Aus unbekannten Gefilden – eine Einführung in die Fantasyliteratur

Von Frank Weinreich

Der Herr der Ringe, Harry Potter, Fluch der Karibik, World of Warcraft, Forgotten Realms und Conan: Die Gattung Fantasy in Buch, Film, Spiel, Musik oder Kunst ist ein unabtrennbarer und wichtiger Bestandteil der weltweiten Populärkultur. Woher kommt diese Popularität? Wie und warum wirkt Fantasy so attraktiv auf ein ganz unterschiedliches Publikum? Das sind Fragen, die von der einschlägigen Fachliteratur über Fantasy nicht deutlich beantwortet werden, schließlich ist der Ruf des Genres ja nicht des beste.Es wurde also Zeit, dass die Analyse der Fantasy in eine neue Phase tritt. Mussten die ersten Autorinnen und Autoren von Werken über das Genre Fantasy sich noch vornehmlich mit deskriptiven Erläuterungen sowie mit der Abtragung von Vorurteilen über das vermeintliche Subkulturerzeugnis Fantasy befassen, so ist das theoretische und praktische Verständnis der vielfältigen Universen von Schwert und Magie durch seriöse Untersuchungen inzwischen weit vorangetrieben worden. Damit wurde eine Grundlage für tiefer gehende Analysen geschaffen. Das Verständnis des Genres in die bisher kaum beleuchteten Bereiche von Bedeutung und Funktion der Gattung für das Publikum zu erweitern, macht neben der Einführung in den Begriff und die Geschichte der Fantasy, den inhaltlichen Kern von Fantasy. Einführung, aus. Der Autor Frank Weinreich skizziert hier für Phantastik-Couch.de die Hauptthesen seines neuen Buches.

Was ist das: Fantasy?

Zunächst wird der Begriff Fantasy neu definiert. Genauer gesagt wird er sogar seinem inneren Wesen nach bestimmt, denn die Ausführungen gehen über eine bloße Definition hinaus und weisen schon auf die zentrale Frage der Bedeutung des Genres für seine Leserinnen und Zuschauer, seine Spielerinnen und Künstler hin. Die Neu- und teilweise Umbestimmung des Genres Fantasy erfolgt in Form einer so vorher nirgendwo entwickelten Definition, die sich auf das Übernatürliche als zentrales inhaltliches Erkennungsmerkmal des Genres konzentriert.

Demnach gehört zum Genre der Fantasy jede Erzählung, die das Übernatürliche als Handlungsbestandteil aufweist. Film, Kunst, Musik und Spiele werden dabei einbezogen und später im Buch ebenfalls untersucht. Meist wird das Übernatürliche in Form von drei charakteristischen, ebenfalls auf der inhaltlichen Ebene zu findenden Motiven in Szene gesetzt: durch das für die Geschichte bestimmend wirkende Vorhandensein von Heldinnen und Helden (die können auch mal negativ gezeichnet sein), durch eine imaginäre Welt als Haupthandlungsort (dies kann auch ein irrealer Teil der realen Welt sein, wie die Zauberschule Hogwarts) und durch die Ausübung von Magie (im Sinne von Praktiken, die den Verlauf von Ereignissen auf übernatürliche Weise beeinflussen) als für die Erzählung selbstverständliches Faktum.

Diese Neubestimmung wurde nötig, um die Art der Verbindung von Rezipientenpsyche und Fantasyerzählung angemessen erklären zu können. Ausgangspunkt ist dabei die These, dass es ein in der menschlichen Psyche angelegtes Bedürfnis nach Metaphysik gibt, dass der Mensch wissen will, was hinter der realen Welt noch so alles liegen könnte. Dieses Bedürfnis wird von übernatürlichen Inhalten und Themen bedient und in erster Linie auf einer emotionalen Ebene verarbeitet. Es entsteht eine gefühlsmäßige Beziehung von Erzählung und Publikum, der die Vielzahl der möglichen subjektiven Bedeutungen entspringt, die – neben der Unterhaltungsqualität – als eine Erklärung für die Attraktivität der Gattung dient. Die formale Gattungsdefinition orientiert sich an den literaturtheoretischen Vorarbeiten von Klassikern der Literaturwissenschaft wie Northrop Frye, Tzvetan Todorov und Helmut Pesch. Die genaue Bestimmung des Genres erfolgt dann anhand der genannten inhaltlichen Aspekte, die in der Genreliteratur gefunden werden und so für jede Leserin und jeden Leser nachvollziehbar sind.

