Das leere Haus von Algernon Blackwood

Buchvorstellungund Rezension

Das leere Haus von Algernon Blackwood

Originalausgabe erschienen 1969, 240 Seiten.ISBN 351839164X.Übersetzung ins Deutsche von Friedrich Polakovics.

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In Kürze:

Mit einer Novelle, zwei längeren Erzählungen und einer Kurzgeschichten zeigt sich Algernon Blackwood (1869-1951) als Großmeister einer Phantastik, die über simplen Horror weit hinausgreift und sich in ein Weltbild einfügt, in dem eine belebte, manchmal „nur“ fremde, manchmal bösartige Natur eine von den Menschen fast vergessene aber weiterhin zentrale Stellung einnimmt: spannend, eindrucksvoll und im positiven Sinn gruselig!

Das meint Phantastik-Couch.de: „Bist du stark genug, dem Jenseits zu begegnen?“100

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Mit einer Novelle, zwei längeren Erzählungen und einer Kurzgeschichten zeigt sich Algernon Blackwood (1869-1951) als Großmeister einer Phantastik, die über simplen Horror weit hinausgreift:

Inhalt:

  • Das leere Haus (The Empty House, 1906), S. 7-30: Mit ihrem Neffen besucht eine eher neugierige als wagemutige Amateur-Spiritistin ein verrufenes Spukhaus. Die beiden erfahren nicht nur über die Welt der Geister, sondern auch über sich und ihre Ängste mehr, als ihnen lieb ist.
  • Der Wendigo (The Wendigo, 1910), S. 31-98: Eine schottische Jagdgesellschaft trifft in den endlosen Wäldern Kanadas auf einen mächtigen Naturgeist der indianischen Mythologie, der über ihren Köpfen sein Unwesen treibt, bis den lange und zäh am „vernünftigen“ Denken festhaltenden Reisenden schließlich doch Hören und Sehen vergeht.
  •  …à cause du sommeil et à cause des chats („ …à cause du sommeil et à cause des chats“, 1908). S. 98-168: Ein englischer Tourist strandet nicht nur in einem kleinen und sehr einsamen französischen Städtchen, sondern gerät dort in die Fänge nur äußerlich biederer Bürger sowie in einen sprichwörtlichen Hexensabbat.
  • Die Weiden (The Willows, 1907), S. 169-241: Zwei abenteuerlustige Freunde befahren im Kajak die österreichisch-ungarischen Donau-Auen. In der urtümlichen, menschenleeren, von Wasser, Wind und Weiden geprägten Landschaft geraten sie in den Bann mächtiger Naturgeister, die ihnen ebenso faszinierende wie lebensgefährliche Erlebnisse bescheren.

Wenn die Grenzen fallen

Algernon Blackwood (1869-1951) gehört zu jenen Schriftstellern, deren Werk eindeutig von ihrem Leben profitieren: Die bemerkenswerte Detaildichte seiner Geschichten künden von der Weltgewandtheit eines weitgereisten, neugierigen und weltoffenen Menschen, der sich auch abseits ausgetretener Pfade wohl und trittsicher fühlte. Natur- und Elementargeister, verschüttete Erinnerungen, verfluchte oder besser heimgesuchte Orte – dies waren Themen, um die Blackwood in seinem Werk immer wieder kreiste. Die vorliegende Sammlung bietet – obwohl aus mehreren Original-Kollektionen eher willkürlich zusammengestellt – vier ausgezeichnete Beispiele dafür.

Schon „Das leere Haus“ ist mehr als die (zweifellos gelungene) „normale“ Gespenstergeschichte, die im Vordergrund der Handlung zu stehen scheint:

„Manche Häuser bringen es, nicht anders als manche Menschen, auf irgendeine Weise zustande, schon auf den ersten Blick die ganze Bösartigkeit ihres Wesens vor uns aufzudecken.“ (S. 7)

In ein solches Haus verschlägt es die beiden Hauptfiguren, die ein seltsames Paar bilden: Den nüchternen, zwar durchaus der Angst fähigen aber mutigen, also „typischen“ Engländer begleitet eine ältere Frau, die erwartungsfroh, jedoch bereits voller Furcht und damit geistig „empfangsoffen“ das Haus betritt.

