Äxte am Stamm der Moderne – Fantasy und Romantik

von Frank Weinreich

I’m going to make me a good sharp axe,shining steel tempered in the fire,will chop you down like an old dead tree,dirty old town.(The Pogues: Dirty Old Town)

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm; so heißt es oft, wenn die Merkmale von Eltern oder Großeltern mit denen ihrer Nachkommen verglichen werden. Und das gilt auch für geistige Nachkommenschaften, etwa für die Fantasyliteratur als 'Kind’ der Romantik. Neben Themen und Inhalt beider literarischer und künstlerischer Strömungen sind es besonders die eigentlichen Anliegen von Romantik und Fantasy, die auf die Verwandschaft hinweisen: beide versuchen – zwar auf unterschiedliche Art und Weise, aber mit den gleichen Absichten – mit der Nüchternheit der rationalen Moderne abzurechnen und sich mit Hilfe von gleißendem Stahl daran zu machen, deren Säulen umzuhauen. Nur haben die Autorinnen und Autoren der Fantasy gelernt, dass es beim Träumen bleibt.

Was ist damit gemeint? Die Romantik war eine Bewegung des Aufbruchs und des Ausbruchs aus einer zunehmend rational gewordenen, aufgeklärten Welt, zurück zum Spirituellen und zur Metaphysik, zurück zum Glauben daran, dass es mehr gibt als das, was wir mit unseren Sinnen erfassen können. Der Dichter Novalis, Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg, brachte den Hauptgedanken der Romantik auf den Punkt: „;Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es“; (Novalis II, 334). Aber die Romantik war auch eine Bewegung des Neuanfangs, geboren aus der Erfahrung der französischen Revolution. Denn der Sturz der absoluten französischen Monarchie war in gewisser Weise herbeigeschrieben worden; Dichter und Denker gehörten zu ihren Protagonisten. Damit war der Beweis erbracht, dass Denken und Schreiben die Welt verändern können (vgl. Safranski 31).

Und genau das – Romantisieren im Sinne von Novalis und gedanklich zu neuen Ufern aufzubrechen – ist es, was auch die Fantasy ganz wesentlich auszeichnet. Darin folgt Fantasy der Romantik, darin ist sie ein Kind der Romantik, der sie im Auftreten so stark ähnelt, dass man sie beinahe auch als romantische Literatur bezeichnen könnte. Rüdiger Safranski schreibt in seiner exzellenten Analyse der Romantik: „;Die Romantik ist eine Epoche. Das Romantische ist eine Geisteshaltung, die nicht auf eine Epoche beschränkt ist“; (Safranski 12). Und Friedhelm Schneidewind spricht von der Phantastik als „;jenem Genre, das von manchen als ihr legitimer Nachfolger betrachtet wird: in der phantastischen Literatur, besonders in ihrer modernen Spielart der Fantasy. Schließlich wird die so genannte High Fantasy auch gerne als Romantic Fantasy apostrophiert, und nicht unerhebliche Teile der Dark Wave- oder Gothic-Szene sehen sich selbst als Nachfolger der Romantik, als Dark Romantics.“; (Schneidewind 2006).

Aber Fantasy ist nur beinahe romantische Literatur, denn in einem ganz wesentlichen Punkt unterscheidet sie sich von den geistigen Erzeugnissen der Romantik, die man im engeren Sinne als die Zeit von 1789 bis zum Tode E.T.A. Hoffmanns im Jahr 1822 sowie als deutsches Phänomen ansieht. Die Dichter und Denker der Romantik glaubten, zumindest mehrheitlich und zu der Zeit als sie ihre Gedanken aufschrieben und publizierten, an die Überzeugungen, die sie ausdrückten. Und ihre Leser- und Zuhörerschaft folgte ihnen dabei: auch das Publikum glaubte an die Ideen der Romantik. Dichter und Publikum waren davon überzeugt, dass das Sein einen tieferen Sinn habe. Sie glaubten, dass es eine erfahrbare Unendlichkeit hinter den engen Grenzen der physischen Welt gäbe. Sie teilten den Glauben an ein wahres Wesen der Dinge, das über seine materielle Erscheinungsform hinausgeht. Und sie teilten die Überzeugung, dass es möglich ist, die Welt mit Hilfe ihrer spirituellen Erkenntnisse zu verändern und zu verbessern. Dichter und Publikum waren sich einig darin, dass es sinnvoll ist, Novalis´ blaue Blume zu suchen.

