Algernon Blackwood

Algernon Blackwood gehört zu jenen Schriftstellern, deren Werke eindeutig von ihrer Biografie profitieren: Hinter der unglaublichen Dichte seiner zahlreichen Kurzgeschichten verbirgt sich die Weltgewandtheit eines weit gereisten Mannes. 1869 wurde er in Shooter’s Hill (heute ein Teil von London, damals zur Grafschaft Kent gehörend) geboren. Seine Eltern gehörten einer streng gläubigen calvinistischen Splittergruppe an; ihr aufgeschlossener und kritischer Sohn blieb ihnen fremd. Algernon hingegen entwickelte eine ausgeprägte Skepsis der „etablierten“ Religion gegenüber.

Blackwood verließ sein behütetes, aber gefühlskaltes Elternhaus, sobald er volljährig geworden war, und emigrierte nach Kanada. Später ging er in die Vereinigten Staaten. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts nahm er eine Vielzahl oft abenteuerlicher Jobs an und versuchte sich u. a. als Farmer, Hotelier, Journalist und Schauspieler. Die in dieser Lehr- und Wanderzeit gewonnen Erfahrungen, die er später auf ausgedehnten Europareisen vertiefte, flossen in Blackwoods schriftstellerische Arbeit ein, mit der er 1899, im Jahr seiner Rückkehr nach England, begann.

In rascher Folge veröffentlichte Blackwood mehrere Sammlungen mit Kurzgeschichten, die sich mit dem Okkulten und Übersinnlichen beschäftigten. Auch hier konnte er auf persönliche Kenntnisse zurückgreifen. Schon der 17-jährige hatte er in Kent die Sagen und Mythen seiner Heimat studiert und sich mit den Lehren der klassischen Okkultisten und Kabbalisten vertraut gemacht. Für ein wohlhabendes Mitglied der britischen Oberschicht war die Beschäftigung mit diesen aus heutiger Sicht etwas ungewöhnlichen „Studien“ durchaus nicht ungewöhnlich. Noch in den 1920er Jahren war es in England geradezu ein Hobby, die Welt des Jenseits in Seancen zu beschwören, des Nachts „Geisterhäuser“ zu untersuchen oder Feen und Kobolden nachzuspüren.

Algernon Blackwood gehörte allerdings zu jenen, die das Okkulte ernster nahmen. Im Jahre 1900 trat er dem berühmten „Hermetic Order of the Golden Dawn“ bei, was seine mystischen Kenntnisse enorm erweiterte. Natur- und Elementargeister, verschüttete Erinnerungen, Wiedergeburt – dies sollten die Themen sein, auf die Blackwood in seinen Geschichten immer wieder zurückkam. Diese belegen außerdem die zweite Leidenschaft der gesellschaftlichen Oberschicht um die Jahrhundertwende – das Interesse an der neuen, noch höchst umstrittenen und daher umso faszinierenderen Wissenschaft der Psychoanalyse, die im kontinentalen Wien ein gewisser Professor Freud „erfunden“ hatte. Die Hypothese, dass Geister – sollte es sie denn geben – nicht einfach nur „sind“, sondern Ausgeburten der menschlichen Psyche sein könnten, hatte in den Augen der Zeitgenossen etwas Bestechendes. Recht schnell spiegelte sich dies in den Arbeiten zeitgenössischer Schriftsteller wider. Blackwood gehört zu den Pionieren, die eine „psychologische“ Sicht auf die Welt des Okkulten warfen. Sein persönliches Interesse manifestierte sich in der Figur des Dr. John Silence, „Physican Extraordinary“, wie er im Untertitel einer 1908 erschienenen Sammlung diese sehr deutlich am Vorbild Freuds orientierte, aber mit dem okkulten Wissen seines Schöpfers ausgestattete Schöpfung betitelte.

Algernon Blackwood starb hoch betagt, aber als Schriftsteller halb vergessen im Jahre 1951. Trotzdem wurde sein Tod mit Bedauern zur Kenntnis genommen: Im letzten Jahrzehnt seines Lebens war Blackwood als Radiosprecher und Hörspielautor noch einmal unerhört populär geworden und wurde 1949 geadelt. Er hinterließ etwa 200 Kurzgeschichten und 14 Romane, dazu Schau- und Hörspiele, Gedichte, Liedtexte u. a. Heute gilt Blackwood längst als einer der Großmeister der unheimlichen Literatur. Schon der ebenso kritische wie sachkundige H. P. Lovecraft, selbst ein Klassiker des Genres, hatte ihm seinen Tribut gezollt – ein Urteil, das heute niemand ernsthaft bestreiten würde. [Michael Drewniok]

Phantastisches von Algernon Blackwood:

  • (1909) Jimbo
  • (1910) The Education of Uncle Paul
  • (1910) The Human Chord
  • (1911) Der Zentaur Rezension
    The Centaur
  • (1913) A Prisoner in Fairyland
  • (1915) The Extra Day
  • (1916) Julius Le Vallon
  • (1916) The Wave: An Egyptian Aftermath
  • (1918) The Garden of Survival
  • (1918) The Promise of Air
  • (1922) The Bright Messenger
  • (1929) Dudley and Gilderoy: A Nonsense
  • (1934) The Fruit Stoners
  • (1936) How the Circus Came to Tea
  • Storysammlungen
    • (1906) The Empty House and Other Ghost Stories
    • (1907) The Listener and Other Stories
    • (1908) John Silence, Physician Extraordinary
    • (1910) The Lost Valley and Other Stories
    • (1911) Best Ghost Stories
    • (1912) Pan’s Garden. A Volume of Nature Stories
    • (1914) Ten Minute Stories
    • (1914) Incredible Adventures
    • (1917) Day and Night Stories
    • (1920) Best Ghost Stories of Algernon Blackwood
    • (1921) The Wolves of God and Other Fey Stories (mit Wilfred Wilson)
    • (1924) Tongues of Fire and Other Sketches
    • (1927) Sambo and Snitch
    • (1928) The Dance of Death and Other Tales
    • (1929) Strange Stories
    • (1929) Full Circle
    • (1929) The Mask and Other Stories
    • (1934) The Willows and Other Queer Tales
    • (1936) Shocks
    • (1939) The Tales of Algernon Blackwood
    • (1953) Selected Tales of Algernon Blackwood
    • (1946) The Doll and One Other
    • (1949) Tales of the Uncanny and the Supernatural
  • Autobiografie
    • (1923) Episodes Before Thirty
  • Über Algernon Blackwood
    • (1978) Jack Sullivan: Elegant Nightmares: The English Ghost Story From Le Fanu to Blackwood
    • (1987) Michael Ashley: Algernon Blackwood. A Bio-Bibliography
    • (2001) Michael Ashley: Starlight Man. The Extraordinary Life of Algernon Blackwood/Algernon Blackwood: An Extraordinary Life