Die gefiederte Seele von Algernon Blackwood

Buchvorstellungund Rezension

Die gefiederte Seele von Algernon Blackwood

Originalausgabe erschienen 1989, 220 Seiten.ISBN 3518381202.Übersetzung ins Deutsche von Friedrich Polakovics.

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In Kürze:

Mit zehn Kurzgeschichten und einer Novelle zielt der Autor nicht auf den ´Bauch-Grusel´, sondern dringt – manchmal allzu behutsam aber eindrucksvoll und unsentimental – in die Schattenbereiche der menschlichen Seele vor, die allerlei meist unsichtbaren, oft eher fremden als bösen Mächten ausgesetzt ist. Auf die ´entschleunigte´ Erzählweise und den Verzicht auf klassische Horror-Effekte seien jene Leser, die es auch im Jenseits ein wenig handfester mögen, (warnend) hingewiesen.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Riskante Reisen in die Außenbezirke der Realität“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Mit zehn Kurzgeschichten und einer Novelle zielt der Autor nicht auf den ´Bauch-Grusel´, sondern dringt – manchmal allzu behutsam aber eindrucksvoll und unsentimental – in die Schattenbereiche der menschlichen Seele vor:

 – Das dreifache Band („The Threefold Cord“, 1931), S. 7-20: Die schöne aber unheimliche Frau hat bereits den Großvater und den Vater in den Tod getrieben, und nun macht sie sich an den Sohn heran …

 – Das Land des grünen Ingwer („The Land of Green Ginger“, 1930), S. 21-29: Ein ebenso faszinierendes wie verstörendes Erlebnis lässt den späteren Schriftsteller seinen Lebensweg finden …

 – Die gefiederte Seele („The Wings of Horus“, 1917), S. 30-52: Weil für den Lockruf Altägyptens allzu empfänglich, beginnt sich ein Mann zu verwandeln, was ihm in der Gegenwart schlecht bekommt …

 – Ägyptischer Heimgang („A Descent into Egypt“, 1914), S. 53-130: Das alte Ägypten der Götter und Pharaonen blieb als unsichtbare Macht präsent und gefährlich, weil es die Seelen jener, die allzu stark in seinen Bann geraten, in die Vergangenheit zu zerren droht …

 – Die Nacht des Pan („The Touch of Pan“, 1917), S. 131-152: In einer englischen Sommernacht amüsieren sich gar nicht sagenhafte Kreaturen über die steife Fröhlichkeit einer langweiligen Menschenparty …

 – Der andere Flügel („The Other Wing“, 1915), S. 153-172: Längst hat er vergessen, welche Heldentat ihm als Kind gelang, doch wem er damals einen Herzenswunsch erfüllte, hält dankbar ein Auge auf ihn …

 – Heidefeuer („The Heath Fire“, 1912), S. 173-181: Der neugierige Maler erlebt die Vereinigung von Sonnenlicht und Erdenfeuer, und dafür zahlt er gern einen hohen Preis …

 – Besuch nach Ladenschluss („The Deferred Appointment“, 1914), S. 182-187: Er hatte seiner Frau ein Versprechen gegeben, und wirklich nichts hält ihn auf, es zu erfüllen …

 – Hingang auf Widerruf („Entrance and Exit“, 1914), S. 188-193: Diese scheinbar naturgesetzlich geordnete Welt hat ihre Bruchstellen, und es ist gefährlich, wenn man in ihren Bann gerät …

 – Der Totenwald („The Wood of the Dead“, 1906), S. 194-206: Zu Lebzeiten war er ein guter Mensch, aber siehst du ihn jetzt, hat dein letztes Stündlein geschlagen …

 – Doktor Feldman („Dr. Feldman“, 1935), S. 207-221: Ein nächtlicher Besuch im Geisterhaus nimmt einen gänzlich unerwarteten Verlauf …

Im Grenzbereich des Verstandes

Sechs Sammlungen mit Novellen und Kurzgeschichten von Algernon Blackwood veröffentlichte der Suhrkamp-Verlag zwischen 1969 und 1993. Diese Bände stellen nach wie vor die umfangreichste und umfassendste deutsche Werkschau dieses Autors dar, der zu den großen Phantasten des 20. Jahrhunderts zählt.

Während die ersten vier Bände mehrfach neu aufgelegt wurden, erschien „Die gefiederte Seele“ nur einmal. Der Grund wird im Laufe der Lektüre schnell ersichtlich: Hier präsentiert der Verfasser keine klassischen Geister- und Gruselgeschichten, in denen handfeste Spukgestalten allzu neugierigen, bösen oder einfach vom Pech verfolgten Zeitgenossen das Fürchten lehren. Stattdessen geht Blackwood mindestens einen Schritt weiter. Er lässt die simplen Gespenster hinter sich und wagt sich in die schwankenden Untiefen der menschlichen Seele, die er – sehr vereinfachend ausgedrückt – als selten benutzte Nebenkammer des Verstandes betrachtet, deren Inventar dem Hirn-Eigentümer weitgehend unbekannt ist.

