Rächendes Feuer von Algernon Blackwood

Buchvorstellungund Rezension

Rächendes Feuer von Algernon Blackwood

Originalausgabe erschienen 1993, 243 Seiten.ISBN 3518387278.Übersetzung ins Deutsche von Friedrich Polakovics.

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In Kürze:

Ein Kurzroman, zwei längere und zwei kurze Geschichten künden einmal mehr vom schriftstellerischen Talent Algernon Blackwoods, der zu den Großmeistern der klassischen Phantastik zählt – ein Status, der nicht gleichmäßig dem Zahn der Zeit standhielt: Das Lektürevergnügen muss sich hier manchmal erarbeitet werden, was den Aufwand aber lohnt.

Das meint phantastik-couch.de: „An den Nahtstellen zu faszinierend fremden Welten“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

  • Rächendes Feuer („The Nemesis of Fire“, 1908), S. 7-77: In einem englischen Landhaus treibt ein feuriger Elementargeist sein Unwesen. Als die Bewohner den Terror nicht mehr ertragen, holen sie Dr. John Silence, einen Spezialisten für das Übernatürliche, der den wahren und sehr exotischen Ursprung des Grauens offen legt …

  • Suspekte Schenkung („A Suspicious Gift“, 1906), S. 78-89: Dem armen Schreiberling wird eine gewaltige Geldsumme in Aussicht gestellt, doch die scheinbare Bedingungslosigkeit dieser Gabe erweist sich als Teil eines geschickt eingefädelten, grausamen Plans …

  • Andere Orte, auf andere Weise („Elsewhere and Otherwise“, 1935), S. 90-143: Ein Mann findet jenseits von Raum und Zeit einen Ort, der ihm ein Leben in unbändiger Freiheit und Jugend ermöglicht, doch irgendwann wird er den Preis dafür zahlen müssen …

  • Mortons befremdlicher Tod („The Singular Death of Morton“, 1910), S. 144-154: In einem verwunschenen Schweizer Tal geht ein schönes, hungriges Vampirmädchen um …

  • Sand („Sand“, 1912), S. 155-243: Auf einer Reise zu den Wundern Altägyptens gerät Felix Henriot in den Bann der mysteriösen Lady Statham und ihres 'Neffen'. Sie erzählen ihm von gewissen Zeremonien, mit denen man in der nächtlichen Wüste die elementaren Geister des Lebens auf diese Welt zurückrufen kann; die Beschwörung gelingt, bis das Böse das wieder erstehende Wunder besudelt und eine Katastrophe auslöst …

Das Universum hat mehr als drei Dimensionen

Sechs Sammlungen Blackwoodscher Novellen und Kurzgeschichten veröffentlichte der Suhrkamp-Verlag zwischen 1969 und 1993; diese Bände stellen nach wie vor die umfangreichste und umfassendste deutsche Werkschau dieses Autors dar, der zu den ganz großen Phantasten des 20. Jahrhunderts zählt. Während die ersten vier Bände mehrfach neu aufgelegt wurden, erschien „Rächendes Feuer“ (wie auch „Die gefiederte Seele“) nur einmal; das Buch ist heute deshalb selten bzw. antiquarisch meist nur um beträchtliche Geldsummen zu erstehen.

Die Lektüre verdeutlich, wieso „Rächendes Feuer“ der Erfolg i. S. der Zustimmung einer breiten Leserschaft versagt blieb: Während die ersten vier Bände der Reihe primär die klassischen Gespenstergeschichten Blackwoods präsentierten, zeigt sich der Meister dieses Mal wesentlich sperriger. Vor allem der Kurzroman „Sand“ stellt die Geduld auf manche harte Probe. Hier übernahm der Reiseschriftsteller und Naturmystiker Blackwood die Feder. „Sand“ ist eine von mehreren Novellen, zu denen er sich durch eine Ägyptenreise inspirieren ließ. Für den vornehmen Engländer gehörte es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geradezu zum gesellschaftlichen Pflichtprogramm, das Land der Pharaonen zu bereisen und die Wunder des Altertums zu bestaunen.

