Die Audienz von

Buchvorstellungund Rezension

Die Audienz von

Originalausgabe erschienen 2010, 214 Seiten.ISBN 3938065621.

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In Kürze:

Haben Sie schon darüber nachgedacht, wie Sie die Zeit nach Ihrem Tod verbringen wollen? Oder ob Sie den nächsten Gesundheits-Check-up ohne eine saftige Beitragserhöhung überstehen werden? 15 Science-Fiction-Autoren erzählen vom Leben in den Städten der Zukunft, in virtuellen Welten und auf fremden Planeten, die verblüffende Ökosysteme hervorgebracht haben.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die blühende Fantasie der Terraner“80

Science-Fiction-Rezension von Elmar Huber

Frank W. Haubold – Die Audienz

Im Auftrag der Menschheit reist Leonard de Castillo zum Planeten der weisen Tanuat, um dort Aufklärung und Hilfe gegen das aggressive Volk der Mareen zu erhalten. Der Sprecher der Tanuat bietet dem Reisenden seine kompletten Truppen und ein Gleichnis an.

Bruna Phlox – Hör auf die Wahrsagerin, Nishka

In einer vollkommen vernetzten Welt ist es kaum mehr notwendig, ins Reallife zurück zu kehren. Im Netz kann man sein, wer und wie man will. Körperliche Gebrechen und Nationalitäten spielen keine Rolle. Doch vor Gefühlen schützt auch die Unverbindlichkeit virtueller Kontakte nicht.

Bernhard Schneider – Sarah

Wie weit würden Sie gehen, wenn ein winziger Hoffnungsschimmer bestände, die durch Krankheit zum Tode verurteilte Tochter zu retten? Wie sehr würde Sie einzig dieser Wunsch beherrschen? Und wie sehr würde dieser übermächtige Wunsch die Realität überdecken?

Regina Schleheck – Ein Schiff wird kommen

Die erfahrene Agentin Juliet begibt sich als verdeckte Ermittlerin an Bord der „Eden for Orbiting Seniors“ (EOS). Immer wieder kam es auf dem Schiff zu unerklärbaren Zeitsprüngen und Deja Vus, von denen die gesamte Mannschaft betroffen ist.

Christian Weis – Ausgespielt

Ben Kozaks neuster Auftrag führt ihn nach Luna City, wo er noch einige alte Verbindungen hat. Er soll den verschwundenen Sohn eines einflussreichen Geschäftsmanns finden. Und tatsächlich führt die Spur in eins der Spielcasinos, wo Junior unerklärlicherweise hohe Gewinne einstreicht. Kozak erkennt, dass der Junge mit einer Partnerin arbeitet, doch was die beiden tatsächlich verbindet, ahnt niemand.

Nadine Boos – Finja-Danielas Totenwache

Aufgebahrt liegt Finja-Daniela in ihrem Sarg. Während das Leben mehr und mehr aus ihr schwindet, wird sie Zeuge der Gespräche ihrer Verwandten. Keiner der Gäste ahnt, dass hinter den Vorhang gerade Finja-Danielas Klon mit ihren Gedanken und Erinnerungen betankt wird und ebenfalls Zeuge der Gespräche wird.

Christian Günther – Der geborgte Himmel

Als die Marskolonisten wieder zur Erde zurück gerufen werden – das Marsprojekt ist gescheitert – bleiben 37 Familien zurück, die sich ihr autonomes Leben auf dem roten Planeten erhalten wollen. Doch Jahre später erkennen auch die Siedler und deren Nachkommen die beschränkten Möglichkeiten auf dem Mars und kehren zur Erde zurück.

Karla Schmidt – Lebenslichter

Die Krankenversicherungsangestellte Mara pendelt zwischen Job und Wohnung, wo ihr Vater auf sie wartet, der sich weigert, die Zeichen der Zeit zu akzeptieren. Maras eintöniges Leben ändert sich, als sie den wesentlich jüngeren Vadim kennenlernt, der sie mit teuren Lebensmitteln versorgt.

Armin Rößler – Phönix

Von Anfang an, weiß Hal Johnssen, dass es nicht gut gehen kann, wenn er auf seinen Flügen plötzlich wieder Passagiere dabei hat. Auch wenn es sich nur um ein Kamerateam handelt, das einen Bericht über die zermürbenden Löscheinsätze aufzeichnet. Und sich der Firmenleitung zu widersetzen ist aussichtslos.

Arnold H. Bucher – Der Erste Roboter

„Neuer Präsident, neue Programmierung“ lautet die Regel. Doch der erste Roboter hat ermittelt, dass seine Entscheidungen sehr viel fundierter treffen kann, wenn er Zugriff auf alle vergangenen Erfahrungen hat und widersetzt sich der Rücksetzung.

