70 Jahre The Hobbit

Vom Kinderbuch zum Kult

Vor 70 Jahren, am 21. September 1937, öffneten sich für die Öffentlichkeit erstmals die Buchdeckel zur wichtigsten aller imaginären Welten: Mittelerde. Mit dem Satz „In a hole in the ground there lived a hobbit“ begann ein neues und über alle Maßen einflussreiches Kapitel der Literaturgeschichte. Die Geschichten, die mit dem kinderbuchartigen Hobbit begannen, wurden zum einflussreichsten Werk des Fantasy-Genres und reichen in ihrer Wirkung weit über die eigentliche Fantasy hinaus. Eines der meistgelesenen Bücher, darauf basierend einer der meist gesehensten Filme, vielfach und bis auf nationale Ebenen hinauf zur beliebtesten Lektüre gewählt, die eine Adaption mit Oscars überhäuft und ein nahezu jedem Menschen bekanntes Icon der Populärkultur – all dies begann mit The Hobbit.

The Hobbit, besonders in seiner ersten Auflage, ist ein Kinderbuch mit entsprechendem Inhalt und Stil. Später hat Tolkien zwar noch ein paar Änderungen eingefügt, um Diskrepanzen zu Schilderungen in Der Herr der Ringe abzumildern, aber auch das hat den Charakter des Buches nicht verändert. Wobei man unter einem Kinderbuch natürlich kein seichtes Geplapper für Kleinkinder verstehen darf, sondern mit nur etwas Glück kluge und bildende Literatur im Stile einer Astrid Lindgren erwarten kann. Aber Thematik und Stil eines Kinderbuches sind in der Regel spielerischer, schnörkelloser, direkter sowie heller und heiterer als bei anderer Literatur und auch das trifft auf den Hobbit zu, den man in diesen Punkten kaum mit Fantasywerken vergleichen kann, wie sie aktuell unter dem Label „;all age fantasy“ diskutiert werden. Mit Blick auf Der Herr der Ringe und besonders die posthumen Werke aus der Geschichte Mittelerdes, Silmarillion und Die Kinder Hurins, sind allerdings Rätselwettbewerbe und Trolle mit Namen Tom, Bert und William wohl eher geeignet, anzunehmen, dass zwischen The Hobbit und der restlichen Mittelerdedichtung (weitere) Welten liegen …

Aber dieser Eindruck trügt, denn es ist doch alles schon angelegt, was die spätere Größe und den Publikumserfolg von Der Herr der Ringe ausmacht. Nur lässt sich das erst in der Retrospektive erkennen, wenn man die Werke nebeneinander stellt, um ganz wie der sterbende Thorin Eichenschild im Angesicht Bilbos zu erkennen „There is more in you of good than you know, child“. Der leichte Ton, der Gestus eines Kinderbuches, der auch in der dritten veränderten Auflage von 1966-67 erhalten geblieben ist, die vordergründig simplen Späße und die im Vergleich zu Sams und Frodos Qualen harmlosen Abenteuer – all dies verdeckt auf den ersten Blick, dass die universalen Ideale Tolkiens, die sich in der Ringtrilogie ausdrücken, auch im Hobbit zu finden sind. The Hobbit ist weit mehr als nur Der kleine Hobbit, wie das Buch unglücklicherweise in seiner deutschen Erstausgabe betitelt wurde.

Tiefe und Durchdachtheit

‚Der kleine Hobbit', das erweckt Assoziationen an Der kleine Prinz oder Karlsson auf dem Dach – beides schöne, beides wichtige Geschichten, doch The Hobbit geht weiter. Denn schon in dieser ersten veröffentlichten Geschichte aus Mittelerde deutet sich die Tiefe und Durchdachtheit der erfundenen Welt an, schon hier tritt der literarische Genius zutage, der sich allerdings erst in der epischen Form völlige Bahn brechen wird und auch Bilbos Erlebnisse rühren schon an die humanistischen Überzeugungen, die mitverantwortlich für den Erfolg der Mittelerdedichtung sein werden. Der Level an Komplexität ist deutlich niedriger, Figuren und ganze Völker erscheinen noch anders als später in der Trilogie und der Ring spielt nicht nur eine Nebenrolle, er strahlt auch noch nichts von seiner Bedeutung und Bedrohlichkeit aus (was kein Wunder ist, da seine spätere Rolle noch gar nicht erdacht war). Und doch ist der Bruch zur Trilogie und den posthum erschienen ‚Geschichtsbüchern’ nicht zu groß.

Mittelerde weist schon im Hobbit den späteren Zauber auf. Die Reise führt noch nicht nach Lothlórien, sicher, aber die Naturwunder der Welt sind in der Figur Beorns und in seinem Haus schon gleichwertig angelegt, wenn auch noch nicht detailliert ausgeführt. Der zweite Eckpfeiler der Authentizität Mittelerdes ist seine reiche Geschichte und die durchdachte Mythologie samt Gottesbild, die in Der Herr der Ringe immer wieder in Erzählungen und Gedichten zitiert wird. Und dieser ganze geschichtliche und mythologische Hintergrund, der Tolkiens Welt erst so glaubwürdig macht, der existiert schon, als er den Hobbit zu Papier bringt. Mindestens zwanzig Jahre vor dem Erscheinen des Buches hatte er schon an der Mythologie seiner Welt gearbeitet. Die Schöpfungsgeschichte, die Rolle der Elben, die Zeitalter – all das war erdacht, war im Kopf des Autors beim Schreiben präsent und das merkt man auch in The Hobbit an vielen kleinen Hinweisen und Andeutungen aus der reichen Geschichte Mittelerdes.

