Äon von Andreas Brandhorst

Buchvorstellungund Rezension

Äon von Andreas Brandhorst

Originalausgabe erschienen 2009, 520 Seiten.ISBN 3-453-53295-3.

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In Kürze:

„In einem kleinen Dorf in Kalabrien gibt es offenbar einen Jungen, der Wunderheilungen vollbringt. Schreiben Sie etwas darüber!“ Mit diesen Worten wird der Journalist Sebastian Vogler von seinem Chefredakteur in den Süden Italiens geschickt. Fest entschlossen, nicht irgendeinem Aberglauben zu verfallen, beginnt Vogler mit seinen Recherchen. Doch bald muss er erkennen, dass der junge Raffaele tatsächlich in der Lage ist, Menschen zu heilen. Und damit nicht genug: Es scheint eine merkwürdige Verbindung zu anderen Phänomenen dieser Art zu geben. Vogler reist quer durch Europa, um das Rätsel zu lösen. Und er findet heraus, dass sich hinter Raffaele eine Verschwörung verbirgt, die nicht nur weit in die Vergangenheit reicht, sondern sich anschickt, die Zukunft der Menschheit für immer zu verändern. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Ein weiterer Dan Brown Abklatsch, oder mehr?“70

Science-Fiction-Rezension von Carsten Kuhr

Die Ereignisse nehmen ihren Anfang mit einigen spektakulären Selbstmorden in Hamburg. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Unbescholtene Bürger, finanziell gut gestellt und ohne erkennbare Sorgen bringen sich selbst bestialisch um. Ob sie nun Harakiri begehen, oder sich eine Kugel in den Kopf jagen, ein Flugzeug abstürzen lassen, eine Ölförderplattform in die Luft sprengen oder einen vollbesetzten Schulbus gegen einen Betonpfeiler setzen, die Suizide, die in der westlichen Welt überhand nehmen, lassen jedes Motiv vermissen.

Eine Gemeinsamkeit aber gibt es bei den Selbstmördern. Sie alle haben im Verlauf des letzten Jahres Kalabrien besucht und sich dort von einem Jungen von einer Krankheit heilen lassen. Selbst die katholische Kirche ist sich sicher, dass dieser Junge von Gott selbst auserwählt wurde, Wunderheilungen zu bewirken. Ein großes Wallfahrtszentrum soll in der kleinen Gemeinde Drisianos zu Ehren Gottes und seines Werkzeugs, des jungen Raffaele, entstehen.

Der Regenbogenjournalist Sebastian Vogler wird nach Norditalien entsandt, um über die Wunder, die Kranke aus aller Welt ins malerische Kalabrien pilgern lassen, zu berichten. Als dann bekannt wird, dass die überall in der westlichen Welt um sich greifenden Suizide mit Raffaeles Taten in Zusammenhang stehen, soll er weiter recherchieren. Noch während er mit seiner Exfrau beim Essen sitzt, wird ihm schwarz vor Augen. Als er im Krankenhaus wieder zu sich kommt, erwartet ihn die Hiobsbotschaft – ein Gehirntumor hat sich in seinem Schädel entwickelt, eine Operation ist dringend notwendig, die Risiken aber nicht unbeträchtlich. Er, der überzeugte Atheist, braucht Zeit diese Neuigkeiten zu verarbeiten. Als Raffaele ihn heilt, weiß er nicht so recht, ob er die Wunderheilung nun als Wirken Gottes oder als eine besondere Fähigkeit des Jungen einschätzen soll. Mehr noch, wird auch er nach seiner wundersamen Heilung zur Gefahr für sich und seine Mitmenschen?

Und wirklich, kurz nach seiner Genesung überkommen ihn Visionen – Phantasien oder mehr, Träume, in denen er Menschen umbringt, in denen er die Gedanken seiner Mitmenschen lesen, ihre Leben beeinflussen kann. Während die internationalen Geheimdienste und der Vatikan Raffaele isolieren und sich auf die Jagd nach den Kontaminierten machen, begibt sich Sebastian auf die Spur eines der Infizierten, der mit besonderen Gaben ausgestattet ist. Immer wieder überkommen ihn dabei Erinnerungen an ein früheres Leben. Als Mitglied des Kinderkreuzzuges überquert er die Alpen, wird vom Papst verraten, von Sklavenhändlern gejagt. Was nur haben diese beklemmenden Flash-Backs mit ihm zu tun, was weiß der Klerus, was munkeln uralte Prophezeiungen von den sechs, die zusammen nicht kommen dürfen? Nephilim, die Krieger Gilgameschs und die Bibel als Warnung vor der Rückkehr der sechs hoch sechs hoch sechs vereinen sich dabei zu einem rasanten Thriller der nervenzerfetzenden Art, denn es geht um nichts weniger als die Öffnung der Tore der Hölle – auch wenn diese mit der biblischen Version wenig gemein hat …

Gänsehaut und Spannung garantiert

Andreas Brandhorst ist dem Liebhaber von phantastischer Literatur kein Unbekannter. In jungen Jahren verfasste er erste Romane, die bei Corian und Bastei-Lübbe aufgelegt wurden, und arbeitete bei der Heftreihe Terranauten mit. Es folgten Jahre, in denen sein Name als Garant meist vorzüglicher Übersetzungen – insbesondere die Scheibenwelt-Saga von Terry Pratchett ist hier zu erwähnen – bürgte. Die Renaissance deutschsprachiger Autoren in den letzten Jahren bot ihm endlich wieder die Möglichkeit, eigene Werke einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Bei Heyne erschien seine epische Zukunfts-Saga, der Kentaki-Zyklus und nun darf er mit vorliegendem Roman seine Thriller-Befähigung unter Beweis stellen.

