Leseprobe

Herr aller Dinge von Andreas Eschbach

Buchvorstellung und Rezension

  • Fantasy
  • Science-Fiction
  • Horror
  • Mystery

Originalausgabe erschienen 2011 , 688 Seiten. ISBN nicht vorhanden.

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In Kürze:

Als Kinder begegnen sie sich zum ersten Mal: Charlotte, die Tochter des französischen Botschafters, und Hiroshi, der Sohn einer Hausangestellten. Von Anfang an steht der soziale Unterschied spürbar zwischen ihnen. Doch Hiroshi hat eine Idee. Eine Idee, wie er den Unterschied zwischen Arm und Reich aus der Welt schaffen könnte. Um Charlottes Liebe zu gewinnen, tritt er an, seine Idee in die Tat umzusetzen – und die Welt damit in einem nie gekannten Ausmaß zu verändern. Was mit einer bahnbrechenden Erfindung beginnt, führt ihn allerdings bald auf die Spur eines uralten Geheimnisses – und des schrecklichsten aller Verbrechen …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Über die Liebe und große Visionen“ 88

Science-Fiction-Rezension von Eva Bergschneider

Ein Klappentext wie:

„Ich weiß wie man es machen muss, damit alle Menschen reich sind. […] Das geht, es ist sogar unglaublich einfach.“

macht jeden Leser, der Spaß an Visionen hat, neugierig. Soviel sei vorweg genommen, hier verspricht er nicht zu viel. Und wenn man den Schriftsteller Eschbach schon ein wenig kennt, weiß man, dass er gern mit überbordenden Zukunftsträumen spielt. Nun also mit dem, die Armut zu überwinden.

Zwei außergewöhnliche Kinder in Tokio …

Hiroshi und Charlotte könnten unterschiedlicher kaum sein. Er ist der Sohn einer Wäscherin, hat ein Faible für Roboter und ein ausgeprägtes Talent, kaputte Technik zu reparieren. Sie ist die verwöhnte französische Botschaftertochter mit einer ungewöhnlichen Begabung für Fremdsprachen und einem sechsten Sinn, der sie die Geschichte von Dingen erfühlen lässt. Sie lernen sich in Tokio kennen und verbringen heimlich Zeit miteinander. Hiroshi denkt sich eine Vision aus, wie er die Armut in der Welt, die er im Vergleich zu seiner Freundin auch selbst erleidet, überwinden kann. Charlotte hingegen spürt, als sie ein japanisches Seppukumesser berührt, etwas Unbegreifliches. Wird ihre Entdeckung die Geschichte der Menschheit neu schreiben?

Hiroshis und Charlottes Lebenswege trennen sich zunächst und treffen in Boston/USA erneut aufeinander. Er studiert Robotertechnologie am MIT, sie Anthropologie in Harvard. Ihre Visionen nimmt niemand so recht ernst und die Liebe will sich nicht offenbaren. Dann verschwindet Hiroshi spurlos und meldet sich erst wieder bei Charlotte, als er kurz davor steht, seine Utopie zu verwirklichen. Und dies ist erst der Anfang einer Reise, die der Menschheit Zukunft und Vergangenheit ein vollkommen neues Gesicht verleihen wird.

...ziehen aus, die Welt zu verändern

Andreas Eschbach – ein Name, der für Thriller steht, die sich mit Ideen irgendwo zwischen der Realität und Phantastik beschäftigen. Daher mag man Eschbachs Literatur wahlweise als „Mystery-Thriller“ oder „Science Fiction“ klassifizieren, es ist eigentlich egal. Gute Unterhaltung mit Köpfchen ist jedenfalls garantiert.

In „Herr aller Dinge“ verändert Eschbach mit Hilfe zweier Genies, der Roboter- und Nano-Technologie und einer magischen Begabung die Welt. Typisch für den Autor ist, das er recht schnell „in medias res“ geht, bereits im Prolog verrät uns sein Hauptprotagonist, ein junge Japaner, dass er die Armut abschaffen will. Knapp 400 Seiten sind zu lesen, bis wir erfahren, wie Hiroshi dieses Wunder zu bewirken gedenkt und am Ende, nach fast 700 Seiten, ist alles ganz anders. Denn Hiroshis Vision ist in „Herr aller Dinge“ nicht das einzige Phänomen, das Selbstverständlichkeiten unserer Zivilisation in Frage stellt.