Die Folgen lassen nicht lange auf sich warten. In dem Haus geht es tatsächlich um. Wie eine Batterie haben sich seine Wände mit jener Negativ-Energie vollgesogen, die durch emotionale Ausnahmesituationen – hier ein brutaler Mord – freigesetzt wird: eine Theorie, die nicht auf Blackwood zurückgeht, derer er sich aber immer wieder bediente, weil sie seiner Vorstellung entsprach, wie Spuk ‚funktionieren’ könnte.

Interessanterweise geht es in dieser Geschichte nicht hauptsächlich um das geisterhafte Treiben. Blackwood nutzt die Gelegenheit, um dem Phänomen der menschlichen Angst auf den Grund zu gehen. Er hat auch dies mehrfach wiederholt und dabei mehrfach eine bemerkenswerte Intensität erreicht. Faktisch ist das hier vorgestellte Gespenst nicht annähernd so erschreckend wie die Beschreibung jener Furcht, die in die Protagonisten kriecht, langsam von ihnen Besitz ergreift und sie schließlich ausfüllt. Blackwood stellt klar, dass es ein existenzielles Grauen ist, das sich hier Bahn bricht – eine archaische, vergessene, vom ‚zivilisierten’ Hirn normalerweise in den Hintergrund geschobene Angst, die einst den Zweck erfüllte, den (Ur-) Menschen vor dem flüchten zu lassen, was er nicht verstand, ihm aber lebensgefährlich werden konnte.

Alte Kräfte, alte Ängste

Die große Gefahr liegt darin, die Realität ‚übernatürlicher’ Kräfte und Kreaturen zu leugnen und zu ignorieren, weil sich diese um solche ‚Vernunft’ nicht scheren und der allzu rationale Zeitgenosse ihnen deshalb besonders hilflos gegenübersteht, wenn sie dennoch erscheinen. Ist man dann nicht vorbereitet, weil man nicht glauben mag, was nicht sein kann, wächst die Gefahr exponentiell:

„Wie es mit den Materialisten schon ist, machte er sich und dem Neffen auf Grund seiner ungenügenden Kenntnis der Tatsachen etwas vor, weil die so lückenhaft übermittelten Fakten seinem andersgearteten Verstand als unannehmbar erschienen.“ (S. 76)

In diesem Geiste folgt die schottische Jagdgesellschaft wider besseres aber unterbewusstes „Wissen“ dem Wendigo tief in sein Reich. Die Männer haben Glück und überleben die Begegnung mit dem Bewohner einer Sphäre, die jenseits der Menschenwelt und schon lange vor ihr auf dieser Erde existierte, aber sie bleiben gezeichnet und versuchen erst recht zu verdrängen, was sie nun wissen und ihnen den Seelenfrieden raubt.

Immer wieder postulierte Blackwood Ausgeburten einer lebendigen Natur. In „The Centaur“ (1911; dt. „Der Zentaur“) arbeitete er sein Weltbild aus, doch schon früher schilderte er immer wieder Begegnungen zwischen der „realen“ Welt und einem „Jenseits“, das eigentlich fremd aber ansonsten ebenfalls real ist. Die Natur kann sich freundlich („Der Zentaur“), gleichgültig („Der Wendigo“) oder feindlich („Die Weiden“) verhalten.

In „Die Weiden“ gelingt Blackwood die Verschmelzung seines Konzeptes „natürlicher“ Emanationen mit der Beschwörung von Angst vielleicht am besten. Bereits seine Ortskenntnis verleiht der Geschichte besondere Eindringlichkeit: Inspiration für diese Erzählung waren zwei Kanufahrten, die Algernon Blackwood mit einem Freund auf der Donau unternommen und über die er 1901 einen längeren Beitrag für das englische „Macmillan’s Magazine“ („Down the Danube in a Canadian Canoe“) verfasst hatte. (Dieser Text liegt seit 2007 in deutscher Sprache vor; er wurde einer separaten Veröffentlichung der „Weiden“-Geschichte angefügt: Die Weiden. Eine phantastische Erzählung und ein Reisebericht, Verlag Heinrich & Hahn, ISBN-13: 978-3865970442.)

