Die Arche von Alastair Reynolds

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2002unter dem Titel „Redemption Ark“,deutsche Ausgabe erstmals 2004, 900 Seiten.ISBN 3-453-52288-5.Übersetzung ins Deutsche von Irene Holicki.

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In Kürze:

Mit „Unendlichkeit“ hat Alastair Reynolds den ersten großen SF-Roman des 21. Jahrhunderts geschrieben – nun kehrt er in die düster funkelnde Welt der Amarantin zurück und präsentiert einmal mehr eine in sich abgeschlossene Space Opera, wie sie Peter Hamilton oder Ben Bova nicht besser schreiben könnten. – Ein mehr als faszinierendes Weltraum-Panorama!

Das meint Phantastik-Couch.de: „Kosmischer Konflikt – Düster und Beklemmend“93

Science-Fiction-Rezension von S.B. Tenz

Die „;Sehnsucht nach Unendlichkeit“;, das vielleicht eindrucksvollste und zugleich bizarrste Raumschiff, das bis heute von einem Science-Fiction Autor erdacht wurde. Von der gefürchteten Schmelzseuche befallen und von seinem eigenen Captain aufgezehrt und umgewandelt. Eine Symbiose aus Mensch und Maschine und zentraler Schauplatz in Alastair Reynolds´ Debütroman „;Unendlichkeit“;. In „;Die Arche“; kehrt er zurück an Bord des außergewöhnlichen Lichtschiffs und somit in die düstere Welt der Amarantin, einer hoch entwickelten Welt der Zukunft, in der die Nanotechnologie längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist.

Das 27.Jahrhundert: Die Halbleitertechnik wurde längst durch sogenannte Quantengatter ersetzt. Nanotechnologie gehört zum alltäglichen Leben. Eine Demokratie, wie wir sie kennen, gibt es nicht mehr. Das nationale Bewusstsein ist erloschen und die Menschen gehören unterschiedlichen Gruppierungen an. Da sind zum einen die Synthetiker, deren oberstes Bestreben es ist, das menschliche Gehirn ständig weiterzuentwickeln bzw. zu modifizieren. Neuroimplantate ermöglichen es, ihnen ihre Denkgeschwindigkeit um den Faktor Fünfzehn zu erhöhen. Gesprochene Sprache erscheint ihnen nicht mehr effektiv genug. Über ihre Neuralverbindungen tauschen sie ihre Gedanken aus und verschmelzen so zu einem Kollektiv, das auf einen enormen Wissenspool zurückgreifen kann. Darüber hinaus ist es ihnen gelungen, eine Technik zu entwickeln, die es ermöglicht, Tote wieder zum Leben zu erwecken. Dadurch haben sie eine gewisse Form der Unsterblichkeit erreicht. Ihre Basis ist das Mutternest. Eine Kolonie verborgen im Inneren eines Kometen. Feinde werden von den Synthetikern in der Regel assimiliert oder getötet.

Ganz anders die Ultras. Eine konservative Gruppe, die sich Neuroimplantaten gegenüber mehr als nur skeptisch zeigt. Sie leben in erster Linie vom interstellaren Handel und verfügen über eine große Anzahl Lichtschiffe. Die Synthetiker sind ihnen verhasst und werden abwertend als „;Spinnen“; bezeichnet.

Eine weitere Gruppierung bilden die Demarchisten, auch Zombies genannt. Sie waren einst die Verbündeten der Synthetiker. Doch die Vorkommnisse im Epsilon Eridani System (siehe auch „;Chasm City“;) haben zur Spaltung dieser Allianz geführt. Nun herrscht Krieg zwischen den beiden Gruppierungen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Demarchisten die Waffen strecken müssen. Technologisch sind sie den Synthetikern nämlich hoffnungslos unterlegen. Es fehlt ihnen einfach an Know-how, wenn es um die Entwicklung von Nanotechnologie geht.