Fantasy und Mythos

Der zweite Teil führt in die Gedankenwelt der Mythologie ein und verbindet sie mit der ohne den Mythos nicht zu denkenden Phantastik. Es war das mythische Denken, dem die phantastische Literatur und die Fantasy entsprangen; und der Autor zeigt, wie und warum die alten Welten und Epen der Sagen entstanden und wie sie im Genre zu neuem, bedeutungsvollem Leben erweckt werden.

Dazu wird insbesondere die schwierige Entwicklung des Verhältnisses von Vernunftwissen (Logos) und Sagenstoffen (Mythos) an ihren Kern- und Knackpunkten aufgeknüpft. Das zeigt, dass diese vermeintlich antagonistischen menschlichen Wissenssphären gar nicht so unvereinbar sind und dass sich gesunde – also die irrationale Natur der menschlichen Psyche bedenkende – Rationalität mit dem mythischen Denken durchaus ergänzen kann und sich dann in den wunder- und schauderbaren Fantasywelten in reichster Bildersprache entlädt. Was die dem Logos und der Vernunft anhängende moderne Welt nämlich zu übersieht, ist der Umstand, dass die auf der Empirie allein basierende Vernunft erstens nur sagen kann, was de facto, innerhalb der Grenzen ihrer Erkenntnisfähigkeit, der Fall ist und dass zweitens der Logos eben deshalb keinen Sinn zu stiften und auch kaum zu trösten vermag. Dies vermag der Mythos mit seinen übernatürlichen Inhalten und dem Blick auf Gott und Götter. Das heißt nichts anderes, als dass der Logos den Mythos braucht, denn Menschen sind keine Computer oder Roboter. Mythos ist immer auch Therapie. Mythos hilft, Mythos tröstet und etwas davon gilt auch für die Fantasy.

In Zeiten als man noch an den Mythos glaubte, war dieser das Fundament für Religion, Moral und den Stil der persönlichen Lebensführung – alles drei orientiert an übernatürlichen Inhalten, an deren Existenz man damals nicht zweifelte. Die Fantasy bezieht nun aus dem Mythos zum einen die überwiegende Mehrheit ihrer Motive und Figuren – Drachen, Zwerge, Feen, Götter, Dämonen, das ist alles Mythenmaterial – aber sie kann zum anderen auch an die sinn- und troststiftenden Funktionen des mythischen Denkens anknüpfen, wenn auch nur noch mit einem Augenzwinkern und einem spielerischen 'was wäre wenn'. Aber damit ermöglicht sie auch kleine Auszeiten und Fluchten, eine Befreiung der Vorstellungskraft sowie utopische Spielereien, die das nüchterne Leben bereichern und erleichtern können.

Entwicklung und Personen

Der Blick auf den Mythos reicht weit in die Historie, der sich der dritte Teil des Buches dann auch in Bezug auf das Genre annimmt und einen Abriss der Geschichte der Fantasy skizziert. Wie es auch der tatsächlichen Geschichte des Genres entsprach, liegt der Schwerpunkt der Überlegungen dabei auf Büchern. Aber es wird auch nicht vergessen, dass der Einfluss von Filmen und jüngst besonders von Computerspielen innerhalb des Genres steigt und den der Bücher vielleicht sogar hinter sich gelassen hat.

Bei der Geschichtsbetrachtung wird besonders die enge Verbindung der Literatur und ihrer Entstehungsgeschichte betont. Es zeigt sich dann, dass die imaginären Welten der Fantasy unablösbar von der realen Welt entstehen und immer auch als „;Kommentar“; zur Realität verstanden werden können und sollten, wie Tolkien einmal sagte. Auch darin gleicht Fantasy dem Mythos. Vielleicht wäre es am treffendsten, die Fantasy als nicht geglaubte Mythen zu bezeichnen. Das zeigt dann auch, dass die Geschichte der Fantasy nicht erst mit muskelbepackten Schwertschwingern wie Conan beginnt, sondern schon mit muskelbepackten Schwertschwingern wie Achilles. Nur dass Homers Geschichten über den Letzteren allgemein als Fanal für den intellektuellen Aufschwung des Abendlandes gehalten und als erster glänzender Höhepunkt der Literatur im speziellen und der Kreativität im allgemeinen interpretiert werden, während man Conan auch ganz gerne als Symbol für kulturellen Trash empört in die Höhe hält. Und auf hohem homerischen Niveau geht es ja weiter, wenn man schaut, welche namhaften Menschen Fantasy schrieben, auch wenn man es zu ihrer Zeit natürlich nicht so nannte: Dante, Chaucer, Shakespeare, Goethe und und und.Der Autor hält sich jedoch nur kurz bei der Geschichte der Vorläufer der eigentlichen Fantasy auf und legt den Schwerpunkt der Darstellung auf die moderne Fantasy, die im 19. Jahrhundert mit den Werken George MacDonalds und William Morris´ beginnt. Mit Verweis auf die mittlerweile ausreichende Anzahl von guten Fantasybibliographien und -enzyklopädien (in der Literaturliste ausgewiesen) verzichtet das Buch auf eine vollständige Darstellung der Fantasygeschichte und hebt stattdessen die wichtigeren Werke des Genres hervor. Dies geschieht voller Absicht, um sich im Kontext mit der Darstellung der Autorinnen und Autoren und im ständigen Bezug auf die Zeitgeschichte, auf die möglichen Verbindungen von Realität und Fiktion konzentrieren zu können, die bei einer solchen Darstellung herausgearbeitet werden können. Fantasy kann auf diese Weise eben auch immer als Spiegel ihrer Entstehungszeit gelesen und begriffen werden. Das nimmt ihr einiges an vermeintlicher Weltferne und vor allem an nachgesagter Belanglosigkeit. Die Darstellung der Entwicklung der Fantasy bezieht sich zum großen Teil auf die Bücher des Genres. Das ist historisch begründet, denn die Bücher waren die erste und die zunächst bei weitem überwiegende Erscheinungsform der Fantasy. Recht bald kommt zwar der Film hinzu, aber das heute so wichtig gewordene Spiel, sei es als Rollen- oder Computerspiel, folgt jedoch erst viel später. Zudem lassen sich alle Aspekte, auf die der Autor wert legt, in nahezu gleicher Form dann auf Film und Spiel, aber auch auf Kunst und Musik übertragen.