„Das seelische Moment, welches, zumindest in Augenblicken lebhafter Einbildung, von manchen Orten ausgeht, ist überaus suggestiv.“ (S. 189)

„Die Weiden“ ist ein Meisterwerk subtilen, sich stetig steigernden Terrors, der durch die hoffnungslose Isolation der beiden Hauptfiguren eine besondere Dimension erfährt. Flucht ist unmöglich; die beiden Männer müssen sich dem übermächtigen Feind ohne Möglichkeit einer echten Gegenwehr stellen. Wie sie der Situation dennoch trotzen, ist ein Meisterwerk überraschender Handlungsführung.

Es kann jedem passieren

In der Regel sind es ganz ‚normale’ Menschen, die der Zufall in Kontakt mit der Überwelt bringt:

„Es gibt …gewisse durchaus unscheinbare Personen, die, obschon es ihnen auf keine Weise gegeben ist, das Abenteuer auf sich zu ziehen, dennoch im Verlauf ihres ereignislosen Daseins das eine oder andere Mal in ein so absonderliches Geschehen verwickelt werden, dass die Leute den Atem anhalten – und indigniert den Blick abwenden.“ (S. 99)

Mit ihnen kann sich der Leser identifizieren, was die beschriebenen Schrecken und Wunder umso intensiver gestaltet.

Vor allem Arthur Vezin, „Held“ der Geschichte „‚ …à cause du sommeil et à cause des chats“ stellt Blackwood ausdrücklich als unscheinbares Männlein vor, der denkbar ungeeignet für die Begegnung mit dem Übernatürlichen ist, das zu allem Überfluss die Gestalt einer jungen, verführerischen Frau annimmt. Was ihm zustößt, ist dramatisch und gruselig genug, doch Blackwood hebt das Geschehen zusätzlich auf eine „wissenschaftliche“ Ebene, indem er Vezin mit Dr. John Silence konfrontiert.

Um das Jahr 1900 wuchs das Interesse an der jungen, höchst umstrittenen und deshalb erst recht faszinierenden Wissenschaft der Psychoanalyse, die im kontinentalen Wien ein gewisser Professor Freud „erfunden“ hatte. Die Hypothese, dass Geister Ausgeburten der menschlichen Psyche sein könnten, hatte in den Augen vieler Zeitgenossen etwas Bestechendes. Algernon Blackwood gehörte zu den Pionieren, die eine „psychologische“ Sicht auf das Okkulte warfen. Sein Interesse manifestierte er in der Figur des Dr. John Silence, „Physican Extraordinary“, wie er im Untertitel einer 1908 erschienenen Sammlung diese deutlich am Vorbild Freuds orientierte, aber mit dem okkulten Wissen seines Schöpfers ausgestattete Figur betitelte.

Vezins Erlebnis versucht Silence interessanterweise rational als Produkt einer außer Kontrolle geratenen Imagination zu erklären. Dadurch wirken Einleitung und Schluss der Geschichte aufgepfropft, wie überhaupt der guten Silence zum Dozieren mit erhobenem Zeigefinger neigt. Zudem rudert er letztlich zurück, wenn er Vezin als Reinkarnation eines Mannes bezeichnet, den es vor Jahrhunderten tatsächlich in ein Hexendorf verschlagen hatte – keine elegante aber weiterhin „sachliche“ Auflösung, wie Blackwood sie in den Silence-Storys bevorzugte.

Der Eindringlichkeit des mysteriösen Geschehens kann auch der Doktor keinen Kniekehlen-Tritt verpassen. Das leere Haus ist Horror-Klassik auf höchstem Niveau und ein Muss für jene Leser, die wissen möchten, was das Genre jenseits brünstiger Vampire oder fauliger Zombies zu bieten hat.

Ihre Meinung zu »Algernon Blackwood: Das leere Haus«

Stefan83 zu »Algernon Blackwood: Das leere Haus«09.08.2009
Selbst Vielleser, vielleicht besonders diese, leben von den Empfehlungen anderer. Ich bin da keine Ausnahme und in diesem Fall sehr froh durch einen Tipp auf diesen Autoren gestoßen zu sein, der mir wir wohl ob seines Alters im Allerlei der fantastischen Literatur entgangen wäre.

Algernon Blackwood ist nicht nur einer der bedeutendsten Schriftsteller im Bereich des Gruselgenres, seine Geschichten vermögen auch gut hundert Jahre nach ihrer Entstehung noch für Schauergefühle und Unwohlsein zu sorgen. Zentrales Thema ist dabei immer die Angst, die stets im Menschen vorhanden, in den verschiedensten Situationen in vielerlei Art und Weisen zutage treten kann.

