Der Griff aus dem Dunkel von Algernon Blackwood

Buchvorstellungund Rezension

Der Griff aus dem Dunkel von Algernon Blackwood

Originalausgabe erschienen 1973, 257 Seiten.ISBN 3518370189.Übersetzung ins Deutsche von Friedrich Polakovics.

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In Kürze:

Eine Novelle und fünf Kurzgeschichten von Algernon Blackwood (1869-1951), dem Meister der angelsächsischen Gruselliteratur, der hier einmal mehr das Genre um spannende und ungewöhnliche Beiträge bereichert.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Das Jenseits ist kein ruhiger Ort“90

Horror-Rezension von Michael Drewniok

  • „;Das Haus der Verdammten” (The Damned, 1914), S. 7-110: William und seine Schwester Frances werden von der reichen Witwe Mabel auf deren Landsitz in der Grafschaft Sussex eingeladen. Aus dem erhofften Urlaub auf dem Lande wird nichts, denn in “;The Towers” spukt es mächtig. Mabels verstorbener Gatte, der Bankier Samuel Franklyn, war ein Laienprediger übelster Sorte: ein bigotter, fanatischer Eiferer, der mit Inbrunst die ewige Verdammnis auf alle Sünder herabbeschwor. Er selbst besaß natürlich den Schlüssel zur Himmelspforte, die nur passieren durfte, wer unter seiner rigiden Führung den freudlosen, schlüpfrigen, dornenreichen Weg zur Erlösung beschritt. Selbst der Tod konnte Samuel und seinen Missionseifer nicht stoppen; sein niederträchtiger Geist beherrscht ";Two Towers”, die willenlose Mabel – und tausend körperlose Seelen, Samuels Opfer, die ihr Gehorsam nicht ins Paradies, sondern in eine düstere Zwischenwelt fehlgeleitet hat, der sie nun verzweifelt und zornig endlich entkommen wollen. In einem letzten Aufflackern ihres Widerstandes hat Mabel Frances und William zu sich gerufen, doch diese können dem Ansturm der Verdammten ebenso wenig standhalten wie sie …

  • ";Die Übergabe” (The Transfer, 1911), S. 111-125: Der großspurige Mr. Frene ist eine Art Vampir, der sich von der Lebenskraft seiner Mitmenschen nährt und fett, reich und berühmt dabei geworden ist. Nun sucht er die Familie seines Bruders heim, wird aber von seinem hellsichtigen kleinen Neffen in die Falle einer blinden Naturkraft gelockt, die ihm die geraubte Energie wieder aussaugt – und mehr …

  • ";Am ersten Abend im Mai” (May Day Eve, 1907), S. 126-153: Der Skeptiker möchte seinen alten Freund, den geistergläubigen Volkskundler, auf dessen einsam gelegenen Landsitz besuchen. Ahnungslos wählt er die Nacht zum 1. Mai, in der die Trennung zwischen der Welt der Lebenden und dem Geisterreich aufgehoben ist; was er nun erlebt, wird ihn vom pragmatischen Paulus in einen offengeistigen Saulus verwandeln …

  • ";Jones’ Wahnidee” (The Insanity of Jones, 1907), S. 154-183: Der Angestellte Jones ist eine graue Maus, die sich klaglos in ihr einsames, freudloses Dasein fügt, bis eines Tages Erinnerungen an ein früheres Leben in ihm aufsteigen, das ein abruptes Ende nahm. In seinem Vorgesetzten meint Jones den Mörder wiederzuerkennen, was ihm endlich die Gelegenheit verschafft, Vergeltung zu üben …

  • ";Im Banne des Schnees” (The Glamour of the Snow, 1912), S. 184-209: Hibbert macht Winterurlaub in den Alpen. Die aufdringliche Fröhlichkeit der übrigen Gäste geht ihm auf die Nerven, so dass er dem Locken einer unbekannten Schönen gern nachgibt, die ihn zu einem mitternächtlichen Schnee-Spaziergang mit eisigem Ende einlädt …

  • „;Der Fall Pikestaffe” (The Pikestaffe Case, 1924), S. 210-248: Der geniale Gelehrte Thorley entdeckt einige physikalische Gesetze, die dem Kollegen Einstein verborgen blieben; sie ermöglichen ihm den Vorstoß in ganz neue Dimensionen – doch leider nicht mehr den Weg zurück, woran eine brave, aber geistig etwas schlichte Pensionswirtin nicht ganz unschuldig ist …