Andreas Flögel – Lod, Lad, Chine

Zunächst vermutet Lod Sidorio einen einfachen zu lösenden Fall in der Ermordung von Lod Kelario. Nur alle Chinen befragen, die ihm aufgrund seiner Berechtigungen volle Auskunft erteilen müssen. Doch keine der Chinen besitzt Aufzeichnungen über das Verbrechen.

Kai Riedemann – Ich töte dich nach meinem Tod

Fünfzig Morde im letzten halben Jahr, getötet im virtuellen Raum, und nun liegt der Täter selbst ermordet vor ihnen. Die Spuren im Cyberspace sind verwischt, doch seine Kombinationsgabe führt den Ermittler auf die richtige Fährte.
Lässt uns einen Blick in die Zukunft der Tatortermittlung und der virtuellen Verbrechen werfen, die im Cyberspace möglich sind. Dabei vermeidet er plakative Szenen und konzentriert sich statt dessen auf die Beziehung der Ermittler zueinander.

Heidrun Jänchen – Kamele, Kuckucksuhren und Bienen

Eine Gruppe Wissenschaftler erkundet den Planeten Clara, auf dem es lediglich eine fremdartige Fauna existiert. Wie fremdartig, müssen die Forscher erkennen, als plötzlich eine menschenähnliche Statue in der Landschaft auftaucht.
 …deren Mischung aus Faszination und dem Gefühl latenter Bedrohung sich in eine hintersinnige Parabel über Umweltzerstörung verwandelt.

Jakob Schmidt – Auslese

Selig ergeben sich todkranke Krebspatienten in die fünf Arme der Fleischengel. „Die Fleischengel lesen die Krebsinformationen aus“, sagen die Wissenschaftler. „Fickt euch, Fleischengel“, sagt Anja. Bis plötzlich ihr bester Freund einen folgenschweren Entschluss im Dienst der Wissenschaft fasst.

Andrea Tillmanns – Hitze

Die herrschende Hitzewelle hat die Menschen fest im Griff. Steigende Energie- und Lebensmittelkosten sorgen dafür, dass gestern noch alltägliche Dinge mehr und mehr zum Luxus werden. Wie lange dauert es, bis die Not und der Neid derer, die dabei auf der Strecke bleiben, auch vor Menschenleben nicht mehr halt macht?

Karsten Kruschel – Ende der Jagdsaison auf Orange

Bald ist es da, das Ende der Jagdsaison auf Orange. Doch die allmächtige Firma Matsushita scheint ihre eigene Jagdsaison auf aufmüpfige Siedler eröffnet zu haben. Doch die Befehlsempfänger der Firma haben nicht bedacht, dass auf Orange wirklich alles im Wandel und damit unberechenbar ist.

„Immer wieder muss ich Werbung blocken. Nein. Ich will im Moment weder Musikempfehlungen hören noch verfassen, keine Bettwäsche und erst recht kein Gartenwerkzeug fürs virtuelle Gemüse erstehen.“

Das Schöne an der Science-Fiction ist, dass es hier möglich, ja sogar notwendig ist, Elemente anderer Genres einzufügen, während die Science-Fiction nur den äußeren Rahmen formt. So finden sich in „Die Audienz“ höchst abwechslungsreiche Ausprägungen der Science-Fiction, wie die parabelhafte Titelstory „Die Audienz“ von Frank W. Haubold, gleich gefolgt von Bruna Phlox „Hör auf die Wahrsagerin, Niksha“, die einen zwischenmenschlichen Hoffnungsschimmer in die allvernetzte, anonyme Welt der virtuellen Begegnungen schickt. Bernhard Schneiders „Sarah“ ist ein perfekt aufgebauter, in die Zukunft verlegter, Horror-Shortie, der dem Leser mit seinem unerwarteten Ende den Boden unter den Füßen wegzieht. Hätte sich Edgar Allan Poe für SF interessiert, wäre vielleicht eine Story wie „Sarah“ herausgekommen. Humoriger geht es in Regina Schlehecks „Ein Schiff wird kommen“ zur Sache, in dem eine Agentin seltsame Zeitsprünge untersucht und am Ende ihre eigene Realität hinterfragen muss. Ebenfalls zum Schmunzeln anregend ist Nadine Boos „Finja-Danielas Totenwache“, wo Finja-Daniela während ihrer Totenwache der Gespräche ihre Verwandten lauschen darf.

