The Stand - Das letzte Gefecht

  • Heyne
  • Erschienen: März 2016
  • 15
The Stand - Das letzte Gefecht
The Stand - Das letzte Gefecht
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Michael Drewniok
90°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJan 2026

Der Herr der (banalen, aber geliebten) Dinge

Im Juni des Jahres 1990 wird in einem US-amerikanischen Geheimlabor für biologische Waffen ein Super-Virus freigesetzt. „Captain Trips“ erscheint im Gewand einer Grippe, die sämtliche Grenzen überspringt und binnen kurzer Zeit 99% der Weltbevölkerung niedermäht. Die Zivilisation bricht zusammen, Elektrizität, Medien oder gar eine Ordnungsmacht existieren nicht mehr, die wenigen Überlebenden finden sich geschockt in einer von verwesenden Leichen dominierten Welt wieder.

Banden, Möchtegern-Herrscher und Psychopathen, die ihre Triebe ausleben wollen, stellen in diesem Zusammenhang zwar gefährliche, aber nur punktuell auftretende Problemträger dar. Nahrung, ärztliche Versorgung, organisierter Schutz: Dies sind nur drei der elementaren Probleme, die für zusätzliche Opfer sorgen.

Zu allem Überfluss will ein die Menschheit seit Äonen heimsuchender Dämon die Gelegenheit nutzen, sich zum Herrscher der Welt aufzuschwingen. „Randall Flagg“ nennt er sich dieses Mal. Im Westen der USA beginnt er ratlose und schwache Menschen um sich zu scharen, die jemanden folgen wollen, der ihnen sagt, was sie tun sollen. Dass Flagg buchstäblich über Leichen geht, wird verdrängt.

Östlich der Rocky Mountains formiert sich eine kleine Gruppe um die 108-jährige Abagail Freemantle zur Gegenwehr. Während man am Aufbau einer neuen, ‚besseren‘ Gesellschaft arbeitet, machen sich einige hoffnungsarme, aber entschlossene Männer und Frauen auf nach Las Vegas, um Flagg die Stirn zu bieten. Aufgrund seiner übernatürlichen Fähigkeiten weiß er davon und erwartet sie, doch gibt Faktoren, die den Ausgang dieses Ringens zwischen Gut und Böse ungewiss machen ...

Apokalypse à la King: Breitwandformat

Stephen King ließ Captain Trips und Randall Flagg bereits 1978 von der Leine: In diesem Jahr erschien eine erste Fassung von „The Stand“. Diese zählte beeindruckende 780 Seiten, fand aber nicht Kings Zustimmung, denn er hatte sein Epos wesentlich breiter angelegt. Allerdings war er - in der Rückschau kann man es kaum glauben - Ende der 1970er Jahren nicht prominent i. S. von auflagenstark genug, um dem ohnehin zögerlichen Verlag Doubleday eine ungekürzte Herausgabe abzuringen.

Dies gelang erst ein Jahrzehnt später, als King nicht nur Dauergast auf den Bestsellerlisten, sondern auch omnipräsent im Kino war. Er hatte nie einen Hehl aus seinem Unmut über die ‚Kurzversion‘ seiner Apokalypse gemacht, weshalb die Leser auf seiner Seite waren. 1990 erschien die hier vorgestellte, von King nicht nur auf die ursprüngliche Länge gebrachte, sondern auch überarbeitete und aktualisierte Fassung, die sogleich als einer der seitenstärksten Einzelromane in die Literaturgeschichte einging (sowie ihren Weg nach Deutschland fand).

„The Stand“ à la 1990 wurde rasch zu einem modernen Klassiker der Phantastik. Ungeachtet diverser Längen, die der Autor als solche nicht erkannte bzw. erkennen wollte, sorgte der ‚neue‘ Roman für nicht nur interessante, sondern auch handlungsrelevante Ergänzungen. Ganz richtig ging King davon aus, dass man dem Untergang der Menschheit und ihrem Neuanfang Raum geben muss. Obwohl die Ereignisse weiterhin auf die USA zentrierte Schlaglichter einer globalen Katastrophe bleiben, die erwähnt, aber nie thematisiert wird, kommt es zu einer wahren Kaskade von Geschehnissen, denen King vor allem Gesichter gibt.

Wie kümmert uns das Ende?