2415: Unter der Führung Galianas, der Begründerin der Synthese, verlassen drei Lichtschiffe das Mutternest, um sich auf eine Forschungsmission tief in die Weiten des Weltraums zu begeben. Jenseits der Grenzen des von Menschen besiedelten Raums. Primäres Ziel: die Suche nach fremden Lebensformen. Tatsächlich gelingt es ihnen, Kontakt mit einer fremden Spezies herzustellen. Doch damit machen sie einen Feind auf sich aufmerksam, der unbarmherzig und gnadenlos die gesamte Menschheit vernichten will, um einer möglichen Expansion intelligenten Lebens zuvorzukommen. Das Unheil nimmt seinen Lauf.

2605: Einhundertneunzig Jahre später kehrt Galiana als einzige Überlebende zum Mutternest zurück. Mysteriöse Maschinenwesen haben Galianas Flotte angegriffen und ein furchtbares Massaker angerichtet. Zwar konnte Galiana den Aggressoren entkommen, aber seit ihrer Rückkehr ist sie nicht mehr dieselbe. Teile ihres Bewusstseins scheinen unter einem fremden Einfluss zu stehen. Sie befindet sich in einer Art von Schwebezustand, weder Tod noch lebendig. Von nun an kommen die geheimnisvollen „;Unterdrücker“;, auch „;Wölfe“; genannt, ins Spiel. Eine mächtige Maschinenrasse, die darauf programmiert wurde, eine Expansion intelligenter Spezies in der Galaxie zu verhindern. Sie sind die Experten in der Kunst der kosmischen Zerstörung. Nun sind sie auf die Menschheit aufmerksam geworden und ihr primäres Ziel lautet: Ausrottung der gesamten menschlichen Rasse. Eine Notwendigkeit, um „;Den großen Plan“; in die Tat umzusetzen.

Erstes Ziel der „;Unterdrücker“; ist Resurgam, eine ehemalige Kolonie von Yellowstone (siehe auch Chasm City). Für die Kolonisten auf Resurgam scheint die Lage hoffnungslos, da die Regierung die drohende Gefahr ignoriert und sich weigert, jedwede Evakuierungspläne auch nur in Betracht zu ziehen. Was niemand von ihnen weiß, die „;Sehnsucht nach Unendlichkeit“; befindet sich ganz in der Nähe ihres zum Untergang verurteilten Planeten.

Nun gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus „;Unendlichkeit“;. Ana Khouri und Ilia Volyova. Erstere infiltriert inzwischen die Regierung auf Resurgam, letztere ist eine gesuchte Ultra. Beide Frauen verbindet eine gemeinsame Vergangenheit auf der „;Sehnsucht nach Unendlichkeit“;. Um die Menschen Resurgams zu retten bzw. zu evakuieren, verbünden sie sich mit dem Anarchisten und Aufwiegler Thorn, der bei der Regierung Resurgams ganz oben auf der Fahndungsliste steht. Thorn steht den beiden Frauen zunächst sehr skeptisch gegenüber. Das ändert sich jedoch, nachdem man ihn von der Existenz der „;Sehnsucht nach Unendlichkeit“; und der nahenden Bedrohung durch die „;Unterdrücker“; überzeugt hat. Der gemeinsame Plan, das riesige Schiff den Flüchtlingen Resurgams als Arche zur Verfügung zu stellen, wird in die Tat umgesetzt. Dass sich an Bord des Lichtschiffs die vielleicht mächtigsten Waffen des Universums befinden, weiß Thorn jedoch nicht. Diese sogenannten „;Höllengeschütze“;, vor sehr langer Zeit von den Synthetikern entwickelt, stehen noch immer unter der Kontrolle des Captains, der durch die geheimnisvolle Schmelzseuche untrennbar mit seinem Schiff verbunden ist. Ilia Volyova hingegen möchte selbst die Kontrolle über die „;Höllengeschütze“; bekommen um sie gegen die „;Unterdrücker“; einzusetzen. Der Captain aber hat ganz andere Pläne.