Was du im Leben getan, wird dich in den Tod begleiten

Mit dem verwünschten oder heimgesuchten Haus hat sich der Verfasser immer wieder beschäftigt. Er war davon überzeugt, dass ein willensstarker (oder auch wahnsinniger) Menschengeist den Tod überstehen kann; vielleicht nicht als denkende, gezielt handelnde Wesenheit, aber als blinde Kraft, die den Lebenden gefährlich werden kann, wenn sie zufällig oder mutwillig herausgefordert wird. Häuser oder ganz allgemein Stätten, an denen über lange Jahre Unrecht und Gewalt geschah, können sich nach Blackwood sogar zu regelrechten Batterien entwickeln, die solche Kräfte speichern, verstärken und gebündelt abstrahlen. Dabei muss nicht unbedingt eine Bluttat am Anfang eines Spukhauses stehen. Samuel Franklyn hat körperlich Zeit seines Lebens keiner Fliege etwas zu Leide getan; er war sogar als spendabler Menschenfreund bekannt. Aber er war auch ein religiöser Fanatiker, der in “;The Towers” den Leichtgläubigen unter seinen Zeitgenossen die Furcht vor der Hölle einbläute, bis sich diese im Mahlstrom der kollektiven Furcht tatsächlich auftat.

Algernon Blackwood wird zu den prominenten Vertretern der viktorianischen Horrorliteratur gezählt, aber er selbst war sicherlich kein typischer Viktorianer. Tatsächlich war er schon in jungen Jahren dem Ungeist dieser Epoche entflohen, obwohl ihm der Weg in eine glänzende Zukunft offenstand, hätte er sich nur konform verhalten: Blackwoods Mutter war eine Herzogin von Manchester, sein Vater ein geadelter höherer Beamter der britischen Postverwaltung. Doch als Eltern waren diese beiden gefühlskalt und engstirnig; Blaupausen womöglich für das Ehepaar Franklyn. Blackwood, der Rebell, ordnete sich weder ihnen noch dem System unter. Daher war ihm auch das Christentum suspekt; an einen Gott, der lieber strafte als verzieh, wollte und konnte er nicht glauben. Die schrecklichen Folgen einer Amok laufenden Religion führt er uns in „;Das Haus der Verdammten” exemplarisch vor Augen.

Freilich meint er auch das Gegenmittel zu kennen: Hass begegnet man mit Verständnis und Liebe, dann löst er sich auf. Das ist sympathisch, aber auch ein Punkt, der Blackwood recht naiv erscheinen lässt. In der Tat funktioniert “;Das Haus der Verdammten” als Geschichte genau dann nicht mehr, als der Verfasser eine Gruppe früh blühender Blumenkinder auftreten lässt, die „;The Towers” einem sanften Exorzismus unterziehen, bis die vergiftete Atmosphäre sich selbst gereinigt hat. Trotzdem muss man hier genau lesen: Blackwood ersetzt keineswegs die “;böse” christliche Religion durch eine andere und „;bessere”. Eigentlich gehören die Retter von “;Two Towers” gar keiner Glaubensgemeinschaft an. Statt dessen akzeptieren sie die Welt, wie sie nach Blackwood ist: als Ort zwar mystischer, aber natürlicher Kräfte, die sich mehr oder weniger im Gleichgewicht befinden, ganz sicher keines gestrengen göttlichen Lenkers bedürfen und bei Bedarf behutsam kanalisiert und zur Ruhe gebracht werden können.

Naturmystik statt Religion – ein „Ausweg“ mit Stolpersteinen

Wer diese Differenzierung berücksichtigt, wundert sich auch nicht mehr darüber, dass Blackwood zwar sehr interessiert an den okkulten oder mystischen Lehren seiner Zeit und seit 1900 sogar Mitglied im berühmt-berüchtigten Geheimbund „;Hermetic Order of the Golden Dawn” war, doch bald wieder auf Abstand ging: Nicht einmal die erklärten Feinde der etablierten Religionen konnten ihn halten, da alle diese Zirkel selbst wieder strengen Regeln unterworfen waren, die Blackwood generell verwarf.

