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Michael Drewniok
Zweifacher Kampf gegen das dunkle ‚Herz‘ einer kleinen Stadt

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2019

Sie nennen sich selbstironisch den „Club der Verlierer“: Bill Denbrough, Mike Hanlon, Ben Hanscom, Beverly Marsh, Stan Uris, Richie Tozier und Eddie Kaspbrak sind um die 11 Jahre jung und leben in Derry, einer Kleinstadt im US-Staat Maine. Die sieben Kinder stehen auf der Schattenseite der lokalen Gesellschaft; sie sind dick (Ben), schwarz (Mike), jüdisch (Stan), arm (Beverly), vorlaut (Richie), stottern (Bill) oder leiden unter chronischer Atemnot (Eddie). Deshalb werden sie nicht nur gemobbt, sondern buchstäblich verfolgt und drangsaliert, worin sich der etwas ältere Henry Bowers und seine Kumpane Victor Criss und „Belch“ Huggins besonders unrühmlich hervortun.

Im Sommer 1958 geht zudem ein Kindermörder in Derry um, dem u. a. Bills jüngerer Bruder zum Opfer fällt. Die Polizei ist ratlos, Angst und Misstrauen herrschen - und Pennywise, der sich gern als Clown maskiert. Er ist kein Mensch und Derry seit jeher sein ‚Jagdrevier‘. Etwa alle drei Jahrzehnte erwacht er bzw. „Es“ aus einer Art Winterschlaf und mordet, um sich nach einigen Monaten mit einem Massaker zu ‚verabschieden‘ - bis zum nächsten Mal. Sieben Kinder wären „Ihm“ normalerweise nicht gewachsen, doch eine mysteriöse Macht verleiht der Gruppe besondere Kräfte. Trotzdem geraten sie immer wieder in Fallen, denen sie nur knapp entkommen. „Es“ instrumentalisiert außerdem Henry und seine Mitläufer, die den Freunden zusätzlich das Leben erschweren und immer handgreiflicher werden.

1958 können Bill und seine Gefährten „Es“ trotzdem verletzen, aber nicht vertreiben oder gar töten. Sie schwören den Kampf wiederaufzunehmen, sollte „Es“ einst wiederkehren. 1985 ist „Es“ nicht nur zurück, sondern will sich rächen. Die Kreatur weiß vom Schwur seiner Feinde, die allerdings vorgewarnt sind: Mike Hanlon blieb in Derry, um Wache zu halten. Der „Club der Verlierer“ formiert sich neu, doch er ist nicht mehr vollzählig. Deshalb stellt sich die Frage, ob die verbliebenen Gefährten jene Quelle, die ihnen einst die Kraft gab zu siegen, erneut anzapfen können. Tief unter der Stadt Derry kommt es zur neuerlichen, dieses Mal entscheidenden Schlacht …

Opus magnum eines Horror-Königs

Anfang der 1980er Jahre war King DER Autor moderner Horrorstorys. Er konnte gar nicht genug Bücher schreiben - obwohl er ein fleißiger Mann war und ist -, jeder neuer Titel schoss weltweit in den Bestsellerlisten nach ganz oben, verkaufte sich prächtig und wurde - dies ist allerdings ein anderes, meist trauriges Kapitel - verfilmt.

In seiner Nische hätte sich King einrichten können. Viele Schriftsteller tun das: Wenn sie endlich erfolgreich sind, bleiben sie bei dem, was ihre Leser (und die Verlage) lieben und von ihnen erwarten. Dass sie sich damit in eine Sackgasse manövrieren, nehmen sie entweder in Kauf oder merken es zu spät - dann nämlich, wenn entweder sie ihrer ‚Masche‘ überdrüssig sind oder das Publikum genug von ihnen hat, was jederzeit und sehr plötzlich geschehen kann.