Der Beginn von „Herr aller Dinge“ liest sich wie ein klassischer Jugendroman, ein wenig wie „Pünktchen und Anton“ von Erich Kästner. Ein Junge aus armen Verhältnissen freundet sich mit einem Mädel aus reichem Haus an. Statt im Berlin der späten 20er Jahre befinden wir uns im Tokio der Neuzeit und als roter Faden zieht sich Hiroshis Vision durch die Handlung. Charlottes „Gabe“, die Geschichte von Gegenständen zu erspüren, führt uns zu Hiroshis Wurzeln und seiner halb amerikanischen Abstammung. Überhaupt erzählt die erste Romanhälfte hauptsächlich von Charlottes und Hiroshis Freundschaft und ihrer aufkeimenden und verleugneten Liebe zueinander. Ihre „Visionen“ stehen beiden zunächst im Weg. Hiroshis Fähigkeiten verhelfen ihm zu einer Erfindung, die ihm ein bequemes Studentenleben ermöglicht. Doch sein wichtiges Vorhaben wird nicht wirklich ernst genommen. Charlotte ist mit dem arroganten und chronisch untreuen Erben einer reichen Familie verlobt. Nicht nur Hiroshi, sondern auch der Leser, fragt sich, was sie an James Benett III findet. Es ist die klassische Lovestory, in der die Liebenden nicht zueinander finden können. Charlotte trennt sich von dem chauvinistischem Schnösel, als Hiroshi aus Boston verschwindet und sich anschickt, seine Pläne in die Tat umzusetzen. Eschbach gibt seinen Hauptfiguren viel Raum für ihre Charakterentwicklung. Sie werden erwachsen und bauen ihre besondere Beziehung zueinander auf. Und somit legt der Autor besonderen Wert darauf, seine Helden dem Leser nah zu bringen, was in seinen anderen Werken manchmal vermisst wurde. Trotzdem das man Hiroshis Vision zunächst nicht genau kennt, bewundert man seine Beharrlichkeit, mit der er sein Ziel verfolgt. Und seinen unerschütterlichen, manchmal naiven Glauben an eine Zukunft mit Charlotte. Diese hat es dagegen schwerer, das Herz des Lesers zu erobern, haftet ihr doch ein wenig das Image einer verwöhnten Diplomatentochter an. Ihre Liaison mit dem Bostoner Geldadel passt hier ins Bild. Charlottes Werdegang wirkt überwiegend fremdbestimmt, nur sporadisch und endlich in der Schlussphase schimmert ihr eigenes Profil durch.

Als der Autor die Katze aus dem Sack lässt, wie Hiroshi nun die Armut überwinden will, diskutiert er all die „Wenns“ und „Abers“, die das Projekt zum scheitern verurteilen könnten. Hier ist Eschbach klar in seinem Element, unterbreitet dem Leser utopische Ideen und dessen Grenzen. Der Autor verblüfft durch seine technologische Fachkenntnis und seine Fähigkeit, diese an den Leser zu bringen, in eine unterhaltsame Story als Teil eines straffen Spannungsbogens einzuflechten. Man fühlt sich an keiner Stelle belehrt oder gar gelangweilt, sondern stets ernst genommen, was Fragen und mögliche Sackgassen angeht. Ökologische Themen gehören ebenfalls dazu, wie die Konsequenzen der Klimaerwärmung oder Gefahren durch die Umweltvergiftung. Als handlungstreibendes Motiv beschreibt Eschbach die Leiden der Menschen infolge einer Quecksilbervergiftung Mitte der 1950er Jahre an der Südküste Japans in der Bucht von Minamata. Wann immer der Autor diesen Teil der Geschichte auch entwickelt hat, wer denkt hier nicht auch an die möglichen Folgen der Atomkatastrophe in Fukushima im März 2011?

Zum Finale möchte ich hier lediglich sagen, dass es dem Leser nachhängt, nachdenklich macht und berührt. In einer Weise, wie es gute Utopien tun, man diskutiert deren Möglichkeiten und Konsequenzen. Und so hat Andreas Eschbach mit „Herr aller Dinge“ wieder ein außergewöhnliches und schön erzähltes Science-Fiction-Werk geschaffen. Denn wir verfolgen mitfühlend und in atemloser Spannung, wie Menschen und ihre Visionen unser Weltbild aus den Angeln heben können.

(Eva Bergschneider, Januar 2012)

Ihre Meinung zu »Andreas Eschbach: Herr aller Dinge«

LizzaZ zu »Andreas Eschbach: Herr aller Dinge« 01.03.2012
Ich habe das Buch geradezu vrschlungen. Es beginnt ganz noraml mit zwei Kindern aus unterschiedlichen Geellschaftsschichten, die einfach nur miteiandern spielen woll. Es wird Jugend, Schule und Studium beschrieben. Und dann steigert sich der Roman in unglaubliche Höhe von Science-Fiction. Ich habe noch nie so was wunderbaren geelsen. Einfach ein Roam gemischt mit der normalen Welt und dem außergewöhnlichen. Dieses Buch bleibt bestimmt in meinem Bücherragel stehen. Ich werde es ein zewites- un dittesmalö lesen. Ich kann es nur weiterempfehlen.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ganthet zu »Andreas Eschbach: Herr aller Dinge« 02.02.2012
Das war mein erstes Buch von Eschbach und ich kann die Begeisterung leider nicht ganz teilen. Die Entwicklung der beiden Protagonisten in der ersten Hälfte des Buches war noch spannend zu verfolgen, aber die die zweite Hälfte wirkte dann doch sehr konstruiert. War ich zu Beginn noch der Hoffnung einen innovativen Science-Fiction-Roman in den Händen zu halten, endete er zum Schluss auf Groschenromanniveau. Vielleicht sind aber auch bloß die Groschenromane besser geworden :)
Andreas Pietsch zu »Andreas Eschbach: Herr aller Dinge« 31.01.2012
Dank Andreas Eschbach's ungestümen Talent ist 'Herr aller Dinge' ein nicht langweilig werdendes wildes Sammelsurium, aus Erd-, Menschheits- und Technikgeschichte. Nur das aus Nano- und Schwarmintelligenz schlagende Herz der Geschichte ist nicht das Neueste. Aber was soll's. Grossartige Bilder, die an Mangafilme usw. erinnern machen es einem leicht, darüber hinweg zu sehen....
Marius zu »Andreas Eschbach: Herr aller Dinge« 16.09.2011
Ein Buch, das in keine Schublade passt