Währenddessen befindet sich eine Flotte von Synthetiker-Lichtschiffen im Anflug auf die „;Sehnsucht nach Unendlichkeit“;. Ihnen voraus hält ein weiteres einzelnes Schiff, mit einer bunt zusammengewürfelten Crew ebenfalls Kurs auf das gleiche Ziel. Allen Parteien liegt ein gemeinsames Interesse zugrunde. Die Kontrolle über die „;Höllengeschütze“; zu erlangen. Ihre Motive aber sind ganz unterschiedlicher Art. Ilia Volyova zeigt sich jedoch keineswegs dazu bereit die Waffen kampflos zu übergeben. So läuft allen Beteiligten unaufhaltsam die Zeit davon, während die „;Unterdrücker“; ihren Vernichtungsplan ungehindert fortsetzen können. Die letzte Entscheidung fällt schließlich vor Resurgam.

Schwerer Einstieg? Ja und Nein.

Eines gleich vorweg. Vorliegender Roman lässt sich einem lose zusammenhängenden Zyklus zuordnen, der mit „;Unendlichkeit“; beginnt, mit „;Die Arche“; fortgesetzt wird und schließlich in „;Offenbarung“; seinen Abschluss findet. Wer Alastair Reynolds´ Debütroman „;Unendlichkeit“; nicht gelesen hat, der wird sich mit „;Die Arche“; sehr schwer tun. Ein Einstieg in die sehr komplexe Gesamthandlung erweist sich so nahezu als unmöglich. Viele unterschiedliche Handlungsstränge und Protagonisten machen es da dem Leser nicht einfacher. Zumal es sich bei einigen Figuren um alte Bekannte aus „;Unendlichkeit“; und zum Teil sogar aus „;Chasm City“; handelt. Letztere fallen zwar nicht so sehr ins Gewicht, dafür die Geschehnisse und Protagonisten aus „;Unendlichkeit“; um so mehr. Viele Fragen, die Reynolds´ Debütroman unbeantwortet lies, werden zudem in „;Die Arche“; beantwortet.

Kurz: Um Alastair Reynolds´ faszinierendes Universum wirklich zu verstehen, empfiehlt es sich, beide vorangehenden Romane zu lesen. Wobei „Chasm City“ sehr viel Hintergrundinformation bietet und sozusagen als Zwischenspiel mit eigenständiger Story dient. Wie auch immer, Reynolds´ Romane sind alles andere als leichte Kost. Eine höchst anspruchsvolle Mischung aus Space Opera, Hard-SF und Cyberpunk-Elementen. Letzteres kommt besonders bei „;Chasm City“; zum tragen. Für die einen eine Offenbarung, für andere eine unzugängliche Lektüre, die nur in gähnender Langeweile enden kann. Man sollte schon zum harten Kern der Science-Fiction-Fans gehören, will man an Reynolds´ Romanen Gefallen finden. Für mich persönlich ist jeder Roman des Autors ein absolutes Highlight und stellt so ziemlich alles andere in den Schatten, was die Science-Fiction derzeit zu bieten hat.

Bizarre Fantasien

Schauplätze, funktionsweise der verschiedenen Technologien, unterschiedliche Motive einzelner Protagonisten; bei all dem geht der Autor sehr ins Detail. Das erfordert beim Leser ein hohes Maß an Geduld, wirkt aber nie langweilig oder künstlich in die Länge gezogen. Die fast 900 Seiten des Romans finden dabei zu jeder Zeit ihre Berechtigung bzw. werden ihrer Notwendigkeit gerecht.