King betrachtet sich ohnehin nicht als Horror-Autor, sondern als Geschichtenerzähler. Den düsteren Seiten des Lebens gehört zwar sein Interesse, aber es galt nie ausschließlich den ‚echten‘ Kreaturen des Jenseits, obwohl King den Vampir, den Werwolf, den Zombie und andere Schreckensgestalten aufgriff und in ein modernes Umfeld stellte. Doch King wollte (und konnte) mehr: Das Phänomen der Furcht an sich  fesselte ihn, wobei diese keineswegs übernatürlichen Ursprungs sein muss. King erkannte, dass der Mensch selbst am nachhaltigsten für Angst und Grauen sorgen kann.

„Es“ sollte die Abschlussvorstellung des ‚Horror-Kings‘ sein, bevor sich dieser vom Buh!-Schrecken verabschiedete. (So rigoros fiel der Schnitt aber glücklicherweise nicht aus.) King feuert aus allen Rohren, lässt es spuken, Kreaturen aus fremden Dimensionen ausbrechen und grausig (sowie blutig) umgehen, bis seinen Lesern die Sinne schwinden: „Es“ sprengt wahrlich Grenzen, was den Buchumfang ausdrücklich einschließt: Mehr als 1500 Seiten zählt die aktuelle deutsche Ausgabe!

Macht und Ohnmacht der Kindheit

Was „Es“ über einen spannenden Gruselroman hinaushebt, ist Kings bekanntes Talent: Er hat offensichtlich nie vergessen, was es heißt Kind zu sein. Ohne übernatürliche Elemente brachte er dies 1986 in der Novelle „Stand by Me“ (dt. „Stand by Me - Das Geheimnis eines Sommers“) auf den Punkt. Kindheit ist für King ein ‚Ort‘, der quasi parallel zur ‚erwachsenen‘ Realität existiert. Diese Differenzierung ist für die Ereignisse von entscheidender Bedeutung, denn sie sorgt dafür, dass der „Club der Verlierer“ seinen mörderischen Kampf mit Pennywise auf sich gestellt führen muss.

King beschränkt sich dabei nicht auf typische Horrorelemente. Kind zu sein heißt bei ihm keineswegs das sorgenfreie Heranwachsen in der Geborgenheit der Familie. Die Mitglieder des „Clubs“ stehen für reale Kindheitsschrecken: häusliche Gewalt, geistiger und körperlicher Missbrauch bei gleichzeitiger Machtlosigkeit gegenüber allen Erwachsenen: Eltern, Lehrer, Nachbarn - sie alle befehlen, und Kinder müssen gehorchen. Die Schattenseiten eines dermaßen restriktiven Systems werden von seinen Nutznießern = den Erwachsenen von 1958 verdrängt und vertuscht. King redet dagegen Tacheles, weshalb dieser Roman auch dann Schrecken verbreitet, wenn „Es“ abwesend ist.

Über die triviale Verteufelung des oder der ‚Bösen‘ ist King ebenfalls erhaben. Henry, Victor und Belch sind einerseits eine ständige Bedrohung für die Mitglieder des „Clubs“, aber andererseits Loser, deren Gewalttätigkeit ein Ventil für selbst erlittenes Unrecht ist. Sogar „Es“ ist kein klassischer Bösewicht. „Seine“ Grausamkeit ist der natürliche Charakterzug eines Wesens, das nicht von dieser Welt ist und deshalb deren Regeln zwar kennt, aber ignoriert. „Es“ ist ohnehin kein Geistesriese, sondern eine schlichte Kreatur, die nicht nach der Weltherrschaft strebt, sondern damit zufrieden ist, sich auf Derry = sein Jagdrevier zu beschränken.

Auf einsamem, aber nicht verlorenem Posten

Solidarität bzw. Freundschaft ist in diesem Umfeld einerseits eine Seltenheit, jedoch andererseits überlebenswichtig. Nur die Mitglieder des „Clubs“ können sich aufeinander verlassen. Dass sie zunächst Kinder und damit faktisch machtlos und als Erwachsene angeschlagen sind, schürt die Spannung: Wie schaffen sie es „Es“ zu trotzen? Es wird gelingen, wie wir wissen, denn der „Club“ muss sich 1985 erneut seinem Gegner stellen. King schildert die Geschehnisse von 1958 und 1985 als parallele Handlungen, wobei beide Ebenen immer wieder ineinander übergehen.