Diese Seele gibt ihre Geheimnisse nur verschlüsselt preis. Können sie enträtselt werden, kann dies von Vorteil sein. In „Das Land des grünen Ingwer“ schildert Blackwood, wie eine fiebertraumähnliche, schwer zugängliche Vision den Tagträumer aus einer existenziellen Krise hilft. Bedrohlicher ist das Erlebnis, das den neugierigen Besucher eines ungewöhnlichen Geisterhauses erwartet („Dr. Feldman“).

Kinder verstehen die Botschaften aus dem Unterbewussten besser. Sie unterscheiden noch nicht zwischen ´Realität´ und ´Traum´. Statt sich von den aus erwachsener Sicht erschreckenden Bildern erschrecken bzw. lähmen zu lassen, akzeptiert der kindliche Protagonist in „Der andere Flügel“ nicht nur die Existenz einer jenseitigen Welt, sondern erschließt sich auch deren Regeln. So kann er dorthin vordringen, wo der allzu rationale erwachsene Mensch scheitern würde, und heil an Leib & Seele zurückkehren.

Diese Fähigkeit geht mit der scheinbaren Reife verloren. In „Die Nacht des Pan“ merkt ein nächtliches Liebespaar nicht, dass es von lebendig gewordenen Fabelgestalten umgeben ist. Es bleibt nur das Gefühl, beobachtet zu werden, das umgehend in Angst umschlägt. Erst der alte Mensch findet manchmal zurück zur klaren, unvoreingenommenen Sicht des Kindes („Der Totenwald“).

Der gefährlich faszinierende Blick über den Tellerrand

Das Eigenleben der Seele ist kein isoliertes, nur auf den Menschen oder das Leben („Das dreifache Band“, „Besuch nach Ladenschluss“) beschränktes Phänomen. Die Seele ermöglicht den Kontakt mit einer Welt, die dem Menschen normalerweise verschossen bleibt. Blackwood postuliert ein Universum, das sich in seiner Vielschichtigkeit sogar der modernen Wissenschaft verschließt. Stattdessen müssen archaische, in der Gegenwart verkümmerte Sensoren neu aktiviert werden. Das gelingt vor allem sensiblen Menschen, denen buchstäblich die Augen aufgehen, wenn sie sich auf das (wieder) Entdeckte einlassen: Auf dieser Welt leben nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen. Die Natur selbst ist in ihrer Gesamtheit belebt. Luft, Wasser, Erde, Feuer: Die vier Elemente – zu denen sich weitere Entitäten gesellen – ´sind´ nicht nur, sie verfügen über eigene Willen („Heidefeuer“). Nur wenigen Kulturen haben um die Präsenz dieser Mächte gewusst und sie sogar in ihr Alltagsleben integriert. Blackwood präferiert hier immer wieder das alte Ägypten, dessen Bewohner nach seiner Meinung im Einklang mit den Naturkräften existierten.

Dass wir verlernt haben, diese Mächte zu sehen, bedeutete keineswegs deren Ende. Umgekehrt wird der Verlust einschlägigen Wissens für den Menschen gefährlich, wenn ihm plötzlich die Welt jenseits der Realität neuerlich bewusst wird. Neugierig und ahnungslos wagt er sich dorthin vor, wo Regelverstöße keineswegs bestraft, sondern wertneutral mit der vorgesehenen Gegenreaktion beantwortet werden. Die Folgen sind beachtlich. In „Hingang auf Widerruf“ kommt der in das Fremde geschleuderte Protagonist gerade noch davon, in „Die gefiederte Seele“ endet der Kontakt tödlich, in „Ägyptischer Heimgang“ verliert der in den Bann Gezogene ´nur´ seine Seele; zurück bleibt eine Hülle, die allerdings – und hier wird Blackwood ironisch – ihre gesellschaftlichen Pflichten nunmehr konfliktfrei erfüllen kann.

Die glückliche, dumme Mehrheit

Denn nur wenigen Menschen ist der Blick auf die ´andere Seite´ vergönnt. Die Mehrheit lebt ahnungslos und zufrieden in ihrer dreidimensionalen Gegenwart und will gar nichts von den Welten jenseits der Peripherie wissen. Besonders deutlich arbeitet Blackwood den Kontrast in „Die Nacht des Pan“ heraus. Während die Menschen selbst in der Feier die sich selbst auferlegten Konventionen nicht ignorieren können, tanzen ausgelassen in fröhlichem Nichtwissen um solche Einschränkungen die ´heidnischen´ Kreaturen uralter Sagen.