Der Astrophysiker Alastair Reynolds verleiht seinen fantastischen Thesen ein solides und glaubhaftes naturwissenschaftliches Fundament. Fast alles bleibt stets vorstellbar. Auch wenn der Autor manchmal ganz schön dick aufträgt und seine Fantasien alle Grenzen zu sprengen drohen. Ein Beispiel: Eines der Lichtschiffe verfügt über ein Triebwerk, dass durch ein mikroskopisch kleines Wurmloch mit dem Urfeuerball, fünfzehn Milliarden Jahre in der Vergangenheit, verbunden ist. Dort wird die nötige Energie absorbiert, um das Lichtschiff in der Gegenwart auf eine unglaubliche Geschwindigkeit zu beschleunigen. Eine praktische Angelegenheit. Wer allerdings hier schon mit den Ohren wackelt, weil ihm das zu abgedreht erscheint, sollte dann doch lieber auf eine etwas leichtere Kost in Sachen Science-Fiction zurückgreifen.

Sich mit den Synthetikern anzufreunden ist auch keine leichte Sache. Sind es doch zum Teil äußerst bizarre und groteske Gestalten. Man könnte sie durchaus als Nachfahren oder Abkömmlinge der Borg (Startrek) bezeichnen. Skade, eine der Anführerinnen, kommt sogar der Borg-Königin sehr nahe. Dabei ist es immer wieder verblüffend und interessant, wie vielen namhaften Science-Fiction-Autoren das Star Trek-Universums auch heute noch als Inspiration Quelle dient.

Protagonisten bleiben auf Distanz

Reynolds Protagonisten sind kalt, handeln erschreckend rational und sind relativ unnahbar. Der Leser wird diese wohl kaum in sein Herz schließen oder sich gar mit ihnen identifizieren können. Einige mögen dies als Schwachpunkt des Autors deklarieren, ich persönlich kann mich jedoch dieser Meinung nicht anschließen. In einer Welt, die von Nanotechnologie bestimmt wird und deren Geschicke überwiegend in den Händen modifizierter Menschen liegt, bleibt nicht viel Raum für großartige Romanzen oder Sentimentalitäten. Wer so etwas braucht und voraussetzt, ist bei Alastair Reynolds ohnehin an der falschen Adresse. Leser, die allerdings ein Faible für Cyberpunk-Elemente mitbringen, werden sich dagegen auf eine distanzierte Beziehung mit den Protagonisten ohne Schwierigkeiten einlassen.

Die Flut an verschiedenen Charakteren ist hingegen immens. Jeder von ihnen wartet mit einer eigenen, detaillierten Geschichte auf. Die Hauptrollen jedoch stehen eindeutig Clavain, Skade und Volyova zu. Sie sind die tragenden Säulen des Romans. Völlig unterschiedliche Motive bestimmen ihr Handeln, obwohl alle einem gemeinsamen Feind gegenüberstehen. Statt einer Allianz den Vorzug zu geben, werden sie zu erbitterten Gegnern. Kompromisslos und ohne Rücksicht auf Verluste vertreten sie ihre Standpunkte. Am Ende kann nur einer bzw. eine von ihnen einen zweifelhaften und bitteren Sieg davontragen. An dieser Stelle erweist sich die fehlende emotionale Bindung des Lesers zu den Protagonisten sogar als vorteilhaft. Wem man letzten Endes seine Sympathien zugesteht, wird dadurch weniger zu einer Frage der Gefühle; vielmehr ist es ein nüchternes Abwägen der unterschiedlichen Motive. Diese Empfindungen passen dann auch perfekt in das düstere Gesamtszenario des Romans.

Fazit

Geniale Science-Fiction, wie sie (fast) nicht besser sein kann. Jeder Roman des Autors ist zugleich ein Meilenstein des Genres. Wer schon an Reynolds´ Debütroman „;Unendlichkeit“; Gefallen gefunden hat, wird ohnehin auch an diesem Werk seine Freude haben. Reynolds ist ein brillanter Erzähler, der sein ganz eigenes, einzigartiges Universum erschaffen hat.

Es besteht kein Zweifel daran, dass er mittlerweile zu den ganz großen Autoren der Science-Fiction zählt. Für mich persönlich ist er die absolute Nummer Eins. Der Faszination seiner Romane kann ich mich jedenfalls schon lange nicht mehr entziehen.

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