Abermals korrekt ging King davon aus, dass eine Reihung schrecklicher Katastrophen keine echte Geschichte ergibt. Wer mitfiebert, will auch mitfühlen. Deshalb investierte der Autor sehr viele Seiten in die Erschaffung glaubhafter Figuren, deren Wege man als Leser verfolgen möchte. Weil King sein Handwerk beherrscht, beschränkt er dies keineswegs auf die ‚Guten‘. Randall Flagg eingeschlossen, stellt er uns Charaktere vor, die nicht grundsätzlich „böse“, sondern willensschwach und ängstlich sind. Manche Menschen kommen ohne Führung nicht zurecht.

Die Konsequenzen spielt King durch; nicht grundlos spricht er mehrfach die Zeit des Nazi-Terrors an, in der auf die Spitze getrieben wurde, was sich nun ausgerechnet in den USA wiederholt, deren Bewohner sich als „frei“ = unabhängig von Führergestalten fühlen: „God bless America, land that I love / Stand beside her and guide her / Through the night with the light from above“, dichtete 1918 Irving Berlin (1888-1989). Doch dieses Licht spiegelt sich hier eben auch in den Augen des dämonischen Randall Flagg wider, und die finale ‚Erlösung‘ ist das Ergebnis einer Atombombenexplosion.

„Das letzte Gefecht“ ist ohnehin ein der Werbung geschuldeter Untertitel: Nachdem die meisten, die gegen Flagg kämpften, gefallen sind, erwacht dieser in einem Epilog an einer anderen Stelle der Welt und in einer anderen Zeit erneut. Flagg wird seinen ewigen Kampf gegen die ‚guten Mächte‘ wieder aufnehmen. Rückschläge ist er gewohnt, denn die Auseinandersetzung zwischen „Gut“ und „Böse“ tobt seit Anbeginn der Zeiten; der Plural wird hier absichtlich gewählt, denn nach 1990 ließ King Flagg (unter anderen Namen) mehrfach wiederkehren (und enthüllte dabei dessen Herkunftsgeschichte, die sich deutlich von dem unterscheidet, was wir in „The Stand“ über ihn zu erfahren glauben).

Die Qual als Prüfung und Herausforderung

Für „The Stand“ bediente sich King aus zahlreichen literarischen Quellen, Mythen und imaginierten Welten, die er klug in sein Werk einarbeitet. Dabei greift er immer wieder auf die Bibel und hier auf das Alte Testament zurück, das Gott als ungeduldigen, grausamen, hohe Erwartungen an „sein Volk“ stellenden Herrscher präsentiert (und deshalb einen Randall Flagg als leibhaftigen Gegner plausibel wirken lässt.). „The Stand“ stützt sich auch auf jene, die sich das das biblische Vorbild zu Eigen machten. Zu nennen ist hier u. a. „Der Herr der Ringe“ von John R. R. Tolkien (mit Randall Flagg als Sauron, dem „Mülleimermann“ als Gollum und Mutter Abagail als Gandalf). King selbst geht mehrfach auf die Parallelen ein.

Natürlich berücksichtigt King auch die zahllosen Apokalypsen der Science Fiction. Klassische Autoren wie H. G. Wells, M. P. Shiel oder Olaf Stapledon ließen die Zivilisation nicht nur untergehen, sondern beschäftigten sich auch mit der Gestaltung eines Neubeginns. Wie es seine Art ist, verkneift sich King dabei gern eingesetzte, esoterisch bzw. moralisierend geprägte Evolutionssprünge. Sein Neuanfang ist aus gänzlich praktischen Gründen mühsam, die unliebsamen Relikte der fehlerhaften, nur scheinbar überwundenen Vorgeschichte schleichen sich bald wieder ein. King lässt die Menschheit überleben, aber letztlich ist er pessimistisch: „Glaubst du, dass die Menschen jemals vernünftig werden?“, fragt Stud Redman Fran Goldsmith auf einer der letzten Buchseiten. Die Antwort, mit der die eigentliche Geschichte abschließt, wird gleich zweifach wiederholt; sie lautet „Ich weiß es nicht“.

Einfache Antworten auf elementare Fragen gibt es nicht. Dies müssen auch die unfreiwilligen ‚Helden‘ erfahren, die sich gegen Flagg stellen. Stets erwarten sie Versuchungen, Ablenkungen und trügerische Momente des Glücks. King schickt seine Figuren nicht durch die Hölle, sondern lässt sie zwischen Episoden übernatürlichen Grauens ‚verschnaufen‘. Doch diese Pausen sorgen dafür, dass die Sehnsucht nach einem Vermeiden der Konfrontation steigt: Die der Apokalypse und der Natur abgetrotzten Annehmlichkeiten will man nicht wieder aufgeben. In der unbarmherzigen, überaus archaisch-christlichen Welt, in die sich die Erde verwandelt hat, gilt dies als Hochmut und Verweigerung der persönlichen Opfer, die zur Befreiung von Flagg gebracht werden müssen.