Meisterhafte Beispiele

Eine Kommentierung der Realität durch die phantastische Fiktion beweist, dass Fantasy für sein Publikum mehr sein kann (aber nicht sein muss – erlaubt ist schließlich, was gefällt, auch das pure, gute Vergnügen) als exzellente Unterhaltung. Ein Teil tiefgehenden und zutiefst bewegenden wie auch intellektuell stimulierenden Beobachtungen über Kosmos, Welt, Leben, Mensch, Gesellschaft, Gefühle, Werte und die ganze Breite der Philosophie, die in die Werke der Fantasy gepackt wurden, werden dann im vierten Teil exemplarisch anhand einiger weniger der wichtiger Werke der Fantasyliteratur aufgezeigt, wenn der Autor Interpretationen von Tolkiens Mittelerde, Le Guins Erdsee und der an philosophischen Themen orientierten Geschichte von McKiernans imaginärer Welt Mithgar  behandelt.

Es gelingt dabei völlig ohne intellektuelle Verrenkungen, Tolkiens Erzählkosmos als vielgestaltige Quelle aktuell dringlicher religiöser, ökologischer und moralischer Einsichten darzustellen. Erdsee erweist sich schon lange vor Harry Potter als glänzend beobachteter Bildungsroman sowie als Psychogramm der Geschlechteridentität und -sozialisation gleichermaßen. Und Dennis L. McKiernans zu Unrecht im deutschsprachigen Raum relativ wenig bekannter Mithgar-Zyklus zieht so offensichtlich seine Stärke aus der Verbindung populärwissenschaftlichen, aber ernsthaften Philosophierens in Verbindung mit spannender erzählerischer Illustration, dass eine Interpretation kaum vonnöten ist. Die gewählten Beispiele zeigen in der Verbindung von packender Unterhaltung, brillantem Erzählstil und der instruktiven Darstellung aktueller realweltlicher Sachverhalte und Probleme, dass Fantasy Emotion und Intellekt gleichermaßen anzuregen vermag und dass man wirklich sinnärmeres tun kann, als sich denkend in den Büchern, Filmen, Spielen, und der Kunst und Musik von Fantasy zu bewegen. Es zeigt sich überzeugend, dass ein Besuch lohnt in „;jenen Gefilden, die wir nicht kennen“;, wie Lord Dunsany, ein weiterer klassischer Stern am Fantasyhimmel, die Lande der Fantasy bezeichnet. Nun – Reisen bildet!

Über den Autor von Fantasy. Einführung

Frank Weinreich, Dr. phil., Jahrgang 1962, ist 'gelernter’ Philosoph, Kommunikationswissenschaftler und Politologe. Er lebt als freier Autor und Lektor in Bochum. Er ist Mitherausgeber der Edition Stein und Baum, einer kombinierten Buchreihe moderner Fantasyliteratur und Sekundärliteratur über Fantasy, sowie Mitherausgeber von Hither Shore, dem wissenschaftlichen Jahrbuch der Deutschen Tolkiengesellschaft. Nebenbei schreibt er aber auch eigene Fantasy- und Science Fiction-Geschichten. Frank Weinreich im Internet: www.polyoinos.de