Accelerando von Charles Stross

Buchvorstellungund Rezension

Accelerando von Charles Stross

Originalausgabe erschienen 2005unter dem Titel „Accelerando“,deutsche Ausgabe erstmals 2006, 500 Seiten.ISBN 3-453-52195-1.Übersetzung ins Deutsche von Ursula Kiausch.

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In Kürze:

Dies ist die Geschichte der schleichenden Machtübernahme der künstlichen Intelligenz: Beginnend im heutigen New York schlägt Charles Stross den Bogen weit in die Zukunft und zeichnet Schritt für Schritt nach, wie die Maschinen Bewusstsein entwickeln und die Herrschaft an sich reißen. Nach „;Singularität“; und „;Supernova“; liefert Stross damit seinen großen Roman über die Zukunft unserer Zivilisation.

Das meint phantastik-couch.de: „;Beschleunigte Zukunft“;60

Science-Fiction-Rezension von Frank A. Dudley

Laut Wikipedia ist accelerando Italienisch und bedeutet schneller werdend. Der Begriff wird in der Musik eingesetzt und ist in Notentexten eine Ausführungsanweisung für Musiker und Dirigenten. Charles Stross erweist sich in seinem gleichnamigen Roman als ausgesprochen kreativer Komponist, harmonische Handlungsmelodien sind jedoch nicht seine Stärke.

In Accelerando begleitet Stross drei Generation der Familie Macx auf ihrem Weg durch die nahe Zukunft. Manfred Macx ist ein ultra-vernetzter, genialer Erfinder, der das herrschende, auf Knappheit der Ressourcen und Geldtransfer basierende Wirtschaftssystem, das nur wenige begünstigt, ablehnt. Statt des klassischen Kapitalismus strebt er nach einer ökonomischen Ordnung, die auf dem guten Ruf ihrer Akteure basiert und ganz im Sinne der kurz bevorstehenden Singularität die Produktionsmittel allgemein zugänglich macht. Die Ideen für diesen High Tech-Reputations-Kommunismus sprudeln bei Macx, dessen Name offensichtlich ein Wortspiel mit Marx ist, nur so aus ihm heraus.

So setzt er sich zum Beispiel dafür ein, dass Hummer, die ersten Lebewesen, deren Bewusstsein geboostet und digitalisiert wurde, Rechte erhalten. Im zweiten Schritt werden die künstlichen Hummer-Hirne auf eine Raumstation gebeamt, wo sie daran arbeiten, einen Kometen zwecks Rohstoff- und Energiegewinnung abzubauen.  Zum Leidwesen seiner Ex-Frau Pamela, die ihm im Auftrag der Steuerbehörden nachstellt, verfügt Manfred weder über ein pfändbares Einkommen, noch hat er Lust, zu ihr zurückzukehren. Dennoch entstehen aus der Beziehung ein Kind, Amber, und eine Robotorkatze, Aineko.

Mit Manfreds Hilfe flieht Amber im Alter von 12 Jahren aus der Obhut ihrer Mutter: Sie spaltet eine digitale Kopie ihres Selbst ab und schickt sie in auf eine Weltraum-Expedition, um dem Ursprung der von SETI empfangenen Alien-Signale auf den Grund zu gehen. Ihr Raumschiff ist so groß wie eine Cola-Dose und beherbergt ein paar hundert Byte-förmige Besatzungsmitglieder. Ambers Sohn Sirhan schließlich hat seine Kindheit siebzehn Mal durchlebt, weil seine Mutter immer wieder den Reset-Knopf gedrückt hat, bevor er volljährig wurde. Nun macht er, oder vielmehr sein Upload-Ich, daran, die Familiengeschichte zu schreiben. Dazu holt er Manfred, Pamela und Amber an einen Tisch.

Dissonante Melodie

Accelerando ist ein wahrer Techno-Trip durch das 21. Jahrhundert: Stross ist ein beängstigend intelligenter Autor und er beschreibt unsere technologisch beschleunigte Zukunft auch mit einem Blick auf die sozialen Implikationen. Wie sein Protagonist Manfred Macx wirft Stross mit atemberaubenden Ideen nur so um sich. Doch trotz des intellektuellen Anspruchs ist das Buch insgesamt unbefriedigend.

Die Geschichte in drei Teilen beginnt als Beschreibung einer möglichen näheren Zukunft, die an eine extrapolierte Version von William Gibsons Neuromancer erinnert. Dann erfolgt ein Schwenk in Richtung Space Opera, der dritte Teil endet mit den Beschreibungen der Schwierigkeiten mit den Aliens. Allein durch diesen Subgenre-Mix wirkt die Geschichte inkohärent, der Plot reicht nicht aus, die einzelnen Teile miteinander zu verschränken.

Während Stross also seinen kontinuierlich beschleunigten Ansatz verwendet, über eine post-kapitalistische interstellare Wirtschaft samt Web 5.0 zu spekulieren, verliert er seine Charaktere aus dem Auge. Sie bleiben bis auf Manfred Macx kontur- und gefühllos, wirken oberflächlich gezeichnet, so als wollte Stross sich nicht mit komplizierten Meatspace-Vertretern aufhalten. Einzig die Roboter-Katze Aineko entwickelt individuelle Eigenarten, die durchaus denen der Cheshire-Katze aus Alice im Wunderland entlehnt sein könnten.

So bleibt Accelerando insgesamt unbefriedigend, weil Stross zu viel in seinen Roman hineinpacken wollte und über seiner Technologie-Begeisterung vergessen hat, eine spannende Geschichte mit ausgeprägten Charakteren zu schreiben. Eine dissonante Melodie ist das Ergebnis.

Ihre Meinung zu »Charles Stross: Accelerando«

TB zu »Charles Stross: Accelerando«24.10.2016
Accelerando enthält zahlreiche vergnügliche und wertvolle Gedankenanstöße. Aber ich teile den Eindruck des Rezensenten, dass eine inkohärente und letztlich langweilige Erzählung als Alibi herhalten muss, um all diese Ideen abzusondern. Was bemerkenswert ist an diesem Buch, ließe sich auch auf 20 Seiten (die dann ausnahmslos lesenswert wären) zusammenfassen.

Hinzu kommt, dass Stross seinen offenbar begrenzten Vorrat an Ideen bereits über zahlreiche Bücher verstreut hat (das letzte, welches ich las, war "The Rapture of the Nerds" in Co-Autorenschaft mit Cory Doctorow; es recycelt erneut zahlreiche Motive aus vorangegangenen Werken ).

Zudem leiden Stross' Ausflüge in die Erklärung technologischer und wirtschaftlicher Mechanismen oft an einem ärgerlichen, leicht durchschaubaren Perry-Rhodan-Effekt. Fachlich überfordert gleitet er dann ins Bullshitting ab.
Beverly zu »Charles Stross: Accelerando«10.06.2012
"Accelerando" erwies sich für mich als Beispiel für Bücher von einer neuen Generation von SF-Autoren, die nicht für mich schreiben. Was ich in Rezensionen und Klappentext las, war viel versprechend. Kaum öffnete ich das Buch und begann zu lesen, versackte ich einer Textwüste eng bedruckter Zeilen. Die Handlung kam nicht vom Fleck und mit jeder Seite, durch die ich mich quälte, wuchs meine Verzweiflung. Ich kann mich an einen Protagonisten entsinnen, der mit seinem Handy hochwichtige Angelegenheiten abwickelte und dass in Russland die Kommunisten wieder die Macht übernommen hatten, dann gab ich das Lesen auf.
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