Blackwood lässt keinen Zweifel daran, wem seine Zuneigung gilt. Der Mensch legt sich selbst jene Fesseln an, die ihn geistig verkümmern lassen, wenn er dies zulässt. Wieder in „Die Nacht des Pan“ beschreibt Blackwood, das „schwarze Schaf“ einer gesellschaftlich etablierten Familie, auch seine eigene Flucht aus einer ungeliebten Umgebung, wenn er seine Figur Heber so charakterisiert: „Obschon sein Herkommen es ihm erschwerte (er war ins gekünstelte Cliquenwesen gehobner Gesellschaft hineingeboren), lagen ihm stets nur die einfachen Dinge am Herzen, und ganz besonders hatte es ihm die Natur angetan.“ (S. 130). Ungeachtet der damit verbundenen Gefahren bleibt die Belohnung nicht aus.

Lektüre mit gewissen Tücken

Im Wissen um die Blackwoodsche Philosophie – über deren ´Sinn´ an dieser Stelle nicht geurteilt werden soll – lesen sich die hier gesammelten Geschichten erst recht interessant. Vor allem der frühe Blackwood ist darüber hinaus ein wortgewaltiger Schriftsteller, der Stimmungen quasi plastisch heraufzubeschwören weiß. Dennoch ist die Lektüre schwierig – und das liegt definitiv nicht daran, dass „Die gefiederte Seele“ keine Lesestoff für Literaturbanausen ist.

Was einst die Gemüter bewegte, ist heute vergessen und lässt gleichgültig. Dass vor allem Blackwoods klassischen Geistergeschichten überlebt haben, kommt nicht von ungefähr: Sie überstehen den Alterungsprozess, der ihnen im Gegenteil sogar bekommt. Die Naturmystik des frühen 20. Jahrhunderts ist dagegen nicht kein Stoff, der für die Ewigkeit gewoben wurde. Schon „Sand“ (1912, gedruckt in „Rächendes Feuer“) ist eine echte Geduldsprobe – wunderbar geschrieben, aber lang und auch langweilig in dem wiederholten Versuch, dem schwer Fassbaren Gestalt zu verleihen. In diesem Band fällt „Ägyptischer Heimgang“ in dieselbe Kategorie. Worum es Blackwood grundsätzlich geht, vermag er in „Die gefiederte Seele“ wesentlich kürzer und gleichzeitig prägnanter darzustellen.

Verstärkt wird des Lesers Befremden durch eine durchaus kunstvolle Übersetzung, die allerdings ungemein künstlich weil altertümelnd ´klingt´. Alte Geschichten müssen und sollten keineswegs altmodisch übersetzt werden. Sprache verändert sich, und das kann sich auf eine Übersetzung durchaus positiv auswirken. Hier hat die seltsame Sprache dagegen den Effekt, die ohnehin dicke Staubschicht auf den Geschichten unnötig zu verstärken. Da muss man heftig pusten, und dennoch bleibt (spannend) fraglich, ob jedem Leser gefällt, was dabei zum Vorschein kommt.

Ihre Meinung zu »Algernon Blackwood: Die gefiederte Seele«

Stefan83 zu »Algernon Blackwood: Die gefiederte Seele«30.06.2013
Zu Beginn meiner Besprechung von „Die gefiederte Seele“ möchte ich erst einmal meine Behauptung in der Rezension zu „Der Tanz in den Tod“ revidieren, dass im Suhrkamp-Verlag nur drei Anthologien des englischen Autors Algernon Blackwood veröffentlicht wurden. So sind in Wirklichkeit sogar deren sechs innerhalb der Reihe „Phantastische Bibliothek“ erschienen, die, inzwischen allesamt vergriffen, einen beeindruckenden Querschnitt durch das Werk dieses Schriftstellers darstellen, den man neben H.P. Lovecraft und Shirley Jackson immer noch zu den Schwergewichten des psychologischen Schauerromans im frühen 20. Jahrhundert zählt. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sein Name schon seit längerer Zeit aus den Regalen der Buchhandlungen verschwunden und heute zumeist nur noch Genre-Kennern sowie bibliophilen Sammlern ein Begriff ist. Ein Umstand, den wohl selbst die besten seiner Geschichten kaum ändern können, hat doch bluttriefender Splatter dem fein ziselierten Grusel längst den Rang abgelaufen. Und nach der Lektüre von „Die gefiederte Seele“ drängt sich zudem die Vermutung auf, dass eben diese besten Geschichten bereits in den zuvor veröffentlichten Sammlungen enthalten sind. Fakt ist jedenfalls: Wäre dies mein erstes Blackwood-Buch gewesen – es hätte wohl auch keine weiteren mehr für mich gegeben.