Suhrkamps zweiter Band mit den Kurzgeschichten des namhaften Gruselautors enthält neben der Titelgebenden Story "Das leere Haus" noch drei weitere:

Der Wendigo
Á cause du sommeil et à cause des chats
Die Weiden

Wenngleich in unterschiedlicher Umgebung spielend haben sie alle die stimmungsvolle Schreibe Blackwoods gemeinsam, mit der er uns in unbekannte Dimensionen zerrt, ohne dabei aber im großen Maßstab den Boden der Realität zu verlassen. Seine Stärke ist die Zwischenwelt, wo zwischen Einbildung und Begegnung mit phantastischen Wesen oft nur ein Wimpernschlag liegt. Nie ist das Unerklärbare wirklich greifbar, stets versperrt eine unsichtbare Trennlinie den Zugang zum Irrationalen. Und doch wird mit unseren Ängsten gespielt. Mit der Furcht vor einer Verfolgung, vor unsichtbaren Augen, seltsamen Geräuschen, unangenehmen Gerüchen.

Auch wenn Blackwood hier nicht selten sehr gewunden vorgeht, sich in kleinen Schritten dem Kern der Geschichte nähert, bleibt eine Grundspannung vorhanden, von der man sich einfach in den Bann ziehen lassen muss. Wie bei einer Hypnose hängt man an den geschriebenen Lippen des Autors, appellieren die Kurzgeschichten an die Vorstellungskraft des Lesers. Wo endet die Einbildung? Wo beginnt der klaustrophobische Horror? Blackwood vermag den Spagat in allen vier Geschichten wunderbar zu bewältigen, wenngleich besonders "Der Wendigo" und "Die Weiden" herausragen. Es hat den Anschein, als würde dem Autor die freie Natur sehr liegen. Sei es die Abgeschiedenheit der unendlichen Weiten Kanadas oder eine Hochwasserumspülte Insel voller Weiden inmitten der Donau. Die bildreiche Sprache ist beeindruckend, Schlüssel zur Geschichte, die stets mit einem steigenden Spannungsbogen aufwartet. Eine nähere Beschreibung der Stories verbietet sich jedoch allein aus eben diesem Grund. Die Atmosphäre würde ebenso drunter leiden, wie der Überraschungsgehalt des Plots. Ergo: Einfach zurücklehnen, genießen und wohlig erschaudern.

Insgesamt ist "Das leere Haus" ein sehr guter Sammelband von Kurzgeschichten, der in seiner Zusammenstellung eine breite Thematik abdeckt und allen Freunden des Gruselns nur ans Herz gelegt werden kann. Allein die archaische, etwas sperrige Sprache stellt hier das kleine Hindernis beim Lesespaß da.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ingolf Woyke zu »Algernon Blackwood: Das leere Haus«17.02.2009
Man kann sich in der Tat nur H.P.LOVECRAFT´s Auffassung anschließen, dass nämlich BLACKWOOD seiner Zeit zu einem der maßgeblichsten Genreautoren überhaupt geworden war, weil ihm die Erzeugung einer dichten, gespenstischen Atmosphäre so intensiv gelang, wie kaum einem Autoren vor ihm - etwas, womit er durchaus Maßstäbe zu setzen verstand. Diese Atmosphäre ist letztlich dasjenige Element (wenngleich nicht das einzige) neben der Originalität, wovon dieserart Erzähltypus überhaupt erst lebt - und was insbesondere die Fans der schaurigen Phantastik (im weitesten Sinne) immer sehr zu schätzen wissen - und dessen Fehlen eine Gespenstergeschichte zu einem bloßen Klamauk verkommen ließe.

Ingolf Woyke, 17.Februar 2009
Ingolf Woyke zu »Algernon Blackwood: Das leere Haus«27.01.2009
Man kann sich nur H.P.Lovecrafts Auffassung anschließen, dass nämlich Blackwood zu seiner Zeit einer der maßgeblichsten Genreautoren war und dass, was die Erzeugung einer dichten Atmosphäre angeht, wovon diese Art Literatur letzlich ja lebt, er bis zum heutigen Tage Maßstäbe setzte. Er hatte schlicht das richtige Gespür dafür - zumindest in seinen besten Texten, zu denen ich "Das leere Haus" und Die Weiden" auf jeden Fall zählen würde.
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