1985 spielt „Es“ nicht mehr die zentrale Rolle. Viel wichtiger ist (King) die Frage, ob und wie es gelingen kann, jene Mischung aus ‚naiver‘, Unvoreingenommenheit und Zuversicht wiederzubeleben, die den „Club“ 1958 prägte und ihm ermöglichte, eine Anomalie wie „Es“ in seinen Lebensalltag zu integrieren, d. h. den „gesunden Menschenverstand“ auszuschalten, um „Es“ bis in seine fremde Welt zu folgen. Im daraus resultierenden Verständnis der Kreatur wurzelt die Fähigkeit sie auszuschalten. King widmet dem Verlust dieses ‚unschuldigen‘, aber mächtigen Glaubens viel Raum.

Die Mitglieder des „Clubs“ zahlen für ihren Sieg 1958 und 1985 einen hohen Preis. Wie hoch er ist, gerät ihnen in Vergessenheit - ein Epilog, der wirklich tragisch ist, während King auf die Vorbereitung einer Fortsetzung vollständig verzichtet. Mit „Es“ hat er gesagt, was er sagen wollte. Ungeachtet des enormen Umfangs und der zahlreichen Abschweifungen bleibt „Es“ durchgängig spannend. Nicht alles ist gelungen; für Kopfschütteln sorgt vor allem Kings kruder Einfall, die ‚männlichen‘ Mitglieder des „Clubs“ zur Anti-„Es“-Waffe zu verschmelzen, indem sie Sex mit der ebenfalls minderjährigen Beverly haben. Damit ist der Autor weit (und unnötig) übers Ziel hinausgeschossen. Wohl nur seine Prominenz sorgte dafür, dass diese Passage weiterhin Teil des Romans geblieben ist.

Exkurs: „Es“ - auch als Buch ein Gestaltwandler

In den 1980er Jahren war der gedruckte Horror hierzulande zwar erfolgreich. Deutsche Verlage blieben trotzdem misstrauisch und schreckten weiterhin nicht davor zurück, Romane in der Übersetzung zu ‚korrigieren‘ bzw. zu kürzen, um die Leser vor allzu intensiven Schauerlichkeiten oder über allzu viele Buchseiten laufende Handlungen zu bewahren.

Zudem erschien die deutsche Erstausgabe von „Es“, als King selbst noch an seinem Werk feilte, das deshalb in den USA später als in Deutschland erschien - kurios und ein Indiz für den ‚King-Faktor‘ jener Zeit. Deshalb gab es inhaltliche Unterschiede zwischen den beiden Ausgaben. Hierzulande veröffentlichten die Edition Phantasia und der Heyne Verlag „Es“ als Hardcover bzw. Paperback. Obwohl diese Ausgaben je 860 dicht bedruckte Seiten zählten, blieben Kings letzte Ergänzungen sowie für ‚unwichtig‘ gehaltene Passagen außen vor.

Für die Neuausgabe 1990 wurde die Erstübersetzung zwar überarbeitet und ergänzt, doch sie erfasste weiterhin nicht den gesamten Originaltext. Erst 2011 fand dieser endlich gesamtübersetzt seinen Weg nach Deutschland. Diese Ausgabe wurde sowohl 2017 als auch 2019 im Zuge des zweiteiligen „Es“-Films neu aufgelegt.

Fazit:

In der bemerkenswert anschaulichen Kulisse einer US-amerikanischen Kleinstadt erzählt Autor King nicht nur eine Horrorgeschichte, sondern inszeniert auf zwei Zeitebenen einen mit ungewöhnlichen Mitteln geführten Kampf gegen den absoluten Schrecken. Der gleichermaßen idyllische wie grausame Mikrokosmos des kindlichen Alltags Anno 1958 fügt sich grandios in das nur manchmal allzu episch übertriebene Geschehen ein: „Es“ ist völlig zu Recht ein moderner Klassiker der Phantastik.

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