Dieser Glaube ist der Fantasy nicht mehr gegeben. Sicher gibt es die Mystiker und Spiritualisten, die auch heute noch an das Romantisierte glauben – ich kenne eine ganze Reihe von ihnen. Und auch manche Autorin, mancher Autor mag dazu zählen. Die meisten Schreibenden jedoch dürften sich darauf beschränken, phantastische Geschichten erzählen zu wollen, ohne den transzendentalen Überbau als Fakt anzusehen. Die Romantik bediente sich des Mythos, des mythischen Denkens und der mythischen Überlieferungen und glaubte zumindest teilweise an ihre Wahrheit. Die Fantasy lehnt sich eher noch stärker an die Mythologie (Weinreich Kap. 3), sie glaubt aber nicht mehr an Mythen (32 – 38); Fantasy, das sind nicht geglaubte Mythen. Und das Publikum? Die große Mehrheit wird wohl auch nicht wahrhaft glauben, sondern sich nur spielerisch verzaubern lassen wollen – mythisches Staunen, aber mit einem wissenden Augenzwinkern. In gewisser Weise war die Romantik kraftvoller als die Fantasy.

Denn die Romantik war weit mehr als eine Ansammlung kuscheliger Gedichte, die Natur und Liebe feiern! Mit Bezug auf den Philosophen Johann Gottlieb Fichte, Mitbegründer des deutschen Idealismus und der wahrscheinlich bedeutendste Vertreter der an Philosophen sicher nicht armen Romantik, schreibt Safranski, dass es „;um nichts Geringeres als um ein Erweckungserlebnis – durch das Denken“; ging (Safranski 73). Und das lässt sich generell von der Romantik als Bewegung sagen: sie wollte aufrütteln und die Augen für das Wesentliche ihrer spirituellen und metaphysischen Anliegen öffnen; sie regte mindestens so sehr zum Denken wie zum Empfinden an. Mit ihren Denkinhalten stellte sie sich gegen den vorherrschenden Fundus der wissenschaftlichen Lehren und stellte im gleichen Denkansatz auch politische und religiöse Überzeugungen in Frage. Die Romantik war zuerst eine Bewegung des Aufbegehrens, eine Bewegung der unbequemen Fragen und Forderungen. Mehr noch als Inspiration war die Romantik Subversion. Das Fragen und Fordern ist in der Fantasy nur stellenweise und meist eher verhalten zu konstatieren; bei Usula K. Le Guin oder Robert E. Howard beispielsweise und bei manchen ist es implizit enthalten, etwa in den düsteren Visionen Clark Ashton Smiths – in Mainstream-Fantasy sucht man es aber eher vergebens.

Das Aufbegehren drückt sich auch im Revolutionären in der Romantik aus, wenn sie gegen die nüchterner werdende Welt zu Felde zieht. Die Romantik war nämlich auch eine Antwort auf Kopernikus, Kepler und Galilei, die die Sterne ihres Zaubers beraubt und sie auf mathematisch berechenbare Bahnen geschickt hatten. Sie war eine Antwort auf Newton, der mit dem Prisma das Licht in seine Farben aufgespalten und den Regenbogen damit entwoben hatte, wie der englische Dichter John Keats ihm vorwirft (vgl. Lamia Zeilen 231 – 238). Sie war eine Antwort auf Francis Bacon, der das Goldene Zeitalter der Herrschaft der Wissenschaften heraufbeschworen hatte und damit jegliches „;geheimnisvolle Ansehen“; auszumerzen trachtete. Auch die Fantasy begehrt noch auf, aber sie weiß, dass sie nur mehr kleine Strohfeuer der Phantastik zu entzünden vermag und allenfalls Fluchten auf Zeit zu erlauben imstande ist. Dies aber wirksam!