Überleben als limitierte Gnade

So ist es logisch, dass viele der von King ins Leben gerufenen Figuren das (ohnehin labile) Finale nicht erreichen. Dies fügt sich ins Gesamtbild: „The Stand“ nutzt zwar einschlägige Klischees, folgt ihnen aber nicht bedingungslos. Der Autor sorgt für Irritationen, während die Weichen für die finale Auseinandersetzung gestellt werden. Randall Flagg ist böse, aber nicht allwissend oder intelligent. Sein Scheitern ist stets möglich, denn wie uns King in späteren Werken erläutert, ist er noch jedes Mal gescheitert. Doch das Leben ist ein Rad, weshalb auch der gefallene Flagg irgendwann wieder nach ‚oben‘ gedreht wird und aufersteht.

Dazu passen Helden’, die alles andere als Vorbilder sind. Ausführliche Rückblenden in die Zeit vor „Captain Trips“ enthüllen die Schwächen der Protagonisten. Das ist kein Ausschlussmerkmal, denn der Mensch ist schwach, kann aber selbstlos über sich hinauswachsen. Die daraus resultierenden Probleme sind King außerordentlich wichtig. Er duldet kein „schwarz“ gegen „weiß“, sondern feiert geradezu das „Grau“ in allen Schattierungen. Ambivalenz ist kein Schicksal, sondern eine Möglichkeit.

Erwartungsgemäß kann King diesen Balanceakt nicht durchgängig meistern. Zum Einsatz kommenden Klischees wurden schon erwähnt. Hinzu kommen Sentimentalitäten, die dramatisch und tragisch gemeint sind, aber über das Ziel hinausschießen und in Übertreibung, sogar Lächerlichkeit umschlagen. In diesem Zusammenhang mag sich King ungeachtet seiner Kritik an korrupten Politikern, skrupellosen Konzernbossen, faschistoiden Militärs oder fanatischen Predigern nicht von den Tugenden der Unabhängigkeitserklärung von 1776 nicht verabschieden und lässt einmal sogar die Nationalhymne anstimmen.

„The Stand“ als Serie

In den 1980er Jahren setzte Hollywoods Run auf King-Romane und Storys als Vorlagen für Filme und TV-Serien ein. Viel zu unverhohlen betonte man auf den Ruf des Verfassers, statt die Qualitäten seiner Werke für das neue Medium umzuarbeiten. Bald wurden die verfilmten King-Titel zum „running gag“; sie standen für sämtliche Fehler, die man machen konnte, um peinlichen Unfug zu produzieren.

„The Stand“ wurde 1994 als vierteilige, insgesamt sechsstündige Mini-Serie realisiert. Mick Garris, der in den folgenden Jahren noch weitere King-Werke in bewegte Bilder verwandelte (so 1997 „The Shining“ oder 2011 „Bag of Bones“), gelangen dank eines beträchtlichen Budgets und talentierter Darsteller (zu denen sich in einer Nebenrolle Stephen King persönlich gesellte) eindrucksvolle Passagen, die jedoch ihre TV-Herkunft nicht verbergen konnten sowie allzu viele Szenen enthielten, in denen nicht gehandelt, sondern endlos gesprochen, gestritten, diskutiert wurde.

Knapp drei Jahrzehnte später ermöglichte die Tricktechnik Fernseh- bzw. Streaming-Serien, die in ihren Effekten Kinoqualität erreichten. So ist die ebenfalls vier Episoden umfassende „Stand“-Version von 2020/21 oft bildgewaltig, blieb aber drehbuchmäßig noch hinter der ersten Fassung zurück und hinterließ einen höchstens mittelmäßigen Eindruck.

Fazit:

Ungeachtet seines Umfangs und diverser Handlungsellipsen ist dies ein fesselndes, Elemente der Science Fiction, der Fantasy und des Horrors, aber auch des Westerns oder des Abenteuerromans aufgreifendes Werk, das gleichzeitig realistisch und allegorisch vom ewigen Kampf Gut gegen Böse erzählt: ein „Pageturner“ im reinsten Wortsinn.

The Stand - Das letzte Gefecht

Stephen King, Heyne

The Stand - Das letzte Gefecht

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