In einem Maße, das den globalisierten Zeitgenossen des 21. Jh. vermutlich erstaunt, ließen sich die kulturell interessierten und künstlerisch veranlagten (oder dies vorgebenden) Reisenden auch spirituell auf das Abenteuer Ägypten ein. Das unglaubliche Alter einer fremdartigen Hochkultur, deren Alltag exotisch und sogar bizarr zu nennen ist, bot den entsprechenden Rahmen.

Die Erkenntnis, dass dieses Versenken in eine bemerkenswerte Vergangenheit nur bedingt 'authentisch’ ist, bleibt erneut dem modernen Zyniker (oder Realisten) vorbehalten. Auch Blackwood beschwört ein Ägypten herauf, das primär auf eigener Interpretation basiert. Historische Fakten ignoriert er bzw. unterwirft sie seiner Handlung, was sein gutes Recht als Schriftsteller ist.

Er geht freilich sehr weit – zu weit? – in seinem Bemühen, den Lesern einerseits die Wunder und Schrecken Ägyptens nahe zu bringen, und andererseits Felix Henriots Konfrontation mit beidem in Worte zu fassen. Die eigentliche Geschichte ließe sich auf deutlich weniger Seiten zusammenfassen. Hier bildet sie ein Gerüst, in dessen Freiräumen Blackwood seiner Feder allzu freien Lauf lässt. Seine Formulierungen sind kunstvoll, die traumhafte Stimmung über diesem ägyptischen Abenteuer vermag er perfekt zu inszenieren. Gleichzeitig ist Blackwood aus- und abschweifend, was das Alter seiner Geschichte unvorteilhaft betont: Die Empfindungen eines Engländers in Ägypten um 1900 mögen den literaturhistorisch interessierten Leser fesseln – den 'normalen’ Leser lassen sie kalt.

Gleiches gilt für Blackwoods umständlich vorgebrachten Gedanken über eine Natur, die weder göttlich im christlichen Sinn noch einfach 'ist', sondern als 'Produkt’ uralter Mächte oder Kräfte existiert, die den Kosmos und natürlich auch diese Erde vor Äonen schufen und formten und in der Natur fortleben. Von der Realität, wie wir sie kennen, trennt sie eine unsichtbare Membran, die Blackwoods Protagonisten immer wieder gern durchstoßen, was in fantastischen Erkenntnissen, aber gern auch in Horror mündet. Seelenwanderung ist das fixe Element einer esoterischen Metaphysik, die nicht nur die reale Geschichte, sondern auch die Naturwissenschaft ignoriert; Blackwood schlägt in „Sand“ den Bogen vom versunkenen Atlantis über Altägypten bis in die Gegenwart und konserviert auf diese Weise zeitgenössische (manchmal bis heute überlebende) Theorien, die keinerlei objektive Beweiskraft besitzen.

Manche Tür bleibt besser ungeöffnet!

Wesentlich lesbarer ist im Vergleich dazu die Titelgeschichte. Obwohl Dr. John Silence abermals seine übliche Schau abzieht und sein Tun als „physican extraordinary“ vor allem deshalb geheimnisvoll wirkt, weil er es selbst so inszeniert, teilt sich das Unheimliche oder besser Fremdartige, das von dem aggressiven Elementargeist ausgeht, dem Leser unmittelbar mit. Blackwood ist ein Meister des Wortes, und er beherrscht die seltene Kunst, Stimmungen zu beschreiben, die vordergründige Spannungsszenen überflüssig machen, obwohl er auch diese beherrscht. „Nackte Angst“ ist ein Terminus, der oft verwendet und selten verstanden wird. Blackwood zeigt, wie man ihn mit Leben erfüllt!