Inwieweit begehrt die Fantasy auf? Wo vertritt sie das Revolutionäre? Nun, in so gut wie jeder Faser ihrer Geschichten, auch wenn ihr das fordernde Fragen der Romantik eher fremd ist. In den Erzählinhalten aber folgt sie romantischem Gedankengut sehr genau. Von der Romantik hoffte Novalis, dass sie es schaffen würde, die „;Herrschaft der Zahlen und Figuren“; (also des rationalen Denkens und der Wissenschaft) zu brechen, so dass „;vor einem geheimen Wort, das ganze verkehrte Wesen“; fortfliegen werde (Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren Zeilen 11 u. 12). Von nichts anderem singen Uriah Heep – eine der großen Rockformationen der Siebziger Jahre, die immer wieder Fantasymotive verwendeten – wenn sie „;a deep desire“; empfinden, „;to free the world of its fear and pain and help the people to feel free again“; (The Wizard Zeilen 12 – 16). Ob Romantik oder Fantasy, es ist das gleiche spirituelle Befreiungsmotiv (im Unterschied zu dem nachromantisch dann akut werdenden politischen Befreiungsmotiv bei Heine, Marx und anderen). Gleiches gilt für die in der Fantasy immer wieder auftauchenden Motive der Suche nach einem wahren Wesen oder wahren Wort oder Gegenständen, Sprüchen, Liedern und Personen, die helfen sollen, an 'eigentliche’ Wahrheiten heranzukommen.

Und Fantasy begehrt auch ganz handfest auf, indem sie die Waffen in spirituellen und anderen Kämpfen ergreift. Wenn Tolkien in Der Herr der Ringe die Festung Saurons am Schluss zusammenbrechen lässt, dann ist das auch ein Ausdruck des Wunsches, die trostlosen modernen Industriegebiete in unserer Welt in einem Abgrund verschwinden zu lassen, über dem dann wieder unberührte Natur blühen soll. Nicht umsonst sagte er einmal über die Moderne, sie sei „;Mordor in our midst“; (Tolkien: Letters 165). Das gleiche Motiv findet sich bei Stephen Donaldson, wenn er in der ersten Trilogie über Thomas Covenant dessen Gegenspieler als ein Böses zeichnet, das die Natur durch seine bloße Existenz zerstört und verödet.

Auch die wissenschaftliche Erkenntnis, deren Primat eines der wichtigsten Kennzeichen der Moderne ist, ist Ziel der Auflehnung von Fantasy. Dass beispielsweise der Zauberer Saruman in Der Herr der Ringe sich im Moment seines Verrates als der „;Vielfarbige“; erweist, ist kein Zufall, sondern knüpft an den schon erwähnten Dichter Keats und dessen Kritik an Isaac Newton an: Saruman steht hier für Newtons Entdeckung der Lichtbrechung und damit für die wissenschaftliche Erkenntnis, die für einen großen Teil des Unglücks in der Welt verantwortlich gemacht wurde, ganz in der Tradition Novalis´ und dessen Diktum von der Unzulänglichkeit derer, die die Welt nur in „;Zahlen und Figuren“; zu erkennen vermögen. Ins gleiche Horn stößt Le Guin, wenn sie in Der Magier der Erdsee den Protagonisten Ged auf der Suche nach Wissen ein großes Unheil entfesseln lässt.

