Couch-Wertung:

75°

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
 50° 100°

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91°-100°
0 x 81°-90°
0 x 71°-80°
0 x 61°-70°
1 x 51°-60°
0 x 41°-50°
0 x 31°-40°
0 x 21°-30°
0 x 11°-20°
0 x 1°-10°
B:56
V:1
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":1,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Michael Drewniok
Frankenstein 2.0 auf Flanderns Schlachtfeldern

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2020

Jeglicher Hurra-Patriotismus hat sich im zweiten Jahr des Ersten Weltkriegs in Nichts aufgelöst. 1915 ist die Front im Grabenkampf erstarrt. Die Gegner liegen sich in Sichtweite gegenüber, sind tief in den Boden eingegraben. Um sich gegenseitig hinaus und ins Verderben zu locken, werden mit Sprengstoff und Giftgas gefüllte Granaten verschossen. Folgt dem eine Gegenattacke, werden die Soldaten von Maschinengewehren niedergemäht. Die Verluste spotten jeder Beschreibung. Im Niemandsland zwischen den Gegnern liegen unbestattet zerfetzte, verwesende Leichen. In den Gräben hocken die Soldaten in Wasser und Schlamm. Krankheiten, Ratten und Läuse suchen sie heim, Scharfschützen nehmen sie ins Visier. Jede Attacke kann den Tod bedeuten. Die Männer sind schmutzig, traumatisiert und abgestumpft.

Für Herbert West ist diese Hölle das Paradies. Der junge Naturwissenschaftler ist besessen von der Vorstellung, totes Fleisch mit Hilfe eines von ihm entwickelten Elixiers wiederzubeleben. West konnte die alliierte Heeresleitung vom Wert seiner ‚Forschungen‘ überzeugen. Als Arzt hat er in Frontnähe den freien Zugriff auf jenen Stoff, den er benötigt: Leichen! Mit ihnen experimentiert und ‚spielt‘ er: West ist nicht nur genial, sondern auch völlig skrupellos. Sein Labor wird von grässlichen Chimären bevölkert, denn West versteht es Körperteile so zusammenzufügen, wie es ihm sein kranker Geist eingibt. Doch er übertreibt es und dringt in Dimensionen vor, die den Tod persönlich auf den Plan rufen. Zudem machen sich einige seiner ‚Schöpfungen‘ selbstständig. Im Niemandsland gehen sie um, fressen die Leichen der Gefallenen - und vermehren sich.

Der amerikanische Kriegsberichterstatter Creel wittert die Story seines Lebens, als er West auf die Schliche kommt. Parallel dazu steigert sich frontnah der Terror, denn dort finden die wieder erwachten Toten nicht mehr genug Nahrung. Sie machen sich auf die Suche nach neuen Opfern - und treiben den Terror dadurch über die Grenze des Fassbaren hinaus …

Meister Lovecraft und Jünger Curran

H. P. Lovecraft (1890-1937) war nie geschickt in der Vermarktung seiner Werke. Der Ruhm kam erst, als er lange tot war. Zeit seines Lebens haderte er mit der Verpflichtung, für schnöden Mammon arbeiten zu müssen, während er mit dem Horror rang, um ihn auf eine neue, nicht unbedingt literarische, sondern furchteinflößende Stufe zu hieven. Für „Herbert West - Reanimator“ wurde Lovecraft nicht wirklich bezahlt, denn er schrieb diese längere Erzählung für das Amateur-Magazin „Home Brew“. Der Autor war unglücklich mit der Vorgabe, sie in sechs Teilen zu erzählen, die zwischen Februar und Juli 1922 erschienen. Fünf Dollar erhielt er für jede Lieferung; Geld, auf das Lovecraft nicht verzichten konnte, was ein Bild auf seine finanzielle Notlage wirft.

Lovecraft verabscheute das Fortsetzungskonzept, weil es seinen erzählerischen Rhythmus empfindlich störte. „Herbert West - Reanimator“ wird von der Kritik zu den schwächeren Werken gezählt. Nichtsdestotrotz fand diese Novelle eine Fangemeinde. Zwar wird deutlich, dass Lovecraft nicht für den zeitgenössischen „Pulp“ tauglich war. Dennoch weist „Reanimator“ Qualitäten auf, die zu Recht dafür sorgten, dass dieses Garn nicht in Vergessenheit geriet. Es beeindruckte nicht nur Generationen von Lesern, sondern auch spätere (Comic-) Autoren und Filmemacher: Zwischen 1985 und 2003 inszenierten Stuart Gordon und Brian Yuzna die „Re-Animator“ Trilogie, in denen Jeffrey Combs den ebenso genialen wie wahnsinnigen Herbert West verkörperte. Legendär sind vor allem die beiden ersten Filme wegen ihrer ungemein drastischen, rein analogen und auch heute noch erstaunlichen Spezialeffekte.

Dass Tim Curran sich des „Reanimator“-Themas annehmen würde, war quasi nur eine Frage der Zeit. Zu verlockend muss die Vorgabe für einen Verfasser gewesen sein, der das Schwelgen in Tod und Verwesung auf einen Gipfel getrieben hat, auf den ihm so leicht niemand folgen wird (oder mag). Erwartungsgemäß hat sich Curran aus der Vorlage jene Episode herausgegriffen, in der es West auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs verschlägt.