Japan: Als Sohn einer Botschaftsangehörigen wächst der junge Hiroshi in einer uns ganz fremden Kultur auf. Seine Mutter verdingt sich als Wäscherin in der Botschaft nebenan und während sie nicht zu Hause ist, macht sich Hiroshi zu seinen Streifzügen auf, bei denen er Charlotte kennenlernt, die die Tochter des französischen Botschafters ist. Zwischen den beiden grundverschiedenen Charakteren bahnt sich schon bald eine tiefe Freundschaft an, die die Jahrzehnte überdauern soll. Schon früh zeigt sich Hiroshi von zwei großen Themen fasziniert, die auch später noch großen Einfluss auf das Leben der beiden Kinder haben sollen: Die Robotik und die wachsende Kluft von Arm und Reich. In seinem kindlichen Eifer ist er sich sicher, einen Weg gefunden zu haben, wie man diese Ungleichheit überwinden kann.
Einige Jahre später: Nachdem Charlotte plötzlich von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden ist, lebt Hiroshi völlig auf die Robotik fixiert und erringt ein Studium am renommierten MIT in Amerika. Er versteift sich auf die Forschung und treibt seine Projekte rund um die Roboter immer weiter voran, als er erneut zufällig Charlotte begegnet. Die beiden treffen in der Folge immer wieder wie zwei mäandernde Flüsse zufälligerweise aufeinander und ihre Schicksale verflechten sich mit dem Fortschreiten des Buches immer mehr, als Hiroshi von einem Industriemagnaten unterstützt seinen Plan zur Ausmerzung der Unterschiede zwischen Arm und Reich immer weiter vorantreibt.

Andreas Eschbach ist ein Phänomen: Er ist sowohl in der Sparte des Jugendbuches als auch beim Genre der Erwachsenenliteratur ungemein erfolgreich und schafft spielend den Spagat zwischen beiden Welt, wobei diese bei ihm auch oftmals verschwimmen und man keine klare Trennungslinie ziehen kann. Beim vorliegenden Buch scheue ich mich, dieses Buch in eine bestimmte Sparte einordnen zu wollen, da das Buch Elemente eines Jugendbuches, einer Romanze, eines Thrillers und eines Sachbuches enthält. Darin liegt auch der Reiz dieses Buches begründet, da es die unterschiedlichste Klientel ansprechen kann und selbst derjenige, der "nur" einen Thriller sucht, nebenbei mit Exkursen über die Nanotechnologie und Wirtschaftsthemen versorgt wird. Diese nehmen sich manchmal nur etwas unorganisch aus und Eschbach schafft nicht die Symbiose, die ihm in "Ausgebrannt" auf das Vorzüglichste gelungen ist. Das Buch besitzt an einigen Stellen deutliche Längen und hätte mancher erzählerischen Elemente gar nicht bedurft, die das Buch strecken und das Lesevergnügen manchmal arg zäh geraten lassen.

Womit ich bei "Herr aller Dinge" ein Problem hatte, war die Tatsache, dass - Achtung, wegen Spoilergefahr bitte hier nicht weiterlesen, falls die Lektüre noch bevorsteht! - im hinteren Teil des Buches plötzlich nach dem Besuch einer eisüberzogenenen Insel im Polarmeer durch Charlotte Außerirdische ins Spiel kommen. Zwar begeht Eschbach nicht den Fehler, in übersinnliche Marsmenschen-Schilderungen abzugleiten, allerdings hätte ich gut auf diese extraterrestrische Komponente verzichten können und hätte mir gewünscht, dass Eschbach wie bei seinen anderen Erwachsenenbüchern im Bereich des Rationellen bliebe. Dies ist allerdings nur ein subjektiver Eindruck, der dem anderer Leser diametral gegenüberstehen kann!

Fazit: Wer sich von den manchmal arg langgezogenen Passagen und einigen extraterrestrischen Elementen nicht stören lässt, der wird mit einem höchst informativen Roman belohnt, dessen Ende für einiges entschädigt, das im restlichen Buch nicht so überzeugen kann.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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