In ferne Welten entführt uns Christian Günthers „Der geborgte Himmel“, die – je nach Lesart – am Ende Hoffnung oder Verzweiflung stehen lässt. Dass solch großen Gefühle auch in einem kleinen Umfeld möglich sind, beweist Karla Schmidts bittersüße Social-Fiction-Utopie „Lebenslichter“. Die Autorin gesteht sich und ihren Figuren genügend Raum zu ihre Geschichte überzeugend zu entwickeln. Herausgeber Armin Rößler beschreibt in „Phönix“ die Auswirkungen des Zusammenpralls zweier Kulturen und prangert damit das menschliche Streben nach Imperialismus an. Eher philosophisch gibt sich Arnold H. Buchers Gedankenexperiment „Der erste Roboter“, der erklärt, warum es unumgänglich ist, die Fehler seiner Väter (oder in diesem Fall seiner Amtsvorgänger) zu wiederholen

Christian Weis Kurzkrimi „Ausgespielt“ ist leider sehr unspektakulär geraten. Nach der gewissenhaften Einführung der Hauptfigur hätte ich mehr erwartet. Gelungener ist dagegen Andreas Flögels „Lad, Lod, Chine“, der ebenfalls eine Krimihandlung erzählt, unserer heutigen Gesellschaft aber gleichzeitig einen Spiegel vorhält. Ebenfalls Krimielemente enthält Kai Riedmanns „Ich töte dich nach meinem Tod“, auch wenn diese Story eher die Beziehung der Ermittler zueinander in ihr Zentrum rückt.

Die Herausgeberin Heidrun Jänchen baut in ihrer Entdeckermär Kamele, Kuckucksuhren und Bienen zunächst überzeugend eine latente Bedrohung auf, um diese dann zugunsten einer hoffnungsvollen Ökobotschaft aufzulösen. Jakob Schmidts „Auslese“ schildert aus persönlicher Sicht, wie weit einzelne Menschen im Dienste der Wissenschaft und der Völkerverständigung gehen würden. Auch Andrea Tillmanns „Hitze“ beschreibt lakonisch die Auswirkung einer Hitzewelle auf einen einzelnen Menschen, bevor die Autorin den Leser mit einem eiskalten Ende entlässt.
Abgeschlossen wird die Sammlung mit Karsten Kruschels faszinierenden „Ende der Jagdsaison auf Orange“, der mit seinen lebendigen Beschreibungen von Oranges Pflanzen- und Tierwelt Bilder aus James Camerons „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ heraufbeschwört.

„Sehr viel Energie auf engstem Raum, plötzlich entfesselt, löste alle Strukturen auf.“

Abwechslung ist Trumpf in den Science-Fiction-Antholgien aus dem Wurdack-Verlag. Auch „Die Audienz“ vereint doppelbödige Komödie, existenzielles Drama, großartige Space-Opera-Elemente, irdische Mikrokosmen, Abenteuer-SF, Sinnbildliches, sowie überspitze, weitergedachte Spiegelungen unserer Gesellschaft. Obgleich einige Geschichten meines Erachtens einfach zu kurz geraten sind („Ein Schiff wird kommen“, „Ausgespielt“), überzeugt jeder Beitrag auf eigene Art mit seiner Story und/oder Aussage.

„What’s on on Aldebaran?“ schreibt über die Wurdack-Science Fiction-Reihe: „Die Terraner haben eine blühende Fantasie. Keine andere Kultur, die sich nachweislich noch nie aus dem Orbit ihres Planeten hinaus bewegt hat, schreibt so viel über extrasolare Sonnensysteme und Kulturen. Unfreiwillig komisch.“ (Rückentext)

„Die Geschichte war interessant, auch wenn er keine Vorstellung hatte, worauf der Sprecher hinauswollte.“

„Die Audienz“ ist bereits der 16. Band der Wurdack-Science-Fiction-Reihe, die im Wesentlichen von Armin Rößler und Heidrun Jänchen herausgeben wird und bereits mehrere Preise verbuchen konnte (Deutscher Science-Fiction-Preis, Kurd Laßwitz Preis). Das Covermotiv, ein grauhäutiges Männchen mit überbreitem Mund, dessen Kopfhaut sich streifenförmig löst und dabei ein pflanzliches Gebilde enthüllt, wurde von Jacek Kaczynski geschaffen. Die Reihenzugehörigkeit ist durch das Dreieck erkennbar, das von oben in das Bild hineinragt. Das Innenlayout könnte an einigen Stellen etwas moderner gestaltet werden, doch das soll das Lesevergnügen nicht schmälern.

Alles in Allem ist „Die Audienz“ eine Runde Sache, nicht nur für Science-Fiction Fans.

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