Seit Sakrileg und den unzähligen Nachahmern, die Autoren aller Couleur und aller Herren Länder nach dem Überraschungserfolg auf uns herabregnen lassen, weiß auch der letzte Leser, welche Ingredienzien ein Mega-Bestseller scheinbar unabdingbar benötigt. Die katholische Kirche sollte eine wesentliche und zumeist dubiose Rolle spielen, uralte Rätsel und Bedrohungen für die westliche Welt gehören ebenso dazu wie undurchschaubare Geheimdienste und unbedarfte Helden. Auch Andreas Brandhorst nutzt diese Versatzstücke, aber – und das ist bemerkenswert – er setzt sie in einen anderen, einen frischen Kontext.

Endlich einmal geht es nicht um ein Geheimnis in Zusammenhang mit Jesus oder der dunklen Historie des Vatikan (obwohl es entsprechende Andeutungen gibt), sondern um ein weit älteres Übel. Gilgamesch und seine Krieger, zu einem Drittel menschlich, zu zwei Dritteln göttlichen Geblüts, die sumerischen Überlieferungen des Kampfes gegen die Nephilim und die Bibel als Warnung vor einer uralten, intelligenten Rasse, die die Menschen bedroht, das ist von der Anlage wie von seiner Ausgestaltung weit phantastischer als übliche, austauschbare Thrilleractionplots.

Die Handlung selbst läuft rasant, voller Wendungen und gewürzt mit jeder Menge Gewalt ab. Diese wird nüchtern, fast klinisch rein geschildert, ist nie Selbstzweck, obwohl die Beschreibungen nichts für schwache Nerven sind. Da fliegen Kugeln, erschüttern Explosionen Gebäude, werden Augen ausgestochen und Hälse durchgeschnitten. Immer neue Geheimnisse offenbaren sich im Verlauf der Ereignisse, lassen uns zusammen mit unserem Erzähler die Geschehnisse immer wieder neu und anders bewerten. Schnell wird deutlich, dass viel mehr hinter der Selbstmordwelle steckt als ursprünglich vermutet. Die von den Regierungen ergriffenen Notstandsmaßnahmen wirken, gerade weil sie unterkühlt und sachlich präsentiert werden, glaubhaft.

Ganz im Zentrum aber steht die Jagd des Reporters nach dem Geheimnis. Allerdings ist das für Sebastian kein Job mehr. Nachdem er selbst betroffen ist, sucht er verzweifelt nach den Gründen für seine Metamorphose zu einem übermenschlichen Wesen, fragt er nach Motiven und stellt dabei sein eigenes Weltbild in Frage.

Gerade seine angstgesteuerte Suche nach den Ursachen ist überzeugend nachvollziehbar dargestellt. Hilflos muss er nicht nur miterleben, so manches mal ansehen, wie Freunde und Bekannte fast en passent ermordet werden, sondern verliert zunehmend seinen Halt. Einen Glauben, der ihn stützen könnte, hat der überzeugte Atheist nicht, selbst die Geschehnisse wandeln den ungläubigen Saulus nicht in einen Paulus. Nur zu gerne würde er aktiv werden, allein es fehlt ihm an Macht. Nicht nur die Staatsmacht der Regierungen und ihrer Vertreter, sondern insbesondere die Nephilim mit ihren übermenschlichen Kräften erweisen sich als zu stark um auch nur an ein Aufbegehren zu denken. Mehr noch, er muss hilflos miterleben, wie in ihm selbst diese Kräfte an Einfluss gewinnen. Ist er überhaupt noch Herr seines Körpers, oder hat er auch die Kontrolle über sich selbst verloren? – Gedanken, Ängste die ihn und den Leser bewegen.

Der Autor beschränkt sich bewusst auf einige wenige handlungsrelevante Personen. Selbst über diese aber erfahren wir wenig. Brandhorst stellt uns diese nicht etwa, wie sonst gewohnt mit einem passenden Hintergrund vor, sondern lässt den Leser die Figuren anhand ihrer Handlungen selbst erforschen. Man hat bei der Lektüre das Gefühl, dass sich alles den Geschehnissen unterordnet. Das lässt die Personen oft ein wenig zweidimensional wirken, macht die Lektüre aber temporeicher und den Roman zum Pageturner.

Insgesamt gesehen ein Buch, das dem Thriller-Fan aufgrund seiner etwas anderen Ausgangssituation und seiner rasanten Handlung gefallen dürfte, das auf den Punkt geschrieben ist und das beileibe nicht schlecht.

Ihre Meinung zu »Andreas Brandhorst: Äon«

Dracon zu »Andreas Brandhorst: Äon«07.10.2011
Bei diesen Thriller braucht man einen langen Atem auf den ersten 300 Seiten plätschert die Handlung unterbrochen von brutalen Selbstmorden so dahin .
Die story unterscheidet sich wohltuend von anderen Mystery und Kirchen Thriller. Der Autor geht es wie oben schon erwähnt geruhsam an aber ab der 2.Hälfte des Buchs um so rasanter ,das Ende ist zwar wenig überraschend aber das fügt dem Roman keinen Schaden zu.
Fazit : Ein wirklich gelungender Thriller der abseits des Mainstreams voll überzeugen konnte .
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
7even zu »Andreas Brandhorst: Äon«20.01.2011
Ein Waschechter Brandhost (auch ohne Sci-Fi)!

Ich bin begeistert, Andreas Brandhorst verläßt mit diesem Buch sein Stammgenre, und Betritt das Mysterie-Thriller-Neuland. Das Buch macht eine gute Figur und ist kein weiterer Sakrileg-Klon, so wie man es vom Klapptext her annehmen könnte!

Wer mal etwas Abwechslung vom Sci-Fi Alltag sucht, der ist bei Äon genau richtig!
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