Während besonders „Das leere Haus“ und „Besuch von Drüben“ mit stimmungsvollen Geister- und Gruselgeschichten aufwarten, welche an den Urängsten des Menschen rühren und mit eindringlicher Unruhe unter die Haut des Lesers gehen, konzentriert sich dieser Band in erster Linie auf die Schattenbereiche der menschlichen Seele – und damit auf eine schmale Grenze zwischen Herz und Verstand, die wissenschaftlich nicht zu erklären und psychologisch kaum besser zu verstehen ist. Dieser Schritt weg vom klassischen Horror (z.B. eine knarzende Tür oder das Rauschen in den Weiden) hin zu einer eher esoterischen Ebene ist gleichzeitig einer auf dünnes Eis. Blackwoods neues Themenfeld verschließt sich dem rein betrachtenden Leser, zwingt ihn zu einer weit sensibleren Herangehensweise. Eine Tür knarzt hier nicht mehr allein aufgrund des Windes, auch haben keine Gespenster ihre Hand im Spiel – stattdessen erweist sich die Welt von Naturmächten durchdrungen, die ihre Geheimnisse nicht preis geben. Und wenn doch, dann sind sie ähnlich schwer zugänglich, wie die in diesem Band versammelten zehn Geschichten:

Das dreifache Band
Das Land des grünen Ingwer
Die gefiederte Seele
Die Nacht des Pan
Der andere Flügel
Heidefeuer
Besuch nach Ladenschluss
Hingang auf Widerruf
Der Totenwald
Doktor Feldman

Desweiteren enthält der Sammelband die Novelle „Ägyptischer Heimgang“ (1914 erschienen) - und sie ist es auch die ganz besonders die Geduld des heutigen Lesers auf die Probe stellt. Hierbei muss man explizit von „heute“ reden, war doch Blackwoods naturmystischer Ansatz zu seinen Lebzeiten ein gänzlich neuer und hoch gelobter, da er sich in Untiefen wagte, welche andere Schriftsteller lieber unangetastet ließen. Gerade aufgrund der Tatsache, dass sie so äußerst schwer in Worte und damit auf Papier zu bringen waren. Gute hundert Jahre später ist von dieser Faszination wenig bis nichts geblieben. Während man Blackwood in Kenner-Kreisen für die großartigen, unheimlich atmosphärischen Schauergeschichten immer noch lobt, deckt man über dessen wiederholte Versuche, das Unfassbare fassbar zu machen, den Mantel des Schweigens. Verschlimmbessert wird dies im Fall des Suhrkamp-Version durch die unglaublich altmodische Übersetzung, die dem ohnehin zähen Handlungsbrei von „Ägyptischer Heimgang“ noch weiteren Beton untermischt. Auch wenn hier deutlich wird, welche literarische Qualitäten Blackwood besaß – bis zum heutigen Tag kann ich mich an kaum eine Novelle erinnern, die sich derart langatmig und langweilig über voran gewälzt hat. Der Drang, dass Buch einfach zur Seite zur legen bzw. zur nächsten Geschichte vorzublättern, war hier (auch wegen der schon nicht wirklich überzeugenden vorherigen Geschichten), ähnlich wie der beschriebene Sog des Alten Ägyptens, äußerst mächtig. Tapfer, aber auch gleichgültig wurde die Pflicht dann dennoch zu Ende gebracht.

Glücklicherweise stellt „Ägyptischer Heimgang“ auch gleichzeitig den Wendepunkt dieser Anthologie dar. Die folgenden Geschichten, allen voran „Besuch nach Ladenschluss“, „Doktor Feldman“ und „Der Totenwald“, bieten schließlich wieder gewohnt gute, weil eindringliche Grusel-Kost. Richtig genießen kann man diese, allein aufgrund der zuvor aufgewandten Anstrengungen, aber nicht mehr.

„Die gefiederte Seele“ war meine vierte und bis hierhin schwächste Blackwood-Lektüre. Hier ist die Patina doch zu dicht, der Stil zu altmodisch, um längerfristig Gefallen daran finden zu können. Das psychologische Jonglieren des Autors in allen Ehren - in diesem Fall hat sich die antiquarische Suche für mich persönlich nicht gelohnt. Neueinsteiger sollten deshalb auch unbedingt zu den bereits oben gelobten anderen Sammelbänden greifen.
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