Auch „Rächendes Feuer“ zeugt von der Kraft, die eine quasi beseelte und der Wissenschaft kaum wirklich bekannte Natur ausüben kann. Die Parallelen zu „Sand“ sind offensichtlich, und sie finden sich – variiert oder weiterentwickelt – auch in „Andere Orte, auf andere Weise“ wieder. Dies ist im Grunde eine Science-Fiction-Geschichte, die freilich nichts mit den Storys gemein hat, die in den zeitgenössischen „Pulp“-Magazinen erschienen. Blackwood hat sich intensiv Gedanken über eine Welt gemacht, die wie von Einstein – den er im Text namentlich nennt – konstatiert mehr als nur drei Dimensionen aufweist. „Andere Orte, auf andere Weise“ ist die konsequent durchdachte Umsetzung dieses Konzeptes.

Dem heutigen Leser, der sich an eine schnelle, rasante SF gewöhnt hat, mag diese Geschichte langsam und umständlich erscheinen. So könnte sie schon 1935 gewirkt haben. Möglicherweise ist es aber die Dichte, die irritiert: Blackwood nimmt ein Gedankenspiel sehr ernst, womöglich zu ernst. Er verstrickt sich stark in dem, was wir heute „Technobabbel“ nennen, und versucht das Rätselhafte zu erklären und zu begründen. Dabei scheitert er, zwar auf hohem Niveau aber gründlich, denn mit den Worten unserer dreidimensionalen Gegenwart lässt sich die Existenz einer mehrdimensionalen Parallelebene höchstens ansatzweise darstellen. „Andere Orte, auf andere Weise“ hinterlässt dennoch einen starken Eindruck: Blackwoods vermag die 'Realität’ eines Multiversums phasenweise bemerkenswert glaubhaft heraufzubeschwören.

Verderben ist manchmal unvermeidlich

Knapp und präzise kommt Blackwood in seinen kurzen Storys auf den Punkt. Sein Geschick für Stimmung und Atmosphäre hält sich die Waage mit einer Handlung, die es an Spannung und Action nicht fehlen lässt. Ein kurzes Vorwort zu „Mortons befremdlicher Tod“ informiert darüber, dass diese Geschichte bei einem der zahlreichen Auslandsaufenthalte des kosmopolitischen Blackwood entstand, der sich 1909 für einige Zeit im Schweizer Jura niederließ. Diese Story ist im Vergleich zu den anderen Werken dieser Sammlung geradezu simpel; eindeutig ist es ein Vampir, der hier sein Unwesen treibt. Aus der mit den üblichen Ingredienzien des Genres gespickten Geschichte holt Blackwood dennoch das Beste heraus, wobei einmal mehr das Geschick begeistert, mit dem er Handlung und Handlungsort miteinander verknüpft: Selten wirkt die Schweiz so unheimlich wie hier!

Ungleich komplexer wirkt „Suspekte Schenkung“. Über weite Strecken bleibt das Geschehen unverständlich. Es setzt sich aus mehreren Einzelelementen zusammen, deren 'Montage’ Blackwood seinen Lesern überlässt. DIe Logik – oder „die Moral von der Geschicht'“ – bleibt unklar, was der Wirkung keinen Abbruch tut.

Seltsamkeiten einer eigenwilligen Übersetzung

Auf schwankendes Terrain muss man sich also wagen und einlassen. Dieser Gang wird erschwert durch eine höchst eigenwillige Übersetzung. Friedrich Polakovics verfügt über eine eigene Stimme, die er deutlich in sein Werk einfließen lässt. Er transportiert Blackwoods Texte nicht in die Gegenwart, sondern übersetzt im Geist und im Stil des Originals. Dies ist eine schwierige Kunst, die zur Kritik herausfordert, denn so kunstvoll und eigentümlich faszinierend das Ergebnis klingt, müsste der Titel unserer Sammlung eigentlich „Friedrich Polakovics präsentiert Algernon Blackwoods 'Rächendes Feuer'“ lauten. Die jüngeren Leser könnte der Tenor in die Flucht schlagen, womit dem Werk ein echter Bärendienst erwiesen wäre: „Sperrig“ bedeutet keinesfalls „unverständlich“!

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