Blackwoods Naturmystik ist die Quelle jener faszinierenden Mischung aus selbst Erlebtem und verschlüsselt Erdachtem, die er besonders in sein späteres Werk einfließen lässt – leider nicht unbedingt zu dessen Nutzen. Wer ihm nicht folgen mag auf diesem Weg, langweilt sich bald trotz der unerhörten literarischen Qualitäten, die Blackwood turmhoch über die meisten zeitgenössischen und modernen Autoren des phantastischen Genres erheben. Schon “;Das Haus der Verdammten” wird unleserlich dort, wo sich die unglaublich dichte Geschichte einer bösen oder blindwütigen Besessenheit im Esoterischen verliert.

Wesentlich eindrucksvoller gelingt Blackwood die Beschwörung der Elementarkräfte in „;Der Transfer”, wo ein quasi dilettierender Naturgeist auf seinen Meister trifft, und natürlich in “;An ersten Abend im Mai”, eine Geschichte, die zunächst einmal nichts als die moderne Interpretation des alten Märchen vom unglücklichen Sterblichen ist, der zufällig in den Kreis der Feen stolpert und dabei sein blaues Wunder erlebt. Blackwood entwickelt daraus eine gleichermaßen gruselige wie eindrucksvolle Geschichte, in der die Natur wirklich lebendig wird. Das eigentlich Interessante daran ist, dass nicht diese Tatsache als solche Verderben über den unfreiwilligen Zeugen bringt. Die Natur schlägt eher blind zu, weil der nun Eingeweihte die Regeln nicht kennt. Deshalb ist sie bzw. sind ihre gespenstischen Emanationen auch nicht unbedingt bösartig oder gar böse zu nennen – sie sind nur unsagbar fremd und können deshalb Verderben über den Sterblichen bringen. Freilich war Blackwood Profi genug, sich von diesem Credo zu lösen, wenn eine gute Geschichte dabei heraussprang: „;Im Banne des Schnees” zeigt Elementargeister, die eindeutig Ungutes im Sinn haben und folgerichtig sehr allergisch auf fromme Gebete und Glockenklang reagieren.

“;Jones Wahnidee” atmet dagegen wieder ganz den Geist des Blackwoodschen Multiversums: Der Geist ist stärker als die Materie, und es braucht keinen Christengott, der das ewige Kommen und Gehen steuert. Allerdings könnte es auch sein, dass Mr. Jones nur ein armer Irrer ist …Blackwood war nie ein fanatischer Guru, sondern stets der Selbstironie fähig und konnte sich über seine eigenen Ansichten und deren unbestreitbaren Schwachpunkte durchaus lustig machen. Angenehm humorvoll legt er deshalb auch den „;Fall Pikestaff” an, der deutlich in Richtung Science Fiction geht, bevor dieses Genre offiziell “;erfunden” wurde.

Ein Leckerbissen für die Freunde des klassischen Grusels

Man kann dem bisher Gesagten wohl recht eindeutig entnehmen, dass „;Der Griff aus dem Dunkel” Geschichten sammelt, die wesentlich “;schwieriger”, d. h. komplexer sind als die Storys der beiden früheren Blackwood-Sammlungen „;Besuch von Drüben” und “;Das leere Haus” (beide ebenfalls im Insel- bzw. Suhrkamp-Verlag erschienen). Erschreckend spannend und eindringlich sind sie aber allemal, so dass den Freunden der Unheimlichen einmal mehr uneingeschränkt zur Anschaffung dieser antiquarisch recht problemlos zu findenden Sammlung geraten werden kann.

Es gibt sogar eine erfreuliche Zugabe: ein knappes, aber kluges Nachwort („;Algernon Blackwood: Geisterseher und Weltenbummler”, S. 249-258) von Kalju Kirde, sicherlich eine der Autoritäten auf dem Gebiet der unheimlichen Literatur im deutschen Sprachraum und Herausgeber der von den Freundes dieses Genres heiß & innig geliebten “;Bibliothek des Hauses Usher” (1969-1975) im Insel Verlag, zu der auch diese Sammlung ursprünglich gehörte. Kirde stellt Leben und Werk des A. Blackwood wesentlich kundiger als Ihr Rezensent vor, der sich daher mit dem Hinweis auf diese Quelle ohne Skrupel beim Meister bedient und ansonsten bescheiden versucht, ein paar eigene Gedanken einzuflechten.

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