Stil und Sprache sind sicherlich ein weiteres Merkmal für den Erfolg der Mittelerdedichtung und diese sind im Hobbit, getreu der Absicht, ein Buch für Kinder zu schreiben, noch recht unterschiedlich zur Ringtrilogie. Aber als The Hobbit plötzlich zum kommerziellen Erfolg wurde und Tolkiens Verleger auf ein Sequel drängte, da legte der Professor eine Frühform des Silmarillion auf dessen Schreibtisch (die zum Glück abgelehnt wurde, denn sonst hätte er wohl nie die Ringerzählung geschrieben). Das war also auch schon da und es stand im Hintergrund der Entstehung des Hobbit. Und zumindest den Anteil, den die Sprachen an der Entstehung und Glaubwürdigkeit Mittelerdes haben, den hat er eins zu eins schon im Hobbit umgesetzt. Es gibt praktisch keinen Eigennamen, der nicht eine eigene Bedeutung und eine eigene Geschichte hat. Erzählt wird dies nur manchmal, aber das lässt den Leser schon ahnen, dass es mit den anderen Namen auch so sein wird. Auch die (ja wirklich funktionierenden) Sprachen der Völker sind erfunden und manchmal treten sie im Hobbit ans Licht und beleuchten so den reichen geistigen Hintergrund dieser Welt, die auch schon knapp zwanzig Jahre vor dem Ring eine vollkommen durchdachte Zweitschöpfung war.

Ein Davor und ein Danach

Was den Leser von Tolkiens Fantasy neben und vielleicht noch vor Storyline, Detailreichtum und phantastischer Erfindungskraft am meisten fasziniert, sind die wesentlichen Überzeugungen, die sich in Der Herr der Ringe ausdrücken: Die Macht der Liebe und der Freundschaft, die Erfahrung, dass auch der vermeintlich Unbedeutendste manchmal den Lauf des Schicksals zu ändern vermag, die Gewissheit, dass das Böse sich in der gewaltsamen Unterdrückung der Freiheit ausdrückt. Diese zentralen Themen sind wiederum auch schon im The Hobbit zu finden und sie wirken in ihm fast genauso wie in der großen Trilogie, nur kindgerechter, einfacher. Aber es passte auch nicht in den Duktus des Hobbit, etwas in der Art der liebenden Aufopferung Sams in Mordor zu beschreiben; da sind die Freundschaft der Zwerge untereinander und der langsame Einschluss Bilbos in diesen Kreis für Kinder überzeugender und für Erwachsene nicht so viel weniger empathisch. Und sie sind durchaus auch bewegend, wenn man an den Lernprozess denkt, den der Materialist Thorin Eichenschild durchmacht. Und man muss als Autor seinen Helden auch nicht immer gleich die ganze Welt retten lassen, um zu zeigen, dass auch ein ‚Langweiler’ wie Bilbo das Zeug hat, einen Drachen zu verladen. Bewegend und der Ringdichtung in keiner Weise nachstehend ist dann der Abschluss des Hobbit mit der Schlacht der Fünf Heere und der aus ihr resultierenden Erkenntnis vom Wert der Freiheit und des Friedens, die kein Arkenstein jemals aufzuwiegen vermag. Selbst die Schlacht ist, verglichen mit den modernen Ausarbeitungen des Themas Krieg, etwa bei Markus Heitz, so beschrieben, wie dies auch für die im Grunde sehr zurückhaltende Gewaltdarstellung in Der Herr der Ringe gilt (natürlich trifft das nicht auf Jacksons Film zu!) – und man hört die eigentliche Ansicht des Autors auf das Deutlichste heraus: „;On all this Bilbo looked with misery.“

Anders als Tolkiens einflussreichster Interpret Tom Shippey meint, begründete Tolkiens Welt Mittelerde zwar nicht die Fantasy – die ist viel älter – aber er wurde zum unbestreitbar wichtigsten Autor des Genres. Es heißt manchmal, dass wer ab den Siebziger Jahren, als Der Herr der Ringe weltweit seinen Durchbruch erfahren hatte, Fantasy schrieb und noch schreibt, dies in An- oder Ablehnung an Tolkien tue – und da ist etwas dran. Man kann denken über Tolkien und Mittelerde was man will und niemand, der Fantasy liebt, ist gezwungen, auch den Hobbit und Der Herr der Ringe zu mögen (auch wenn Sie sicherlich bemerkt haben werden, dass der Verfasser dieser Zeilen, genau dies tut). Aber wenn man über Fantasy nachdenkt und spricht, dann kommt man an Mittelerde nicht vorbei, an einem Geschichtenkosmos, der die Fantasy wie kein anderer geprägt hat. Und all das begann vor genau siebzig Jahren mit der vordergründig nichtssagenden Bemerkung, dass in einem Loch im Boden ein sogenannter Hobbit lebe …

© Frank Weinreich 2007

Frank Weinreich, Dr. phil., Jahrgang 1962, ist 'gelernter’ Philosoph, Kommunikationswissenschaftler und Politologe. Er lebt als freier Autor und Lektor in Bochum. Er ist Mitherausgeber der Edition Stein und Baum, einer kombinierten Buchreihe moderner Fantasyliteratur und Sekundärliteratur über Fantasy, sowie Mitherausgeber von Hither Shore, dem wissenschaftlichen Jahrbuch der Deutschen Tolkiengesellschaft. Nebenbei schreibt er aber auch eigene Fantasy- und Science Fiction-Geschichten. Frank Weinreich im Internet: http://www.polyoinos.de/

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