Chasm City

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2003
Chasm City
Chasm City
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Frank A. Dudley
90°

Phantastik-Couch Rezension von Frank A. Dudley Mai 2006

Die Viren und die Stadt

Falls James Ellroy irgendwann angefangen hätte, Science Fiction-Romane statt Krimis zu schreiben, wären sie das Vorbild für Alastair Reynolds gewesen: Düster, aussichtslos, mit verwickeltem Plot und faszinierenden Charakteren. Chasm City ist eine berauschende Mixtur aus Cyberpunk, Space Opera und Hardboiled Thriller.

Gleich vorweg: Zwar ist Chasm City im gleichen Universum wie Revelation Space angesiedelt – neben dem Setting werden auch Charaktere aus Reynolds Erstling erwähnt -, doch während letzterer eine Space Opera reinsten Wassers ist, steht Chasm City mit seinem Noir-Touch und Private Eye-Protagonisten für sich selbst.

Dieser hat große Probleme mit seinem Gedächtnis, als er nach 15jährigem Kryoschlaf im Raum-Hospiz des Eisbettler-Ordens erwacht. Nur langsam sickert in sein Bewusstsein, wie er heißt, wer er ist und was er im nahe liegenden Chasm City auf dem Planeten Yellowstone wollte: Tanner Mirabel, Ex-Soldat und Sicherheitsexperte, hat etliche Lichtjahre von Sky's Edge bis ins Epsilon Eridani System hinter sich gelassen, um den Tod seines ehemaligen Auftraggebers Cahuella zu rächen. Zwar war dieser zuletzt wegen skrupelloser Waffengeschäfte in Verruf und schließlich fatale Bedrängnis geraten, doch Mirabel, so er sich erinnern kann, ist loyal bis über den Tod hinaus. In Chasm City will er deshalb so schnell es geht die Spur von Argent Reivich verfolgen, dem Unsterblichen, den er für Cahuellas Tod verantwortlich macht.

Was an sich schon schwierig genug ist, weil Reivich als interstellarer Aristokrat über beste Beziehungen auch in Chasm City verfügt, wird nochmals schwieriger durch die nach wie vor akute Krise, in der sich die einst strahlende Metropole befindet – die Schmelzseuche, bereits aus dem Vorgänger-Roman Unendlichkeit bekannt, hat das ehemalige Utopia fantastischen Reichtums fest in ihren alles zersetzenden Klauen. Jegliche Technologie, die über eine bestimmte Entwicklungsstufe hinausgeht, schmilzt dahin. Für eine Kultur, die Nanotechnologie so selbstverständlich einsetzt wie wir elektrische Haushaltgeräte, ein absolutes Fiasko, ein Götterdämmerung, die Millionen Menschen mit Nanotech im Körper das Leben gekostet hat und Chasm City gespalten hat in eine Unterwelt, den Mulch, und eine Oberwelt, den Baldachin.

Neben diesem cyberpunkigen Hauptstrang entwickelt Alastair Reynolds einen Space Opera-Subplot, in den Mirabel ohne es zu wollen hineingezogen wird. Auch er ist infiziert, allerdings mit dem Haussmann-Virus, der alle Befallenen per Stigma und Visionen in die sektenartige Haussmann-Religion zwingt. Sky Haussmann, namensgebend für Sky's Edge, ist ein machiavellistischer Raumschiffkapitän. Er ist unterwegs in einem Flottenverband von fünf Schiffen, die jeweils mehrere Tausend tiefgefrorene Siedler an Bord haben. Haussmann setzt alles daran, die neue Heimatwelt als erster zu erreichen und schreckt dabei auch vor Mord nicht zurück.

Während Mirabel anfangs nur nachts vom Leben des Sky Haussmann träumt, während das Stigma sich öffnet und das Laken vollblutet, häufen sich die Visions-Einschübe auch tagsüber – sie laufen ab wie Filme. Beunruhigend findet Mirabel, dass er sich dabei an Details erinnert, die in keiner offiziellen Chronik vermerkt sind. Gleichzeitig überlagern sich seine Erinnerungen an die Ereignisse auf Sky's Edge mit Perspektiven, die nicht seine waren – sondern die von Cahuella. Dem Rächer dämmert, dass er in Jahrhunderte alte Geschehnisse verwickelt ist, die bis jetzt die rücksichtslose Politik ganzer Planeten bestimmen. Und er weiss nicht, wer er wirklich ist.

Eine spektakuläre Geschichte

Alastair Reynolds jongliert mit astronomischen Entfernungen und Millionen von Jahren galaktischer Geschichte, ohne aus dem Erzähltakt zu kommen. Während es ihm in Unendlichkeit noch ein wenig Mühe bereitete, die unterschiedlichen und inhaltlich komplexen Zeit- und Erzählebenen ganz klar anzuordnen, hat er in Chasm City keine Probleme mehr damit. Im Gegenteil: Durch die dreifach personale Erzählperspektive aus Mirabels/Haussmanns/Cahuellas Sicht bettet er die die drei Handlungsebenen sehr geschickt ineinander und erreicht durch die Konzentration von drei Figuren und Handlungsebenen zusätzlich eine starke Mittelbarkeit. Sprich: Die Geschichte ist komplex und spannend.

Auch die Verschachtelung von Space Opera und Cyberpunk – hier auch eine Gegenüberstellung von Bewegung und Statik – bringt Zug auf die bereits straff gespannte Sehne des Handlungsbogens. Beide Stränge könnten auch als eigenständige Geschichten funktionieren, so dicht und dynamisch sind sie geschrieben. Das degenerierte Chasm City, obschon glaubwürdig techno-gothic und ein echtes wasteland der Nanotechnologie, erinnert stark an das New Crobuzon von China Miéville, was aber eigentlich mehr Kompliment als Kritik ist.

Der Astrophysiker Reynolds hat bis vor ein paar Jahren noch für die European Space Agency gearbeitet, er weiß also über die astronomische Komponente von Science Fiction bestens Bescheid. Doch auch sein Schreibstil hat seit Unendlichkeit an Präzision hinzugewonnen. Chasm City ist eine spektakuläre Geschichte aus galaktischen Dimensionen, einem starker Plot und vielschichtigen Charakteren.

Chasm City

Alastair Reynolds, Heyne

Chasm City

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