel zu selten beherzigt, aber Goodhue zieht es durch. Mit „Tidal Grave“ wird er nicht in die Literaturgeschichte eingehen, doch er hat seinen Leser wenigstens nicht Zeit gestohlen.

Fazit:

Es steigt riesig aus dem Wasser, terrorisiert und frisst die Bewohner einer abgeschotteten Insel: Autor Goodhue legt typischen Kaijū-Horror vor. Den Plot hat er recht deutlich ‚entliehen‘ und liebt (etwas zu) offensichtlich Klischees, aber er sorgt für ständiges Tempo, sorgt für kräftigen Blutzoll und kommt zu einem diesem Garn angemessenen = frühen Ende.

Tidal Grave - Ihr hättet es nicht wecken dürfen.

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