Ein ähnliches Aufbegehren, diesmal gegen etablierte Machtstrukturen und eine entmenschlichende Bürokratie und für die persönliche Freiheit und eine umfassende Selbstbestimmung findet sich bei Joanne K. Rowlings Welterfolg  Harry Potter. Dies nicht unbedingt in der Person des bösen Hauptgegenspielers Voldemort, der geeigneter wohl psychologisch in seiner Oppositionsrolle zu Harry interpretiert werden kann, aber in Figuren wie Lucius Malfoy und Dolores Umbridge, die stellvertretend für die Unterdrückung persönlicher Freiheiten stehen. Den Romantikern waren Probleme wie Umweltzerstörung und der Überwachungsstaat unbekannt, aber die Einschränkung von Freiheiten kannten sie zu Genüge. Die Mittel, die sie dagegen literarisch ins Feld führten, sind die gleichen wie die, die die Fantasy gegen heutige Übel bereitstellt: Mut, Opferbereitschaft, Glauben an ein Gut und die eigene Kraft, etwas bewirken zu können. Gerade in letzterem zeigt sich eine unserer Realität allzu oft entgegengesetzte Hoffnung, ist der Wirkungsgrad der meisten Personen doch arg beschränkt. Genau diese Hoffnung aber ist sehr 'romantisch'.

Nichts anderes als ein Aufbegehren sind auch die Fluchten, die Fantasy erlaubt. Fantasy kreiert Welten und Szenarien von spannender Andersweltlichkeit, übermenschlichen Herausforderungen und verzaubernder Schönheit und lädt ihr Publikum ein, sich dorthin zu flüchten, um dem Alltag, der Nüchternheit und vielleicht auch manchen Sorgen für eine kurze Zeit zu entgehen. Diese Fluchten stellen aber keinen herkömmlichen Eskapismus dar, wie ihn Alkohol oder Drogen bewirken. Tolkien wusste schon 1937, dass dies rechtmäßige Fluchten eines unrechtmäßig im Gefängnis eingekerkerten Menschen sind. Es sind rechtmäßige Fluchten – oder wenigstens Auszeiten, um es nicht ganz so dramatisch daherkommen zu lassen -, die der in den drögen Anforderungen der Moderne gefangene Mensch sich erlaubt. Auch dies ist eine Antwort an die ernüchterte Welt, wie sie die Romantik schon gab. Nur wissen heute die Erzählerinnen und Erzähler ebenso wie ihr Publikum, dass das Aufbegehren temporär ist, dass es den echten Ausbruch aus der Welt und ihren Anforderungen, den die Romantiker noch erhofften, nicht geben kann.

Dass das so ist, dass die Fantasy nur mehr spielerisch, mit einem Augenzwinkern und ohne echten Glauben an Veränderung, ihre Welten entstehen lässt, hat aber keinesfalls etwas mit einem innerhalb ihrer selbst liegenden Unterschied gegenüber der Romantik zu tun. Nein – Fantasy und Romantik sind Früchte des gleichen Baumes. Der Unterschied liegt an der Welt und ihrer Geschichte, die sich seit dem frühen Neunzehnten Jahrhundert so stark entwickelt hat (ob zum Besseren oder Schlechteren sei dahingestellt), wie es die Denkerinnen und Denker der Romantik niemals ahnen konnten.

Wir wissen heute soviel mehr als vor zweihundert Jahren – schließlich liegen Darwin, Freud, Einstein und Dawkins dazwischen – und haben so viel mehr erlebt – es passierten Industrialisierung, Weltkriege, totalitäre Herrschaftssysteme, Globalisierung und Säkularisierung -, dass der Glaube an die Verheißungen des Feenreiches nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Aber die Wut über das, was schiefgegangen ist, brennt noch genauso wie die Wut, die die Pogues angesichts des Dirty Old Town – die Heimat, eine weitere Verliererin der Moderne – empfinden. Diese Wut ist immer noch da. Und symbolisch kann Fantasy die Wut befriedigen: „;shining steel tempered in fire“; gegen die Auswüchse der Moderne – zumindest zum Träumen.

Literatur

Keats, John: The Poetical Works of John Keats. Warne, 1884.
Novalis: Werke. München: Hanser, 1978.
Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine deutsche Affäre. München: Hanser, 2007.
Schneidewind, Friedhelm: Vom Wasserbild zum Spiegeltor. Unveröffentlichter Vortragstext, Heidelberg, 2006.
Weinreich, Frank: Fantasy. Einführung. Essen: Oldib, 2007.