Reales Grauen plus Frankenstein-Horror

„Die Wiedererweckten des Herbert West“ erschien 2014 und reihte sich in die Unzahl jener Werke ein, die an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs genau ein Jahrhundert zuvor erinnerten bzw. diesen als Aufhänger nutzten. Es überrascht nicht, dass Curran den Krieg als moderne Todesfabrik deutet. Damit berücksichtigt er ein Kampfgeschehen, in dem traditionelle Kriegsführung mit entsetzlichen Folgen auf moderne Waffentechnik traf: Wie gewohnt trat man dem Feind „mit offenem Visier“ gegenüber - und wurde mit Maschinengewehren, Sprenggranaten und Giftgas quasi industriell abgeschlachtet. Bis Kriegsende wurde die militärische Planung dieser Vernichtungskraft nur marginal angepasst, weshalb die Verluste astronomisch waren.

Natürlich überspitzt Curran die Realität, doch er greift dabei auf realhistorische Grässlichkeiten zurück. Ansonsten gibt er seinem besonderen Talent die Sporen: Curran ist der Hexenmeister der schriftlich entfesselten Zersetzung! Man muss ihn (und Übersetzer Andreas Schiffmann, der dem Verfasser nichts schuldig bleibt) bewundern: Tod, Verstümmelung und Verwesung werden unter Ausnutzung des dafür zur Verfügung stehenden Wortschatzes weniger beschrieben als zelebriert! Die Kriegsfront wird zur Vorhölle, dessen verstörte, überforderte Insassen im Delirium durch die schlammige Ödnis taumeln.

In diesen Szenen beweist Curran erzählerische Stärke. Selbst in der Wiederholung einschlägiger Szenarien fallen ihm noch Variationen des Grauens ein. „Die Wiedererweckten …“ ist ein literarischer Albtraum, der Stimmung über Handlung setzt - eine Feststellung, die gleichzeitig zum Fundament der Negativkritik wird.

Wo ist eigentlich Dr. West?

„Die Wiedererweckten …“ käme auch ohne Herbert West aus. Er bleibt eine Randfigur, deren böses Wirken in den eingeschobenen Erinnerungen seines ‚Assistenten‘ Hamilton auflebt; hier orientiert sich Curran an Lovecrafts Vorlage. Doch West und Creel, die Hauptfigur, treffen einander nie. Stattdessen investiert Creel viel Zeit in den Versuch zu ergründen, was wir Leser dank Curran längst wissen. Darüber hinaus ist „Die Wiedererweckten …“ ungeachtet der epischen Gräuel ein handlungsarmer Roman. Wir verschmerzen es, weil die morbiden Bilder wahnwitziger Vernichtung so eindringlich sind.

Im letzten Drittel lässt diese Faszination nach. Curran gehört zu jenen Autoren, die oft intensiv und dicht in ein Geschehen starten, um es dann unvermittelt weniger zu beenden als abzuwürgen. Auch dieses Mal ist ihm offenbar nichts eingefallen, um seine Geschichte zufriedenstellend aufzulösen. Es gibt keinen Höhepunkt; nach einer weiteren Episode exzessiven Grusels bricht Curran ab. Anschließend löst sich das bisher so übermächtige Grauen buchstäblich auf; die „Wiedererweckten“ fallen endgültig tot um. Angesichts des Aufwands, den Curran zuvor betrieben hat, um es in einer Suppe aus Schlamm, Blut und fauligem Fleisch - quasi dem Urschleim der Moderne - zu wecken, ist dies schwach und enttäuschend.

Hinzu kommen nur bedingt überzeugende Figuren. Curran ist hervorragend, wenn er sich auf Schlaglichter beschränkt. Die Frontsoldaten in ihrer verzweifelten Ohnmacht, ausgeliefert einem Grauen, das sie wie am Fließband krepieren lässt, bleiben zwar Klischees, nehmen aber dennoch oft Gestalt an. „Die Wiedererweckten …“ - im Original übrigens zutreffender, weil nicht so ein- bzw. fehldeutig auf die Lovecraft-Vorlage bezogen „Morbid Anatomy“ betitelt - würden somit sogar ohne die Wiedererweckten funktionieren; einmal mehr schlägt die Realität jede Fiktion.

Fazit:

Eine Horrorgeschichte wird vor dem ungemein intensiv beschriebenen bzw. auf die Spitze (und darüber hinaus) getriebenen Realschrecken des Ersten Weltkriegs erzählt. Der Plot bleibt Vorwand für eine wortgewaltig heraufbeschworene Orgie des Todes, der Zersetzung und der widernatürlichen ‚Neugeburt‘. Die nachhaltige Wirkung leidet unter einem abrupten, nicht plausibel aus der Vorgeschichte entwickelten Ende: als Lektüre dennoch eine eindrucksvolle Höllenfahrt!

Die Wiedererweckten des Herbert West

Die Wiedererweckten des Herbert West

Deine Meinung zu »Die Wiedererweckten des Herbert West«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Schreibe den ersten Kommentar zu diesem Buch.

Sci-Fi & Mystery
(MUSIC.FOR.BOOKS)

Du hast das Buch. Wir haben den Soundtrack. Jetzt kannst Du beim Lesen noch mehr eintauchen in die Geschichte. Thematisch abgestimmte Kompositionen bieten Dir die passende Klangkulisse für noch mehr Atmosphäre auf jeder Seite.

Sci-Fi & Mystery